Studien zu Männergewalt kritisch prüfen

von Manndat

Wer über Gewalt zwischen den Geschlechtern spricht, bekommt oft schon mit der Wortwahl eine politische Schablone geliefert. Studien zu Männergewalt werden regelmäßig als Beleg dafür präsentiert, dass Gewalt ein nahezu ausschließlich männliches Täterproblem sei. Doch diese Kurzformel vermischt verschiedene Deliktsbereiche, blendet Opfergruppen aus und verwechselt registrierte Fälle mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Wer Daten ernst nimmt, darf sich mit solchen Deutungsangeboten nicht zufriedengeben.

Die zentrale Frage lautet nicht, ob Männer Gewalt ausüben. Selbstverständlich tun sie das, und gerade schwere körperliche Gewalt, Tötungsdelikte und Teile der sexualisierten Gewalt weisen in Polizeistatistiken hohe männliche Tatverdächtigenanteile auf. Die entscheidende Frage lautet: Was genau misst eine Studie, was misst sie nicht – und welche politischen Folgerungen sind daraus tatsächlich zulässig?

Studien zu Männergewalt: Erst den Begriff klären

Der Begriff Männergewalt ist bereits unscharf. Er kann Gewalt von Männern meinen, Gewalt gegen Männer oder Gewalt, die Männer als gesellschaftliche Gruppe besonders betrifft. In politischen Debatten wird häufig stillschweigend nur die erste Bedeutung verwendet. Damit entsteht der Eindruck, Männer seien vor allem Täter und Frauen vor allem Opfer. Die Realität ist deutlich komplizierter.

Bei Gewalt im öffentlichen Raum, bei Raub, gefährlicher Körperverletzung und Tötungsdelikten sind Männer nicht nur häufig Tatverdächtige, sondern auch überproportional häufig Opfer. Wer den männlichen Täteranteil nennt, den männlichen Opferanteil jedoch verschweigt, betreibt keine vollständige Gewaltanalyse. Er produziert ein politisch brauchbares, aber wissenschaftlich verkürztes Bild.

Hinzu kommt die Gewalt im sozialen Nahraum. Hier wird oft mit Studien gearbeitet, deren Fragen unterschiedliche Handlungen zu einem Gesamtwert zusammenziehen: Beschimpfungen, eine Ohrfeige, massive Kontrolle, wechselseitige Eskalationen, schwere Misshandlung und sexuelle Nötigung. Das kann sinnvoll sein, wenn die Kategorien transparent bleiben. Unseriös wird es, wenn aus einem Sammelbegriff pauschal ein Geschlechterurteil abgeleitet wird.

Polizeistatistik ist nicht das ganze Bild

Die Polizeiliche Kriminalstatistik erfasst bekannt gewordene Straftaten, nicht alle begangenen Straftaten. Sie ist deshalb weder wertlos noch die vollständige Wahrheit. Sie zeigt Entwicklungen im Hellfeld: Anzeigen, Ermittlungen und registrierte Tatverdächtige. Ob Menschen Anzeige erstatten, hängt aber auch davon ab, ob sie sich als Opfer wahrnehmen dürfen, ob sie Hilfe erwarten und ob Behörden ihre Schilderung ernst nehmen.

Genau hier liegt ein strukturelles Problem für männliche Opfer. Ein Mann, der von seiner Partnerin geschlagen, kontrolliert, bedroht oder sexuell genötigt wird, trifft noch immer auf Spott, Zweifel oder den reflexhaften Verdacht, selbst der eigentliche Täter zu sein. Das gilt im privaten Umfeld ebenso wie bei manchen Beratungsstellen, medizinischen Anlaufstellen und Behörden. Wer unter solchen Bedingungen nicht zur Polizei geht, taucht in der Statistik nicht als Opfer auf.

Das Dunkelfeld ist kein Randthema, das man bei Bedarf als Fußnote erwähnen kann. Es entscheidet maßgeblich darüber, wie Gewalt sichtbar wird. Opferbefragungen können dieses Problem teilweise ausgleichen, haben aber eigene Grenzen: Frageformulierung, Erinnerung, Scham, Auswahl der Befragten und die Einordnung des Erlebten beeinflussen die Ergebnisse. Eine Studie, die nur nach Furcht vor dem Partner fragt, misst etwas anderes als eine Studie, die konkrete Handlungen abfragt. Eine Studie über Gewalt in Beziehungen ist nicht automatisch eine Studie über Gewalt im Allgemeinen.

Tatverdacht ist keine Verurteilung

Auch der Begriff Tatverdächtiger verlangt Sorgfalt. Er bezeichnet eine Person, gegen die ein Verdacht registriert wurde, nicht eine rechtskräftig verurteilte Person. Das ist keine Haarspalterei, sondern rechtsstaatlicher Mindeststandard. Gerade in eskalierenden Trennungs- und Sorgerechtskonflikten können gegenseitige Anschuldigungen, strategische Anzeigen und unvollständige Ermittlungen eine Rolle spielen.

Das bedeutet nicht, dass Gewaltanzeigen pauschal unglaubwürdig wären. Es bedeutet, dass Statistik nicht zum politischen Pranger werden darf. Wer hohe Tatverdächtigenquoten automatisch als Beweis für eine angeblich männliche Wesensneigung zur Gewalt verkauft, verlässt den Boden empirischer Forschung und ersetzt Erklärung durch Ideologie.

Schwere, Kontext und Gegenseitigkeit zählen

Eine sachliche Auswertung muss unterscheiden: Welche Gewaltform liegt vor? Wie schwer sind Verletzungen? Wer beginnt eine Eskalation? Handelt es sich um einmalige, wechselseitige oder systematische Gewalt? Gibt es Abhängigkeitsverhältnisse, Kinder im Haushalt, ökonomische Kontrolle oder gezielte Einschüchterung? Ohne solche Differenzierung wird jede Statistik zur Projektionsfläche.

Bei schwerer und potenziell tödlicher Partnergewalt sind die Folgen für Frauen im Durchschnitt häufig gravierend, insbesondere dort, wo körperliche Überlegenheit, Stalking, Kontrolle und fortgesetzte Bedrohung zusammenkommen. Das anzuerkennen ist keine Konzession an eine einseitige Geschlechterpolitik, sondern eine Frage intellektueller Redlichkeit.

Ebenso redlich ist es, Gewalt von Frauen gegen Männer nicht kleinzureden. Körperliche Unterlegenheit hebt weder Täterschaft noch Schaden auf. Gegenstände, Überraschungsmomente, Drohungen, psychische Gewalt, die Instrumentalisierung gemeinsamer Kinder oder Falschbeschuldigungen können eine erhebliche Machtwirkung entfalten. Männer werden zudem oft später hilfesuchend, weil sie befürchten müssen, ausgelacht oder aus der eigenen Wohnung verwiesen zu werden.

Eine faire Analyse darf daher weder den Satz Männer sind häufiger Täter als Endpunkt behandeln noch die Gegenbehauptung Frauen seien genauso oder schlimmer als universelle Antwort ausgeben. Verteilungen unterscheiden sich je nach Delikt, Beziehungskontext, Erhebungsmethode und Schweregrad. Wer alles in einen Topf wirft, kann fast jede gewünschte politische Botschaft herausrühren.

Wenn Forschung zur Klientelpolitik wird

Problematisch wird es, wenn staatlich geförderte Forschung bereits mit einer politischen Zielsetzung startet: Gewalt soll primär als Ausdruck eines Machtverhältnisses zwischen Männern und Frauen erklärt werden. Diese Perspektive kann einzelne Fälle beleuchten. Als Deutungsmonopol ist sie jedoch eine wissenschaftliche Sackgasse.

Sie schafft blinde Flecken. Gewalt gegen Männer wird dann als Ausnahme, Schamproblem oder bloße Begleiterscheinung behandelt. Gewalt in gleichgeschlechtlichen Beziehungen passt ebenso schlecht in die einfache Täter-Opfer-Erzählung. Jungen als Opfer sexueller Gewalt erhalten oft weniger Aufmerksamkeit, obwohl sie Schutz, spezialisierte Hilfe und eine Sprache brauchen, die ihre Erfahrung nicht unsichtbar macht.

Aus dieser Schieflage folgen handfeste politische Konsequenzen. Förderprogramme, Schutzplätze, Präventionsmaterialien und Fortbildungen werden oft entlang einer vorab festgelegten Opferhierarchie verteilt. Männerhäuser und spezialisierte Beratungsangebote bleiben knapp, regional lückenhaft oder müssen sich gegen den Vorwurf rechtfertigen, sie lenkten Mittel von Frauen weg. Das ist keine Gleichstellungspolitik, sondern Klientelpolitik mit moralischem Schutzschild.

MANNdat fordert deshalb keine Verharmlosung männlicher Tätergewalt. Gefordert wird die gleiche Konsequenz bei Gewalt gegen Männer und Jungen: belastbare Datenerhebung, erreichbare Schutzangebote, geschulte Fachkräfte und eine Strafverfolgung, die nicht nach dem Geschlecht des Opfers sortiert.

Woran Leser belastbare Studien erkennen

Eine brauchbare Studie nennt ihre Begriffe, ihre Stichprobe und ihre Grenzen. Sie trennt Hell- und Dunkelfeld, Opfer- und Täterperspektive sowie verschiedene Gewaltformen. Sie zeigt absolute Zahlen neben Prozentwerten und erklärt, ob Mehrfachnennungen möglich sind. Sie macht außerdem sichtbar, ob es um Selbstberichte, Polizeidaten, Klinikdaten oder Gerichtsentscheidungen geht.

Misstrauisch sollte man werden, wenn ein Bericht schon in der Einleitung ein politisches Schuldurteil formuliert, aber methodische Einschränkungen erst im Kleingedruckten erwähnt. Ebenso fragwürdig sind Grafiken, die nur eine Opfergruppe zeigen, obwohl die zugrunde liegende Erhebung mehrere Gruppen umfasst. Wissenschaftliche Sprache kann objektiv klingen und dennoch selektiv eingesetzt werden.

Leser sollten sich auch fragen, welche Vergleichsgruppe fehlt. Werden Männer und Frauen in derselben Altersgruppe verglichen? Geht es um die Gesamtbevölkerung oder nur um Partnerschaften? Wurde nach erlebter Gewalt im gesamten Leben oder im letzten Jahr gefragt? Solche Unterschiede können Ergebnisse stark verändern. Eine Schlagzeile kann diese Details nicht ersetzen.

Gewaltpolitik braucht gleiche Maßstäbe

Der Schutz vor Gewalt darf nicht davon abhängen, welches Geschlecht eine Person hat und welche politische Geschichte sich aus ihrem Fall erzählen lässt. Wer Männer als Täter ernst nimmt, muss Männer als Opfer ebenso ernst nehmen. Wer Prävention fordert, muss Jungen früh helfen, Konflikte ohne Gewalt zu lösen, statt sie unter Generalverdacht zu stellen. Und wer staatliche Mittel verteilt, muss Versorgungslücken nach Bedarf schließen, nicht nach ideologischer Symbolik.

Der nächste Schritt ist deshalb unbequem, aber einfach: Fragen Sie bei jeder Studie nach Definition, Datenquelle, Dunkelfeld und ausgelassenen Opfergruppen. Erst wenn diese Fragen selbstverständlich werden, verliert die Gewaltdebatte ihren propagandistischen Nebel – und Betroffene erhalten eher die Hilfe, die ihnen zusteht.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit mit einer Spende.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Bitte beachten Sie, dass Kommentare mindestens 5 und höchstens 1500 Zeichen haben dürfen.

Zitate können mit <blockquote> ... </blockquote> gekennzeichnet werden.

Achtung: Wenn Sie einen Kommentar von einem Smartphone verschicken, wird der Text manchmal von der Autofill-Funktion des Smartphones durch die Adresse ersetzt. Wenn Sie den Kommentar absenden, können wir den originalen Text nicht wiederherstellen.

Niemand mag Pop-ups!

Aber immerhin stehe ich nicht mitten auf der Seite. Wenn Sie sich für unseren Newsletter anmelden wollen, tragen Sie sich hier ein. Es lohnt sich!

Ihre Daten sind sicher! Die Email verwenden wir nur für den Newsletter. Sie können sich jederzeit abmelden.