„Wer als Kind Gewalt erlebt hat, übt später häufig selber Gewalt aus“

von MANNdat

Diese Aussage ist an sich zutreffend. Wer in einer Familie aufwächst, in der Gewalt alltäglich ist, erlernt Gewaltausübung als vermeintliches Mittel zur Lösung von Konflikten leichter als jemand, der diese Erfahrungen nicht von Kindheit auf gemacht hat. Viele wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen diese These.

Von Feministinnen wird dieser Satz jedoch in der Regel so ausgelegt, dass ein Junge, der zusieht, wie der Vater die Mutter schlägt, sich mit der Täterrolle identifiziert, während ein Mädchen eher die Rolle des Opfers erlernt. Diese ausgesprochen starre Interpretation sichert die Fortschreibung der männlichen Täter- und der weiblichen Opferrolle für die nächsten Generationen, ist also für feministische Zwecke ausgesprochen nützlich. Natürlich kommt der umgekehrte Fall – die Mutter schlägt den Vater, das Mädchen schaut dabei zu und lernt die Täterinnenrolle, der Junge die Opferrolle – im Rahmen dieser Betrachtungen gar nicht erst vor. Der Satz „es kann nicht sein, was nicht sein darf“ gilt auch hier.

Jürgen Gemünden schreibt in seiner Dissertation zu dieser These (S. 67): „Als pauschale Behauptung ist dies aber falsch: Gerade Frauen, die erlebt haben, wie ihre Mutter vom Vater mißhandelt wurde, wissen sich in der gleichen Situation, in der sie von ihrem Ehemann mißhandelt werden, eher zu helfen als andere Frauen ohne solche Erfahrungen (Gelles 1978) und werden sogar eher selbst gewalttätig als andere Frauen (DeMaris 1987; Bernard/Bernard 1983; Shupe et al. 1987: 58). Außerdem gibt es auch Jungen, die die Opferrolle erlernen (vgl. Schnack/Neutzling 1991: 59-63).“

Gemünden spricht des Weiteren von „artifiziellen Annahmen“, die entstünden, „wenn man die sozialen Lernprozesse auf die Familie allein beschränken und außerfamiliale Erfahrungen ausschließen wollte.“ Die Familie sei „ein Trainingsfeld für die Einübung gewalttätigen Verhaltens von Kindern, aber sicher nicht das einzige.“

An anderer Stelle (S. 15) geht Gemünden auf einen Umstand ein, der von feministischer Seite grundsätzlich niemals Erwähnung findet, im hier behandelten Zusammenhang aber durchaus von Interesse ist: Jungen werden häufiger und schwerer von ihren Eltern geschlagen als Mädchen; dies gilt insbesondere für schwere Mißhandlungen. Dabei geht die Gewalt der Eltern meist von den Müttern aus, „was allerdings nicht sehr verwundert, weil sie in der Regel die meiste Zeit mit den Kindern verbringen und bei getrenntlebenden Eltern die Kinder meist bei der Mutter sind. Interessant ist aber, daß die gefährlichsten Formen von Gewalt viel häufiger von Frauen eingesetzt werden: So verprügeln Mütter ihre Kinder durchschnittlich 7,2 mal pro Jahr, während die Väter dies nur etwa einmal pro Jahr tun (Straus et al. 1980: 67). Dieses Thema ist für die Arbeit insofern von Belang, als geschlagene Kinder später als Erwachsene eher Gewalt gegen den Partner anwenden, wobei dieser Effekt bei Jungen am stärksten zu sein scheint (DeMaris 1987: 299 u. 302).“

Es ist demnach weniger der die Mutter verprügelnde Vater, welcher – speziell für Jungen – die Wahrscheinlichkeit erhöht, später selber gegenüber seiner Partnerin gewalttätig zu werden. Es ist vielmehr die am eigenen Leibe erfahrene körperliche Gewalt, die sich in dieser Hinsicht vor allem auswirkt. Und diese Gewalt wird weit häufiger von den Müttern ausgeübt als von den Vätern dieser Jungen.

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Bildquelle: (c) S. Hofschläger/www.pixelio.de

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Lesermeinungen

  1. Von britta khokhar

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