MANNdat im Gespräch mit Mario Lichtenheldt

von MANNdat

Mario Lichtenheldt, Autor von „un-heil: Vorhaut, Phimose & Beschneidung“, in einem Gespräch mit MANNdat zur aktuellen Debatte rund um das Kölner Beschneidungsurteil.

MANNdat e.V.: „Herr Lichtenheldt, diesen März veröffentlichten Sie Ihr Buch „un-heil: Vorhaut, Phimose & Beschneidung‘, in dem Sie Aufklärung betreiben über Nutzen und Funktion der männlichen Vorhaut, sowie über herrschende Unkenntnis und Vorurteile bezüglich der Praxis männlicher Beschneidungen. Dies ist ja nicht gerade ein alltägliches Gesellschaftsthema. Wie kamen Sie dazu, dieses Buch zu schreiben?

Mario Lichtenheldt: Ganz allgemein interessiere ich mich schon seit jeher für Tabuthemen, vielmehr aber noch für die Menschen dahinter, die ins Abseits gedrängt werden, weil andere meinen, in irgendeiner Weise etwas „Besseres“ zu sein. Beispiele: Prostitution, Strafgefangenenfürsorge, verheimlichte Schwangerschaft, Kindstötung, bei der die „Täterinnen“ fast immer auch und ZUERST Opfer sind, Mobbing, religiöser Fundamentalismus und eben Genitalverstümmelung – bei beiden Geschlechtern. Ich sage ganz bewusst Genitalverstümmelung, zum einen, weil nach meiner Ansicht JEDER medizinisch nicht indizierte Eingriff an den Genitalien insbesondere von Kindern eine Verstümmelung ihres natürlichen Zustandes und ihrer natürlichen Funktionen darstellt, zum anderen, weil ich selbst einer DER Betroffenen von Beschneidung bin, den es nach offizieller Lesart gar nicht geben dürfte, nämlich einer, der den Eingriff und seine Folgen als nachteilig und ganz persönlich als Verstümmelung wahrnimmt.

Der ganz konkrete Entschluss, mich aktiv den Tabuthemen Phimose und Beschneidung zu widmen, entstand aber im Jahre 2006. Damals starb in Hamburg ein kleiner Junge, weil nach seiner medizinisch völlig unsinnigen Beschneidung gleich mehrere katastrophale Ärztefehler passiert sind, die den 4-jährigen schließlich das Leben kosteten. Was mir dabei auffiel war, dass trotz des großen medialen Interesses offenbar niemand Anstoß daran nahm, dass die gesamte Behandlung (sprich: Beschneidung) VON ANFANG AN unnötig, weil medizinisch nicht indiziert war. Die Tatsache interessierte weder die Presse noch die Justiz, ebensowenig wie die nach dem Tod des Jungen erfolgten äußerst befremdlichen Versuche, seine Mutter mundtot zu machen.

Der Fall dieses kleinen Jungen verdeutlicht zudem ein Phänomen, das man etwa in den USA schon lange kennt, dass nämlich ein Kind ALS FOLGE seiner völlig unnötigen Beschneidung stirbt, die Beschneidung aber nicht todesursächlich ist und somit weder in der Statistik noch in der öffentlichen Wahrnehmung überhaupt auftaucht. Der „gute Ruf“ der „kleinen, harmlosen OP“ bleibt unangetastet, obwohl das Opfer ohne die Beschneidung noch leben würde. Weltweit sterben Jungen so – sie verbluten, sterben an Infektionen usw. – nur nicht durch Beschneidung, denn die war ja schon vorher. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, erfährt die Öffentlichkeit zwar alles Mögliche über Jungenbeschneidung, aber nicht die Wahrheit.

MANNdat e.V.: „Wenn man Ihr Buch liest, merkt man sehr schnell, dass Ihnen Jungen und deren Bedürfnisse sehr am Herzen liegen. Ein Kapitel gibt z. B. sehr warmherzig eine Hilfestellung für eine Art Aufklärungsgespräch mit dem Jungen über seinen Penis und die Vorhaut, sowie den Umgang mit Fragen oder Ängsten des Kindes. Werden Kinder Ihrer Erfahrung nach heute zu wenig über ihren Körper aufgeklärt?“

Mario Lichtenheldt: Zu wenig und mitunter sogar falsch. Zum Thema Phimose und Beschneidung, das ja eine große Zahl von Jungen direkt betrifft, hält sich der Informationswert sowohl der schulischen Sexualaufklärung wie auch der einschlägigen Materialen etwa der BZgA sehr in Grenzen.

Jungen, die in Deutschland von Phimose oder anderen Vorhautproblemen betroffen sind, erwarten Informationen darüber, OB bei ihnen ÜBERHAUPT ein Behandlungsbedarf besteht und WENN JA, welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt. Dabei ist es das ganz natürliche Bestreben dieser Jungen, zuallererst nach Lösungen zu suchen, die ihnen eine Beschneidung ersparen. Mit anderen Worten:

Jungen suchen nach ALTERNATIVEN zur Beschneidung!

Sie möchten intakt bleiben, möchten ihre Vorhaut behalten! Und was bekommen sie? Liest man sich z. B. die Aufklärungsmaterialien der BZgA durch, läuft die „Aufklärung“ immer auf das Gleiche hinaus, was man ungefähr so zusammenfassen könnte: „Eine Vorhautverengung nennt man Phimose. Sie wird durch eine kleine harmlose Operation beseitigt. In bestimmten Kulturen oder in Amerika werden Jungen aus religiösen oder hygienischen Gründen beschnitten.

Was soll das denn sein? Aufklärung?

Die Jungen bekommen Antworten auf Fragen, die sie gar nicht gestellt haben, nicht aber auf die Fragen, die ihnen auf den Nägeln brennen! Und so sieht die gesamte Sexualaufklärung aus, auch die von Mädchen, wenn es um die Sexualität und Sexualanatomie von Jungen geht.

Zu einer löblichen Ausnahme scheint sich hier die Jugendzeitschrift „BRAVO“ zu entwickeln. Insbesondere zu den Themen Vorhaut, Phimose und Beschneidung hat sich dort in den letzten Jahren vieles getan in Richtung umfassende, zeitgemäße Aufklärung.

Ansonsten weichen Jugendliche mit ihren Fragen eben einfach aus – in die Niederlande zum Beispiel, die uns in Sachen Sexualaufklärung offenbar deutlich voraus sind. Hilde van der Ploeg ist mittlerweile auch in Deutschland ein Begriff. Unter dem etwas provokanten Titel „Sexwörterbuch.info“ betreibt sie seit Jahren Sexualaufklärung im Internet – offen, ehrlich und umfassend.

MANNdat e.V.: „In Ihrem Buch gehen Sie auf die sowohl in Deutschland als auch weltweit praktizierten, teilweise extrem brutalen Methoden oder besser ‚Rituale‘ der Beschneidung ein. Im gesellschaftlichen Diskurs ist dies ja immer noch ein großes Tabuthema, an dem Sie da rütteln. Welche Reaktionen haben Sie bisher zu Ihrem Buch erhalten?“

Mario Lichtenheldt: Eines ist jetzt schon sicher: Dieses Buch war dringend nötig!

Die Reaktionen bisher beziehen sich aber weniger auf die extremen Praktiken, wie etwa die im Buch erwähnten Riten bei Naturvölkern, die Beschneidung eines Jungen mittels eines Heißschneidegerätes oder die brutale Fesselung eines anderen Jungen in einer schraubstockähnlichen Vorrichtung, die von der französischen Nachrichtenagentur AFP fotografisch dokumentiert wurden.

Die Reaktionen beziehen sich vielmehr und erwartungsgemäß auf das Geschehen hier in Deutschland.

Da schreiben Mütter kleiner Jungen, bei denen eine Beschneidung unmittelbar bevorsteht, dass sie über alternative Behandlungsansätze wie etwa Salben, sanftes Dehntraining oder plastische, vorhauterhaltende OP-Methoden überhaupt nicht aufgeklärt wurden.

Andere schreiben, sie seien jetzt verunsichert, da ihnen der Arzt zwar dringend zur OP geraten habe, Sohnemann aber absolut kein Problem mit seiner engen Vorhaut hat – sie ist einfach nur eng und noch nicht zurückstreifbar, ansonsten aber gesund. Laut Buch ist das bei einem drei-, vier- oder auch achtjährigen Jungen kein Grund für einen Eingriff, laut Onkel Doktor aber schon, und zwar sofort! Wem soll die besorgte Mutter glauben?

Nachdenklich machen mich Zuschriften, in denen erwachsene Männer, die im Kindesalter beschnitten wurden, zum ersten Mal überhaupt darüber reden, was die Beschneidung bei ihnen angerichtet hat, die Rat und Hilfe suchen und denen ich dann sagen muss: Es gibt in Deutschland keinen Arzt, Psychologen oder Sexualtherapeuten, der auf derlei Probleme spezialisiert ist, weil es diese Probleme offiziell gar nicht gibt, nicht geben darf!

Und hier kommt dann auch jene, zeitweise offenbar als „Therapie“ falsch verstandene Brutalität zur Sprache, mit der kleinen Jungen die Vorhaut regelrecht losgerissen und mit einem extrem schmerzhaften Ruck hinter die Eichel geschoben wird. Unter jedem anderen als dem medizinischen Blickwinkel würde man ein solches Vorgehen als schweren sexuellen Missbrauch eines Kindes betrachten.

Schließlich gibt es gar nicht betroffene Eltern, Eltern, deren Söhne bereits beschnitten wurden und erwachsene Männer, die als Kind beschnitten wurden. Sie alle bieten an, aus ihren eigenen negativen Erfahrungen heraus etwas tun zu wollen, damit anderen Jungen die sinnlose und alles andere als „harmlose“ OP samt ihren Folgen erspart bleibt.

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