Ent-hüllt! Die Beschneidung von Jungen – Nur ein kleiner Schnitt?

von Dr. Bruno Köhler

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Am 12.12.2012 entschied der Deutsche Bundestag mit überwältigender Mehrheit, Körperverletzung an Jungen durch Beschneidung zu legalisieren. Innerhalb nur eines halben Jahres wurde ein Gesetz durchgepeitscht, das für Jungen die Grundrechte aus drei Artikeln des Grundgesetzes beschnitt. Betroffene wurden aus der Anhörung ausgegrenzt. Nun lässt ein neues Buch die Ausgegrenzten zu Wort kommen.

Clemens Bergner:
Die Beschneidung von Jungen – Nur ein kleiner Schnitt?

2015, Tredition (Selbstverlag), 17,90 Euro, Taschenbuch, 324 Seiten
ISBN-13: 978-3732340125

Eine Buchrezension von Dr. Bruno Köhler

„Man tut Kindern nicht weh – ohne Wenn und Aber“. So bringt es Mario Lichtenheldt in seinem Nachwort zu dem Buch auf den Punkt. Was vielen als Selbstverständlichkeit erscheint, sieht der Großteil der politisch Verantwortlichen im Deutschen Bundestag aber ganz anders. Am 12.12.2012 stimmten die Abgeordneten mit überwältigender Mehrheit für die Legalisierung von Körperverletzung an Jungen durch Bescheidung. Vorausgegangen war ein Beschluss des Kölner Landgerichtes vom Mai 2012, demzufolge die rituelle Beschneidung von Jungen dem Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit widerspricht. Im Eiltempo wurde daraufhin ein Beschneidungsgesetz innerhalb nur eines halben Jahres durchgepeitscht, mit dem Jungen ihre Grundrechte in sage und schreibe drei Artikeln beschnitten wurden, nämlich in Artikel 1 (Verpflichtung des Staates, die unantastbare Würde jedes Menschen zu schützen), in Artikel 2 (Recht auf körperliche Unversehrtheit für jeden Menschen) und in Artikel 3 (Recht auf Gleichberechtigung unabhängig vom Geschlecht).

Doch das Buch beginnt erst mal ganz überraschend, ganz anders, nämlich fulminant mit dem eigenen Selbstmordversuch des Autors. Spannend erzählt der Autor auf gut 50 Seiten, wie er versucht, die Ursachen seines Suizidwunsches zu ergründen. Er erkennt schließlich seine eigene Beschneidung als den eigentlichen Grund für seine Probleme. Der Autor zieht so den Faden von seinem Suizidversuch zum Kölner Landgerichtsurteil. Akribisch verfolgt Bergner den Prozess vom Urteil aus Köln bis zu Legalisierung von Körperverletzung von Jungen durch Beschneidung durch den Gesetzgeber. Und er verfolgt den Werdegang mit zunehmender Wut im Bauch, denn bei der Ausarbeitung des Eckpunktepapiers im September 2012 durfte die Betroffenenvereinigung MOGIS e.V. nicht anwesend sein. Ein Antrag der Partei „Die Linke“, eine Vertretung betroffener Männer im Vorfeld zur Anhörung im Rechtsausschuss einzuladen, wurde vehement abgelehnt, „namentlich vom Obmann der damaligen FDP-Fraktion im Bundestag, Dr. Stephan Thomae, sowie dem Obmann der Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen, Jerzy Montag.“ (Buch, S. 62).

Bergner wird durch diese Erfahrung von einem anfänglichen Befürworter zu einem hartnäckigen Kritiker der Beschneidung von Jungen ohne medizinische Indikation. Er will nun, fast drei Jahre nach dem Gesetz, die von der Politik ausgegrenzten Betroffenen doch noch zu Wort kommen lassen, mit der Hoffnung, mit seinem Buch dazu beizutragen, „dass sich das Bild vom ´harmlosen und nützlichen Eingriff´ wandelt und diese Operation als das gesehen wird, was sie ist: eine schwere Verletzung des männlichen Körpers, die das sexuelle Empfindungsvermögen des Penis grundsätzlich deutlich beeinträchtigt.“ (Buch, S. 72)

Deshalb kommen nach der eigenen Geschichte des Autors vor allem die Betroffenen selbst zu Wort. Dabei hat Bergner nicht einfach die einzelnen Aussagen aneinandergereiht. Er gliederte vielmehr das Buch nach verschiedenen Themen in eigenen Kapiteln und zitiert zu jedem Thema die betreffenden Aussagen, so dass der Leser sich auf konkrete Aspekte konzentrieren kann. Es werden die Gründe für Vorhautbeschneidung genannt, es wird beschrieben, wie Jungen ihre Beschneidung erleben, es werden die körperlichen Veränderungen ebenso wie die psychischen Auswirkungen und das Verhältnis der Betroffenen zu den Eltern, zur eigenen Kultur und Religion geschildert. Schließlich befasst sich das Buch auch mit den sexuellen Auswirkungen der Beschneidung und zeigt Möglichkeiten zur Wiederherstellung der Vorhaut auf. Aber auch das Problem der Betroffenen, sich mitzuteilen, bis dahin, wie traumatisierend die betroffenen Männer die öffentliche Pseudodebatte zur Jungenbeschneidung erleben, wird im Buch ausführlich erörtert.

Aber nicht nur die direkt Betroffenen, sondern auch die indirekt Betroffenen (z. B. Partner) kommen in dem Buch zu Wort. Das Buch endet mit Hinweisen auf weiterführende Informationen sowie Links und Adressen von einigen Aktivistengruppen gegen Jungenbeschneidung.

Die Kontroverse der Debatte verdeutlicht Bergner, indem er manchen Kapiteln Zitate pro und contra Beschneidung voranstellt.

Der Titel „Ent-hüllt“ ist bewusst mehrdeutig. Es ist nicht nur der Verlust der Vorhaut als „Hülle“ des männlichen Gliedes gemeint, bei der der Autor übrigens deutlich macht, dass es sich dabei mehr als nur einen simplen Hautfetzen handelt. Das Buch enthüllt auch so manche Doppelmoral von Politik, Gesellschaft und Kirchen.

Es enthüllt, dass die „Debatte“ um die Beschneidung von Jungen eine politische Farce war. So hat der damalige Außenminister Westerwelle (FDP) schon im September das Ergebnis des erst drei Monate späteren Bundestagsbeschlusses vorweggenommen, als er in der USA versicherte, die Beschneidung von Jungen würde legalisiert. „Ich nehme es dem Deutschen Bundestag noch immer übel, dass er sich schon VOR BEGINN einer Debatte entschied, Jungen hätten, ohne dass es medizinisch notwendig sei, nötige Schmerzen zu ertragen. ´Unnötige Schmerzen´ müssten den Jungs erspart bleiben, die ´nötigen´ Schmerzen jedoch müssten sie eben aushalten. Diesen Zynismus empfinde ich als unerträglich.“ (Zitat eines Betroffenen, Buch S. 244). Kritiker wurden mit der „Nazikeule“ erschlagen. Eine Strategie, die heute leider zum Standard politischer Debatten gehört.

Das Buch enthüllt, wie ausgerechnet die „Wüstenblume“ Waries Dirie, die sich so massiv gegen die Beschneidung von Mädchen engagiert und dort viel bewegt hat, gleichzeitig die Beschneidung von Jungen verharmlost und damit fördert: „Aleeke schrie, als der Eingriff durchgeführt wurde; aber sobald ich ihn wieder im Arm hielt, beruhigte er sich. Obwohl ich gegen die Verstümmelung der Genitalien bei Frauen bin, gehört es bei Männern dazu.“ (Buch S. 155; zitiert aus Waries Dirie und Jeanne D´Haem: Nomadentochter). Warum es bei Männern nach ihrer Meinung „dazu gehört“, führt Dirie allerdings nicht aus.

Bergner greift auch die Kritik an den christliche Kirchen auf, die, obwohl sie gerade eben den Missbrauchsskandal an kleinen Jungen hinter sich hatten, sich sehr schnell contra Jungen positionierten und das Beschneidungsritual über das Grundrecht von Jungen auf körperliche Unversehrtheit stellten. Und das, obwohl sich beide Kirchen auf Jesus Christus, der ausdrücklich Nächstenliebe über Rituale stellte, gründen.

Aber das Buch hat auch Bezug zur aktuellen Politik, z. B. wenn es die Grünen, die sich heute als große Kämpfer für sexuelle Selbstbestimmung inszenieren, als Doppelmoralisten entlarvt. Denn sie waren es, die noch vor gerade mal drei Jahren am engagiertesten Jungen eine Selbstbestimmung bei Beschneidung, was auch zur sexuellen Selbstbestimmung gehört, verweigerten.

Der Autor macht klar: Ohne die Betroffenen selbst zu hören, wird man dem Thema Jungenbeschneidung nicht gerecht werden können. Deshalb ist das Buch ein essentieller Beitrag zur Beschneidungsdebatte und für jeden, der sich damit ernsthaft und objektiv beschäftigen will, zu empfehlen.

Bergner selbst bleibt dabei realistisch. Er weiß, dass es derzeit utopisch ist, von seinem Buch eine ähnliche Initialzündung gegen die Beschneidung von Jungen zu erwarten, wie sie seinerzeit das Buch der „Wüstenblume“ Waries Dierie mit ihrer Geschichte bezüglich der Beschneidung von Mädchen ausgelöst hat. Das liegt aber nicht am Buch oder am Autor, sondern an der Politik und Gesellschaft. Und gerade darin liegt auch einer der wichtigsten Erkenntnisse des Buches: Das Bild des verletzten Mannes als Opfer, dem Empathie entgegengebracht würde – es funktioniert nicht. Ein männliches Opfer wird bis heute nicht als Opfer, sondern lediglich als Versager in seiner Männlichkeit wahrgenommen und verspottet. 40 Jahre Geschlechterpolitik, die sich ausschließlich auf die Frauenquote fokussierten und in der Jungen und Männer lediglich zu Diskriminierungsfaktoren von Frauen und Mädchen reduziert werden, haben jegliches Empathievermögen für männliche Opfer untergraben. Ein Junge darf eben immer noch nicht weinen. Es sind nicht die Männer und schon gar nicht die Jungen, die nicht von ihrem alten Rollenbild lassen wollen. Es sind die Politiker/innen, es sind die Medien, es ist die Gesellschaft, die entgegen ihrem verlogenen Geschwätz von „neuen Wegen für Jungs“ Jungen immer noch weitaus mehr Gewalt zumuten als Mädchen und die Gewalterfahrung – auch als Gewaltopfer – immer noch als wichtiges Ritual zur Männlichkeitsinitiation sehen.

Der Autor selbst meint deshalb: „Absicht dieses Buches ist es also, der Debatte um ‚Beschneidung‘‘ ein wichtiges Mosaiksteinchen hinzuzufügen, ohne welches dieses Bild nur unvollständig und verzerrt erscheint“. (S. 70) Und das tut es. Aber es zeigt auch, dass es immer mehr „neue“, „sensible“ Männer gibt und immer mehr davon geben wird. Und diese sind und werden keine bequemen, keine pflegeleichten, keine stillen Männer, sondern unbequeme, fragende, laute Männer sein. Und das ist gut so.

Bildquelle: (c) Clemens Bergner

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Lesermeinungen

  1. Von ko.haerenz

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  2. Von Andreas

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    • Von David Fankhauser

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