Jungen- Bildungssituation und Bildungsförderung

von Dr. Bruno Köhler

Die Glaubwürdigkeit von Geschlechterpolitik wird sich daran messen lassen müssen, inwieweit sie bereit ist, sich auch dort zu engagieren, wo Jungen, Väter und Männer schlechtere Quoten aufweisen. Das neue Frauenquotengesetz belegt deshalb eindeutig, dass die politisch Verantwortlichen nicht glaubwürdig handeln. Doch wie sieht es im Jugendbereich aus? Wie steht es um die geschlechterspezifische Bildungssituation? Sehen Sie dazu unser neues MANNstat-Datasheet.

Bildungssituation von Jungen

Betrachtet man die geschlechterspezifische Bildungssituation, wäre ein stärkeres bildungspolitisches Engagement in der Jungenbildungsförderung dringend angezeigt. Jungen stellen durchweg in allen Bundesländern den deutlich höheren Anteil an Schulabbrechern und sind dafür bei den Abiturabschlüssen unterrepräsentiert. Jungen entwickeln sich im Bereich Sprachfähigkeit und Motorik tendenziell langsamer als Mädchen. Zudem werden Jungen durchschnittlich später eingeschult, bleiben häufiger sitzen. 20 Prozent aller Jungen, aber nur 7,8 Prozent aller Mädchen sind von einer ADHS-Diagnose betroffen. 10 Prozent aller Jungen, aber nur 3,5 Prozent aller Mädchen erhalten mindestens einmal das Psychopharmakon Methylphenidat. Die geschlechterspezifischen Lesekompetenzunterschiede zuungunsten der Jungen betragen mittlerweile 44 Punkte (PISA-Studie 2012). 40 Punkte entsprechen in etwa dem Leistungsunterschied eines Schuljahres.

Regierung verschleppt Jungenförderung

Trotzdem wird Jungen von bildungs- und jugendpolitischer Seite weitaus weniger Unterstützung, Hilfe und Förderung zugestanden als Mädchen. So stehen 100 staatlich unterstützten Mädchen-MINT-Förderprojekten lediglich vier Jungenleseförderprogramme gegenüber. Studien belegen, dass Jungen bei gleichen Schulleistungen schlechtere Noten erhalten und bei gleichen Noten seltener an höhere Schulen empfohlen werden als Mädchen. Aber die Antidiskriminierungsstelle des Bundes sieht sich nach einer Eingabe von MANNdat für Bildungsbenachteiligungen von Jungen nicht zuständig. Die Bundesregierung hat bis heute den Bundestagsbeschluss von 2011 Drs. 17/5494 zur Jungenleseförderung nicht umgesetzt. Bildungsstatistiken von Bund und Ländern marginalisieren die Bildungssituation von Jungen, indem sie geschlechterspezifisch ausschließlich Mädchendaten, jedoch keine Jungendaten aufführen. Studien belegen, dass der Bildungsmisserfolg der Jungen kein schichten- oder migrantenspezifisches, sondern ein geschlechterspezifisches Problem ist, wie z. B. eine kleine Anfrage des Hamburger Bildungssenators Ties Rabe (SPD) aus 2010 zu diesem Thema zeigt.

Politisch Verantwortliche schweigen überwiegend

MANNdat fragte bei 41 für die Bildung zuständigen Fachleuten in den Bildungsausschüssen im Bundestag und den Länderparlamenten nach, wie sie zu dieser Vernachlässigung von Jungen stehen und was sie tun, um eine längst fällige Jungenbildungsförderung voranzutreiben. Als Ergebnis konnten wir eine kollektive Gleichgültigkeit gegenüber der Bildungssituation von Jungen feststellen. Von 41 zur Jungenbildungsförderung angeschriebenen bildungspolitisch Verantwortlichen haben lediglich sechs geantwortet (15%) und von denen, die antworteten, führte lediglich eine Adresse konkrete Maßnahmen zur Jungenförderung in den letzten Jahren auf (2%), nämlich den Modellversuch an einigen Ganztagsgrundschulen für eine „jungengerechte Schule“ in Rheinland-Pfalz.

Die Geschlechterpolitik bei den Erwachsenen setzt sich im Jugendbereich fort. Dort, wo jungenspezifischen Nachteile und Benachteiligungen festgestellt werden können, wird in der Bildungspolitik der Themenbereich „Geschlecht“ kurzerhand ignoriert.

Lesen Sie auch unsere detaillierte Studie „Bildungspolitische Benachteiligung von Jungen als Frauenfördermittel?“ zum Stand der Jungenbildungsförderung in den einzelnen Bundesländern.

Graphik: In allen Bundesländern verlassen mehr Jungen als Mädchen die Schule ohne Abschluss.

In allen Bundesländern verlassen mehr Jungen als Mädchen die Schule ohne Abschluss.

Graphik: Gender-Gap Jugendliche ohne Schulabschluss.

Gender-Gap Jugendliche ohne Schulabschluss.

Graphik: Gender-Gap der Abschlüsse von Schülern mit Allg. Hochschulreife.

Gender-Gap der Abschlüsse von Schülern mit Allg. Hochschulreife.

Graphik: Nur der Gender-Gap zuungunsten der Mädchen wird abgebaut, der Gender-Gap zuungunsten der Jungen vergrößert sich.

Nur der Gender-Gap zuungunsten der Mädchen wird abgebaut, der Gender-Gap zuungunsten der Jungen vergrößert sich.

Graphik: Trotz schlechterer PISA-Leistungen von Jungen werden fast ausschließlich nur Mädchen sepzifisch gefördert. Jungen werden zurück gelassen.

Trotz schlechterer PISA-Leistungen von Jungen werden fast ausschließlich nur Mädchen sepzifisch gefördert. Jungen werden zurück gelassen.

Graphik: Zum Schulstart haben Jungen in wichtigen schulischen Grundkompetenzen Nachteile. Quelle: Drucksache 14/1682 der Abgeordneten Krüger u.a. des Landtags BW - Stellungnahme des Kultusministeriums.

Zum Schulstart haben Jungen in wichtigen schulischen Grundkompetenzen Nachteile. Quelle: Drucksache 14/1682 der Abgeordneten Krüger u.a. des Landtags BW – Stellungnahme des Kultusministeriums.

Stimmen zu den Befunden

Der Leiter des OECD-Büros in Berlin, Heino von Mayer, bestätigte auf Anfrage mit Schreiben vom 14. Februar 2014 nochmals, dass es durchaus erhebliche geschlechterspezifische Lesekompetenzunterschiede gäbe und bedauerte:

„Falls das von Vertretern der Bundesregierung nicht anerkannt wird, ist das traurig.“

 Von 41 angeschrieben bildungspolitisch Verantwortlichen zu Jungenbildungsförderung

  • haben lediglich sechs geantwortet (15%)
  • führte nur eine bildungspolitisch Verantwortliche konkrete Maßnahmen zur Jungenförderung in den letzten Jahren auf (2%), nämlich den Modellversuch an einigen Ganztagsgrundschulen für eine „jungengerechte Schule“ in Rheinland-Pfalz.
  • kann keiner auch nur ein einziges spezielles Jungenbildungsförderprojekt nennen (0%)
  • ging niemand auf das Thema AD(H)S ein (0%)
  • kam je eine Antwort aus Schleswig-Holstein, dem Bundestag, Rheinland-Pfalz, Niedersachsen, Hamburg und Bremen, wobei die Antwort aus Schleswig-Holstein von den drei SPD-Vertretern im Bildungsausschuss gemeinsam kam
  • kamen zwei Antworten von der CDU/CSU (15%), zwei Antworten von der SPD (22%), eine von Bündnis 90/Die Grünen (14%) und von einem fraktionslosen Abgeordneten(100%).

Charakteristisch für die Doppelmoral der bildungspolitisch Verantwortlichen insgesamt ist die Aussage des Herrn Dr. Thomas vom Bruch (CDU) aus Bremen. Dazu erinnern wir daran, dass in Bremen 24% weniger Jungen als Mädchen Abitur machen. Dafür verlassen 56% mehr Jungen als Mädchen die Schule ohne Abschluss. Die geschlechterspezifische Differenz der Abiturabschlüsse von 1995 zu 2011 zuungunsten der Jungen hat sich in Bremen um das 2,6-fache vergrößert! Die männliche Jugendarbeitslosenquote (Stand 2012) ist um 28% höher als die weibliche.

Trotz dieser eindeutigen Fakten

ergibt sich nach unserer Einschätzung aktuell kein eigenständiger, weitergehender Handlungsbedarf in Bezug auf eine geschlechterspezifische Bildungsförderung im Land Bremen,

meint Herr Dr. Thomas vom Bruch (CDU).

Die Antworten der Bildungspolitiker haben wir in unserer Studie „Bildungspolitische Benachteiligung von Jungen als Frauenfördermittel?“ detailliert ausgewertet.

Dr. Bruno Köhler

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Lesermeinungen

  1. Von Bettina Landmann

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  2. Von Wolf

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  3. Von Thomas Göbel

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