Die feministische Vereinnahmung eines großen Autors

von MANNdat

Im Jahr 2010 jährte sich zum 100. Mal der Todestag des großen russischen Schriftstellers Lew Tolstoj. Doch weniger der berühmte Dichter wurde gefeiert als vielmehr seine Frau Sofja Tolstaja. Anscheinend der klassische Fall einer hochbegabten Autorin, die leider unverdientermaßen im Schatten ihres berühmteren Gatten steht. So jedenfalls sehen es Genderideologinnen und feministische Literaturwissenschaftlerinnen.

Nachfolgend veröffentlichen wir mit Erlaubnis des Verfassers einen Text des Publizisten Adorján F. Kovács, der sich kritisch mit dem Rummel um das angeblich so unterschätzte weibliche Dichtergenie auseinandersetzt.

Die feministische Vereinnahmung eines großen Autors
Die Rache der Genderforscherinnen

Das war ja wohl ein merkwürdiges Tolstoj-Jahr! Im Jahre 1910, also letztes Jahr vor 100 Jahren ist der große russische Dichter gestorben. Der Medienzirkus hat sich für ihn etwas Ungewöhnliches ausgedacht. Denn nicht etwa Lew Tolstoj wurde gefeiert, sondern vielmehr seine Frau Sofja Tolstaja. Wie das? Der Dichter, dem früher preisend nachgesagt wurde, den Frauen bis auf den Grund ihrer Herzen schauen zu können, ist auf einmal des Verbrechens schuldig, „erbärmliche Frauenfiguren“ geschaffen zu haben, wie Helen Mirren, die englische Schauspielerin, in einem Interview zum Tolstaja-Film „Ein russischer Sommer“ sagt (und doch immerhin Anna Karenina von diesem Urteil ausnehmen muss). Ferner ist er nicht hinter seine angeblich geniale Frau zurückgetreten, sondern hat die patriarchalische Unverschämtheit besessen, unbeirrt ein gigantisches Werk zu schaffen, das jetzt in einer neuen russischen Gesamtausgabe in 120 Bänden herausgegeben werden soll.

Diese neue Sichtweise wurde von langer Hand vorbereitet. Bereits 2008 war Sofja Tolstajas Buch „Eine Frage der Schuld“ auf deutsch bei Manesse veröffentlicht und sogleich als eine Offenbarung gepriesen worden. Es ist als eine Antwort auf die berühmt-berüchtigte „Kreuzersonate“ ihres Mannes entstanden. Die meisten deutschen Rezensentinnen und Rezensenten folgerten, dass Frau Tolstaja nun endlich auch einen verdienten Platz in der Weltliteratur einnehmen könne. Konsequent erschien im Jahr darauf, von der Herausgeberin des Tolstaja-Buches, Ursula Keller, zusammen mit Natalja Sharandak verfasst, beim Insel-Verlag eine Biografie von Sofja Tolstaja, die die definitive Heiligsprechung Frau Tolstajas betrieb („Ein Leben an der Seite Tolstojs“). Das Faktum der offensichtlichen Diskrepanz zum Werk Lew Tolstojs wurde ohne Wimpernzucken in Kauf genommen. Zeitgerecht im Jubiläumsjahr des Ehemannes wurde schließlich bei Manesse noch ein weiterer kleiner Roman der Ehefrau nachgeschoben („Lied ohne Worte“).

Der Klappentext des Tolstaja-Buches „Eine Frage der Schuld“ verwies auf die tieferen Intentionen des Verlags und der Herausgeberin. „Dass hochbegabte Frauen im Schatten hochbegabter Männer stehen, ist nichts Außergewöhnliches. Dem Angebeteten zuliebe leisten sie Verzicht, werden im besten Fall zu Musen, im schlechtesten zu Haushälterinnen.“ Diese begabten, aber von ihren Männern unterdrückten Frauen sollen nun um jeden Preis aus deren Schatten hervorgeholt werden. Es wundert nicht, dass Frau Keller nach einem Studium der Slavistik und Germanistik zahlreiche Aufsätze zur Genderforschung in der Slavistik verfasst hat.

Damit aber nicht genug. Das Duo Keller/Sharandak hatte sein Thema gefunden und machte weiter: Der Briefwechsel zwischen den Eheleuten Tolstoj erschien unter ihrer Herausgeberschaft bei Insel. Aus dem Vorwort: „Ihr Briefwechsel spiegelt nicht nur die Höhen und Tiefen ihrer schwierigen Liebe, sondern zeigt auch die Schriftstellergattin als außergewöhnliche Persönlichkeit.“ In diesem Tenor sind auch die Kommentare gehalten, die den Kampf um die Entscheidung Tolstojs, was mit seinem Erbe passieren, genauer, wer die Rechte an seinem Werk bekommen sollte, einseitig zugunsten Sofja Tolstajas auslegen, die angeblich ein Recht auf die finanziellen Gewinne hatte. Als hätte der Autor Tolstoj nicht das Recht gehabt, alle seine Werke – es war ja sein geistiges Eigentum! – in den Gulli zu werfen, wenn er das denn so haben wollte.

Zuletzt haben Ursula Keller und Natalja Sharandak auch die gute Tolstoj-Biografie Janko Lavrins bei den erfolg- und einflussreichen Rowohlt-Monographien abgelöst – die totale Machtübernahme gegenüber dem wehrlosen Autor. Es ist wie eine späte Rache an der übermächtigen Schöpferkraft dieses Mannes. Für lange Jahre haben die Genderautorinnen nun nicht mehr nur die Deutungshoheit über die Ehefrau, sondern auch über den bedauernswerten Dichter errungen. Die ganze Deutungshoheit? Nein! Hoch im Norden hat ein unbeugsamer Norweger, der Vize-Präsident der Internationalen Dostojewski-Gesellschaft Geir Kjetsaa eine Biografie Tolstoijs geschrieben, die erfrischend frei ist von den verqueren Zwängen deutscher Genderideologie, ohne darum Tolstojs Frau ins Unrecht zu setzen. Es kann nach der feministischen Intoxikation gewissermaßen als Antidot gelesen werden. 2001 ist das Werk beim Casimir Katz Verlag erschienen; es ist in Deutschland nie besonders propagiert worden. Warum nicht, muss man nicht lange erraten. Alles, was Sofja Tolstaja nicht zum Genie erhebt, wird mit einem Scheinargument bekämpft: Die Forschung sei heute weiter, das ginge an aktuellen Debatten vorbei. Mit der Forschung ist aber nur die Gender-Forschung gemeint, und von Debatten kann überhaupt keine Rede sein – es handelt sich, wie gezeigt wurde, um eine komplette und einseitige Vereinnahmung eines Autors.

Adorján F. Kovács
Literaturempfehlung: Geir Kjetsaa, Lew Tolstoj. Dichter und Religionsphilosoph, Casimir Katz Verlag Gernsbach, 2001

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