„Männer wenden Gewalt an, um Macht über Frauen auszuüben“

von MANNdat

Warum eigentlich schlagen Männer ihre Frauen? Wenn Feministinnen dieser Frage nachgehen, lautet die Antwort oft: weil sie das Bedürfnis haben, Macht und Kontrolle über die Frau auszuüben. Gelegentlich wird noch darauf hingewiesen, dass ausgiebiger Alkoholkonsum die Gewaltneigung fördert. Andere Gründe und Motive scheinen keine große Rolle zu spielen.

Damit machen sie es sich wieder einmal recht einfach. Offensichtlich hat man doch einige Angst, dass die Erörterung anderer Gründe, die zur Ausübung von Gewalt führen können, das Verhalten der Männer allzu nachvollziehbar machen könnte. Das soll nach Möglichkeit nicht passieren; neben dem Faktor Männlichkeit und seinen offenbar typischen Begleiterscheinungen soll nichts die Gewaltausübung erklären dürfen.

Grundlage dieser Denkweise ist die Patriarchatstheorie, die von einem Machtgefälle in Familie und Gesellschaft zu Lasten der Frauen ausgeht. Dieses lebensfremde Konstrukt blendet leider alles das aus, was nicht ins künstliche Schwarz-Weiß-Schema passt: sowohl die Macht, über die Frauen (in den Familien schon immer, aber auch in der Gesellschaft allgemein) durchaus verfügen, als auch die Gewalt, die von ihnen ausgeübt wird und die (siehe Abschnitt „Gewalt gegen Frauen ist ein Tabuthema“) durchaus erhebliche Ausmaße annimmt. Von den vielfältigen Benachteiligungen zu Lasten von Männern einmal ganz zu schweigen.

Hinzu kommt: Die bewusste Verkürzung der Gewaltursachen auf männliches Macht- und Kontrollbedürfnis alleine ist ein viel zu eindimensionaler Erklärungsansatz für ein derart vielschichtiges Phänomen wie häusliche Gewalt. Aus einer Vielzahl von wissenschaftlichen Untersuchungen weiß man, welche Faktoren tätliche Auseinandersetzungen in Familien weit eher – und zudem geschlechterübergreifend – begünstigen: geringes Selbstwertgefühl, Armut, Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, Drogensucht, geistige Störungen, Stress, biologische und neurologische Einflüsse, Zusammenleben und/oder Elternschaft zweier sehr junger Partner, emotionale oder körperliche Misshandlungen in der Kindheit, schwache Eltern-Kind-Bindungen, dazu psychische Gewalt des späteren Opfers und dessen verbale Provokationen.

Verschiedene Studien haben gleichwohl einen Zusammenhang zwischen Macht-/Kontrollbedürfnis und häuslicher Gewalt festgestellt. Allerdings lässt sich ein eindeutiger Zusammenhang zwischen diesem Bedürfnis und dem männlichen Geschlecht nicht herstellen: „In einer Stichprobe von 617 College-Studenten (290 Männer, 327 Frauen) fanden Follingstad et al. heraus, dass schwere Gewalthandlungen häufig im Zusammenhang mit dem Wunsch standen, ‚to control his/her dating partner‘; dies galt sowohl für Frauen als auch Männer,“ heißt es in der Dissertation von Bastian Schwithal (2004, Seite 202), der weitere Untersuchungen erwähnt, die diesen Befund bestätigen.

Wer Gewalt gegen Partner oder Kinder als rein männliche Handlungsweise versteht und sie lediglich als Instrument zur Ausübung von „patriarchalischer“ Macht ansieht, der blendet natürlich die Vorgeschichte und die Entwicklung solcher Auseinandersetzungen, die am Ende zum gewalttätigen Streit eskaliert sind, bewusst aus. Dabei bedarf es nur eines Mindestmaßes an gesundem Menschenverstand, um sich klar zu werden: diese Konflikte spielen sich ab zwischen zwei erwachsenen, für ihr Verhalten voll verantwortlichen Menschen. Niemand ist an dessen Eskalation vollkommen schuldig oder unschuldig, auch das spätere Opfer wird in vielen Fällen dazu beigetragen haben, dass die Auseinandersetzung eskaliert ist.

In einem Vortrag im Mai 2004 hat Prof. Eugen Lupri vor den Teilnehmern des Runden Tisches zur häuslichen Gewalt in Calgary (Kanada) begründet, warum eine solche interaktionistische Betrachtung den Akteuren von Gewalt gegenüber angemessener sei: „Intime Beziehungen sind vom Charakter her dynamisch und wechselseitig, grundsätzlich ambivalent, häufig konfliktbeladen und widersprüchlich. Wenn einer der Partner dem anderen gegenüber Gewalt anwendet, können bestimmte Verhaltensweisen oder Antworten des einen Partners beim anderen eine gewalttätige Reaktion auslösen. Gewalt ist demnach ein Beziehungsproblem, kein grundsätzlich männliches Problem. Anzunehmen, Gewalt in Beziehungen laufe immer in einer Richtung ab, (…) ist ein Trugschluss.“
Ein Trugschluss, dem erstaunlicherweise sehr viele Sozialarbeiter zu erliegen scheinen, die es doch eigentlich besser wissen sollten.

Die vorsätzliche Ausblendung der Verantwortlichkeit der Frau beim Entstehen und bei der Eskalation häuslicher Auseinandersetzungen ist nicht nur eine gezielte Irreführung der Öffentlichkeit. Man erweist damit auch der Gleichberechtigung der Frau einen Bärendienst, indem man sie von einem erwachsenen, verantwortungsvoll handelnden Menschen zu einer unschuldigen und hilflosen Person herabstuft, die für ihr Verhalten keine Verantwortung zu übernehmen braucht und eigentlich immer nur Opfer sein kann. Ein beachtlicher Widerspruch zum Ansinnen der Frauenbewegung, Frauen stark zu machen!

Ganz anders sieht die Betrachtungsweise hingegen aus, wenn aufgrund eindeutiger Statistiken und seriöser wissenschaftlicher Untersuchungen nicht länger geleugnet werden kann, dass Frauen zu einem erheblichen Teil häusliche Gewalt ausüben. Dann kann der erstaunte Beobachter Sätze wie diese lesen (allesamt Originalzitate aus der Presse): „Frauen sind viel selbstbewusster geworden, sie lassen sich nicht mehr alles bieten und wehren sich entschiedener als früher.“ – „Es sei natürlich nicht so, dass Frauen einfach dreinschlagen, für eine Eskalation brauche es immer zwei.“ –„Frauen haben früher einfach eingesteckt. Heutzutage sind sie sich zunehmend ihrer Rechte bewusst – oder sie schlagen auch einmal zurück.“

Feinfühlige Erklärungsversuche wie diese sucht man bei Presseartikeln, die sich mit Gewalt von Männern beschäftigen, vergeblich. Wenn Männer schlagen, hält man sich nicht groß mit Erklärungen auf.

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Bildquelle: (c) S. Hofschläger/www.pixelio.de

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Lesermeinungen

  1. Von lucia faller

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  2. Von Judith

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