Der andere Mann – Eine Buchrezension von Dr. Bruno Köhler

von Dr. Bruno Köhler
Ein Mann im Spiegel: wird im Buch "Der andere Mann" wirklich ein alternativer Blick auf Männer geworfen?

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Warum werden für ein Buch über die Probleme und Benachteiligungen von Männern nicht auch Männerrechtler befragt, statt sie, wie auch in Diskussionen des Fernsehens oder der Gleichstellungspolitik, zu ignorieren?

Das Buch „Der andere Mann“ von Josef Christian Aigner (Hrsg.) will uns laut Untertitel einen alternativen Blick auf Entwicklung, Lebenslagen und Probleme von Männern in unserer Zeit bieten. Dies gelingt leider nur teilweise. Nach anfänglich erfolgreichen Ansätzen, die Nachteile und Benachteiligungen von Jungen, Vätern und Männern zu thematisieren, entwickelt es sich zur üblichen Ausgrenzung und unwissenschaftlichen Verteufelung von Kritikern der aktuellen Geschlechterpolitik.

Das Buch ist 2016 im Psychosozial-Verlag erschienen und besteht aus zwölf Beiträgen unterschiedlicher Autoren und einem Vorwort des Herausgebers. Kurzportäts der Autoren der einzelnen Beiträge in einem separaten Kapitel am Ende vervollständigen das Buch.

Die Bildungsprobleme von Jungen

Im ersten Sachbeitrag vom Herausgeber selbst versucht Aigner zu zeigen, „dass das Negativbild, das heute über Männer sehr verbreitet ist, ein Zerrbild einer leider vorhandenen, aber nicht zu pauschalisierenden Männer-Wirklichkeit ist.“[1] Er thematisiert dabei u. a. die Bildungsprobleme von Jungen und legt dar, dass das weitere Ignorieren solcher Fakten dazu führen könnte, dass mittelfristig junge Männer mit Existenzsorgen sich verstärkt radikalisieren und „fragwürdigen“ Organisationen anschließen könnten.

Selbst Reinhard Winter, ein Gender-Mainstreaming-Protagonist, bricht eine Lanze für eine jungengerechtere Schule, jenseits vom üblichen Jungen-sind-selber-schuld-Zynismus der Geschlechterpolitik, und schreibt z. B.:

In Verbindung mit Lernen und Entwicklung genügt es nicht, einen Aspekt von Männlichkeit unablässig zu kritisieren, weil eine übermäßig ‚männlichkeitskritische‘ Haltung den Wunsch nach einer Depotenzierung von Jungen beinhaltet. Angemessener scheint es, Männlichkeitskonzepte zu ergänzen, wo sie lückenhaft bleiben und sie zu erweitern (…). Davon sind die Funktionäre der Männlichkeitsdebatten derzeit allerdings weit entfernt, weshalb Jungen unversorgt bleiben.[2]

Das ist eine Erkenntnis Winters, die schon über zehn Jahre alt und somit der Geschlechterpolitik schon lange bekannt ist. Allein es tut sich nichts.

Sorgerechtsdiskriminierung und männliche Gewaltopfer werden verschwiegen

Es folgen Beiträge zu Männlichkeiten und Väter (ohne jedoch auf die Sorgerechtsdiskriminierung von Vätern näher einzugehen), stattdessen mit der Betonung auf der Autorität und Aggression in der Vaterschaft. Im Beitrag von Aigner/Poschenik zu männlichen Erziehern werden zwar verschiedene männliche Erziehertypen beschrieben. Auf das große Problem von männlichen Erziehern bezüglich des ihnen häufig entgegengebrachten Pauschalverdachtes der Pädophilie wird nicht eingegangen. Der Beitrag zur Männerberatung beleuchtet die übliche Männertätersichtweise, wenn auch durchaus kritisch und relativ empathisch. So geht der Autor z. B. auf die männerfeindlichen Vorurteile, die Berater manchmal hegen, ein. Probleme von Männern, die Opfer von Gewalt wurden und damit nicht ernst genommen werden, werden nicht erörtert.

Das skurrile Schubladendenken des Markus Theunert

Markus Theunerts Beitrag „Die andere Geschlechterpolitik“ hebt sich von den anderen deutlich negativ ab, weil hier ein gängiges Feindbild des geschlechterpolitischen Establishments konstruiert wird. Es beginnt damit, dass er lediglich Benachteiligungen von Frauen auflistet. Benachteiligungen von Jungen, Vätern und Männern werden konsequent verschwiegen. Dann teilt er die Männerbewegung in fünf Gruppen ein. Und die Männerrechtsbewegung, die im Grunde nichts anderes tut, als das von der Geschlechterpolitik versprochene Konzept der Beseitigung der Nachteile und Benachteiligungen beider Geschlechter auch konsequent für das männliche Geschlecht zu fordern, schiebt er dem Antifeminismus zu, also dem vom geschlechterpolitischen Establishments stigmatisierten und als radikal rechts diffamierten Teil der Männerbewegung.

Am Ende des Buches kommen noch zwei philosophische bzw. esoterische Beiträge („Yin- und Yang-Konstanten im Wandel der Zeiten als dynamische bzw. dialektische Grundmuster einer ganzheitlichen Geschlechtertheorie“), wobei vor allem der erste Beitrag durchaus interessant ist: „Im Gender Mainstreaming jedoch sind Reduktionalismen unübersehbar. Die alleinige Festlegung auf Biologismen ist so einseitig wie die auf soziale Prägefaktoren.“[3]

Wenig Highlights, aber viel Fragwürdiges

Der Start des Buches ist absolut gelungen. Es macht neugierig auf den Rest. Tatsächlich gibt es vereinzelt Ansätze, auch Nachteile und Benachteiligungen von Jungen, Vätern und Männer zu thematisieren, und zaghafte Versuche, die Geschlechterkriegsstereotype aufzubrechen. Die Aspekte aller Beiträge der Autoren, ausgenommen der wirre Versuch Theunerts, feminismuskritische Organisationen in sein krudes Gut-Böse-Weltbild zu pressen, sind durchaus wichtig für die Diskussion über eine sinnvolle Männer- und Jungenpolitik. Aber mit Theunerts Beitrag fällt das Buch in die althergebrachten Stereotype der privilegierten Tätermänner und diskriminierten Opferfrauen des Geschlechterkriegsdenkens der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts zurück und relativiert dadurch die anderen Beiträge.

Der Beitrag Theunerts belegt das Dilemma des Buches und synonym auch das Dilemma der gängigen Männerpolitik. Er tut das, was Geschlechterpolitik schon seit Jahrzehnten praktiziert – er verschweigt und ignoriert Nachteile und Benachteiligungen von Jungen, Vätern und Männern und schiebt Menschen und Organisationen, die diese Nachteile und Benachteiligungen in die geschlechterpolitische Diskussion einbringen wollen, wie eh und je in eine gesellschaftlich stigmatisierte Ecke. Nichts war´s mit dem „alternativen Blick auf die Probleme von Männern“. So erklärt sich auch, weshalb die Gesichtspunkte, wie sie Winter oben in seinem Beitrag dargelegt, schon seit über zehn Jahren der Geschlechterpolitik bekannt sind, diese aber nichts unternimmt. Nachteile zuungunsten von Jungen, Vätern und Männer, wie z. B. der zunehmende Gender Education Gap zuungunsten der Jungen, werden nicht als Probleme, sondern als positive Rückmeldungen einer Geschlechterpolitik verstanden, die sich bis heute, auch trotz Gender Mainstreaming, ausschließlich auf die „Frauenfrage“ reduziert.

Fazit:

Mit der üblichen Ausgrenzung und unwissenschaftlichen Verteufelung von Kritikern an der aktuellen Geschlechterpolitik kann Aigners Buch dem hohen Anspruch, einen alternativen Blick auf Entwicklung, Lebenslagen und Probleme von Männern bieten zu wollen, nicht mehr gerecht werden. Es reicht nicht, einfach einige Aspekte der Kritiker aufzugreifen und die Kritiker selbst zu verdammen und auszugrenzen. Man muss die Kritiker selbst zu Wort kommen lassen.

Dabei wäre es ganz einfach gewesen. Der Herausgeber hätte sein Buch einfach noch durch einen Beitrag eines Männerrechtlers ergänzen können. Dann hätte der Leser die Möglichkeit gehabt, zwischen den verschiedene Ansätzen und Positionen zu unterscheiden, zu vergleichen und die für sich richtige Meinung zu bilden. Eine alternative Diskussion fernab festgefahrener theoretischer und politischer Konzepte ist nicht möglich, wenn man lediglich die Befürworter dieser Konzepte zur Wort kommen lässt. Wer zu Diskussionen über eine festgefahrene Politik ermuntern will, muss die Kritiker der aktuellen Politik mit ins Boot nehmen und nicht ausgrenzen. Das ist nicht geschehen. So bleibt das Buch ein Monolog im kritiksterilen Raum der bisherigen geschlechterpolitischen Protagonisten.

Der Herausgeber scheitert mit seinem hohen Anspruch aus dem Vorwort, zu Diskussionen über eine andere Männlichkeit, fernab festgefahrener theoretischer oder politischer Konzepte, ermuntern zu wollen, letztendlich an der selbstgesetzten Doktrin des politischen Feminismus, mit seinen Kritikern nicht zu diskutieren.

Schade, knapp daneben ist auch vorbei. Das Buch mag vielleicht als Beispiel für die Furcht des geschlechterpolitischen Establishments vor dem Verlust seines hegemonialen Definitionsmonopols dienen. Für Einsteiger in das Thema ist das Buch aber nicht geeignet, weil es nur die halbe Wahrheit über die Situation von Männer und Jungen enthält und den versprochenen „alternativen“ Blick nicht wirklich liefert. Insider erkennen einen Versuch des Feminismus, sich auch mit Männern jenseits der privilegierten Täterrolle auseinanderzusetzen. Zudem ergeben sich durchaus interessante Einblicke in die Denkweise und Strategie des geschlechterpolitischen Establishments gegenüber seinen Kritikern, wie vor allem der Beitrag von Markus Theunert. Ob sich dafür aber der stolze Preis von 24,90 € lohnt, muss jeder selber entscheiden.

Quellen
[1] Josef Christian Aigner, Der andere Mann, S. 30
[2] Reinhard Winter: Buch S. 44
[3] Peter Stöger: Buch S. 233

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Lesermeinungen

  1. Von Peter Geiger

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