MANNdat im Gespräch mit Mario Lichtenheldt

von MANNdat

MANNdat e.V.: „Das Thema männliche Vorhaut ist nach wie vor gesellschaftlich mit viel Unkenntnis behaftet. Vielfach verbreitet ist immer noch der Irrglaube, die Vorhaut sei eh nur ein nutzloses Stück Hautlappen, die Beschneidung daher vergleichbar mit einer Blinddarmentfernung. Worin liegen Ihrer Meinung nach die Ursachen dafür?“

Mario Lichtenheldt: Wir haben es hier mit einem Gemenge aus überlieferten Irrtümern, Halbwahrheiten und bewusst gestreuten Lügen zu tun, die sich im Laufe vieler Jahrzehnte, ja Jahrhunderte ins Gedächtnis von Generationen eingebrannt haben. Aktuell kommt dazu, wie schon gesagt, eine völlig unzureichende, oberflächliche Sexualaufklärung von Jungen, die in der Regel nichts über Struktur, Funktionen und Nutzen ihrer Vorhaut erfahren. Und dann glauben sie eben solch dümmliche „Argumente“, die Vorhaut sei ein Relikt aus der Urzeit und werde heute nicht mehr benötigt.

Man muss einfach schauen, welche Ziele man in Vergangenheit und Gegenwart mit der Entfernung der Vorhaut verfolgte bzw. noch verfolgt:

Da haben wir zum einen religiöse Motive. Die Vorhaut bzw. ihre Entfernung als religiöses Symbol bedarf – so ihre Verfechter – eigentlich keiner rationalen Begründung. In einer Zeit, in der denkende Menschen nun aber damit begonnen haben, selbst uralte Traditionen kritisch zu hinterfragen, kommt es schon ganz recht, wenn man argumentieren kann, die Vorhaut sei nutzlos, ja womöglich sogar schädlich.

Die Beschneidung von Jungen im prüden Amerika des 19. und frühen 20. Jahrhunderts hatte weder religiöse noch medizinische Gründe. Es ging dort vor allem darum, die als unmoralisch, unsauber und schädlich empfundene Selbstbefriedigung von Jungen (und zeitweise auch von Mädchen) mit Gewalt und unter höllischen Schmerzen unmöglich zu machen, zu erschweren und/oder zu bestrafen. Zu diesem Zweck erfand man allerlei Geräte, vor allem aber Krankheiten und Gebrechen, die durch Masturbation hervorgerufen worden sein sollten – und alles nur, weil Jungen ihre Vorhaut sozusagen als „Vagina-Ersatz“ benutzen können.

Später wurde die Vorhaut zum medizinischen Problem. Je nach Zeitgeist war sie nun Hort und Angriffsfläche für Geschlechtskrankheiten, Krebs oder AIDS, wobei jedoch niemand auf die Idee kam, dass die ähnlich strukturierten Schamlippen und diverse Hautfalten im Intimbereich der Frau dann ja prinzipiell ähnlich „gefährlich“ sein müssten. Allein dieses Argument hätte jedem einigermaßen klar denkenden Menschen den ganzen Aberwitz der „schädlichen Vorhaut“ vor Augen geführt.

Es folgten hygienische „Argumente“ pro Beschneidung, die nüchtern betrachtet aber auch wieder nicht greifen, weil man selbige dann ja auch für die weiblichen Genitalien gelten lassen müsste.

Auf dem bisherigen Höhepunkt dieser Entwicklung ist die Vorhaut neugeborener Jungen heute sogar zu einer Art „Goldesel“ mutiert. Die Pharmaindustrie in Amerika macht satte Gewinne mit aus Babyvorhaut hergestellten Kunsthautprodukten und ist angesichts der sich formierenden Elternproteste gegen die dort gängige Routinebeschneidung höchst beunruhigt, bangt sie doch um ihren profitablen Nachschub.

Es gibt also sehr viele Gründe, die Vorhaut als nutzlos oder sogar schädlich darzustellen und Jungen über diesen scheinbar unwichtigen Körperteil dumm zu halten oder zumindest im Unklaren zu lassen. Dass dies in Deutschland mit Absicht geschieht, glaube ich aber eher nicht. Hier ist es wohl eher Bequemlichkeit oder Oberflächlichkeit. Da wird eine Werbeagentur damit beauftragt, Flyer zur Sexualaufklärung zu erstellen. Man schreibt irgendwas ab oder um, das man irgendwo gelesen hat. Und schon wird Jungen anno 2012 Wissen aus den 1970er Jahren als „neu“ vermittelt.

MANNdat e.V.: Eltern werden laut Ihren Ausführungen generell viel zu wenig über Risiken einer Beschneidung aufgeklärt und über andere mögliche, Vorhaut erhaltende Behandlungsmöglichkeiten zu wenig bis gar nicht informiert. Sind unsere Ärzte einfach nur unzureichend über mögliche schonendere Behandlungsformen geschult oder hat dies womöglich Methode?

Mario Lichtenheldt: Zu sagen, das habe Methode, würde m. E. zu weit gehen, weil es allen in derartige Behandlungen involvierten Ärzten pauschal und von vorne herein unredliches Handeln unterstellen würde. Ich denke, es ist wie überall: Einige „schwarze Schafe“ beflecken den weißen Kittel der gesamten Ärzteschaft. Was sich die Ärzteschaft insgesamt aber als Versagen anrechnen lassen muss ist die Tatsache, dass sie sich gegen solche Nestbeschmutzer nicht wehrt.

Und ja, ich bin absolut der Meinung, dass insbesondere Kinderärzte, aber z. B. auch Allgemeinmediziner, die ja die ersten Anlaufstellen für Eltern und Jungen sind, besser, zeitgemäßer informiert sein müssten, um wirklich umfassend und im Interesse der jungen Patienten aufklären zu können. Das betrifft sowohl die infrage kommenden Behandlungsmöglichkeiten und deren Angemessenheit als auch die möglichen unmittelbaren Komplikationen sowie die langfristigen Folgen einer Beschneidung.

Aber auch die Eltern selbst können etwas tun: Sie können sich Gehör verschaffen, indem sie beharrlich und notfalls unter Einbeziehung der zuständigen Ärztekammer darauf drängen, dass ihr Sohn von einem Arzt behandelt wird, dessen Qualifikation und dessen innere Einstellung zum Patienten, zum KIND, eine zeitgemäße Behandlung der – symptombehafteten – Phimose oder anderer Vorhautprobleme gewährleistet.

Man muss leider feststellen, dass unser gesamtes modernes Gesundheitswesen krankt – an kommerziellen Interessen nämlich, die dem Vorrang des Patientenwohls vor allen anderen Überlegungen allmählich den Rang ablaufen. Nicht zuletzt deshalb sollten Eltern IMMER aufmerksam sein, kritische Fragen stellen und auf eine umfassende Aufklärung drängen, wenn sie etwas nicht verstanden haben oder der Arzt z. B. aus Zeitgründen Druck macht.

MANNdat e. V.: Sie erwähnten einen Ihnen bekannt gewordenen Fall des Arztes, der sofort beschneiden wollte, ohne der Mutter überhaupt Alternativen aufzuzeigen. Kann ausgeschlossen werden, dass deutsche Ärzte und Kliniken am Kosmetik-Reibach mit Babyvorhäuten wie in den USA beteiligt sind?

Mario Lichtenheldt: Meines Wissens werden die aus Babyvorhaut gewonnen Kunsthaut- und Kollagenprodukte in den USA (Apligraf) und Großbritannien (Vavelta) hergestellt und von Deutschland für viel Geld importiert. Das würde ja kaum Sinn machen, wenn es im Inland ein womöglich kostengünstigeres „Angebot“ gäbe. Zudem ist die Beschneidung von Säuglingen unmittelbar nach der Geburt hierzulande (falls sie überhaupt vorkommt) die absolute Ausnahme. Verwertbar für die genannten Produkte sind aber nur Vorhäute NEUGEBORENER Jungen. Existentielle Voraussetzung derartiger Geschäfte ist also die hierzulande völlig unübliche Routinebeschneidung männlicher Säuglinge, so dass ich davon ausgehe, dass deutsche Ärzte hier nicht involviert sind.

MANNdat e.V.: „Gerade vor einigen Tagen hat das LG Köln erstmals die religiöse Beschneidung von Jungen als schwere Körperverletzung eingestuft und unter Strafe gestellt. Bisher echauffierten sich Politiker ausschließlich über weibliche Genitalverstümmelung, drängten sogar auf einen entsprechenden neuen, ausschließlich diese ächtenden Absatz in § 226 StGB. Jungen wurde hingegen bislang das Recht auf körperliche Unversehrtheit nicht zugestanden. Bringt dieses Urteil Ihrer Meinung nach nun die längst überfällige Wende?“

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