Offener Brief an Brief an Siemens vom 04.07.06

Betr.: Ungleichbehandlung in Ihrer Ausbildungspolitik
- offener Brief

Sehr geehrte Damen und Herren,
wir sind eine bundesweite Initiative von Männern und Frauen, die sich für die Beseitigung von Benachteiligungen von Jungen und Männern einsetzt.

Aus diesem Grunde möchten wir gegen Ihre Jungen ausgrenzende Ausbildungspolitik protestieren.
Auf Ihrer Internetpräsenz behaupten Sie unter »Jobs und Karriere«, »Wen wir suchen«, »Talente gesucht«:

»In eigener Sache:
Bei allen Ausbildungs- und Studienplatzangeboten sprechen wir selbstverständlich junge Frauen und junge Männer an.«


Diese Behauptung spiegelt die Tatsache wieder, dass niemand auf Grund seines Geschlechtes diskriminiert werden darf. Doch die Behauptung ist nicht korrekt. Denn wie wir aus der Berliner Presse erfahren haben, werden Jungen in Ihrem Unternehmen auf Grund ihres Geschlechtes für bestimmte Ausbildungsplätze abgelehnt – "positive" Diskriminierung, wie dies neuerdings schönfärberisch genannt wird. Wenn die für Mädchen reservierten Plätze nicht vollständig besetzt werden, öffnen Sie die Ausbildungsplätze zudem nicht für Jungen, sondern streichen sie lieber komplett. Sie streichen also eher Ausbildungsplätze, bevor Sie diese Jungen zur Verfügung stellen.

Wir können nachvollziehen, dass Sie speziell Mädchen für bestimmte Ausbildungsberufe gewinnen wollen. Jungen jedoch auf Grund ihres Geschlechtes Ausbildungsplätze vorzuenthalten, finden wir unpassend und ungerecht. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass diese jungendiskriminierende Ausbildungsplatzvergabe vom Berliner Senat begrüßt wird.  

Quotenregelungen für Jungen in frauendominierten Ausbildungsplätzen, wie z.B. im Bereich der Bürokommunikation, bieten Sie zudem nicht an. Das zeigt, dass Gender Mainstreaming oder Diversity Management nicht nur in der Politik, sondern auch in der Wirtschaft als reines Frauenfördermittel instrumentalisiert wird.

Die Bildungsdiskriminierung der Jungen verschlechtert ihre Zukunftsperspektiven beträchtlich. Die Arbeitslosenquote männlicher Jugendlicher liegt um 40 Prozent über der von weiblichen Jugendlichen. Es gibt deshalb keinen Grund, jungenspezifische Arbeitsmarktprobleme zu ignorieren oder zu marginalisieren.
Es ist bedauerlich, dass die zunehmende Bildungsdiskriminierung von Jungen nicht als Problem gesehen wird, sondern als positive Rückmeldung einer Geschlechterpolitik, die sich nach wie vor auf die „Frauenfrage“ beschränkt.

Die Siemens AG ist natürlich nicht verpflichtet, die Versäumnisse und das Desinteresse der Bildungspolitik für Jungen auszugleichen. Die Situation und die Zukunftsperspektiven von Jungen sollte aber auch einem renommierten Unternehmen wie der Siemens AG nicht gleichgültig sein.

Wir finden es äußerst bedenklich, dass das, was mit der Jungenausgrenzung am Zukunftstag begonnen hat, sich schrittweise hin zu einer jungendiskriminierenden Unternehmens- und Arbeitsmarktpolitik entwickelt.

Für eine Rückantwort wären wir dankbar.
Mit freundlichen Grüßen

i.A. von MANNdat e.V. – geschlechterpolitische Initiative
Hinweis: Dieses Schreiben wird u.a. in verschiedenen Foren im Internet veröffentlicht. Eventuelle Rückantworten von Ihnen werden wir ggfs. ebenda veröffentlichen.


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