MANNdat im Gespräch mit Mario Lichtenheldt

von MANNdat

Als großes Ziel würde ich mir wünschen, dass die Menschen in naher Zukunft dahin kommen, dass sie jede medizinisch nicht notwendige Beschneidung von Jungen genauso selbstverständlich ablehnen wie etwa die körperliche Züchtigung von Kindern (Prügelstrafe), physische und psychische Gewalt in der Erziehung oder Kindesmissbrauch jeder Art.

Ich würde mir wünschen, dass die betroffenen Religionsgemeinschaften den zweifellos schmerzhaften Bruch, den das Kölner Urteil bedeutet, als Chance nutzen, ihre Praxis (nicht das für sie ganz sicher wichtige religiöse Symbol an sich) zu überdenken und Lösungen im Interesse der KINDER zu suchen, die einerseits dazu führen, dass die betroffenen Jungen etwa mit Erreichen der Volljährigkeit selbst über ihre Religionszugehörigkeit bzw. das Symbol der Beschneidung entscheiden können, und die andererseits ganz sicher zur Folge haben werden, dass die heute noch skeptische bzw. distanzierte Bevölkerung in diesem Lande wesentlich leichter JA zu Toleranz und interkulturellem Miteinander sagen kann.

Ich äußere dies ausdrücklich als persönlichen Wunsch. Ich maße mir nicht an, irgendjemanden zu belehren. Wenn Frau Roth meint, das Kölner Urteil „wirke ausgrenzend gegenüber der langen kulturellen und religiösen Tradition jüdischen und muslimischen Lebens“, dann kann ich dazu nur sagen: Hier soll niemand ausgegrenzt werden. Zu einem Miteinander unterschiedlicher Kulturen und Religionen gehört aber nun einmal, dass beide Seiten etwas dazu beitragen. Im Übrigen wird Unrecht durch Tradition noch lange nicht zu Recht.

Und Herrn Robbe darf ich darauf aufmerksam machen, dass die Beschneidung eines Jungen im Kindesalter ohne dessen Zustimmung ein massiver Eingriff in DESSEN Religionsfreiheit ist (und um IHN, den Jungen, geht es schließlich) und dass das Grundrecht der freien Religionsausübung an die Person und nicht etwa an eine Religionsgemeinschaft gebunden ist. Das ergibt sich beispielsweise aus Artikel 1 Grundgesetz („Die Würde des MENSCHEN ist unantastbar.“) oder § 1 BGB („Die Rechtsfähigkeit des MENSCHEN beginnt mit der Vollendung der Geburt“).

Bei der Frage der körperlichen Unversehrtheit reden wir von einem MENSCHENrecht, das zudem durch Artikel 24 der UN-Kinderrechtskonvention untermauert wird.

Was braucht es also, um Jungen zu ihrem Recht zu verhelfen?

Die Jungen, um die es hier im Wesentlichen geht, sind auf Gedeih und Verderb vom Handeln ihrer Eltern abhängig. Damit Eltern aber verantwortungsbewusst handeln können, müssen sie – ebenso wie ältere Jungen – informiert und aufgeklärt sein. Sie müssen wissen, verinnerlichen und sich ganz sicher sein, dass der Körper eines Menschen, so wie ihn die Natur (oder von mir aus auch Gott) geschaffen hat, richtig, gut, wertvoll und einzigartig ist. Nur wer über WISSEN verfügt, kann überhaupt kritische Fragen stellen! Hier sind die Eltern gefragt, die Schulen, aber auch die Öffentlichkeit und die Medien, insbesondere diejenigen, deren Zielgruppe Kinder und Jugendliche sind. Es kann nicht sein, dass Institutionen, die im öffentlich-rechtlichen Auftrag tätig sind, wie z. B. die BZgA, als „Quasi-Begründung“ für medizinisch zweifelhafte Beschneidungen auf religiöse Rituale verweisen, deren Rechtmäßigkeit spätestens nach dem Kölner Urteil nicht mehr gegeben ist.

Ich glaube nicht, dass das Kölner Urteil das Ritual der Beschneidung kurzfristig ändern oder gar abschaffen wird. Es kann aber dazu beitragen, dass Eltern und Würdenträger innerhalb der Gemeinschaft durch eine nun beginnende Aufklärung zum Nachdenken angeregt werden, damit eine Änderung vielleicht irgendwann von innen heraus geschehen kann. Ich bin mir sicher, dass in einer humanen Gesellschaft wie der unseren kein Weg an einer Änderung des Status Quo vorbeiführt. Einfach so weitermachen wie bisher – DER Zug ist abgefahren!

MANNdat e.V.: „In Ihrer offiziellen Stellungnahme zum Kölner Gerichtsurteil, welche wir u.a. auf unserer Homepage verlinkt haben, evaluieren Sie diverse, das Urteil vehement kritisierende Wortmeldungen verschiedener Persönlichkeiten aus Religionsverbänden. Beim Lesen fragt man sich bisweilen, welche teils hanebüchenen Begründungen da von gebildeten, erwachsenen Menschen zusammenkonstruiert werden, um ein bestehendes, faktisches Unrechts-Ritual zu legitimieren. Am Ende kommt (natürlich) mal wieder die Nazikeule und der süffisante Einwand, ‚jüdische und muslimische Religionen seien in diesem Land wohl doch nicht erwünscht‘. Von einem „nunmalig vierten Versuch in der Geschichte, jüdisches Leben auszurotten“, dem „Versuch, das Judentum zu töten“ und „Deutschland solle“ (bei seiner Vergangenheit) „sehr vorsichtig sein“, spricht da zum Beispiel der Rabbiner Yitshak Ehrenberg bei Anne Will in der ARD – verweigert sich aber selbst mehrfach jeglicher argumentativer Debatte über Alternativen. Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, bangt öffentlich, dass „dieses Urteil einmal zu Ende gedacht heißt, dass jüdisches Leben in Deutschland damit faktisch unmöglich würde“.

D.h. es wird mal wieder mit Verweis auf die deutsche Vergangenheit versucht, ein schlechtes Gewissen zu machen – was bei einigen Politikern anscheinend durchaus funktioniert, wie man an deren geradezu reflexartigen Wortmeldungen in dieselbe Kerbe feststellen muss. Sehen Sie eine Chance, dass wir hier kurzfristig aus dieser Spirale heraus kommen oder muss sich die Ächtung männlicher Beschneidung erst flächendeckend im Ausland durchsetzen, bis auch in Deutschland endlich ein Umdenken einsetzt?

Mario Lichtenheldt: Hanebüchene Bemerkungen – das ist wohl wahr.

Gestern las ich allen Ernstes einen Beitrag, in dem behauptet wurde, die Entfernung der Vorhaut diene der Förderung der menschlichen Fortpflanzung. Dieser geistige Erguss kam allerdings nicht von einem Akademiker, sondern von einem Krankenpfleger. Aber das nur am Rande.

Die Nazikeule und die beleidigte Leberwurst kommen immer dann zum Einsatz, wenn ihnen die Argumente ausgehen. Man sollte das nicht so ernst nehmen. Es ist beleidigend und unfair, zumal die heute lebenden Deutschen nun weiß Gott keine Verantwortung für das tragen, was vor 70 Jahren passiert ist. Es ist aber nun einmal passiert und daher sehe ich über solche primitiven Sticheleien stillschweigend hinweg.

Fakt ist: Deutschland ist – jedenfalls in seinem Westteil – seit mehr als 60 Jahren ein Rechtsstaat und in diesem RECHTsstaat muss es erlaubt sein, die Vereinbarkeit selbst jahrtausendealter Riten und Bräuche eben auf der Grundlage geltenden Rechtes, der Menschen- und Kinderrechte, aber auch vor dem Hintergrund von Aufklärung und Humanismus, kritisch zu hinterfragen und wenn nötig auf Änderungen hinzuwirken.

Im Übrigen bin ich nicht der Ansicht von Herrn Graumann und Herrn Ehrenberg, dass das Überleben der jüdischen Religion allein von der Beschneidung kleiner Jungen abhängt. Ich denke vielmehr, dass auch Religionen sich wandeln können und müssen, wollen sie nicht Gefahr laufen, in einer humanistischen Gesellschaft, deren Grundwerte die allgemeinen Menschenrechte sind, zu Randerscheinungen zu werden und sich quasi selbst auszugrenzen.

Dass man kurzfristig aus dieser Spirale herauskommen kann, bezweifle ich sehr. Was wir bräuchten, wäre eine von beiden Seiten mit gutem Willen geführte Diskussion, bei der auch beide Seiten bereit sind, ggf. Standpunkte zu überdenken. Die haben wir aber nicht.

Die Religionsgemeinschaften bzw. ihre offiziellen Vertreter lehnen jede Änderung des Status Quo bezüglich der Beschneidung minderjähriger Jungen kategorisch ab. In der von Ihnen angesprochenen Sendung mit Anne Will teilte der Vertreter der jüdischen Gemeinden von vorneherein mit, dass er zwar anwesend, aber nicht bereit sei, an der Diskussion teilzunehmen und er schloss mit den Worten „Wir machen weiter!“ Man erwartet vom Rechtsstaat Toleranz gegenüber einem Verhalten, für das jeder nicht religiös gebundene Bürger hart bestraft wird, ist aber nicht bereit, irgendetwas zur Entschärfung der Situation beizutragen. Wo und wie will man da ansetzen?

Ich habe keine Ahnung, wo das endet.

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