Jungen in der Schule

von Manndat

Vor einigen Jahrzehnten waren Mädchen im Schulwesen die Benachteiligten: sie besuchten weitaus seltener als Jungen das Gymnasium, erfuhren kaum geschlechtsspezifische Förderung und hatten folglich recht bescheidene Aussichten auf späteren beruflichen und finanziellen Erfolg.

Eine Vielzahl frauenpolitischer Maßnahmen hat dafür gesorgt, dass sich dies grundlegend geändert hat. Die Mädchen haben die Jungen in der Schule längst überflügelt. Trotzdem halten feministisch orientierte Schul- und Bildungspolitikerinnen auch heute noch gerne am alten Glaubenssatz fest, Mädchen würden in der Schule benachteiligt.

Nachstehend soll belegt werden, wie wenig solche Behauptungen inzwischen der Realität entsprechen und wie sehr es heutzutage vielmehr die Jungen sind, die zu Sorgenkindern des Bildungssystems zu werden drohen. Unser Beitrag behandelt die folgenden Themen:

  • Wie Jungen immer mehr zu Sorgenkindern des Bildungssystems werden,
  • wie sehr sich die große Mehrheit weiblicher Lehrkräfte auf die schulischen Leistungen von Jungen auswirkt,
  • wie sehr man Jungen und ihr Verhalten in der modernen Pädagogik missversteht und zu welchen Konsequenzen dies führen kann
  • und ob getrennter Unterricht für Jungen und Mädchen in einigen Schulfächern mithelfen kann, die schulischen Leistungen von Jungen zu verbessern.

Jungen auf Gymnasien in der Minderheit
Schon die Statistik zeigt, dass Jungen in den Schulen zunehmend ins Hintertreffen geraten. Wie unsere Tabelle zeigt, geht der Anteil der Jungen an den Abiturienten immer mehr zurück; analog stellen sie immer mehr Hauptschulabsolventen. Ihr Anteil an den Sonderschülern beträgt sogar rund 64 Prozent. Sie stellen 80 Prozent der Legastheniker, 65 Prozent der Schulabbrecher und 60 Prozent aller Sitzenbleiber. Sie sind öfter wegen Hyperaktivität oder Lernschwierigkeiten in Behandlung, müssen öfter Nachhilfe in Anspruch nehmen.

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erreichter Schulabschluss

Anteil der männlichen Schüler in Prozent
(bis 1990: nur Westdeutschland) 1

1970 1980 1990 2001
Hauptschulabschluss 50 54 56 57
Realschulabschluss 50 45 48 48
Abitur 61 55 53 44
         
1 Quelle: Gertrud Hovestadt : Mädchen und Jungen in der Schule. Ein statistischer Bericht zur Geschlechtsdifferenz 1999/2000, November 2002. Hinweis: Der Anstieg weiblicher Abiturienten in den 90er Jahren ist zumindest teilweise den neuen Bundesländern geschuldet: Der Mädchenanteil an den Hochschulreifen war in den neuen Bundesländern höher, was sich bei Zusammenführung der Statistik auf die Gesamtzahlen niederschlug.

Jungen ohne Schulabschluss besonders gefährdet

„Besonders besorgniserregend ist die große Anzahl männlicher Schulabgänger, die überhaupt keinen regulären Schulabschluß zu erwerben vermochten. Hier braut sich zum einen persönliches Unglück, zum anderen aber auch ein gefährliches gesellschaftliches Problem zusammen.

Diese Bildungsverlierer gehören zu den in der Shell-Studie 2002 sogenannten robusten Materialisten, immerhin 24 % aller Jugendlichen, die dazu neigen, auf ihre schulischen und beruflichen Probleme  häufig mit der Demonstration äußerlicher Stärke zu reagieren. Das Bild, das die Studie von diesen jungen Leuten zeichnet, ist für eine offene, demokratische Gesellschaft, die auf freiwillig erbrachte Solidarität und nachbarschaftlich politisches Engagement ihrer Bürger angewiesen ist, wenig beruhigend: Diese, bevorzugt männliche Gruppe aus der Unterschicht und unteren Mittelschicht ist unter Umständen bereit, sich das, was sie im fairen Wettbewerb nicht erlangen kann, auf Kosten anderer zu beschaffen. Durchsetzung, Macht und Lebensstandard spielen in ihrem Denken eine übergeordnete Rolle, Toleranz und soziales Engagement hingegen keine. Auch ihr Respekt vor Gesetz und Ordnung bleibt deutlich hinter dem der anderen Jugendlichen zurück.

Obwohl unter ihnen vermehrt soziale underdogs zu finden sind, schauen sie dennoch auf sozial Schwache und Randgruppen, wie z. B. Ausländer, die sie als Wohlstandskonkurrenten empfinden, herab. Ihre politischen Anschauungen sind häufig im rechten Bereich angesiedelt, ein kleiner Teil der Materialisten neigt zu extremer Orientierung und politischer Gewaltbereitschaft. Diese Ablehnung ist jedoch nicht primär in der Ablehnung des politischen Systems als solchem begründet, sondern ist Folge der eigenen biografischen Belastungen. Das Fehlen von Geld, Bildung und familiärem Rückhalt wird durch Demonstration von Stärke und Aggression gegen Schwächere kompensiert.

Am lakonischen Ratschlag der Shell-Autoren kann der Ernst der Lage abgelesen werden: Bei einem Teil der Materialisten  …  geht es zuallererst um eine strenge Setzung von Grenzen, weil diese (auch besonders gewalterfahrene) Gruppe keine andere Sprache versteht oder verstehen will. Erst wenn aggressive oder radikale Jugendliche wieder das Regelwerk der Gesellschaft akzeptieren, können ‚weichere‘ Maßnahmen der Integration einsetzen.“ (Quelle: Pressemitteilung des Elternvereins NRW e.V. vom Mai 2003)

Lehrer und Erzieher: Männer in der Minderheit
Ein nicht unerheblicher Grund für die zunehmenden Probleme männlicher Schüler dürfte die Tatsache sein, dass sie es – vor allem in Kindergärten und Grundschulen – fast ausschließlich mit weiblichem Erziehungspersonal zu tun haben. Etwa 85 Prozent aller Grundschullehrer z.B. sind weiblich. Das hat es zwar immer schon gegeben, kann sich aber in Zeiten, da viele Jungen ohne identitätsbildende Vaterfigur aufwachsen, fatal auswirken. Den Jungen fehlt es daheim, im Kindergarten sowie in den ersten Schuljahren an männlichen Rollenvorbildern und Identifikationsmöglichkeiten. Die finden sie ab der Pubertät dann womöglich im Typ des Machos.

Das überwiegend weibliche Erziehungspersonal macht Mädchen die Anpassung an das Schulsystem leichter. „Diese Erzieherinnen können sich natürlich eher mit den Mädchen identifizieren, weil sie deren Entwicklungsprozess selbst einmal durchmachen mussten, während ihnen die Jungen zu laut, zu aggressiv, zu ungestüm sind. Bewusst oder unbewusst werden auch dadurch ‚feminine‘ Eigenschaften belohnt und gefördert. In einem Experiment an der Universität von Los Angeles wurde 72 Jungen und 60 Mädchen mit einer Lernmaschine Lesen und Schreiben beigebracht. Das Gerät wurde von beiden Geschlechtern gleich gut angenommen. Als man den Lernfortschritt ermittelte, schnitten die Mädchen insgesamt jedoch schlechter ab als die Jungen. Daraufhin erhielten die Kinder normalen Leseunterricht im Klassenzimmer – von Lehrerinnen. Wieder wurde die Zahl der gelernten Worte in einem Test ermittelt. Jetzt schnitten die Jungen schlechter ab. Es ist vermutlich kein Zufall, dass die Prüfungsergebnisse von Jungen an höheren Schulen im selben Maße schlechter werden, wie die Zahl der Lehrerinnen zunimmt.“ (Quelle: Arne Hoffmann, „Sind Frauen bessere Menschen?“, Berlin 2001, S. 426)

Es spricht einiges dafür, dass ein solcher Zusammenhang besteht. Die Soziologin Dr. Heike Diefenbach von der Universität Leipzig hat herausgefunden: „Je höher der Anteil von Grundschullehrerinnen in einem Bundesland ist, desto größer sind die Nachteile von Jungen.“ So sind 93,3 Prozent der Grundschullehrer in Brandenburg weiblich, Jungen schneiden um 19,3 Prozent schlechter ab als Mädchen. 66,7 Prozent der baden-württembergischen Grundschullehrer sind weiblich – und Jungen sind „nur“ um 7,2 Prozent hinter Mädchen zurück.

Der hohe Anteil von Frauen am Erziehungspersonal führt dazu, dass sie in den Schulgremien oft eine erdrückende Überzahl haben. Das macht es ihnen sehr leicht, an den Schulen die Weichen noch mehr in Richtung Mädchenförderung zu stellen: „So werden Beschlüsse in den Klassenkonferenzen, die immerhin über Versetzungen und Strafen entscheiden, oft mit der Mehrheit der Frauenstimmen beschlossen. Aus feministischen Kreisen wurde früher behauptet, Mädchen würden vom Schulsystem benachteiligt und bräuchten spezielle Förderung. Nachdem dieses nun nachweislich falsch ist, heißt es lapidar: Mädchen sind eben fleißiger und intelligenter. Förderung gibt es aber nach wie vor – für Mädchen.“ (Quelle: „Rote Männer“-Infobrief Nr. 35)

So kann es nicht verwundern, dass inzwischen ein Umdenken erkennbar wird. Pädagogen und Soziologen fordern Männerquoten in Kindergärten und Grundschulen, werden verstärkt von der Presse wahrgenommen und in ihren Forderungen sogar von Bildungspolitikern unterstützt. Doch Anreize für Männer, beispielsweise den Beruf des Erziehers zu erlernen, gibt es kaum, während Ministerien, Gewerkschaften und Arbeitgeber umgekehrt alles tun, damit Mädchen und Frauen Interesse an technischen Berufen und Computerjobs finden („Girl’s Day“).

Jungen als Störfälle
Mit ihrem Bemühen, in den Köpfen der Bevölkerung ein einseitig negatives Männerbild zu verankern, haben radikale Feministinnen nicht nur auf dem Buchmarkt, im Fernsehen sowie in Publikumszeitschriften Erfolg. Auch Lehrerinnen und Erzieherinnen wurden und werden im Rahmen ihrer Ausbildung oft genug feministisch infiltriert. Sie lernen, dass Jungen aggressiv, unsozial und potenziell gefährlich sind und übertragen das Gelernte dann in die tägliche Unterrichtspraxis, wo sie Jungen häufiger tadeln als Mädchen und ihnen schlechtere Noten geben. Sie tragen somit auf ihre Weise mit zu den beträchtlichen Problemen von Jungen in der Schule bei.

In der „Zeit“ vom 25. Juli  2002 wurde der Beitrag „Die neuen Prügelknaben“ von Sabine Etzold veröffentlicht, der auf diese Problematik eingeht: „Jungen werden allein aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert. Der US- Bestsellerautor William F. Pollack (‚Richtige Jungen‘), Männerforscher an der Harvard Medical School, macht eine Abwehrhaltung gegenüber Jungen in der Schule aus. ‚Da der Mythos, dass Jungen gefährlich sind, nach wie vor in vielen Schulen tief verwurzelt ist, nehmen Lehrer und Aufsichtspersonen ihnen gegenüber oft eine beinahe feindselige Haltung ein.‘ Auch der Tübinger Reinhard Winter meint, dass Jungen ein schlechtes Image haben. Als er mit seinem Kollegen Gunter Neubauer Erwachsene nach ihrem Jungenbild befragte, war das Ergebnis fatal. Sie werden als sozial und sexuell inkompetent, kommunikationsunfähig und schwach im Bewältigen von Konflikten beurteilt. Sie gelten als problematisch, ihr Verhalten erscheint aufgesetzt. Positive Eigenschaften, die einen ‚guten Jungen‘ ausmachen, kamen dagegen kaum vor.

In der Schule schlägt sich diese Abwertung unbewusst unter anderem darin nieder, dass Jungen schlechtere Zensuren bekommen – auch wenn sie die gleiche Leistung erbringen. Das hat der Erziehungswissenschaftler Rainer H. Lehmann bei einer Untersuchung in Hamburg gezeigt: Bei dem für die Schulkarriere entscheidenden Übergang von der Grundschule zum Gymnasium werden deutlich mehr Mädchen vorgeschlagen, was ‚allenfalls teilweise durch ein höheres Leistungsniveau begründet werden kann‘.

Über die Ursachen der versteckten Diskriminierung stellt Lehmann nur vorsichtige Vermutungen an. Es sei möglich, dass eine ’schulkonformere Einstellung‘ der Mädchen ihren Schulerfolg begünstigt. Im Klartext: Sie sind im Unterricht pflegeleichter und angenehmer für die Lehrer. Nur scheinbar dazu im Widerspruch steht die Tatsache, dass Jungen von Lehrern deutlich mehr beachtet werden. Jungen erhalten in der Regel zwei Drittel der Aufmerksamkeit des Unterrichts. Sie bekommen mehr Lob und mehr Tadel, Pädagogen geben ihnen mehr Blickkontakt und Rückmeldungen als Mädchen. Bislang wurde dieses Lehrerverhalten als Benachteiligung von Mädchen ausgelegt. Aber es lässt sich auch ganz anders deuten: als eine Art Zwangsreaktion der Lehrer auf das auffällige Verhalten von Jungen. Sie reden im Unterricht öfter und länger als Mädchen, sie unterbrechen häufiger, rufen wesentlich mehr ungefragt dazwischen. Sie erzwingen Aufmerksamkeit – positiv wie negativ – und werden deshalb weniger als Leistungsträger denn als Störenfriede empfunden.“

„Ilir A. ist ein Flüchtlingsjunge aus dem Kosovo. Er fiel mehrfach wegen aggressiven Verhaltens und angeblichen sexuellen Anspielungen auf. Er besuchte eine Grund- und Hauptschule in Baden-Württemberg von der ersten bis zur neunten Klasse. Im Lehrerzimmer zerrissen sich die Kollegen öfters mal das Maul über ihn. Unpädagogische Begriffe, wie Macho, Sexist und beleidigende Äußerungen gegenüber dem Vater waren zwar nicht an der Tagesordnung, aber normal.

Mitte der 9. Klasse trat ihm seine Mitschülerin Merve M., aus eher nichtigem Anlass, zwischen die Beine. Ilir A. schlug zurück und zwar derart, dass das Mädchen ins Krankenhaus musste. Angeblich war sie nach dem Schlag ins Gesicht ohnmächtig geworden, konnte das Krankenhaus nach der Einlieferung durch den Krankenwagen aber sofort wieder verlassen, ohne Behandlung. Daraufhin wurde Ilir der Schule verwiesen, Merve M. bekam noch Belobigungen wegen ihres gestärkten Selbstbewusstseins.

Ilir war gerade 15 Jahre alt – vor dem Gesetz ein Kind, vor dem Lehrerkollegium ein Macho. Schaut man sich den „Fall“ Ilir näher an, so kann man erkennen, dass das Schulsystem durchaus nicht untätig war. Viele Lehrer haben den Jungen immer wieder an die Schulsozialarbeiterin verwiesen, die ihm auch die eine oder andere Förderung hat angedeihen lassen. Von der Nachhilfe bis zur Familienbetreuung war alles dabei – und Ilir hat aus freien Stücken immer wieder aufgegeben. Er selbst sagt, dass er irgendwie nicht wusste, was das alles soll. Spricht man mit dem eher engagierten Vater (selbst Pädagoge im Kosovo), klingt das ähnlich. Niemand wusste eine Lösung, dabei war es möglicherweise so einfach: Ilir hatte seit der Ankunft in Deutschland, im Kindergarten, in der Grundschule, dann in der Hauptschule, in sämtlichen sozialpädagogischen Einrichtungen nicht einen einzigen Mann als Ansprechpartner. Er wurde – den Vater ausgenommen – ausschließlich von Frauen betreut, die ihm permanente sexuelle und aggressive Verhaltensweisen vorhielten (dokumentiert ab der ersten Klasse).“
(Quelle: „Rote Männer“-Infobrief Nr. 35, nach einem „Focus“-Artikel vom Sommer 2002)

Mädchen sind anders – Jungen auch
In der Schule stundenlang still sitzen zu müssen, kommt dem von Natur aus ausgeprägteren Bewegungsdrang von Jungen nicht entgegen. Wohl aber dem von Mädchen. Kein Wunder, dass deren Zensuren besser sind.

„Beobachtungen von Vierjährigen ergaben, dass, wenn man sie sich selbst überlässt, sich die beiden Geschlechter sehr unterschiedlich beschäftigen. Jungen entwickeln zuerst grobmotorische Körperkraft, turnen also wild herum und gehen recht ruppig miteinander um, während Mädchen eher feinmotorische Geschicklichkeit entwickeln. Sie können länger an einer Sache wie Malen, Schreiben oder Handarbeiten dranbleiben, während Jungen besser darin sind, dreidimensionale Objekte zu konstruieren, etwa Bauwerke aus Legosteinen. Beide Geschlechter können zwar bestimmte Fähigkeiten entwickeln, aber jedes zu einem eigenen Zeitpunkt in seiner Entwicklung. Nun werden aber beide Geschlechter zum selben Lebensjahr in Schulklassen gesteckt, deren Anforderungen darauf ausgerichtet sind, was vorwiegend Mädchen in diesem Lebensalter beherrschen: still und brav dasitzen und zum Beispiel Lesen und Schreiben lernen. (…) Nur in der Pause oder in der Sportstunde kann er sich austoben und seine Fähigkeiten zeigen. Die restliche Zeit über wird er in einer völlig unpassenden Atmosphäre dazu gebracht, Dinge zu lernen, zu denen er einfach noch nicht in der Lage ist. Wenn die ersten Schuljahre auf seine Stärken ausgerichtet wären und er alles andere erst später lernen würde, hätte er keine Probleme. Statt dessen wird er als Legastheniker eingestuft, kommt in spezielle Nachhilfskurse, wo sich dieses Bild verfestigt, und seine weitere Schullaufbahn ist zu einem großen Teil vorgeprägt.“ (Arne Hoffmann, a.a.O., S. 425)

Hier lässt sich – ähnlich wie weiter oben beim Thema des überwiegend weiblichen Lehrpersonals – einwenden, dass dies immer schon so war und Schule dem Bewegungsdrang von Jungen noch nie besonders entgegen gekommen sei. Doch auch hier gilt, dass die Bildungspolitik gut beraten wäre, verstärkt den heutigen Lebensbedingungen Rechnung zu tragen. Wenn Jungen zunehmend in verkehrsreichen Stadtlandschaften aufwachsen und kaum noch Gelegenheit haben, nach dem Unterricht durch Felder und Wiesen zu streunen (und statt dessen stundenlang vor dem Computer sitzen), ist es besonders fatal, wenn der Sportunterricht immer mehr gekürzt wird und selbst harmlose Raufereien unter Jungs in der Pause vom Aufsicht führenden Lehrpersonal unterbunden werden.

„Was läuft für die Jungen schief? Mädchen sind in ihrer Entwicklung etwas schneller als Jungs. Ab einem Alter von etwa sechs Jahren haben die Jungen wieder aufgeholt; beide Geschlechter sind wieder gleichauf. Dieses wird jedoch oft bestritten, da Mädchen, aufgrund ihres scheinbar sozialeren Verhaltens, doch ganz offensichtlich weiter entwickelt sind. Wieder zeigt sich, wie sehr bei solchen Diskussionen das Verhalten von Mädchen unwidersprochen normweisend auf Jungs übertragen wird. Mädchen zeichnet im Grundschulalter ein wunderbares und mitfühlendes Wesen aus. Bei Jungen existiert jedoch das gleiche mitfühlende, sensible Wesen, es drückt sich nur anders aus. Das Raufen und wilde Spiel der Jungen wird als aggressives, patriarchales Selbstbehauptungstraining interpretiert und nicht als das, was es ist: nämlich eine andere Art des Umgangs miteinander. Damit soll nicht jede Art von Rauferei gerechtfertigt werden und dominantes Verhaltenen gegenüber Mitschülern, egal welchen Geschlechts, ist nur unter ganz seltenen und besonderen Bedingungen akzeptabel (z.B. Klassensprecher/-in, Verantwortungsaufgaben,…). Auch Mädchen sind häufig dominant gegenüber anderen und das nicht zu selten.“ (Quelle: „Rote Männer“-Infobrief Nr. 35)

Der seit Ende der 60er-Jahre herrschende männerfeindliche Zeitgeist, der für solche Auswüchse verantwortlich zeichnet, wirkt so bis heute unvermindert nach. Trotz ihrer inzwischen deutlich besseren Ausgangsposition werden seitens der in Deutschland für das Schulwesen zuständigen Kultusministerien der Länder – unterstützt durch die Gemeinden als Schulträger, Schulleiterkonferenzen und Lehrerkollegien –  weiterhin vor allem die Mädchen gefördert, die ins Hintertreffen geratenen Jungen hingegen so gut wie gar nicht. Die Förderung umfasst dabei längst nicht nur den eigentlichen Unterricht, sondern auch das Rahmenprogramm: Selbstverteidigung und Selbstbehauptung für Mädchen, Computerkurse für Mädchen, Rückzugsräume für Mädchen sind in vielen Schulen an der Tagesordnung, ohne dass ihnen ein entsprechendes Angebot für Jungen gegenüber steht. Starke Mädchen sind erwünscht, starke Jungs verpönt.

„Man erlebt auch, dass der Besuch von Selbstverteidigungskursen für Mädchen als etwas Positives gelobt, bei Jungen hingegen als Beweis für Aggressionslust abgewertet wird. Dazu gehört, dass Wildheit bei Mädchen als Temperament bewundert, bei Jungen als Verhaltensstörung kritisiert wird. Man erlebt, dass Mädchen ihren Lehrerinnen buchstäblich am Hals hängen und Jungen harsch abgewiesen werden, wenn sie ein Problem nicht ohne Hilfe lösen können. Klar ist, dass Jungen nicht mehr raufen und toben dürfen, insbesondere löst schon das ‚Abknallen mit gestrecktem Zeigefinger‘ wahre Wutanfälle der Pädagoginnen und schamhaftes Beiseiteblicken der wenigen Kollegen aus. Mädchen hingegen werden dazu ermutigt, ‚power‘ zu zeigen; insbesondere dann, wenn es gegen Jungen geht. Wie ein Mädchen Jungen richtig zwischen die Beine tritt, wird den Mädchen im Sportunterricht vermittelt,“ schreibt Karin Jäckel in einem Kommentar zum Artikel „Jungen in USA sträflich vernachlässigt“ in der Zeitung „World“ vom 1.Juni 1998 für pappa.com. Kein Wunder, denn dass Gewalt von Frauen gegen Männer cool sei, vermitteln schließlich auch die Medien: der Fernsehsender MTV und das Textilhandelsunternehmen „New Yorker“ zeigten in ihrer Werbung, wie Frauen Männern zwischen die Beine traten. Der Proteststurm, der im umgekehrten Falle eingesetzt hätte, blieb aus. Das Opfer ist schließlich „nur“ ein Mann.

„Nein, ein USA-Problem ist dies alles nicht. Es ist ein feministisches, ein Emanzipationsfolgenproblem. Es will nur niemand sehen. Die Männer, die heute als Söhne der 68er Generation an die Macht streben, haben das Emanzipationsdenken so verinnerlicht, dass sie zwischen berechtigtem und unberechtigtem Anspruch kaum unterscheiden können. Und die junge Generation, welche die Auswirkungen einer fehlgesteuerten Emanzipation an der eigenen Haut spürt, schreit in Aggressionsagonie auf und wird von der Macht-Generation nicht verstanden. Die Einsicht, dass hier etwas falsch läuft und wie schwerwiegend es ist, wird verdrängt, weil niemand sich gern Versagen quittiert,“ schreibt Karin Jäckel weiter.

Unterricht ohne Mädchen – eine Chance für Jungen?
Koedukation, also gemeinsamer Unterricht für Jungen und Mädchen, hat sich seit den 50er-Jahren an immer mehr Schulen durchgesetzt. Trotz des immer besseren Abschneidens von Mädchen im Schulsystem halten Bildungspolitikerinnen jedoch an ihrer Anschauung fest, dass Koedukation den besonderen Bedürfnissen von Mädchen nicht gerecht werde.

Die Koedukation sei in den fünfziger Jahren eingeführt worden, um der Diskriminierung von Mädchen und Frauen im Bildungswesen ein Ende zu setzen, hatte die damalige Berliner Bildungssenatorin Ingrid Stahmer (SPD) bereits auf einer Tagung im Sommer 1997 festgestellt. „Doch unsere heutigen Erkenntnisse beweisen, dass diese Hoffnung eine Illusion war.“

Als Konsequenz daraus wird an vielen Schulen der Unterricht vor allem in Mathematik und Naturwissenschaften wieder getrennt nach Jungen und Mädchen unterrichtet. Wenn Mädchen in diesen Fächern unter sich sind, so die weit verbreitete Auffassung, erzielten sie bessere Noten als bei koedukativ geführtem Unterricht, weil sie dann nicht mehr von den dominanten, in diesen Fächern immer noch besseren Jungen „untergebuttert“ würden. Eine Strategie, die sich weitgehend bewährt hat.

Doch werden – wie kann es anders sein – solche Projekte fast nur durchgeführt, um die schulischen Erfolgschancen der Mädchen (noch mehr) zu verbessern. Wenngleich sich der nach Geschlechtern getrennte Unterricht in den naturwissenschaftlichen Fächern gemäß den vorliegenden Untersuchungsergebnissen auch für die Jungen positiv bemerkbar gemacht hat: ein getrennter Unterricht in Deutsch oder Fremdsprachen zwecks Verbesserung der schulischen Leistungen der Jungen ist immer noch die Ausnahme. Doch „können spezielle Lesekurse für Jungen durchaus erfolgreich sein, wie William F. Pollack am Beispiel einer englischen Schule beschreibt. Warum sollen Jungen und Mädchen im Deutschunterricht je nach Entwicklungsstand und Interessen nicht einmal unterschiedliche Bücher lesen?“, fragt Susanne Etzold im oben bereits erwähnten „Zeit“-Artikel „Die neuen Prügelknaben“.

Dass sich auch hier allmählich ein Umdenken bemerkbar macht, zeigen Initiativen der Bildungspolitiker in Nordrhein-Westfalen und Berlin Ende der 90er-Jahre. Die damalige nordrhein-westfälische Schulministerin Gabriele Behler setzte im Jahr 1998 die „Reflexive Koedukation“ in Kraft, die ausdrücklich das Ziel einer gezielten Mädchen- und Jungenförderung verfolgte. Mädchen seien zu stabilisieren und Jungen zu sensibilisieren. Während Mädchen in Mathematik, Technik, Informatik und den Naturwissenschaften besonders gefördert werden müssten (und zwar in Form nach Geschlechtern getrennten Unterrichts in diesen Fächern), gebe es bei Jungen Aufholbedarf bei den „sozialen Kompetenzen“. Die Einführung eines Faches „Soziale Kompetenz“ für Jungen war allerdings nicht vorgesehen.

Dennoch ist bei solchen Initiativen Skepsis angebracht, denn die „Reflexive Koedukation“ sollte dazu dienen, eine Vereinbarung aus dem rot-grünen NRW-Koalitionsvertrag von 1995 umzusetzen, in dem es hieß: „Vorübergehende Geschlechtertrennung in bestimmten Fächern, zu bestimmten Phasen des Unterrichts oder für bestimmte Altersgruppen ist geeignet, gezielt die Stärkung von Mädchen zu fördern.“ Ob die Kultusbeamten, Schulleiter und Lehrer angesichts solcher Vorgaben der Jungenförderung eine besondere Bedeutung zukommen lassen, muss bezweifelt werden.

Dabei würden geschlechtsspezifische Lernangebote auch für Jungen durchaus Sinn machen. Wie einer Pressemitteilung des Elternvereins NRW im Mai 2003 zu entnehmen ist, haben neuere Erkenntnisse der Gehirnforschung ergeben, dass die beiden Gehirnhälften des Menschen unterschiedlich strukturiert sind. „Sie werden bei zu lösenden Problemen bei Männern und Frauen unterschiedlich aktiviert. Bei Frauen sind eher beide Gehirnhälften ausgeglichen aktiv,  bei Männern die eine stärker als die andere. Daraus wird geschlossen, dass Mädchen in der Sprach-, Lese- und Verständniskompetenz bessere Ausgangsbedingungen besitzen als Jungen, denen Vorteile bei räumlichen und mathematischen kognitiv-abstrakten Aufgaben zukommen.“ Hinzu kommt der bei Männern und Frauen unterschiedliche Einfluss von Sexualhormonen auf ihr jeweiliges Verhalten. Gezielte Sprach- und Leseförderung speziell für Jungen könnte also durchaus dabei helfen, die durch die PISA-Studie dokumentierten Defizite auf diesem Sektor auszugleichen und die Chancen der Jungen zu verbessern, nicht nur in der Schule, sondern auch später im Berufsleben.

Schlussbetrachtung
In der Zeitschrift „Jungle World“ vom Oktober 1998 sprechen Anja Krüger und Pascal Beucker von einem „patriarchalen Schulsystem“. Kann man dies wirklich behaupten von einem Bildungssystem,

  • in dem Mädchen in immer größerem Umfang – und inzwischen mehrheitlich – qualifizierte Abschlüsse erlangen, während gleichzeitig der prozentuale Anteil von Jungen an Hauptschülern, Sonderschülern und Schulversagern jeder Art immer weiter zunimmt?
  • das trotz dieses Umstandes nach wie vor fast ausschließlich gezielt Mädchen und junge Frauen für viel Geld fördert und die zunehmenden Probleme männlicher Schüler nicht zum Anlass nimmt, diese Förderung allmählich auf die wahren Bedürftigen umzuleiten?
  • das es zulässt, dass Jungen in Kindergarten und Grundschule so gut wie keine erwachsenen männlichen Bezugspersonen kennen lernen, die ihnen bei der Suche nach ihrer männlichen Identität helfen könnten? Dies ausgerechnet in Zeiten, da Jungen vielfach ohne Vater aufwachsen und solche Vorbilder besonders dringend nötig hätten.
  • das angehenden Pädagogen im Rahmen ihrer Universitätsausbildung und Fortbildung ein antiquiertes, einseitig-negatives Männerbild vermittelt, welches zur Folge hat, dass diese dann als Lehrer(in) Jungen schlechter behandeln als Mädchen?
  • in dem Jungen in ihrem Verhalten (willentlich oder wider besseres Wissen) nicht verstanden, akzeptiert und bestärkt werden? Das ihnen vor allem dann Lob und gute Noten einbringt, wenn sie so weit wie möglich dem weiblichen Leitbild entsprechen und gezwungenermaßen ein Verhalten an den Tag legen, das in keiner Weise ihrem Naturell und ihren Vorlieben entspricht?
  • Dieses „patriarchalische“ Bildungssystem trägt zusehends dazu bei, dass sich am Rand der Gesellschaft eine immer größer werdende Schicht männlicher Versager bildet, die von Anfang an keine faire Chance hatten, in der Schule ihren geschlechtsspezifischen Fähigkeiten, Neigungen und unabänderlichen genetischen Dispositionen entsprechend gefördert zu werden. Missverstanden, ausgegrenzt, kriminalisiert: ein idealer Nährboden u.a. für Kriminalität, Sucht und Rechtsextremismus. Eine bittere Konsequenz jahrzehntelanger einseitiger Mädchenförderung bei gleichzeitiger Vernachlässigung der Bedürfnisse von Jungen.
  • Ein wirklich gerechtes und zukunftsfähiges Bildungssystem muss jedem Schüler und jeder Schülerin die Förderung zukommen lassen, die seinen/ihren persönlichen Fähigkeiten am besten entspricht und auch akzeptiert, dass es Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen gibt. Das bedeutet, dass die Verteufelung des Männlichen auch im Schulwesen ein Ende haben muss.
  • Erste Anzeichen sprechen dafür, dass Politik und Medien die Probleme von Jungen in der Schule verstärkt wahrnehmen. Das lässt hoffen, dass rechtzeitig gegengesteuert wird, bevor sich die Vernachlässigung der Jungen in unserem Schulsystem verheerende Konsequenzen zeitigt.

Links
Weiterführende Informationen zu einigen der im Text genannten Quellen finden Sie unter:
http://www.elternverein-nrw.de
http://www.zeit.de
http://www.pappa.com

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