Männergesundheit – (k)ein Thema?

Studie zur Männergesundheit 2009

Männer haben in Deutschland eine um etwa sechs Jahre geringere Lebenserwartung. In jedem Lebensal­ter ist die Sterberate (Mortalität) der Männer höher als die der Frauen. Die Anzahl der Suizide ist bei allen Alters­gruppen bei männlichen Bürgern um weit über das Doppelte höher als bei weiblichen.Geschlechtersensible Gesundheitspolitik darf sich nicht nur auf Frauengesundheit konzentrieren, sondern muss auch Männergesundheit thematisieren. Ziel unserer Studie war es, Ansätze zu einer Männergesundheitspolitik in den Ländern, aber auch in den Krankenkassen zu suchen.

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Inhaltsverzeichnis

  1. Inhaltsverzeichnis
  2. Warum diese Studie?
  3. Vorsorge und Früherkennungsverhalten von Männern
  4. Männergesundheitsbericht und Männergesundheitsdatenbank
  5. Jungengesundheit
  6. Rehabilitationsleistungen und Hilfsmittel
  7. Männer und „Frauenkrankheiten“
  8. Vater und Kind
  9. Männer in Trennungs- und Scheidungssituationen
  10. Geschlechterspezifische Gesundheitspolitik
  11. Der Stellenwert von Männergesundheit in den Landesregierungen und bei der Bundesregierung
  12. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)
  13. Krankenkassen und Männergesundheit
  14. Zusammenfassung der Ergebnisse
  15. Forderungen für eine Männergesundheitspolitik
  16. Anhang

Warum diese Studie?

Männer haben in Deutschland eine um etwa sechs Jahre geringere Lebenserwartung. In jedem Lebensal­ter ist die Sterberate (Mortalität) der Männer höher als die der Frauen. Dies beginnt schon bei der Geburt (115 Jungen-zu 100 Mädchen-Totgeburten je 100.000), gilt auch für den plötzlichen Kindstod (74,4 zu 56,6 je 100.000) und in der Gruppe der 15-bis 65-Jährigen ist die Mortalität der Männer so­gar um mehr als das Doppelte höher als die der Frauen. Die Anzahl der Suizide ist bei allen Alters­gruppen bei männlichen Bürgern um weit über das Doppelte höher als bei weiblichen. [1]

Grünheid/Schulz: Bericht 1996 über die demographische Lage in Deutschland. In: Zeitschrift für Bevöl­kerungswissenschaft, Heft 4/1996 S. 407
    Auf jeweils 100 Männer kommen bzw. kamen… Frauen
Jahr
Altersklasse 1990 2000 2020
45-65  101 100 97
Über 65  196 163 135
alle 107 104 102

Der Anteil männlicher Krankenhauspatienten wird von 1998 zu 2020 von 44,8 auf 48,2% steigen. [2] Die Anzahl männlicher Krankenhauspatienten über 65 Jahren wird sich von 1998 zu 2020 um 80,2% er­höhen (zum Vergleich: Steigerung weiblicher Krankenhauspatienten um 37,8%) [3]

Betrachtet man aber die Kosten für die Behandlung oder Pflege von Männern oder Frauen, fällt auf, dass für Männer in allen Bereichen des Gesundheitswesens wesentlich weniger ausgegeben wird als für Frauen. Ohne die Leistungen rund um Verhütung, Schwangerschaft und Geburt überschreiten die Krankheitskosten der Frauen die der Männer um 31,5 Milliarden Euro (Stand 2006), das sind relativ gesehen 32%. [4]

Geschlechtersensible Gesundheitspolitik darf sich nicht nur auf Frauengesundheit konzentrieren, sondern muss auch Männergesundheit thematisieren. Ziel unserer Studie war es, Ansätze zu einer Männergesundheitspolitik in den Ländern, aber auch in den Krankenkassen zu suchen. Für diese Untersuchung haben wir hauptsächlich nachfolgende Themen in den Blick genommen.

Vorsorge und Früherkennungsverhalten von Männern

Das Vorsorgeverhalten von Männern bezüglich der generellen Vorsorgeuntersuchung ab 35 („Check­up-35“) ist entgegen der allgemeinen Meinung nicht sehr viel schlechter als die der Frauen. 10,7% der Männer im Gegensatz zu 12,7% der Frauen nutzen zu Beginn diese allgemeine Vorsorgeunter­suchung [5] . Dieses Verhältnis wird mit zunehmendem Alter sogar noch besser zugunsten der Männer. Relativ gesehen, sieht es hier also für Männer gar nicht so schlecht aus. Absolut gesehen ist die Nut­zung des Check-up nur von jedem 10. Mann jedoch schlecht. Noch schlechter sieht es allerdings bei der Krebsfrüherkennung aus. Hier ist der Anteil der Männer, die diese nutzen, signifikant geringer als der Anteil der Frauen. Nur etwa jede 2. Frau (über 20) und etwa jeder 5. Mann (über 45 Jahren) nutzt die Früherkennung. Woher kommt das? [6]

Einen erheblichen Anteil an der geringeren Bereitschaft, die Früherkennung in Anspruch zu nehmen, hat die unterschiedliche Vorsorgesozialisation von Frauen und Männern. Frauen gehen schon ab der Pubertät regelmäßig zu Frauenärzten. Ab 20 beginnt dann bei Frauen schon die gesetzliche Krebs­früherkennung. Bei Männern beginnt die gesetzliche Krebsfrüherkennung erst ab 45, also ein Viertel­jahrhundert später! Ausnahme ist mittlerweile das seit Juli 2008 gültige Hautscreening ab 35 für Frau­en UND Männer.

Auf Grund dieser Rahmenbedingungen ist es verständlich, dass sich bei Frauen und Männern eine unterschiedliche Vorsorgementalität entwickelt. Für Frauen ist der regelmäßige Gang zum Arzt ohne konkrete Beschwerden wesentlich selbstverständlicher als für Männer. Zudem gibt es keine Männer­ärzte als Pendant zum Frauenarzt. Zwar gibt es die Zusatzweiterbildung „Andrologie“. Einen „Män­nerarzt“ oder auch einen „Facharzt für Männerheilkunde“ kennt die Weiterbildungsordnung allerdings – bundesweit – nicht. So wurde die Bezeichnung „Männerarzt“ sogar schon gerichtlich untersagt. [7]

Mittlerweile werden Frauen regelmäßig per Brief zur Mammographie eingeladen. Männer warten auf eine Einladung zur Prostatakrebsuntersuchung vergeblich.

Männergesundheitsbericht und Männergesundheitsdatenbank

Die Forderung nach einem Männergesundheitsbericht (in Ergänzung zum 2001 von der Regierung herausgegebenen Frauengesundheitsbericht)wird seit Jahren von allen politischen Entscheidungsträ­gern abgelehnt bzw. nicht unterstützt. Als Begründung hieß es u.a.:

Mit der Herausgabe des Frauengesundheitsberichtes im Jahr 2001 … sollte daher nicht nur eine Lücke im Hinblick auf die Defizite im Bereich Frauengesundheit geschlossen werden, sondern es war ganz wesentlich beabsichtigt, die Etablierung einer geschlechtersensiblen Gesundheitsberichterstattung im Sinne des Gender Mainstreaming zu initiieren und den Weg dorthin aufzuzeigen. [8]

Ähnliche Begründungen lieferten auch das Bundesgesundheitsministerium und diverse Länderge­sundheitsministerien, die einen Frauengesundheitsbericht, jedoch keinen Männergesundheitsbericht herausgebracht haben. Die Ablehnung eines Männergesundheitsberichtes ist bis heute geblieben. Ein Frauengesundheitsbericht sei notwendig, um frauenspezifische Gesundheitsdefizite zu ergrün­den, ein Männergesundheitsbericht sei nicht erforderlich, da es im Umkehrschluss keine männerspe­zifischen Gesundheitsdefizite zu ergründen gäbe.

Diese Argumentation ist schon auf den ersten Blick nicht stichhaltig. Ob männerspezifische Gesund­heitsdefizite bestehen, soll ja gerade durch einen Männergesundheitsbericht geklärt werden. So be­steht z.B. ein erhebliches Defizit bei der Erkennung und der Diagnose von Depressionen bei Män­nern.

Auch der Gesundheitsbericht für Deutschland aus dem Jahr 2006 konzentriert sich im geschlechter­sensiblen Teil wieder vorrangig auf Frauengesundheit. Hierzu ein Zitat von M. Stiehler:

In diesem Bericht ist in den Statistiken zwar die Geschlechterdifferenzierung umgesetzt, je­doch werden Widersprüche übergangen (bspw. beim Thema Depressionen) und spezifische Lebenslagen von Männern gar nicht genannt (z.B. alleinerziehende Väter). Es ist davon auszugehen, dass ein Teil gesundheitlicher Probleme von Männern und insbesondere deren gesellschaftliche Ursachen noch gar nicht erkannt sind. [9]

Die Ablehnung eines Männergesundheitsberichtes lässt sich deswegen nicht durch Sachargumente erklären, sondern eher auf Basis geschlechterpolitischer Voreingenommenheiten.

Aber auch in zukünftigen geschlechtersensiblen Gesundheitsberichten für beide Geschlechter wird der männerspezifische Gesundheitszustand kaum Berücksichtigung finden können, da es im Gegen­satz zu einer Frauengesundheitsdatenbank in der BzgA (Bundesanstalt für gesundheitliche Aufklä­rung) keine Männergesundheitsdatenbank gibt.

Jungengesundheit

Jungen sterben 1,5mal häufiger durch Verletzungen, Vergiftungen und Unfälle als Mädchen. Sie ent­wickeln sich im Säuglings-und Kleinkindalter tendenziell langsamer und haben häufig ein größeres Bewegungsbedürfnis. Jungen stottern viermal häufiger und leiden achtmal häufiger an einem hyper­aktiven Syndrom oder an ADS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom) als Mädchen. Bei den meisten psy­chischen und psychosomatischen Störungen sind Jungen überrepräsentiert. 60 % der Schüler an Förderschulen sind Jungen. Sie sind häufiger von Allergien und Adipositas betroffen. Magersucht und Bulimie bei Jungen nehmen zu. Sechsmal mehr Jungen als Mädchen erkranken an Magen-und Darmgeschwüren. Doppelt so viele Jungs wie Mädchen leiden an Asthma. 1,7mal mehr Jungen ster­ben an Krebs. Jungen sind überdurchschnittlich häufig Opfer körperlicher Gewalt.

Das Thema Gewalt gegen Jungen wird heute immer noch tabuisiert. Alkoholmissbrauch im Jugendal­ter ist vorrangig ein Jungenphänomen. Jungen zwischen 10 und 20 Jahren vollenden 3mal häufiger den Suizid als Mädchen.

Im allgemeinen zeigen sich Jungen aufgeschlossen für das Thema Gesundheit und offen für Präven­tion. Den meisten Jungen ist ihr Körper wirklich wichtig und sie widmen ihm die gebührende Aufmerk­samkeit.

Die Themen Gesundheit und Sexualität werden in der Öffentlichkeit bei Jungen im Gegensatz zu Mädchen stärker problembezogen angegangen, anstatt die positiven Aspekte zu beleuchten. Für die Förderung von Jungengesundheit sind deshalb wichtig:

  • Anerkennen der Bereiche, bei denen Jungen gesundheitsbewusst leben (Kompetenzansatz). We­niger vor Risikofaktoren warnen, sondern Vorsorgefaktoren fördern.
  • Auf die Lebenswirklichkeiten der Jungen eingehen, Eigenaktivität stärken.
  • Die Kompetenz, sich im Bedarfsfall Zugang zu Informationen zu verschaffen und gegebenenfalls Beratungsstellen oder Ärzte aufzusuchen, muss gestärkt werden.
  • Jungen zeigen Informationslücken vor allem im Bereich männliche Sexualität (weniger im Bereich weibliche Sexualität, Fortpflanzung, Schwangerschaft, Verhütung). Diese Lücken müssen beseitigt werden.

Das Verhältnis zwischen Prävention und Intervention ist auf Jungen hin neu zu bestimmen: Nicht erst reagieren, wenn gesundheitliche Probleme auftauchen und Krankheit chronisch geworden ist. Dies bedarf einer Beteiligung von Jungen aus allen Bevölkerungsgruppen und -schichten an präventiven Angeboten. Hauptschüler und Jungen mit Migrationshintergrund haben relativ höhere Gesundheitsrisiken.

Notwendig ist auch eine bessere Kooperation von Schulen und Jugendeinrichtungen mit Einrichtun­gen der Gesundheitsförderung und Medizin, um die Schwelle zur Inanspruchnahme ärztlicher Bera­tung zu senken. Schulen und Einrichtungen der Kinder-und Jugendhilfe brauchen eine bessere Ver­mittlungskompetenz. Die deutsche Gesundheitspolitik braucht ein jungen-und männerspezifisches medizinisches Kompetenzprofil. [10]

Rehabilitationsleistungen und Hilfsmittel

Laut Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz dürfen Menschen nicht auf Grund ihres Geschlechtes diskriminiert werden. In der Praxis hat sich jedoch gezeigt, dass dieses Gesetz bei Anliegen und Be­langen von Jungen oder Männern kaum Anwendung findet. So steht nach §44 Sozialgesetzbuch Band IX (1) Ziffer 3 lediglich behinderten oder von Behinderung bedrohten Frauen und Mädchen ärz­tlich verordneter Rehabilitationssport in Gruppen unter ärztlicher Betreuung und Überwachung, ein­schließlich Übungen, die der Stärkung des Selbstbewusstseins dienen, als Kassenleistung zu. Behin­derten Jungen und Männern wird diese Sozialleistung nicht zugestanden.

Nach Auskunft des Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages und der Antidiskriminierungsstel­le des Bundes liegt der Grund dafür in der „positiven“ Diskriminierung von Jungen und Männern, also der Diskriminierung von Jungen und Männern aus Gründen der Frauenförderung. Worin konkret der Gewinn für Mädchen und Frauen besteht, wenn männlichen Behinderten die Rehabilitation erschwert oder verhindert wird, wurde uns allerdings von keiner dieser Stellen mitgeteilt. Deshalb halten wir die­se Ungleichbehandlung nach wie vor für ungerechtfertigt und diskriminierend. Nach unserer Auffas­sung muss die Leistung nach Bedarf bezahlt werden und nicht nach Geschlecht.

Männer und „Frauenkrankheiten“

Als „Frauenkrankheiten“ bzw. „Männerkrankheiten“ werden nicht nur Krankheiten bezeichnet, die ausschließlich bei einem Geschlecht auftreten können, sondern auch solche, die vermehrt bei einem Geschlecht auftreten. Dies hat zur Folge, dass dasjenige Geschlecht, das seltener betroffen ist, in seiner geschlechterspezifischen Eigenheit bei den Symptomen oder Verläufen weniger oder fast gar keine Beachtung findet. Im Bereich der Frauengesundheit bei „Männerkrankheiten“ wird dieser Man­gel in letzter Zeit, nicht zuletzt durch die Frauengesundheitsberichterstattung, verstärkt thematisiert. Oft gibt es hier spezielle Projekte oder Maßnahmen, um gezielt die Frauengesundheit in diesen Be­reichen zu fördern, wie z.B. beim Herzinfarkt. Im umgekehrten Falle, bei der Betrachtung der Männergesundheit bei „Frauenkrankheiten“, gibt es dies i.d.R. nicht. Beispiele für solche „Frauenkrankheiten“, die auch Männer treffen können: [11, 12, 13]

Migräne
2 Millionen Männer (das sind sechs bis acht Prozent aller Männer) leiden an Migräne – nur 37 Pro­zent davon sind in Behandlung.

Schlaffes Bindegewebe
Obwohl 80 Prozent aller Männer früher oder später an einer Krankheit als Folge einer angeborenen oder erworbenen Bindegewebsschwäche leiden, gilt sie als „Frauenkrankheit“. Jeder zehnte Mann erkrankt an Blasenschwäche, jeder siebte leidet unter chronischen Rückenschmerzen, jeder vierte hat Krampfadern. [14]

Osteoporose („Knochenschwund“)
Insgesamt sind in Deutschland etwa 900.000 Männer von dieser Krankheit betroffen, die Knochen schon unter geringen Belastungen brechen lässt. „Witwenbuckel“ nennt der Volksmund die Krüm­mung der Wirbelsäule, wie sie durch Osteoporose entsteht. Als dieses Wort entstand, gab es nicht sehr viele alte Männer und deshalb auch kaum einen, dessen Wirbelsäule durch Osteoporose zu­sammengesunken war. Die Situation sieht heute anders aus, wird aber trotzdem kaum wahrgenom­men. Dies liegt nicht zuletzt am weiterhin geringeren Durchschnittsalter der Männer (ca. 6 Jahre ge­ringere Lebenserwartung).

Magersucht und andere Essstörungen
Etwa 90.000 Männer leiden nach Meinung von Ernährungsexperten an Essstörungen, Tendenz stei­gend. Der Anteil der männlichen Magersüchtigen wird bei fünf bis zehn Prozent vermutet. Die Krank­heit wird bei Jungen und jungen Männern selten oder spät erkannt. Während Frauen beim Abnehmen vor allem auf Diät und Erbrechen setzen, neigen Männer zu exzessivem Ausdauer-und Krafttraining. Das heißt, hinter manchem Waschbrettbauch verbirgt sich eine psychische Erkrankung. 15 bis 20 Prozent der männlichen Magersüchtigen sterben an dieser Krankheit.

Depressionen
Jährlich erkranken in Deutschland etwa 4,4 Prozent der Männer an einer Depression, und die Zahl der Betroffenen Männer wächst seit Jahren. Der heute immer noch vorhandene Erwartungsdruck an Männer, der fatalerweise gerade auch von der Geschlechterpolitik forciert wird, gesteht Männern nicht zu, zu klagen. Zwangsdienstleistender, Vollzeitvater, Ernährer, Sündenbock für alles Schlechte und natürlich alles gleichzeitig und ohne dass ihm das Recht zu klagen zugestanden wird – so will die Geschlechterpolitik den „neuen Mann“. Dass dies nur schief gehen kann, ist jedem klar – außer der Gesundheitspolitik. Hinzu kommt, dass die Symptome bei Männern manchmal anders ausfallen kön­nen als bei Frauen. So äußern sich Depressionen bei Männern nicht selten in aggressivem Verhalten.

Blasenentzündung
Männer erleiden Blasenentzündungen zwar seltener als Frauen, aber wenn sie bei Männern auftre­ten, sind sie unangenehmer als bei Frauen. Bei Männern schaffen es die Erreger nämlich wegen der längeren Harnröhre selten bis zur Blase. Geschieht es doch, ist die Erkrankung genau wegen dieser langen Harnröhre besonders unangenehm. Symptome sind brennender Schmerz beim Wasserlas­sen, ständiger Harndrang und leichtes Fieber. Da Männer mit den Symptomen weniger vertraut sind, reagieren sie oft erst, wenn die Entzündung fortgeschritten ist.

Borderline
Die Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) wird auch emotional instabile Persönlichkeitsstörung genannt. Sie führt zu so extremen Gefühlsspannungen, dass diese nicht selten in Selbstverletzung bis zum Suizid enden. Nicht zuletzt auch die frauenzentrierte Gesundheitspolitik hat dazu beigetra­gen, Borderline fälschlich als „Frauenkrankheit“ einzustufen. Ärzte vermuten nämlich, dass die Dun­kelziffer bei Männern höher ist, da sich deren Symptome anders äußern als bei Frauen. Bei Männern richtet sich die Aggression häufiger gegen andere als gegen sich selbst. Dadurch werden Betroffene häufiger als „Schläger“ oder „Säufer“ wahrgenommen. Deshalb landen männliche Borderliner im Ge­gensatz zu weiblichen häufiger im Gefängnis als im Krankenhaus. [15]

Brustkrebs
Auch Männer haben eine Brust, sogar eine Brustdrüse. Sie wird in der Pubertät nur nicht weiter ent­wickelt, weil die weiblichen Geschlechtshormone fehlen. Doch auch die Anlage genügt. Experten schätzen, dass in Deutschland jedes Jahr etwa 500 Männer an Brustkrebs erkranken. Diese Zahlen sind zwar derzeit noch sehr gering, sind aber im Steigen begriffen. Als besonders fatal erweist sich oft, dass Männer damit zu spät zum Arzt gehen, weil kaum jemand damit rechnet, an Brustkrebs zu erkranken.

Prostatakrebs
In Deutschland werden derzeit etwa 58.000 Prostatakarzinome [16] pro Jahr diagnostiziert.

Somit ist die Prostata (Vorsteherdrüse) mit 18,7 Prozent inzwischen die häufigste Lokalisation bösar­tiger Neubildungen beim Mann und hat seit 1998 den Lungenkrebs als häufigsten Tumor beim Mann abgelöst. Bei den zum Tode führenden Krebserkrankungen steht das Prostatakarzinom mit 10,5 Pro­zent an dritter Stelle. [17] Trotzdem ist die Bekämpfung von Prostatakrebs weiterhin, im Gegensatz zur Bekämpfung von Brustkrebs, kein nationales Gesundheitsziel in Deutschland.

Ein großes Problem ist, dass die Diagnostik hoffnungslos veraltet ist. Als Kassenleistung gibt es nur die Tastmethode (digital-rektale Palpation). Hier kann ein Tumor aber oftmals erst erkannt werden, wenn er schon zu groß ist.

Aus diesem Grund haben die Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU), der Berufsverband der Deutschen Urologen, die Arbeitsgemeinschaft Urologische Onkologie (AUO), die Deutsche Krebsgesellschaft e.V. (DKG), die Deutsche Krebshilfe e.V. (DKH), die Bundesar­beitsgemeinschaft Prostatakrebs Selbsthilfe e.V. (BPS), der Arbeitskreis Labordiagnostik der Deutschen Urologen sowie die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaft (AWMF) – also alle wichtigen Fachgesellschaften auf diesem Gebiet – im interdisziplinären Konsens einen Leitlinienkatalog zur PSA-Bestimmung in der Prostatakarzi­nomdiagnostik erarbeitet:

  • Das Eintrittsalter in die jährliche Früherkennung liegt bei 50 Jahren.
  • Eintrittsalter bei familiärer Belastung liegt bei 45 Jahren.
  • Eine letzte Früherkennung erfolgt mit 75 Jahren, bei steigender Lebenserwartung später.
  • Die digital-rektale Palpation allein ist keine Früherkennungsuntersuchung, sie wird durch die Bestimmung des PSA-Wertes ergänzt.
  • Vor der PSA-Wert-Bestimmung ist die Aufklärung über nachfolgend notwendig werdende Maßnahmen wie Biopsie der Prostata, die Behandlung und deren Risiken notwendig.
  • Ein erhöhter PSA-Wert muss vor einer weiteren Diagnostik kontrolliert werden. Fehlerquel­len in der Prä-Diagnostik und Analytik sind zu beachten und auszuschließen.
  • Der Schwellenwert von 4,0 ng/ml wird z.Zt. als Indikation zu einer weiteren Abklärung mit einer Biopsie unter sonographischer Kontrolle und Antibiotikaschutz gesehen.
  • Stanzbiopsien werden in den bekannt häufigsten Tumorregionen, vorwiegend also lateral vorgenommen.
  • Die Anzahl der Biopsien ist abhängig von dem durch transrektale Sonographie ermittelten Volumen der Prostata, beträgt aber mindestens 6 Biopsien. Eine höhere Zahl verbessert die Diagnose eines Karzinoms.
  • Bei nicht eindeutigem oder zweifelhaftem bioptischen Befund, fehlendem Karzinomnach­weis bei gleichbleibendem oder steigendem PSA-Wert, einer High Grade PIN (prostatische intraepitheliale Neoplasie) oder einer ASAP (atypical small acinar proliferation), wird eine Rebiopsie mit mindestens 6 Gewebeproben innerhalb von 6 Monaten nach Abschluss aller intra-und extraprostatischen Störfaktoren vorgenommen.

Durch eine solche Untersuchung kann der Tumor im heilbaren Stadium entdeckt werden. Der PSA-Wert kann bundesweit bestimmt werden. Der dafür notwendige Bluttest ist zumut­bar. Die Bestimmung des PSA-Wertes zur Früherkennung eines Prostatakarzinoms ist nach gegenwärtigem Kenntnisstand unverzichtbar. Die Bevölkerung soll unbedingt über diese Möglichkeit der Früherkennung informiert werden. [18]

Vorrangiges Ziel des Nationalen Krebsplans ist aber lediglich, die bestehenden Programme zur Früh­erkennung des Gebärmutterhals-und Darmkrebses organisatorisch weiterzuentwickeln. Trotz der hohen Erkrankungsrate und der schlechten Diagnosemöglichkeiten ist die Verbesserung der Früher­kennung von Prostatakrebs KEIN Ziel des nationalen Krebsplans 2008. [19]

Bei der operativen Behandlung von Prostatakrebs gibt es seit einiger Zeit eine Weiterentwicklung. Die roboterassistierte Da Vinci [®] Prostatektomie soll die Weiterentwicklung der konventionellen Laparos­kopie darstellen. Hierbei handelt es sich um eine minimal invasive OP-Technik zur Entfernung der Prostata. [20]

Hodenkrebs
Hodenkrebs ist eine weitere Krebserkrankung, die nur bei Männern auftreten kann. Interessant ist, dass das Hodenkrebsrisiko mehrere Maxima aufweist und nicht exponentiell zunimmt, wie üblich bei Krebsrisiken. Das erste Maximum steigt schon ab der Volljährigkeit steil an.

Fallzahlen bei Hodenkrebs abhängig vom Alter. Die Daten sind aus dem Krebsatlas aus Heidelberg, Abruf 2008

Die verschiedenen Maxima kommen dadurch zustande, dass es verschiedene Arten von Hodenkrebs gibt, deren Auftreten alterstypisch ist. Die Untersuchung der äußeren Genitalien durch den Arzt ist eine gesetzliche Sozialleistung. Fatal ist jedoch, dass diese erst ab 45 als Kassenleistung gilt und damit viel zu spät einsetzt. Durch Tastuntersuchung können aber junge Männer selber erkunden, ob es auffällige Veränderungen gibt. Das Problem ist nur, dass viele junge Männer das Problem und auch die Selbstuntersuchung gar nicht kennen und deshalb gar nicht auf die Idee einer solchen Selbstuntersuchung kommen. Dazu ein Zitat [21]:

Eine aktuelle Studie des Berliner Robert-Koch-Instituts hat eine Verdoppelung der Er­krankungszahl seit 1980 ergeben. Betroffen sind überwiegend junge Männer zwischen 20 und 35 Jahren. Besonders sie sollten ihre Hoden regelmäßig abtasten. Jede Schwellung muss vom Arzt abgeklärt werden. Hodenkrebs ist heute zu 90 Prozent heilbar – je früher er erkannt wird, desto größer ist die Heilungschance.

MANNdat hat früher schon angeregt, jungen Männern ab 18 beim ersten Besuch des Arztes eine Info zu Hodenkrebs und dessen Selbstuntersuchung zu geben. Der Vorschlag wurde aber nie aufgegrif­fen. Auch bei den Krankenkassen wird nur selten auf die Problematik des frühen Maximums hinge­wiesen.

Vater und Kind

Aktiv erziehende Väter – Sie werden hoch gelobt und sind erwünscht, aber gleichzeitig lässt man kaum eine Möglichkeit aus, ihnen das Leben zu erschweren. Das ist in der Gesundheitspolitik und im Gesundheitswesen natürlich nicht anders.

Egal ob alleinerziehend oder in einer Partnerschaft lebend – Männer sehen sich mit gestiegenen An­forderungen konfrontiert. Nicht selten werden Erziehung, Partnerschaft und Beruf als Doppelbelas­tung erlebt. „Mann“ ist erschöpft. Körperliche und psychosoziale Probleme sind häufig die Folgen.

Leider werden auch heute immer noch nicht von allen Kurträgern Vater-Kind-Kuren angeboten. Aber auch dort wo auch Vater-Kind-Kuren angeboten werden, gibt es Probleme. Auf die spezifischen Be­lange von Vätern geht man noch zu selten ein. Männer sind aber anders krank. Körperliche Be­schwerden sind oftmals chronisch und verbunden mit schweren psycho-physischen Erschöpfungszu­ständen durch Doppelbelastungen in Familie und Beruf, durch Partnerschaftskonflikte, Arbeitslosig­keit oder der Trauer nach dem Tod der Partnerin.

Um diesen Mangel zu beheben, gibt es mittlerweile aber auch einige wenige Einrichtungen, die spezi­fische Vater-Kind-Angebote haben, wie z.B. das Thomas-Morus-Haus auf Norderney. [22]

Aber auch schon bei der Vorbereitung der Geburt beteiligen sich Väter oft unterstützend für die Mut­ter. Leider werden Geburtsvorbereitungskurse von den Krankenkassen i.d.R. nur für Mütter bezahlt, nicht jedoch für die sie begleitenden Väter.

Männer in Trennungs- und Scheidungssituationen

Der “Gesundheitsbericht für Deutschland” des Statistischen Bundesamtes umfasst zwar eine ganze Reihe von Bereichen der sozialen Lage, die Gesundheitsrisiken bergen, wie etwa Bildung, Einkom­men, Wohnverhältnisse, Erwerbsbeteiligung und Arbeitslosigkeit. Der Familienstand bleibt hierbei jedoch ohne jede Erwähnung. [24]

Die wissenschaftliche Forschung hat mittlerweile auch für den deutschsprachigen Raum ausreichend nachgewiesen, dass Trennung bzw. Scheidung ein bedeutendes Gesundheitsrisiko für Männer dar­stellt (vgl. Monshausen, Antje: Literaturbericht: Gesundheitliche Folgen von Scheidung bei Männern. Für: Studiengruppe für Sozialforschung e.V., Marquartstein 2005) . Dafür blendet die durch Bundes­ministerien und Bundesbehörden repräsentierte Politikebene dieses Thema umso konsequenter aus ihrer Wahrnehmung aus.

Seelische Beschwerden bei Männern nach Trennung (Amendt, G.: Vätererfahrungen nach der Trennung vom Ehe- oder Lebenspartner. Forschungsprojekt – 1. Bericht Bremen 2001 Tabelle 22)
Einfluss der Trennung auf die Gesundheit Antworten an allen gültigen Antworten (%)
Vorübergehend seelische Beschwerden  40,6
Ständig seelische Beschwerden 33,6
Vorübergehend körperliche Beschwerden  11,6
Ständig körperliche Beschwerden  8,9
Probleme mit Alkohol oder Drogen  5,3
Insgesamt  100

Auf Grund der hohen Zahlen bereits geschieden lebender und jährlich neu hinzukommender geschie­dener Männer ist von einem insgesamt ganz erheblichen scheidungsbedingten Morbiditätspotenzial insbesondere im Bereich psychischer Störungen und Erkrankungen auszugehen.

Vor allem unter Berücksichtigung der Präventions-und Selbsthilfebestimmungen des § 20 SGB V wäre zu erwarten, dass die Gesetzlichen Krankenkassen im Aufgabenbereich “Gesundheitliche Scheidungsfolgen” zügig tätig werden. Eine Prävention gesundheitlicher Störungen insbesondere bei Männern infolge Trennung bzw. Scheidung ist in Deutschland jedoch kaum feststellbar. Die betroffe­nen Männer irren stattdessen für lange Jahre im System der Akutmedizin umher und tauchen danach bestenfalls in der medizinischen Rehabilitation wieder auf. [23]

Geschlechterspezifische Gesundheitspolitik

Historisch bedingt hat sich der geschlechterspezifische Blick auch im Bereich der Gesundheit aus­schließlich auf Frauengesundheit ausgerichtet. Aber schon allein die Tatsache, dass Männer eine um etwa 6 Jahre niedrigere Lebenserwartung als Frauen haben, zeigt, dass geschlechtersensible Ge­sundheitspolitik nicht nur Frauengesundheit umfassen kann.

Anfang dieses Jahrzehnts wurde auf Bundes-und Länderebene die geschlechterpolitische Strategie des „Gender Mainstreaming“ implementiert. Sie erhob den Anspruch, frauen-und männerspezifische Anliegen und Belange gleichberechtigt in den Blick zu nehmen. Was als Aufbruch in eine gleichbe­rechtigte Geschlechterpolitik klang, hat sich in der Praxis jedoch bald als Trugschluss erwiesen. Gen-der Mainstreaming ist am vorgeblichen Anspruch, auch die Belange von Jungen und Männern be­rücksichtigen zu wollen, gescheitert. In kaum einem anderen Bereich wird dies so deutlich wie im Be­reich Männergesundheit.

Als Beispiel kann man den WHC-newsletter Nr. 03/2002 nennen, in dem die Forderung geäußert wird: „Gender-Mainstreaming-Ansatz in allen Bereichen des Gesundheitswesens anwenden.“ Was die Parteien unter diesem Ansatz in der Realität verstehen, ergibt sich aus den folgenden Zitaten die­ses Newsletters:

Die [damalige: Anm. des Autors] rot-grüne Regierung hat … gehandelt. Im Gesundheits­ministerium wurde eine Abteilung „Frauen und Gesundheit” eingerichtet, Vorhaben mit frauenspezifischer Relevanz werden gefördert. Das Spektrum reicht von Projekten, wel­che die koronaren Herzkrankheiten zum Gegenstand hatten, bis hin zum „Bericht zur ge­sundheitlichen Situation von Frauen in Deutschland” .

CDU und CSU fordern deshalb:

  1. Die Anwendung des Gender-Mainstreaming-Ansatzes in allen Bereichen des Gesund­heitswesens. Alle Maßnahmen sollen da hingehend geprüft werden, wie sie sich auf Frauen auswirken und ob sie den Bedürfnissen von Frauen gerecht werden.
  2. Eine konkrete Gesundheitspolitik für Frauen, welche die Lebenswelt und die persönli­che Geschichte von Frauen einbezieht.
  3. Eine Intensivierung der Gesundheitserziehung von Mädchen und jungen Frauen sowie den Ausbau der präventiven Maßnahmen.
  4. Mehr frauenspezifische Gesundheitsaufklärung verbunden mit dem Ziel, mehr Frauen für die Teilnahme an Vorsorgeuntersuchungen zu gewinnen. [25]

 Man sieht, Männer-und Jungengesundheit kommt im geschlechterpolitischen Denken der Parteien, auch im Rahmen des Gender Mainstreaming, nicht vor.

Das Bundesland Brandenburg hat bei seiner Fachtagung: “Gender Mainstreaming – aber wie?” sage und schreibe 16 Themenbereiche allein zur Frauengesundheit erörtert und keinen einzigen Themen­bereich zu Männergesundheit [26]:

  • Ausbau der frauenspezifischen Gesundheitsarbeit -Erstellung länderspezifischer Gesundheitsberichte; Herunterbrechung auf die Kommunen, dabei Fokus auf ältere Frauen, Kinder und Jugendliche -Ausspruch für den lebensweltlichen Ansatz, Einbezug der Lebensumstände von Frauen
  • Ausbau frauenspezifischer gesundheitlicher Vorsorgemaßnahmen -Stärkung der Beteiligung der Bürgerinnen im Gesundheitswesen -Ausbau der Ansätze der Forschung zur Frauengesundheit
  • spezielles Engagement zum Thema häusliche Gewalt an Frauen -Klärung des Verständnis von Frauengesundheit -Festlegung von Gesundheitszielen (Essstörung, Frauen und Sucht, Krebsbekämpfung)
  • Koalition zwischen Expertinnen auf verschiedenen Ebenen -Integration der Themen Frauen, Gewalt etc. in die Weiterbildungsordnung des Bundes -Aufbau und Stärkung lokaler und bundesweiter Netzwerke (Koordinierungsstelle: Arbeits­kreis Frauengesundheit und Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft)
  • Öffentlichkeitsarbeit zur Frauengesundheit
  • Erarbeitung gemeinsamer Positionen der Frauengesundheitsbewegung -breite Information der Frauen zu gesundheitlichen Fragen -Finanzierung von Projekten und Maßnahmen der Frauengesundheitsbewegung

Bei solch rigorosem Ausschluss des Themas Männergesundheit klingt der Anspruch von Gender Mainstreaming, auch die Belange von Jungen und Männern berücksichtigen zu wollen, äußerst zy­nisch.

Diese Einseitigkeit ist aber nicht nur bei der Politik zu erkennen, sondern auch bei den Krankenkas­sen selbst. Im Beitrag „Die Zukunft der Medizin ist weiblich“ erläutert die BARMER ihre Gender-Aktivitäten und sieht sich in jeder Hinsicht als Frauenkasse [27]. Allerdings sieht sie sich nur in den Leistungen als „Frauenkasse“. Bei den Beiträgen werden männliche Versicherte natürlich genauso zur Kasse gebeten wie weibliche Versicherte. Beim Kassieren herrscht also Gleichberechtigung.

Diese Einseitigkeit in der Gesundheitspolitik hat zu einer deutlichen Schieflage im Gesundheitswesen zuungunsten der Männer geführt. Während die Krebsfrüherkennung bei Brustkrebs in Deutschland vorbildlich geregelt und dem Stand der Medizin entspricht, ist die Prostatakrebsfrüherkennung auf dem Stand von 1900 stehen geblieben. Ein Blick in die Krebsfrüherkennungsrichtlinien (Stand 04.09.2008) zeigt, dass die Krebsfrüherkennung für Frauen 21 Seiten, die Krebsfrüherkennung von Männern lediglich 8 Seiten umfasst.

Auf Grund der einseitigen Ausrichtung geschlechtersensibler Gesundheitspolitik gibt es auch kaum neutrale Informationen zur Männergesundheit. Oftmals werden die Informationen von pharmazeuti­schen Unternehmen herausgegeben oder zumindest mitfinanziert. Es ist deshalb oftmals kaum mög­lich, die seriösen von den rein kommerziell orientierten Angeboten zu unterscheiden. Aber auch die Informationsangebote der Krankenkassen weisen Schwachstellen auf, wie wir im Abschnitt bei den Krankenkassen zeigen werden.

Hier kommt die Gesundheitspolitik ihrer Verantwortung, für ein neutrales Informationsangebot zum Thema Männergesundheit zu sorgen, nicht nach. Stattdessen fördert sie durch deren Vernachlässi­gung das mangelnde Gesundheitsbewusstsein von Männern. Wir konnten lediglich einige leichte An­sätze für eine Männergesundheitspolitik finden.

Der Stellenwert von Männergesundheit in den Landesregierun­gen und bei der Bundesregierung

Um den Stellenwert von Männergesundheit in den verschiedenen Länderministerien bzw. beim Bun­desbildungsministerium beurteilen zu können, wurden die verschiedenen Ministerien angeschrieben mit der Bitte, sich zu dem Thema zu äußern. Zudem wurde im Internet auf den jeweiligen Homepages nach den Themen Männergesundheit und Frauengesundheit gesucht. Insgesamt hatten 6 von den 17 Ministerien geantwortet. Die Ergebnisse wurden in einer Deutschlandkarte eingetragen. Die betreffenden Bundesländer sind entsprechend ihrer Ampelfarbe dargestellt. Leider dominiert immer noch rot. Aber immerhin sind schon zwei grüne Flecken zu sehen.

In keinem Bundesland hat Männergesundheit den gleichen Stellenwert wie Frauengesundheit. Bei den meisten Bundesländern ist Männergesundheit immer noch kein Thema. Allerdings haben wir ei­nige positive Ansätze finden können. Männergesundheit scheint tatsächlich langsam als zartes Pflänzchen in einigen Landespolitiken zu wachsen. Der Weg zu einer Gesundheitspolitik, bei der die geschlechterspezifischen Belange beider Geschlechter berücksichtigt werden, ist aber noch sehr weit.

Rot bedeutet keine Thematisierung von Männergesundheit: Hier wurden keine ernsthaften Ansätze, Männergesundheit zu thematisieren, gefunden. Gelb heißt nachrangige Thematisierung von Männergesundheit, aber erste Ansätze erkennbar: Männergesundheit spielt kaum eine Rolle, aber einzelne Informa­tionen lassen erkennen, dass im Land Männergesundheit zumin­dest stellenweise thematisiert wird. Grün symbolisiert vorbildhafte Ansätze für Männergesundheit vorhanden: Es gibt zumindest einige beispielhafte landesweite Projekte zur Verbesserung der Männergesundheit.

Rot  – keine Thematisierung von Männergesundheit

Bei den meisten für Gesundheit zuständigen Ministerien bzw. Senaten konnte zum Zeitpunkt der Überprüfung (15. und 16.06.09) kein einziger Beitrag zu „Männergesundheit“ gefunden werden (Ber­lin, Brandenburg, Saarland, Sachsen-Anhalt, Thüringen, NRW, Bayern, Baden-Württemberg, Hessen) oder der Stellenwert von Männergesundheit zu Frauengesundheit war extrem gering (Bundesregie­rung, Bremen, Niedersachsen).

Berlin Katrin Lompscher Die Linke
Bayern Christine Haderthauer CSU
Brandenburg Dagmar Ziegler SPD
Bremen Ingelore Rosenkötter SPD
Bundesregierung Ulla Schmidt SPD
Hessen Jürgen Banzer CDU
Saarland Gerhard Vigener CDU
Sachsen-Anhalt Gerlinde Kuppe SPD
Thüringen Christine Lieberknecht CDU

Hessen antwortete auf unsere Anfrage, dass Männergesundheit beim zuständigen Ministerium keine besondere Bedeutung hat. Frauengesundheit hätte allerdings ebenfalls keine besondere Bedeutung mehr. Diese Aussage ist allerdings nicht nachvollziehbar, denn im Sozialministerium Hessens gibt es ein Referat V2 „Krankenversicherung, Vertragsarztrecht, Selbsthilfe, Frauengesundheit“, das also speziell auch für Frauengesundheit zuständig ist. Ein Referat für Männergesundheit existiert nicht.

Bayern antwortete auf unsere Anfrage, die Daten und Gesundheitsinformationen würden grundsätz­lich geschlechterdifferenziert angeboten. Der bayerische Gesundheitsindikatorensatz [28] sei weitge­hend nach Geschlecht differenziert. Außerdem gäbe es eine Vielzahl von Angeboten und Projekten in verschiedenen Segmenten des Gesundheitswesens zum Thema Männergesundheit. Konkret wurden uns jedoch keine genannt. Stattdessen ergaben unsere Nachforschungen, dass im Bayerischen Ge­sundheitsministerium seit 2002 ein Forum Frauengesundheit existierte. Dieses Forum wurde 2007 beendet. Frauengesundheit und geschlechterbezogene Gesundheitsfragen werden seitdem in die kontinuierliche Gesundheitsberichterstattung integriert. Der Grund, warum ein Frauenforum seit 2007 nicht mehr besteht, dürfte darin liegen, dass seitdem in der Bundeszentrale für Gesundheitliche Auf­klärung (BZgA) ein bundesweites Frauengesundheitsportal eingerichtet wurde. (Die BZgA wird weiter unten noch ausführlicher behandelt.)

Bremen hat einen Frauengesundheitsbericht, aber keinen Männergesundheitsbericht. Nur ein Eintrag zu „Männergesundheit“ konnte gefunden werden (zum Vergleich: Bei „Frauengesundheit“ gab es 8 Einträge). Unsere Anfrage wurde nicht beantwortet.

In Thüringen gab es schon ein Symposium zur Frauengesundheit, zur Männergesundheit noch nicht. Folgerichtig antwortete das Ministerium auf unsere Anfrage, dass über explizit auf Jungen und Män­ner ausgerichtete Angebote der Gesundheitsförderung und Prävention (abgesehen von Vorsorgeun­tersuchungen) dem Ministerium keine Übersichtsdaten für Thüringen vorlägen.

In Berlin existiert ein Netzwerk Frauengesundheit, in dem u.a. der Berliner Gesundheitssenat Mitglied ist, aber kein Netzwerk Männergesundheit. Von Berlin erhielten wir die Antwort, dass die Anfrage an die zuständige Senatsverwaltung für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz weitergeleitet wur­de und von dort eine Antwort kommen würde, welche allerdings nie erfolgte.

Nirgends war die Differenz zwischen den Suchergebnissen zu den Stichworten „Frauengesundheit“ und „Männergesundheit“ so hoch wie im Bundesgesundheitsministerium . Das schlägt sich auch in einer ausgeprägten Einseitigkeit der Projekte nieder. So gibt es z.B. ein Frauengesundheitsportal, eine Frauengesundheitsdatenbank, einen Frauengesundheitsbericht, ein Forschungsprojekt “Ge­sundheitliche Prävention bei Frauen in der zweiten Lebenshälfte” und einen speziellen Themenbe­reich „Frauen und Gesundheit“. Zu Männergesundheit gibt es keinerlei ähnliche Angebote bzw. Maß­nahmen. Wie das Statistische Bundesamt zeigt, sterben nach wie vor mehr Männer an Folgen eines Tumors im Bronchien-und Lungenbereich als Frauen. [29] Das Bundesgesundheitsministerium reagiert darauf auf seine typische Art und Weise – es setzt einen Schwerpunkt auf das Thema „Frauen und Rauchen“. Eine Antwort erhielten wir vom Bundesgesundheitsministerium nicht.

Das Bundesland Brandenburg führt in seiner Fachtagung “Gender Mainstreaming -aber wie?” 16 Themenbereiche allein zur Frauengesundheit auf, aber keinen einzigen Themenbereich zu Männer­gesundheit! (Siehe hierzu auch Kapitel „Geschlechterspezifische Gesundheitspolitik“) Auch von Bran­denburg erhielten wir keine Antwort.

Gelb  – nachrangige Thematisierung von Männergesundheit, aber erste Ansätze er­kennbar

Diese fünf Bundesländer zeigen Ansätze zur Etablierung von Männergesundheit, ohne diesem The­ma allerdings bislang ausreichend Aufmerksamkeit zu widmen.

Baden-Württemberg Monika Stolz CDU
Hamburg Dietrich Wersich CDU
Niedersachsen Mechthild Ross-Luttmann CDU
Sachsen Christine Clauß CDU
Schleswig-Holstein Karl-Josef Laumann SPD

In Baden-Württemberg wurde ein Institut für Frauengesundheit mit Unterstützung des Sozialministe­riums ins Leben gerufen. Außerdem gibt es dort einen Frauengesundheitsbericht. Ähnliche Maßnah­men gibt es für Männergesundheit nicht. Die Suchfunktion ergab zum Zeitpunkt der Untersuchung je 0 Einträge zum Stichwort „Männergesundheit“ bzw. „Jungengesundheit“ (6 Einträge zum Stichwort „Frauengesundheit“, 2 Einträge zum Stichwort „Mädchengesundheit“). Positiv war, dass das Ministe­rium auf unsere Anfrage antwortete und umfassende Auskunft über die kommunalen Maßnahmen im Land gab.

Auf kommunaler Ebene gibt es gute und engagierte Projekte. Die Arbeitsgemeinschaft Gesundheit im Landkreis Göppingen z.B. veranstaltete 2008 ein Projekt „Mann, bleib gesund“. Die Angebote um­fassten Vorträge, Sport, Vater-Kind-Projekte, Kochkurse und Events für Jugendliche. Wegen der gro­ßen Resonanz wurde das Projekt mit diesem wichtigen Thema auch im Jahre 2009 weitergeführt.

Im Landratsamt Enzkreis gab es einen Workshop zu Jungen-und Männergesundheit in weiterführen­den Schulen. Das Landratsamt Tübingen veranstaltete in Kooperation mit der Volkshochschule Tü­bingen und PfunzKerle e.V. eine Ausstellung zur Männergesundheit. Das Landratsamt Rhein-Neckar-Kreis veranstaltete ein Schulprojekt mit Gemeindebezug -Jungen haben Zukunft.

Hamburg profitiert von engagierten Männergruppen, die sich um das Thema kümmern. Hier wäre ein guter Ansatzpunkt für den Senat, diese Tätigkeiten zu unterstützen. Hamburg weist auf seiner Seite zumindest teilweise auf die Männergesundheitsaktivitäten hin. Eine Antwort auf unsere Anfrage ha­ben wir nicht erhalten.

In Niedersachsen existiert ein Netzwerk „Frauen/Mädchen und Gesundheit“. Die Landesregierung ist Mitglied. Ein Netzwerk für Jungen/Männer gibt es nicht. Es gibt zwar eine Landesvereinigung für Ge­sundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen e.V. (LVG) mit einem Arbeitsschwerpunkt Männergesundheit, worauf uns das Ministerium in seiner Antwort hingewiesen hat. Die Landesverei­nigung ist aber keine staatliche Einrichtung. Die LVG führt zwar zwei Frauengesundheitsnetzwerke, jedoch kein Männergesundheitsnetzwerk. [30] Eine Mitgliedschaft des zuständigen Ministeriums konnte im Gegensatz zur Mitgliedschaft im speziellen Netzwerk Frauengesundheit nicht gefunden werden.

In Schleswig-Holstein existiert ein Netzwerk „Urologische Diagnostik für bessere Männergesund­heit“. [31] Eine Antwort auf unsere Anfrage haben wir nicht erhalten.

In Sachsen , genauer gesagt in Dresden, fand schon 2000 im dortigen Rathaus ein Symposium „Frauengesundheit, Männergesundheit – ein Thema für Dresden?“ statt. Dem schnellen Start in die geschlechterspezifische Gesundheitspolitik folgte aber eine anhaltende Pause. Anhaltspunkte für landespolitische Aktivitäten im Bereich Männergesundheit als Konsequenz aus dieser Veranstaltung konnten keine gefunden werden. Hier wäre es wichtig, dass die Landesregierung ihre damals begon­nenen Aktivitäten wieder aufnimmt. [32] Eine Antwort auf unsere Anfrage haben wir nicht erhalten.

NRW erstellte schon 2003 ein Gutachten „Zukunft einer frauengerechten Gesundheitsversorgung in NRW 2003“. Weiterhin gibt es dort eine Koordinationsstelle „Frauen und Gesundheit“, ein Netzwerk Frauengesundheit und im Frauenministerium ein Schwerpunkt „Frau und Gesundheit“. Ähnliche Ein­richtungen oder Maßnahmen für Männergesundheit gibt es nicht. Das Landesinstitut für Gesundheit und Arbeit hat 2008 einen Jungen-und Männergesundheitsbericht erstellen lassen. Dieser ist zwar von der Bedeutung her relativ gering (selbst das Sozialministerium NRW weist auf ihn nicht hin), zeigt aber, dass Männergesundheit zumindest als Thema erkannt wurde. [33]

Die Suchmaschine im Landesinstitut für den Öffentlichen Gesundheitsdienst NRW ergab für Männer­gesundheit 24 Einträge. Das sind zwar deutlich weniger Einträge als für “Frauengesundheit” (66 Ein­träge), lieferte aber die größte Auswahl zum Thema Männergesundheit während unserer Studie. Eine Antwort auf unsere Anfrage haben wir vom Ministerium nicht erhalten.

Grün  – vorbildhafte Ansätze für Männergesundheit vorhanden

Am 27. Juni 2008 wurde in der Hansestadt Greifswald eine erste Landesfachkonferenz Männerge­sundheit durchgeführt [36] . Antwort auf unsere Anfrage haben wir allerdings nicht erhalten. Etwas mehr Dialogbereitschaft gegenüber der Bürgerschaft zum Thema Männergesundheit würde die positiven Ansätze abrunden.

Rheinland-Pfalz Malu Dreyer SPD
Mecklenburg-Vorpommern Manuela Schwesig SPD

In Rheinland-Pfalz gibt es eine „Landesinitiative Frauengesundheit Rheinland-Pfalz“ ohne Gegens­tück zur Männergesundheit. Allerdings beginnt das Land mit Aktionstagen zur Männergesundheit und dem Projekt „Männer-Checkup“ der Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V., die Männergesundheit voranzutreiben. [34]

Das ist ein guter Anfang, wie wir meinen. Das Sozialministerium von Rheinland-Pfalz hat uns außer­dem umfassend und gerne Auskunft gegeben – ein erfreuliches Vorbild an Dialogbereitschaft mit der Bürgerschaft zum Thema Männergesundheit.

In Mecklenburg-Vorpommern existiert seit 2005 die Landesarbeitsgemeinschaft Männergesundheit unter dem Dach der Landesvereinigung für Gesundheitsförderung. Das Sozialministerium ist Mitglied in dieser Landesvereinigung. Schon 2005 erarbeitete eine AG zusammen mit der DRV Nord und der Bundesagentur für Arbeit ein Gesundheitsprogramm mit dem Ziel der Verbesserung der Gesund­heitssituation von arbeitslosen Männern und der dadurch bedingten höheren Integrationsrate in das Erwerbsleben (Dr. Kupatz/LVG). [35]

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)

Zum Selbstverständnis der BzgA ein Auszug aus der Internetpräsenz dieser Einrichtung:

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) ist eine Behörde im Ge­schäftsbereich des Bundesministeriums für Gesundheit. Bei ihrer Gründung 1967 wurden ihr folgende Aufgaben übertragen:

  • Erarbeitung von Grundsätzen und Richtlinien für den Inhalt und die Methoden einer praktischen Gesundheitserziehung
  • die Aus-und Fortbildung der auf dem Gebiet der Gesundheitserziehung und ­-aufklärung tätigen Personen
  • die Koordinierung und Verstärkung der gesundheitlichen Aufklärung und Gesundheits­erziehung im Bundesgebiet
  • die Zusammenarbeit mit dem Ausland.

Die Informationsangebote der BZgA über gesundheitliche Risiken, über Möglichkeiten zu einer gesunden Lebensführung sowie über die präventiven Angebote des Gesundheits­systems sollen den Bürgerinnen und Bürgern helfen, Verantwortung für ihre Gesundheit zu übernehmen und das Gesundheitssystem sachgerecht zu nutzen.

Massenmediale Angebote der BZgA machen auf gesundheitsrelevante Themen und Probleme aufmerksam und vermitteln grundlegende Informationen darüber, personal­kommunikative Aktivitäten zielen vor allem ab auf eine vertiefende Auseinandersetzung mit diesen Themen.

Die Vermittlung und Stärkung von Kommunikations-und Handlungskompetenzen als Vor­aussetzung für die Fähigkeit, den Lebensalltag zu gestalten, Problemsituationen zu meis­tern und einen gesundheitsförderlichen Lebensstil zu entwickeln, ist ein wichtiger Ansatz­punkt der Präventionsarbeit der BZgA. [37]

Die Analyse
Eine einfache Analyse der Angebote und Maßnahmen (Stand 08.06.09) zeigt, dass die Tätigkeit der BZgA ihrem Selbstverständnis nicht in allen Belangen nachkommt.

Ein flüchtiger Besucher könnte die Startseite der BzgA  leicht für eine Frauenge­sundheitsseite halten. Als Blickfang findet man dort links oben eine Bildmontage, mit einer jungen Frau, einer AIDS-Schleife, einem Organspendeausweis und drei Fußballerinnen.

Betrachtet man das Menü eingehender, stellt man fest, dass es einen Themenschwerpunkt Frauen­gesundheit gibt, einen Themenschwerpunkt Männergesundheit hingegen nicht. Weiterhin führt die BZgA eine Frauengesundheitsdatenbank . Diese von der BZgA erarbeitete Datenbank liefert Informationen für alle, die im Bereich Frauenge­sundheit arbeiten, forschen oder beraten. Mit dem Frauengesundheitsportal stellt die BZgA einen Informationspool zu wichtigen Themen der Frauengesundheit zur Verfügung. Zentrales Element ist die Frauengesundheitsdatenbank, die thema­tisch strukturierte und fachlich geprüfte Informationen mit zahlreichen direkten Links anbietet. Aktuelle Meldungen und Terminhinweise ergänzen das Internetangebot.

Entsprechende Einrichtungen für Männergesundheit gibt es nicht. Hier zeigt sich schon die alleinige Ausrichtung auf Frauengesundheit. Macht man sich allerdings noch die Mühe und betätigt die Such­maschine, ergeben sich folgende Ergebnisse (Stand 08.06.09):

  • Frauengesundheit: 26 Treffer
  • Mädchengesundheit: 3 Treffer
  • Männergesundheit: 0 Treffer
  • Jungengesundheit: 0 Treffer

Letztendlich lässt sich zwar doch etwas zum Thema Männergesundheit finden, dazu muss man sich allerdings erst ins Frauengesundheitsportal begeben und dort im Suchfeld „Männergesundheit“ ein­geben. Welcher Mann kommt aber schon auf die Idee, im Bereich „Frauengesundheit“ nach „Männer­gesundheit“ zu suchen? Dies zeigt, wie empathielos das Thema von den Verantwortlichen der BZgA abgehandelt wird.

Fazit
Die vorgefundene Ignoranz bezüglich Männergesundheit auf der Internetpräsenz der BZgA ist unge­rechtfertigt und skandalös. Die BZgA ist damit ein Paradebeispiel für die Doppelmoral deutscher Ge­schlechterpolitik, die geprägt ist von einer völligen Gleichgültigkeit gegenüber den Anliegen von Jun­gen und Männern. Hier zeigt sich das wahre Gesicht von Gender Mainstreaming, das seinem be­haupteten Anspruch, auch die Anliegen von Jungen und Männern berücksichtigen zu wollen, in der Praxis nicht einmal ansatzweise gerecht wird. Mit dieser einseitig ausgeprägten geschlechtersensib­len Gesundheitspolitik kommt die BZgA ihrem vom Steuerzahler finanzierten Auftrag nicht nach. Sie fördert stattdessen durch Vernachlässigung des Themas Männergesundheit die Nachlässigkeit der männlichen Gesundheitsvorsorge, weil sie schon männlichen Jugendlichen und jungen Männern suggeriert, Männergesundheit sei unwichtig. Die BZgA ist damit DAS Negativbeispiel in Sachen Männergesundheit im Rahmen unserer Untersu­chungen.

Krankenkassen und Männergesundheit

Zur Beurteilung der Krankenkassen haben wir 153 gesetzliche Krankenkassen einige konkrete Fra­gen zur Männergesundheit gestellt. Unsere Fragen an die Krankenkassen lauteten:

  • A1 Gibt es bei Ihrer Krankenkasse konkrete Maßnahmen, um die Vorsorge und die Früherkennungs­mentalität speziell von Männern zu stärken und wenn ja, welche Maßnahmen sind dies?
  • A2 Gehen Sie in Ihren Berichten auch speziell auf das Thema Männergesundheit ein?
  • A3 Weisen Sie in Gesprächen mit politisch Verantwortlichen auf die Notwendigkeit der Betrachtung von Männergesundheit hin und wenn ja, in welcher Form?
  • M1 Setzen Sie sich für einen Männergesundheitsbericht ein und wenn ja, in welcher Form?
  • M2 Setzen Sie sich für die Führung einer Männergesundheitsdatenbank ein und wenn ja, in welcher Form?
  • J1 Wird in Ihrer Krankenkasse Jungengesundheit thematisiert (z.B. durch spezielle Vorträge oder Informationsmaterialien zu Jungengesundheitsthemen)? Nennen Sie bitte einige Beispiele.
  • R1 Übernimmt Ihre Krankenkasse die Kosten für ärztlich verordneten Rehabilitationssport in Gruppen unter ärztlicher Betreuung und Überwachung, einschließlich Übungen, die der Stärkung des Selbst­bewusstseins dienen, für behinderte oder von Behinderung bedrohten Jungen und Männern ebenso wie für Frauen und Mädchen?
  • R2 Übernimmt Ihre Kasse auch für Männer die Kosten einer Perücke, wenn aus therapeutischen oder krankheitsbedingten Gründen dem Kunden die Haare ausfallen.
  • F1 Gibt es bei Ihrer Krankenkasse spezielle Maßnahmen zur Information von Männern über „Frauen­krankheiten“, die auch Männer betreffen können und wenn ja, welche Maßnahmen sind bzw. welche Krankheiten betrifft dies?
  • F2 Gibt es bei Ihrer Krankenkasse spezielle Maßnahmen zur Information von Ärzten über „Frauen­krankheiten“, die auch Männer betreffen können und wenn ja, welche Maßnahmen sind bzw. welche Krankheiten betrifft dies?
  • P1 Wird von Ihrer Krankenkasse der PSA-Test im Rahmen der üblichen Prostatakrebsfrüherken­nungsuntersuchung bezahlt und wenn ja, unter welchen Rahmenbedingungen (z.B. Bonussystem usw.)?
  • P2 Wird von Ihrer Krankenkasse eine Da Vinci [®] Prostatektomie bezahlt?
  • P3 Unterstützen Sie die Verbesserung der Prostatakrebsfrüherkennungsmethoden und wenn ja, durch welche Maßnahmen?
  • H1 Gibt es bei Ihrer Krankenkasse Maßnahmen zur Verbesserung der Information über Hodenkrebs und dessen Selbstuntersuchung bei jungen Männern oder männlichen Jugendlichen und wenn ja, in welcher Form?
  • V1 Stellen Sie Vätern auch Listen von Kureinrichtungen zur Verfügung, die Vater-Kind-Kuren durch­führen?
  • V2 Achten Sie bei Ihren Kooperationen mit Kureinrichtungen, dass diese bei Vater-Kind-Kuren auch auf die speziellen Bedürfnisse von Vätern eingehen und wenn ja, welches sind dabei Ihre Kriterien?
  • V3 Gibt es bei Ihnen pauschale Ablehnungen von Vater-Kind-Kuren?
  • V4 Wird bei Anträgen auf Vater-Kind-Kuren grundsätzlich zuerst versucht auf ambulante Behandlung zu verweisen?
  • V5 Muss ein Vater bei der Beantragung (im Gegensatz zu einer Mutter) bei einer begleitenden Vater­Kind-Kur erst glaubhaft darstellen können, dass er schwerpunktmäßig das Kind versorgt und/oder eine Begleitung durch die Mutter aus familiären Gründen (Geschwisterkinder sind zu versorgen) oder aus beruflichen Erwägungen heraus nicht möglich ist?
  • V6 Bezahlt Ihre Krankenkasse einen Geburtsvorbereitungskurs auch für den Partner der schwange­ren Frau?
  • T1 Werden bei Ihrer Krankenkasse die Belange und Anliegen speziell von Trennungs-und Schei­dungsmännern berücksichtigt und wenn ja, durch welche Maßnahmen?

Die Ergebnisse
Das wichtigste Ergebnis vorweg: Die Krankenkassen sind ausgesprochene Männergesundheitsmuf­fel. Die gleichen Krankenkassen, die Männer wegen ihres mangelnden Vorsorgebewusstseins als „Vor­sorgemuffel“ bezeichnen, nehmen Männer, die Anfragen zur Männergesundheit stellen, offenbar überhaupt nicht ernst. Vielleicht sind Männer auch deshalb Vorsorgemuffel, weil sie so wenig Reso­nanz von ihrer Krankenkasse bei Anfragen erhalten.

Lediglich 2 Krankenkassen ( von 153!) haben die Fragen beantwortet. Dies waren zum einen die BKK Demag-Krauss-Maffei , wobei deren Antwort etwas knapp gehalten war. Sie war die einzige der „kleineren“ Krankenkassen, die geantwortet hat. Von den großen Krankenkassen beantwortete lediglich die AOK Baden-Württemberg unsere Anfra­ge.

Drei Krankenkassen lehnten eine Beantwortung ab (AOK Bayern, AOK Hessen und AOK Rheinland-Pfalz). Sieben Krankenkassen sagten eine Rückmeldung zu, meldeten sich dann aber nicht mehr (Novitas BKK, BKK Heilberufe, BKK Hercules, BKK Mobil-Oil, Knappschaft, Signal Iduna IKK und die Techni­ker Krankenkasse).

Analyse der Krankenkassen
Auf Grund der geringen Rückmeldung waren wir gezwungen, unsere Bewertungsstrategie zu ändern. Wir haben die großen Krankenkassen untersucht, in wie weit sie Männergesundheit auf ihrer Inter­netpräsenz thematisieren. Hierbei wurden folgende Krankenkassen analysiert:

Männergesundheit
Das Thema Männergesundheit wurde sehr häufig bei der DAK, der AOK Hessen und der AOK Ba­den-Württemberg gefunden. Die DAK nimmt Männergesundheit sogar als ein Schwerpunktthema in diesem Jahr in ihr Programm auf. [38]

Prostatakrebs
Das Thema Prostatakrebs fanden wir sehr häufig bei der Techniker Krankenkassen, der AOK BW und der AOK Hessen . Bei der Techniker Krankenkasse fällt auf, dass diese sehr stark Werbung macht für die „Brachythera­pie“. Dazu die Techniker KK:

Konkret geht es um die ambulante Behandlung des Prostatakarzinoms mit einer speziellen Form der Strahlentherapie: die Seed-Brachytherapie. Dabei werden kleine umschlossene ra­dioaktive Strahlenquellen, so genannte Seeds, direkt in die Prostata implantiert. [39]

Die Knappschaft hat an ihrem Knappschaftskrankenhaus in Dortmund ein Prostatazentrum einge­richtet, dem als eine der ersten zwölf Einrichtungen von der Deutschen Krebsgesellschaft der Titel „zertifiziertes Prostatakarzinomzentrum“ zuerkannt wurde. [40]

PSA (Prostataspezifisches Antigen)
Die Bestimmung des PSA gilt als eine Methode zur Prostatakrebsfrüherkennung, die jedoch nicht unumstritten ist, weil die Werte häufig schwanken. Die Bestimmung des PSA-Wertes ist keine Kas­senleistung, zumindest solange kein Verdacht auf Prostatakrebs vorliegt.

Sehr häufig wird die PSA-Bestimmung bei der Techniker Krankenkasse thematisiert, gefolgt von den AOK-Kassen. Bei den AOK-Kassen gibt es zudem eine Seite, die Männer bei der Frage unterstützen soll, ob man eine PSA-Bestimmung machen lassen sollte oder nicht. Bei den untersuchten Kassen konnte lediglich bei der BKK Mobil Oil eine Stelle gefunden werden, die auf einen mangelhaften Früherkennungsumfang allein durch Tastuntersuchung hinweist:

In manchen Fällen lässt sich der Verdacht auf Prostatatkrebs so (durch die Tastuntersuchung, Anm. v. MANNdat) bereits vermuten. [...] Nicht tastbar sind Prostatakarzinome, die seitlich oder zur Bauchseite hin ausgerichtet sind. [41]

Daher empfhielt die BKK Mobil Oil:

Demnach sollten alle Männer ab 40 Jahren einmal jährlich einen PSA-Test in Kombiantion mit einer Tastuntersuchung durchführen lassen. Diese Maßnahmen sind bislang jedoch noch nicht allgemein erstattungsfähig. [41]

Leider zahlt die BKK Mobil Oil auch trotz dieser Ansicht nicht die PSA-Bestimmung. Stattdessen bie­tet sie eine Zusatzversicherung PSA über den Deutschen Ring an.

Rückenschule
Rückenprobleme betreffen zwar nicht nur Männer, aber Männer besuchen seltener als Frauen eine Rückenschule. Deshalb gibt es vereinzelt Angebote speziell für Männer. Eine spezielle Rückenschule (Stärkung der Rückenmuskulatur) für Männer konnte vorwiegend bei der Techniker Krankenkasse, der AOK Niedersachsen, der Kaufmännischen Krankenkasse, der Taunus, der Knappschaft und bei der IKK Sachsen gefunden werden.

Stress
Laut Studien erhöht Stress bei Männern die Sterblichkeit um 30 Prozent. [42] Besonders häufig wurde Material zum Thema „Stress bei Männern“ bei der Techniker Krankenkas­se gefunden.

Hodenkrebs
Die Heilungschancen von Hodenkrebs stehen relativ gut, wenn die Krebsart rechtzeitig erkannt wird. Wie schon erwähnt, besteht das Problem darin, dass das erste Maximum an Erkrankungsraten schon weit vor dem Beginn der gesetzlichen Krebsfrüherkennung zur Untersuchung der äußeren Genitalien beginnt. Aus diesem Grund ist es wichtig, junge Männer über die Problematik des Hodenkrebses und die Möglichkeit der Selbstuntersuchung zu informieren. Gut gelungen ist dies bei der Barmer und der Techniker KK .

Problematisch ist die Thematisierung bei der BKK Mobil Oil und der DAK . Bei beiden Kassen wird auf die Hodenkrebsvorsorge ab 45 bei der üblichen Ein­stiegsgrenze für Männer zur Krebsfrüherkennung hingewiesen. Da aber ein Hodenkrebsmaximum schon in den Altersstufen vor dem 45. Lebensjahr auftritt, wird mit diesem allgemeinen Hinweis auf die Einstiegsaltersgrenze suggeriert, dass Hodenkrebs vor 45 kaum ein Problem sei. Hier wäre drin­gend ein Hinweis notwendig, dass Männer schon früher eigenständig eine Selbstuntersuchung auf Hodenkrebs vornehmen sollten. Der Text bei DAK:

Einen Anspruch auf Untersuchungen zur Früherkennung von Krebserkrankungen haben nach § 25 Sozialgesetzbuch V (SGB V) alle männlichen Versicherten ab dem Beginn des 45. Lebensjahres einmal jährlich. [43]

Der Text bei BKK Mobil Oil:

Vorsorge- und Früherkennungsuntersuchungen sind für die Betriebskrankenkasse Mobil Oil ganz selbstverständliche Leistungen. Je früher Krankheiten festgestellt und behandelt werden, umso größer ist die Chance einer schnellen und vollständigen Heilung. [44]

Unter „hier“ bei Hodenkrebs:

Ab dem Alter von 45 Jahren: Tastuntersuchung der (Prostata, Hoden) auf mögliche An­zeichen einer Krebserkrankung. [45]

Vater Kind-Kuren
Die Thematisierung von Vater-Kind-Kuren wurde in Relation zur Thematisierung des Themas Mutter­Kind-Kuren untersucht. Hier konnten vor allem die Barmer, die DAK und die Mobil Oil BKK sich po­sitiv hervorheben.

Männer mit „Frauenkrankheiten“
Dieses Thema wurde an drei Beispielen untersucht: Magersucht, Depressionen und Osteoporose. Depressionen bei Männern wurde nur bei zwei und Osteoporose sogar nur bei einer der untersuchten 18 Krankenkassen nicht gefunden. Magersucht bei Männern wurde bei 8 Krankenkassen nicht gefun­den.

Hervorragend wird dieses Thema bei der DAK berücksichtigt. Aber auch die Barmer, die Techniker KK, die AOK Bayern, AOK Rheinland/Hamburg, AOK Niedersachsen und die Deutsche BKK liefern gute Werte.

Ernährung
Das Thema „Männer und Ernährung“ wurde im Vergleich zu „Frauen und Ernährung“ untersucht. Hier konnte nur die Gmünder Ersatzkasse (GEK) überzeugen.

Erektile Dysfunktion
Dieser Punkt wird bei der DAK, der Techniker KK, der Deutschen BKK und der Gmünder Ersatz­kasse (GEK) überzeugend als Extrathema abgehandelt. Kurios: Bei den AOK-Kassen findet sich „Erektile Dysfunktion“ beim Thema Rauchen! [46]

Auswertung
Wir legten die Barmer, die sich ja selbst als „Frauenkasse“ bezeichnet, als Maßstab zugrunde. Alle Krankenkassen, die bessere Ergebnisse als die Barmer zeigten, werteten wir als die besten Kranken­kassen in Sachen Männergesundheit. Dies sind insgesamt betrachtet:  Techniker Krankenkasse, DAK, AOK Baden-Württemberg.

Auch bei diesen Kassen wird noch lange nicht all das für die Verbesserung von der Männergesund­heit getan, was getan werden könnte. Trotzdem sind hier sehr gute Ansätze und Projekte vorhanden. Diese drei Kassen wurden deshalb von MANNdat e.V. mit einer Plakette ausgezeichnet.

Die fehlende Resonanz auf unsere Anfrage bei der DAK und der Techniker Krankenkasse trübt das Ergebnis zwar ein wenig, aber wer mit diesem mangelhaften Kundenservice klarkommt, dem können wir diese drei Kassen als die besten unserer Krankenkassenstudie empfehlen.

Eine weitere Auszeichnung mit dem Siegel erhält die BKK Demag-Krauss-Maffei, da sie als einzige der „kleineren“ Krankenkassen unsere Fragen beantwortet hat – ein Entgegenkommen, das leider nicht selbstverständlich ist.

Zusammenfassung der Ergebnisse

Sowohl bei einigen Krankenkassen als auch bei einigen Ländern konnten interessante Ansätze zur Thematisierung von Männergesundheit wahrgenommen werden.

So führt z.B. die DAK derzeit ein Männergesundheitsprogramm durch. Von den Krankenkassen konn­ten zudem noch die Techniker Krankenkasse und die AOK Baden-Württemberg die besten Ergebnis­se erzielen. Dies zeigt, dass es durchaus auch regionale Qualitätsunterschiede bei der gleichen Krankenkasse (hier z.B. die AOK) gibt. Bei den „kleineren“ Krankenkassen konnten wir lediglich bei der BKK Demag-Krauss-Maffei Aufgeschlossenheit für das Thema finden.

Auch in einzelnen Länderpolitiken gibt es, wenn auch nur sehr wenige und bescheidene, Ansätze für Männergesundheit. Das Land Rheinland-Pfalz z.B. versucht in einem Projekt Männer zur besseren Nutzung der generellen Vorsorgeuntersuchung ab 35 zu motivieren. Der Landkreis Göppingen führt eine landkreisweite Männergesundheitsinitiative durch. Dies zeigt, dass auch auf kommunaler Ebene sinnvolle Männergesundheitsprojekte durchgeführt werden können.

Insgesamt ist jedoch trotz dieser positiven Ansätze festzustellen, dass auch heute noch sowohl Kran­kenkassen als auch die Gesundheitspolitik von Bund und Ländern Männergesundheit vernachlässi­gen. Ein besonders negatives Beispiel ist hier die extrem einseitige Vorgehensweise der Bundeszent­rale für gesundheitliche Aufklärung. Sie führt eine Frauengesundheitsdatenbank und ein Frauenge­sundheitsportal. Männergesundheitsthemen werden ignoriert.

Der geschlechterpolitische Ansatz „Gender Mainstreaming“ wird in der Gesundheitspolitik seinem Anspruch, auch die Belange von Jungen und Männern zu berücksichtigen, keineswegs gerecht. Er zeigt sich vielmehr in der Praxis als lineare Fortsetzung der reinen Frauengesundheitsförderung unter konsequentem Ausschluss jungen-und männerspezifischer Belange. So spricht die SPD ebenso wie die CDU bei „Gender Mainstreaming“ im Gesundheitswesen ausschließlich von Frauengesundheit. Und dies, obwohl Männer eine um sechs Jahre niedrigere Lebenserwartung haben und obwohl die jährliche Minderleistung im Gesundheitswesen für Männer mehr als 30 Milliarden Euro beträgt. Das Gesundheitsministerium Brandenburg listet unter „Gender Mainstreaming“ im Gesundheitswesen 16 Maßnahmen zur Förderung der Mädchen-und Frauengesundheit auf, jedoch keine einzige zur Förde­rung von Jungen-und Männergesundheit.

Diese Vernachlässigung von Jungen-und Männergesundheit führt dazu, dass Männergesundheit nahezu vollständig von der Industrie thematisiert wird. Die größte Informationsquelle für an Männer­gesundheit Interessierte ist die Pharmaindustrie. Hier wird der Industrie ohne Frage ein großes Ver­dienst zuteil. Allerdings beherbergt dies das Risiko, dass Männergesundheitsthemen nicht immer nach deren Relevanz betrachtet werden, sondern nach kommerziellem Nutzen. Jungen und Männer sind dabei kaum in der Lage, sinnvolle von weniger sinnvollen Angeboten zu unterschieden.

Die Nachteile und Benachteiligungen von Jungen und Männern im Gesundheitswesen sind durchaus nicht nur indirekter Art. Es existieren auch direkte gesetzliche Diskriminierungen von Jungen und Männern, wie z.B. die im Sozialgesetzbuch festgeschriebene Benachteiligung von behinderten Jun­gen und Männern, denen gewisse Rehabilitationsmaßnahmen auch trotz medizinischer Notwendig­keit im Gegensatz zu behinderten Mädchen und Frauen vorenthalten werden.

Im Rahmen der Untersuchung der Krankenkassen fielen die meisten Krankenkassen durch ihre man­gelnde Bereitschaft zur Beantwortung von Anfragen zu Männergesundheitsleitungen auf. In Anleh­nung der Kritik der Krankenkassen, die Männer wegen deren mangelndem Vorsorgebewusstsein „Vorsorgemuffel“ nennen, muss man die Krankenkassen im Umkehrschluss bei der mangelnden Kundenorientierung bei diesem Thema konsequenterweise als „Männergesundheitsmuffel“ bezeich­nen. Inwieweit diese mangelnde Kundenorientierung der Krankenkassen zum mangelnden Gesund­heitsbewusstsein der Männer beiträgt, konnte im Rahmen dieser Studie nicht näher untersucht wer­den.

Hinzukommt, dass die Qualität der Aussagen zur Männergesundheit bei manchen Krankenkassen schlecht ist. So wird z.B. bei einigen Kassen suggeriert, Hodenkrebs sei erst ab dem 45. Lebensjahr relevant, was definitiv falsch ist.

Forderungen für eine Männergesundheitspolitik

Eine effektive Männergesundheitspolitik bedarf folgender Voraussetzun­gen:

  • Umdenken in der geschlechterspezifischen Gesundheitspolitik, weg vom Geschlechterkriegsden­ken der 80er Jahre, hin zu einer Geschlechterpolitik, die die Anliegen und Belange beider Ge­schlechter respektiert.
  • Beseitigung des „Gender Mainstreaming“-Ansatzes, der sich in der Praxis als reine Fortsetzung der ausschließlichen Frauengesundheitsförderung entpuppt und somit die Förderung von Män­nergesundheit hemmt statt fördert.
  • Erstellung eines Männergesundheitsberichtes.
  • Pflegen einer bundesweiten Männergesundheitsdatenbank.
  • Einrichten eines bundesweiten Männergesundheitsportals.
  • Staatliche Förderung von Forschungen zur Jungen-und Männergesundheit.
  • Verpflichtung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zur Thematisierung von Män­nergesundheit.
  • Bekämpfung von Prostatakrebs zum Gesundheitsziel machen.
  • Leistungen im Sozialgesetzbuch sind ausschließlich von deren medizinischen und sozialen Not­wendigkeit abhängig zu machen und nicht zusätzlich vom Geschlecht.
  • Verpflichtung der kommunalen Gleichstellungsstellen zur Thematisierung von Jungen-und Män­nergesundheit.
  • Sensibilisierung der Krankenkassen für das Thema Männergesundheit.
  • Qualifizierung der Krankenkassen beim Thema Männergesundheit.
  • Verbesserung der Kundenfreundlichkeit der Krankenkassen bei Anfragen zum Thema Männer­gesundheit.
  • Sensibilisierung der Männer, sich stärker für ihre Gesundheitsbelange einzusetzen.

Wer eine ehrliche Geschlechterpolitik im Gesundheitswesen betreiben möchte, darf Männergesund­heit nicht weiter ausblenden.

Anhang

Zum Abschluss noch die Originalantworten der beiden Krankenkassen, die uns geantwortet haben:

AOK Baden-Württemberg
Umfrage der Organisation „MANNdat“ zum Thema „Männergesundheit“

A1 Gibt es bei Ihrer Krankenkasse konkrete Maßnahmen, um die Vorsorge und die Früherkennungs­mentalität speziell von Männern zu stärken und wenn ja, welche Maßnahmen sind dies?

Die AOK Baden-Württemberg hält ganzjährig ein vielfältiges Programm an attraktiven Gesundheits­angeboten für alle Versicherten vor. 2007 haben wir ein speziell für Männer zugeschnittenes Angebot gestartet. AOK-CardioFit ist ein Ausdauertrainingsprogramm, bei dem modernste Technik in Form einer Pulsuhr mit GPS für die Trainingssteuerung und Motivation der Männer eingesetzt wird. Das Programm wendet sich speziell an Männer bis 30 Jahre, die bereits Risikofaktoren, wie z.B. Überge­wicht oder beginnende Fettstoffwechselstörungen aufweisen. Das AOK-RückenKonzept mit Training an speziellen Geräten ist ebenfalls ein AOK-Angebot, das von Männern weit überdurchschnittlich in Anspruch genommen wird. Das Gesamtprogramm „AOK-Gesundheitsangebote“, das von allen Versi­cherten gleichermaßen genutzt werden kann, wird in einer halbjährlich erscheinenden Broschüre kommuniziert und intensiv beworben. Durch qualitativ hochwertige Kursangebote und Beratungen in den Bereichen Ernährung, Bewegung, Entspannung/Stressbewältigung, mit den Programmen zur Raucherentwöhnung leisten die AOK-Präventionsfachkräfte einen wichtigen Beitrag für die Gesund­heitsvorsorge von Männern. Dabei wechseln die Themenschwerpunkte je nach Saison, z.B. „Frisch in den Frühling“, Aktiv in den Sommer“, „Stark in den Herbst“ und „Entspannt in den Winter“, in denen gezielte Angebote aus den verschiedenen Bereichen besonders vorgehalten werden. Die Gesund­heitsangebote werden von der AOK Baden-Württemberg selbst mit eigenen qualifizierten Präventi­onsfachkräften bzw. in Kooperation mit Sportverbänden und –vereinen sowie Volkshochschulen an­geboten. Die AOK Angebote sind für AOK-Versicherte exklusiv und kostenfrei. Der finanzielle Ge­genwert der Angebote liegt bei bis zu 1.700,-Euro. Darüber hinaus fördert die AOK Baden-Württemberg das gesunde Verhalten ihrer Versicherten und übernimmt bei regelmäßiger Teilnahme an bestimmten Angeboten ausgewählter Partner einen Teil der Kursgebühren bis zu 100,-Euro. Die AOK Baden-Württemberg beteiligt sich an den Kosten ausgewählter Präventionsangebote bzw. aus­gewählter Präventionspakete, z.B. bei den Mountainbike Wochenenden vom Württembergischen Radsportverband (WRSV) und AOK, den AOK/Schwäbischer Turnerbund/Badischer Turnerbund – Fit-und Aktiv-Wochen sowie bei Gesundheitsreisen in Kooperation mit DERTOUR Wellnesswelten 2009 und Angeboten der METTNAU Klinik in Höhe von 150,-Euro pro Jahr und Versicherten. Die Teilnahme an den AOK-Gesundheitsangeboten und an den Angeboten der Kooperationspartner wird mit geldwerten Prämienpunkten bei Teilnahme am Prämienprogramm ProFit belohnt. Beispiele für AOK Gesundheitsangebote und Gesundheitskurse:

  • Individuelle Ernährungsberatung
  • Gewichtsreduktionskurse für Erwachsene
  • Angebote zur gesunden Ernährung (Vermeidung von Mangel-und Fehlernährung) „AOK- KochWerkstatt“
  • Bewegungsberatung
  • Ausdauer-Angebote zur Stärkung der Herz-Kreislauf-Funktion, wie z.B. „Nordic-Walking“, „AOK­ Cardio-Training“ mit Pulssteuerung und „AOKCardioFit“
  • Rückenprogramme und weitere Bewegungsangebote, wie z.B. das „Sanfte Rückentraining“
  • Kombinationsangebote zu gesunder Ernährung/Bewegung/Entspannung
  • „Stressbewältigung“ als AOK-eigene Angebote oder in enger Kooperation mit den Volkshoch­schulen, hier z.B. „Yoga“, Quigong“ oder „Tai Chi“
  • Raucher-Entwöhnungs-Angebote, u.a. Beteiligung an der Kampagne „Rauchfrei“
  • Angebote zur Allergieprävention/für Allergiker (z.B. spezielle Ernährungsberatung)
  • Ernährungsberatung/-kurse für Patienten mit spezifischen Erkrankungen (Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Rückenerkrankungen u.a.)
  • Bewegungsangebote für Patienten mit spezifischen Erkrankungen (Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Rückenerkrankungen)
  • AOK-RückenKonzept als spezielles Präventionsangebot
  • Spezielle Ernährungs- und Bewegungsangebote für Ältere

A2 Gehen Sie in Ihren Berichten auch speziell auf das Thema Männergesundheit ein und wenn ja, in welcher Form?

Das Thema geschlechtsspezifische Versorgung ist Teil der Berichte der AOK Baden-Württemberg zu den Volkskrankheiten, DMP-Berichten, in sogenannten Leistungsanalysen zu koronaren Herzerkran­kungen und Herzinsuffizienz, in den Verordnungsspiegeln zur Pharmakotherapie und in den Präven­tionsangeboten mit entsprechender medialer Berichterstattung.

A3 Weisen Sie in Gesprächen mit politisch Verantwortlichen auf die Notwendigkeit der Betrachtung von Männergesundheit hin und wenn ja, in welcher Form?

Die geschlechterbezogene Betrachtung zu Gesundheits-und Krankheitsthemen ist integraler Be­standteil der Kommunikation der AOK Baden-Württemberg z.B. bei Gesprächen mit Arztverbänden und Fachverbänden beginnend bei Jungen und Mädchen und über alle Altersklassen hinweg.

M1 Setzen Sie sich für einen Männergesundheitsbericht ein und wenn ja, in welcher Form?

Einen kompletten Gesundheitsbericht über alle Altersklassen, Schichten, Berufe, Krankheiten, soma­tische und psychosoziale Risikofaktoren usw. zu verfassen ist sehr aufwändig und existiert bisher weder für Männer noch für Frauen. Allerdings verfolgt die AOK Baden-Württemberg die wissenschaft­liche Entwicklung über das Robert Koch-Institut, Statistische Bundesamt, die Leitlinienentwicklung zu Krankheiten, zur Medikation, zur Prävention über Fachverbände und Literatur.

M2 Setzen Sie sich für die Führung einer Männergesundheitsdatenbank ein und wenn ja, in welcher Form?

Nein.

J1 Wird in Ihrer Krankenkasse Jungengesundheit thematisiert (z.B. durch spezielle Vorträge und In­formationsmaterialien zu Jungengesundheitsthemen)? Nennen Sie bitte einige Beispiele.

Nein.

R1 Übernimmt Ihre Krankenkasse die Kosten für ärztlich verordneten Rehabilitationssport in Gruppen unter ärztlicher Betreuung und Überwachung, einschließlich Übungen, die der Stärkung des Selbst­bewusstseins dienen, für behinderte oder von Behinderung bedrohte Jungen und Männer ebenso wie für Frauen und Mädchen?

Die AOK Baden-Württemberg übernimmt die Kosten für ärztlich verordneten Rehabilitationssport im Rahmen des gesetzlichen Auftrags.

R2 Übernimmt Ihre Kasse auch für Männer die Kosten einer Perücke, wenn aus therapeutischen oder krankheitsbedingten Gründen dem Kunden die Haare ausfallen?

Die Kosten für eine Perücke für Männer werden in Ausnahmefällen wie z.B. bei entstellenden Verän­derungen (z.B. narbig deformierte Kopfhaut, krankheitsbedingter plötzlicher Haarausfall) übernom­men.

F1 Gibt es bei Ihrer Krankenkasse spezielle Maßnahmen zur Information von Männern über „Frauen­krankheiten“, die auch Männer betreffen können und wenn ja, welche Maßnahmen sind bzw. welche Krankheiten betrifft dies?

Im Rahmen der Kursangebote zur Ernährung wird das Thema Alkohol aufgegriffen, denn v.a. Bier ist durch die östrogenartigen Inhaltsstoffe ein Promoter für Brustkrebs auch bei Männern. Das Thema geschlechtsspezifische Beratung spielt zudem im DMP koronare Herzerkrankheit bzw. in Curaplan eine wichtige Rolle, d.h. diagnostische und pharmakotherapeutische Unterschiede werden integriert (s. aktuelles DMP-Handbuch, Verträge usw.).

F2 Gibt es bei Ihrer Krankenkasse spezielle Maßnahmen zur Information von Ärzten über „Frauen­krankheiten“, die auch Männer betreffen können und wenn ja, welche Maßnahmen sind bzw. welche Krankheiten betrifft dies?

Nein.

P1 Wird von Ihrer Krankenkasse der PSA-Test im Rahmen der üblichen Prostatafrüherkennungsun­tersuchung bezahlt und wenn ja, unter welchen Rahmenbedingungen (z.B. Bonussystem usw.)?

Der PSA-Test wird bei Vorliegen eines Verdachts auf Prostatakarzinom und zur Verlaufskontrolle bei Prostatakarzinom übernommen. Die AOK betreibt zu diesem Thema eine Beratungsplattform unter www.psa-entscheidungshilfe.de .

P2 Wird von Ihrer Krankenkasse eine Da Vinci® Prostatektomie bezahlt?

Die AOK Baden-Württemberg bezahlt die regulären Fallpauschalen, die für Prostataektomien je nach Erkrankungsschwere errechnet sind: M09A,B, M60A,B,C, evtl. M11Z bei Lasertherapie, M07Z bei Brachytherapie.

P3 Unterstützen Sie die Verbesserung der Prostatakrebsfrüherkennungsmethoden und wenn ja, durch welche Maßnahmen?

Die AOK betreibt die bereits weiter oben genannte Beratungsplattform www.psaentscheidungshilfe.de .

H1 Gibt es bei Ihrer Krankenkasse Maßnahmen zur Verbesserung der Information über Hodenkrebs und dessen Selbstuntersuchung bei jungen Männern oder männlichen Jugendlichen und wenn ja, in welcher Form?

Eine „offizielle“ Früherkennungsuntersuchung für die eher seltene Erkrankung Hodenkrebs gibt es nicht (ca. 2600 Neuerkrankungen/Jahr im Vergleich zu Brustkrebs mit etwa 20.000 Neuerkrankun­gen/Jahr). Aufklärungsberichte zur Selbstuntersuchung im Sinne von regelmäßigem Abtasten auf Frühzeichen erfolgen immer wieder in AOK-Print-Medien. Zur Unterstützung der psychosozialen Be­wältigung v.a. bei Krebserkrankungen steht selbstverständlich auch den männlichen AOK-Versicherten der Soziale Dienst der AOK Baden-Württemberg vor Ort zur Verfügung, deren Mitarbei­ter zudem mit der „Weiterbildung psychosoziale Onkologie“ speziell und umfassend geschult wurden.

V1 Stellen Sie Vätern auch Listen von Kureinrichtungen zur Verfügung, die Vater-Kind-Kuren durch­führen?

Hilfestellung bei der Recherche nach einer geeigneten Einrichtung erhalten die Versicherten der AOK Baden-Württemberg bei Bedarf im Rahmen des persönlichen Beratungsgesprächs. Die Praxis zeigt jedoch, dass die Versicherten sich meist im Vorfeld bereits über die Einrichtungen informiert haben und ein entsprechender Beratungsbedarf oftmals nicht besteht.

V2 Achten Sie bei Ihrer Kooperation mit Kureinrichtungen darauf, dass diese bei Vater-Kind-Kuren auch auf die speziellen Bedürfnisse von Vätern eingehen und wenn ja, welches sind dabei Ihre Krite­rien?

Versorgungsverträge werden gemäß § 111a SGB V zwischen den jeweiligen Einrichtungen und den Landesverbänden der Krankenkassen und den Ersatzkassen gemeinsam und einheitlich geschlos­sen. Die Kriterien zur Beurteilung der Konzepte (in denen die Kliniken unterschiedliche Schwerpunkte setzen können) und zur Zulassung zur Versorgung sind somit bei allen Kassen identisch.

V3 Gibt es bei Ihnen pauschale Ablehnungen von Vater-Kind-Kuren?

Die AOK Baden-Württemberg lehnt weder Anträge auf Mutter-Kind-Kuren noch Anträge auf Vater­Kind-Maßnahmen pauschal ab. Väter erhalten eine Vater-Kind-Maßnahme, wenn diese medizinisch erforderlich ist. Sie ist dann indiziert, wenn die Voraussetzungen für eine Vorsorge-bzw. Rehabilitati­onsmaßnahme mit den besonderen Ausprägungen für eine Vater-Kind-Maßnahme vorliegen. Dies wird in jedem Einzelfall unter Einbezug aller vorliegenden Informationen beurteilt – hierbei wird immer auch ein persönliches Beratungsgespräch des Sozialen Dienstes der AOK Baden-Württemberg mit den Versicherten angestrebt.

V4 Wird bei Anträgen auf Vater-Kind-Kuren grundsätzlich zuerst versucht, auf ambulante Behandlung zu verweisen?

Eine Mutter-/Vater-Kind-Maßnahme ist eine komplexe Form der Rehabilitation, bei der vor allem die familiären Lebenszusammenhänge (Kontextfaktoren) mit einbezogen und die besonderen Belastun­gen durch die familiäre Situation mit behandelt werden. Ambulante Behandlung kommt bei diesen komplexen Anforderungen nicht in Frage. Steht jedoch die zu behandelnde Erkrankung in keinem Zusammenhang mit der familiären Belastungssituation und/oder Erziehungsrolle kann auch eine an­dere Form der Behandlung notwendig (indikationsspezifische Rehabilitation) sein. Sind die Kriterien für eine Vorsorge-oder Rehabilitationsmaßnahme nicht erfüllt, sind auch andere Maßnahmen denk­bar. Die für den Einzelfall notwendige Maßnahme wird im Rahmen des persönlichen Beratungsge­sprächs gemeinsam mit dem Versicherten festgelegt. Hierbei wird oftmals der Soziale Dienst der AOK Baden-Württemberg mit einbezogen.

V5 Muss ein Vater bei der Beantragung (im Gegensatz zu einer Mutter) bei einer begleitenden Vater­Kind-Kur erst glaubhaft darstellen können, dass er schwerpunktmäßig das Kind versorgt und/oder eine Begleitung durch die Mutter aus familiären Gründen (Geschwisterkinder sind zu versorgen) oder aus beruflichen Erwägungen heraus nicht möglich ist?

Eine Mutter-/Vater-Kind-Maßnahme hat immer ein besonderes Profil. Im Vordergrund steht dabei immer die Gesundheit der Mutter bzw. des Vaters. Bei den komplexen medizinischen Vorsorge-bzw. Rehabilitationsangeboten für Mütter bzw. Väter werden die Kontextfaktoren, die geschlechtsspezifi­schen Aspekte von Gesundheit und Krankheit sowie die psychosoziale Problemsituation berücksich­tigt. Im Beratungsgespräch wird gemeinsam mit dem Versicherten die optimale Lösung erarbeitet. Zudem werden die Versicherten auch über Leistungen, die neben der stationären medizinischen Vor­sorge bzw. Rehabilitation erbracht werden können, beraten. Unterschiede in den Zugangsvorausset­zungen, Anforderungen und Beratungen von Männern und Frauen existieren nicht.

V6 Bezahlt Ihre Krankenkasse einen Geburtsvorbereitungskurs auch für den Partner der schwange­ren Frau?

Die Kosten eines Geburtsvorbereitungskurses dürfen von gesetzlichen Krankenkassen nicht über­nommen werden, da die Geburtsvorbereitung ausschließlich für die schwangere Frau medizinisch notwendig ist. Der Partner kann jedoch den Kurs auf eigene Kosten mitmachen.

T1 Werden bei Ihrer Krankenkasse die Belange und Anliegen speziell von Trennungs-und Schei­dungsmännern berücksichtigt und wenn ja, durch welche Maßnahmen?

Der Soziale Dienst der AOK Baden-Württemberg bietet vor Ort Orientierungshilfe z.B. bei psychoso­zialen Problemen, auch bei Depressionen, Arbeitsunfähigkeit usw. und vernetzt gezielt Hilfsangebote im Sinne eines Case-Managements.“

BKK Demag-Krauss-Maffei
A1 ja, Information und Aufklärung über Broschüren, dem Internet und der eigenen BKK-Zeitschrift (Info-Line) -im Weiteren werden wir diese als Info-Medien bezeichnen. Wir schaffen zusätzlich Anrei­ze über ein Bonus-Programm mit der Möglichkeit, Sach-oder Geldwerte zu erhalten. A2 ja A3 nein M1 nein M2 nein J1 ja, U 10 und 11, im Rahmen von Sondervereinbarungen, Vorsorgeprogramm “Baby & Co” R1 ja R2 ja, im Einzelfall F1 ja, z. B. Brustkrebs über die Info-Medien F2 nein P1 ja im Rahmen des o. g. Bonus-Programms P2 nein P3 ja über die Info-Medien H1 ja über die Info-Medien V1 ja V2 ja V3 nein V4 nein V5 nein V6 nein (wird derzeit aber geprüft) T1 speziell nicht, aber die Belange finden Berücksichtigung z. B. bei Vater-Kind-Kuren.“

Quellenangaben

[1] Thomas Altgeld “Männergesundheit” [2004]; Beitrag von Martin Merbach, Elmar Brähler “Daten zu Krankheiten und Sterblichkeit von Jungen und Männern”; Verlag Juventa S.69

[2] Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung – DIW: Wirtschaftliche Aspekte der Märkte für Gesundheitsdienstleistungen, Berlin, Oktober 2001

[3] Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung – DIW

[4] Homepage Statistisches Bundesamt Abruf 06.02.2009

[5] J. Lademann, P. Kolip u. M. v.: B. Deitermann, J. Bucksch, M. Schwarze: Gesundheit von Frauen und Männern im mittleren Lebensalter, Robert Koch-Institut, Berlin 2005, S.54

[6] Homepage www.fachdidaktik-gesundheit.de Abruf 15.01.09 (Link  nicht mehr gültig!)

[7] OLG Hamm mit Urteil vom 24.07.2008 (Az.: 4 U 82/08)

[8] Brief des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend vom 07.02.2002 an die Initiative “Männergesundheitsbericht”

[9] M. Stiehler in “Männerleben und Gesundheit, Juventa Verlag Weinheim und München 2007, S. 284

[10] Quelle der Daten des Beitrags: G. Neubauer: “Wie geht´s den Jungs? Jungengesundheit und Aspekte einer jungenbezogenen Gesund­heitsförderung” in Blickpunkt DER MANN 2003; 1: 24?8.

[11] www.menshealth.de Abruf 23.12.08

[12] www.bild.de Abruf 23.12.08 (Link  nicht mehr gültig!)

[13] gesundheitpro.de Abruf 23.12.08 (Link  nicht mehr gültig!)

[14] Umfrage der “formula Müller-Wohlfahrt Health Research Group”

[15] Mediendienst PDF Dokument Abruf 29.12.08 (Link  nicht mehr gültig!)

[16] Früherkennungsbroschüre Bundesverband Prostatakrebs Selbsthilfe “Prostatakrebs Patienteninformation” S.4

[17] www.prostata.de Abruf 23.12.08

[18] www.prostata.de Abruf 23.12.08

[19] www.bmg-bund.de Abruf 23.12.08

[20] Uni-Klinik Saarland Abruf 23.12.08 (Link  nicht mehr gültig!)

[21] www.rp-online.de Abruf 10.07.09

[22] Haus Thomas Morus

[23] Beitrag von Prof. Göschel zum 11. Kongress Armut und Gesundheit in Berlin am 18. und 19. November 2005: “TRENNUNG UND SCHEIDUNG als GESUNDHEITSRISIKO FÜR DIE MÄNNER IN DEN REGIONEN DEUTSCHLANDS: ÜBERLEGUNGEN ZU EI­NER PRÄVENTIONSSTRATEGIE”

[24] Vgl. Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Gesundheitsbericht für Deutschland”, Wiesbaden 1998, S. 23

[25] www.w-h-c.de Abruf 18.06.09

[26] www.masgf.brandenburg.de Abruf 11.03.09

[27] www.w-h-c.de Abruf 18.06.09

[28] www.lgl.bayern.de

[29] Statistisches Bundesamt/Pressemitteilung Nr.203 vom 28.05.2009

[30]/www.gesundheit-nds.de Abruf 22.06.09

[31] www.schleswig-holstein.de Abruf 17.06.09

[32] www.dresden.de Abruf 17.06.09

[33] www.loegd.nrw.de Abruf 22.06.09 (Link nicht mehr gültig)

[34] www.maenner-checkup.de Abruf 17.06.09

[35] www.lvg-mv.de S.27

[36] www.lvg-mv.de Abruf 16.06.09

[37] www.bzga.de Abruf 14.01.09

[38] DAK Abruf 30.06.09

[39] Techniker Krankenkasse Abruf 11.03.09

[40] Knappschaft Abruf 11.03.09

[41] BKK-Mobil-Oil Abruf 15.07.12, aktuell nicht mehr verfügbar

[42] Süddeutsche Zeitung Abruf 13.03.09

[43] DAK Abruf 15.07.12 (Link  nicht mehr gültig!)

[44] BKK-Mobil-Oil Abruf 15.07.12

[45] BKK-Mobil-Oil Abruf 15.07.12

[46] AOK Abruf 15.07.12 (Link  nicht mehr gültig!)