Gleichgesinnte finden, anstatt sich an Fanatikern abarbeiten

von Dr. Bruno Köhler

Arne-Hoffmann-thumbDer Geschlechterforscher Arne Hoffmann hat sich in zahlreichen Büchern mit Frauen, Männern und ihrer Beziehung zueinander beschäftigt, wobei mehrere Werke bis hin zu einer Titelgeschichte im Magazin FOCUS starke Resonanz in den Medien erhielten und dazu beitrugen, Hoffmann als einen der Sprecher der neuen Männerrechtsbewegung (Maskulismus) in Deutschland zu positionieren. Hoffmanns Newsblog Genderama versteht sich als Sprachrohr des linken Flügels dieser Bewegung und eröffnete die Debatte, wie eine linke Männerrechtspolitik aussehen kann. Neben Professor Gerhard Amendt, Professor Klaus Hurrelmann und anderen Autoren wirkte Hoffmann an dem wissenschaftlichen Fachbuch „Befreiungsbewegung für Männer“ mit (Psychosozialverlag 2009).

Arne Hoffmann hat nun zwei neue Bücher veröffentlicht, zum einen „Not am Mann – Sexismus gegen Männer“ vom Gütersloher Verlagshaus und zum anderen „Plädoyer für eine linke Männerpolitik“. Dr. Bruno Köhler von MANNdat e.V. interviewte den Fachmann und Kenner der männerpolitischen Szene.

MANNdat: Die Frage hast du sicher schon oft beantwortet, aber für unsere Leser ist das natürlich sehr wichtig: Warum zwei Bücher und wo sind die Unterschiede?

Arne Hoffmann: Die beiden Bücher sind auf der Grundlage desselben Originalmanuskripts entstanden, „Plädoyer für eine linke Männerpolitik“. Damit möchte ich vor allem mein eigenes Lager in die Pflicht nehmen, sich auch in diesem Bereich gegen Diskriminierung zu engagieren. Der Verlag, dem ich das Buch anbot, begeisterte sich zwar schnell dafür, fand das Männerthema aber zu wichtig, um ausschließlich linke Leser darauf aufmerksam zu machen. Auch war ihm mein Buch zu umfangreich. Also handelte ich einen Deal aus, den es meines Wissens so noch nie gegeben hat: Zeitgleich mit einer gekürzten Fassung unter dem Titel „Not am Mann“, die sich an eine breite Leserschaft richtet, brachte ich „Plädoyer für eine linke Männerpolitik“ als ungeschnittene Originalfassung im Eigenverlag heraus – mit 416 statt 255 Seiten deutlich dicker, aber zum selben Preis. Die Kapitel dieses Buches sind umfangreicher und gehen so mehr in die Tiefe, außerdem enthält es zusätzliche Kapitel wie „Was haben linke Männer (und Frauen) gegen den Feminismus?“

MANNdat: Vor 13 Jahren erschien dein Buch „Sind Frauen bessere Menschen“. Ein Klassiker, der heute als Startpunkt der Männerrechtsbewegung – oder, wie du es nennst, der emanzipatorischen Männerbewegung – gilt. Was hat sich seitdem bezüglich der Berücksichtigung der Anliegen und Belange von Jungen, Vätern und Männern im geschlechterpolitischen Dialog grundlegend verändert?

Hoffmann: Vor allem die Diskurse, mit denen allgemein über das Geschlechterthema gesprochen und gedacht wird. Beispielsweise veröffentlichte am 23. Januar 2014 die „Zeit“ eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov, der zufolge eine große Mehrheit von 72 Prozent der Meinung ist, dass in der Sexismus-Diskussion die Männer zu kurz kommen. Frauen sehen dies mit 75 Prozent sogar noch häufiger als Männer (68 Prozent). Einer wenige Monate zuvor veröffentlichten Allensbach-Umfrage zufolge fühlen sich 76 Prozent der Männer „wenigstens ab und zu gegenüber Frauen benachteiligt“. Noch vor fünf Jahren hätte es so klare Zahlen nicht gegeben. Dass sich das geändert hat, liegt an unzähligen Initiativen unterschiedlichster Art, die Männer in den letzten 13 Jahren gestartet haben, um auf ihre Benachteiligung aufmerksam zu machen. Teilweise landet dieses wachsende Bewusstsein auch in den Leitmedien, beispielsweise in einer Titelgeschichte der „Bild am Sonntag“ über Männerdiskriminierung. Allerdings schreiben die meisten Zeitungen immer noch gegen ihre Leser an, was man an der enormen Kluft der Meinungen zwischen online gestellten Artikeln und den Leserreaktionen in den Kommentarspalten darunter sieht. Und politisch tut sich noch gar nichts, weil wir noch keine Partei davon überzeugen konnten, Männeranliegen engagiert zu vertreten. Durch mehrere Jahrzehnte Vorsprung und einen autoritären Dogmatismus bestimmt derzeit der radikale Feminismus, wie einseitig Geschlechterpolitik hierzulande auszusehen hat.

MANNdat: In deinem Buch gehst du auch auf Zuwanderer und Homosexuelle ein. Wo gibt es da Themen, in denen speziell Männer oder Jungen benachteiligt sind?

Hoffmann: Schwule haben zum einen mit Diskriminierungen aufgrund ihrer Homosexualität zu kämpfen, worüber ja schon viel geschrieben wurde, zum anderen mit den Benachteiligungen, von denen auch heterosexuelle Männer betroffen sind, von der Benachteiligung in der Schule bis zur medizinischen Vernachlässigung von Prostatakrebs im Vergleich zu anderen Krebsformen. Dass hier die beiden Antidiskriminierungsbewegungen zusammenfinden sollten, um einander zu stärken, liegt eigentlich auf der Hand. Bei männlichen Zuwanderern ist es nicht anders. Einerseits sind auch sie von denselben Benachteiligungen betroffen wie einheimische Männer – ich erinnere nur an den Fall des ausgegrenzten Vaters Kazim Görgülü oder daran, dass es ein gebürtiger Nigerianer war, dessen Klage vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte dazu führte, dass die Stellung unehelicher Väter in Deutschland verbessert wurde. Darüber hinaus sind männliche Zuwanderer aber besonders stark von Diskriminierung betroffen. Fremdenfeindliche Klischees zum Beispiel nehmen weitaus öfter Männer als Frauen zur Zielscheibe – Alice Schwarzer etwa ist dafür ja scharf kritisiert worden – und dass Jungen mit Migrationshintergrund von der staatlichen Politik gegenüber Mädchen benachteiligt werden, hatte MANNdat als erstes belegt. Dazu kommen Probleme aus anderen Kulturen: Von Zwangsheirat etwa sind offenkundig ebenso viele Männer wie Frauen betroffen, obwohl unsere Leitmedien fast nur über weibliche Opfer sprechen.

MANNdat: Du zitierst Dr. Matthias Stiehler mit den Worten „Wer sollte eine Debatte um Gerechtigkeit besser führen können als die Linke, deren Basis das Eintreten für Gerechtigkeit ist.“ Jungen haben heute die geringere Bildungsbeteiligung und das schlechtere Bildungsniveau, Männer sind häufiger als Frauen arbeitslos und haben eine geringere Lebenserwartung, Väter werden im Sorge- und Umgangsrecht diskriminiert. Es gibt also genügend Politikfelder, in denen linke Politiker für Jungen und Männer eintreten könnten. Warum tun sie es nicht?

Hoffmann: Männer haben das Geschlechterthema leider mehrere Jahrzehnte weitgehend ignoriert – Jahrzehnte, in denen der radikale Feminismus alle Zeit der Welt hatte, Männer als Unterdrücker und Frauen als ausgebeutete Opfer zu präsentieren und dieses Denken der Bevölkerung in die Köpfe zu hämmern. Die feministischen Argumente, wenn es um Gleichberechtigung geht, sind der Linken also gut bekannt, die maskulistischen Argumente kaum. Nur über die rechtsradikalen, frauenfeindlichen und homophoben Ausbrüche am Rand der Männerszene wird die Linke durch entsprechend ideologisierte Kader gut informiert. Was dort am rechten Rand mitunter geäußert wird, stößt uns Linke stark ab. Dieselben feministischen Kader lassen es vielen Linken als keine gute Idee erscheinen, sich näher mit den Anliegen von Männern zu beschäftigen, denn sobald aufgeklärte Linke sich entsprechend äußern würden, würden sie als „Sexisten“ oder „Chauvinisten“ gebrandmarkt und ausgegrenzt. Es herrscht hier vielfach eine Kultur der Angst

MANNdat: Nach drei der vier Argumentationskriterien, die nach Meinung der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) als typisch für radikal rechte Geschlechterpolitik gelten, nämlich Opfermythen, Tabubruch und Biologismus, wäre der Feminismus eindeutig als radikal rechts einzustufen. Warum findet ausgerechnet eine linke Politik überhaupt Gefallen an einer solchen Ideologie?

Hoffmann: Auch wenn der größte Teil der Linken den Feminismus ausschließlich als Bewegung für Emanzipation, Freiheit und Gleichberechtigung wahrnimmt, gibt es ja durchaus auch Linke, die reaktionäre, teils faschistoide Aspekte im radikalen Feminismus erkennen, klar benennen und kritisieren. Allerdings haben sich in den achtziger Jahren radikale Feministinnen erfolgreich als Sprecherinnen von Frauen inszenieren können, weshalb die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung, für die SPD-Frauen eine wichtige Wählergruppe darstellen, offenbar meint, sich dem Feminismus ungeachtet dieser problematischen Aspekte andienen zu müssen. Das ist nichts anderes als pseudomoralisch verbrämte Machtpolitik.

MANNdat: Radikale Feministinnen plädieren dafür, Männer zu vergasen oder sie auf 10% der Weltbevölkerung zu reduzieren. Aber du verweist in Deinem Buch bewusst auch auf das andere Ende des Feminismus, den du als Equity-Feminismus bezeichnest. Was ist darunter zu verstehen und warum ist dieser beim Feminismus nur eine unbedeutende Randerscheinung?

Hofmann: Der Equity-Feminismus ist eine Strömung im Feminismus, die zwar auf Benachteiligungen von Frauen das Hauptaugenmerk legt, aber grundsätzlich Benachteiligungen bei beiden Geschlechtern bekämpft. Damit stellt sie ein Spiegelbild des Maskulismus dar. Equity-Feministen wie Wendy McElroy, Christina Hoff Sommers und andere haben sich des Öfteren als geeignete Ansprechpartner von Maskulisten erwiesen und werden von ihnen in der Regel zustimmend zitiert. Der Equity-Feminismus stellt aber tatsächlich nur eine klare Minderheit im feministischen Spektrum dar, im deutschsprachigen Raum existiert er praktisch gar nicht: Hier herrscht flächendeckend der Radikalfeminismus à la Alice Schwarzer. Offenbar lassen sich große Massen von Frauen nur über das Feindbild Mann mobilisieren.

MANNdat: Mit dem Satz „Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden“ hat die SPD Misandrie in ihren Parteigrundsätzen zementiert. „Benachteiligungen von Männern aufzeigen und beseitigen – dies ist nicht unser politischer Wille.“, rechtfertigten die Grünen die Amtsenthebung der Gleichstellungsbeauftragten Monika Ebeling in Goslar, weil diese zu väterfreundlich war. Die Spitzenkandidatin für den Kommunistischen Studentinnenverband Linke Liste, Barbara Steiner, meint auf Anfrage, wie sie zur Diskriminierung von Jungen und Männern stehe: „Das macht ja nichts. Die Frauen wurden die letzten zweitausend Jahre diskriminiert. Im Gegensatz dazu werden nun die Männer diskriminiert.“ Wie und wo soll angesichts dieser platten Männerfeindlichkeit eine männerfreundliche Geschlechterpolitik bei linken Parteien überhaupt möglich sein? Gibt es vielleicht sogar positive Beispiele – außer Genderama?

Hoffmann: Wenn ich die furchtbarsten Blindgänger einer politischen Strömung zitieren will, finde ich dabei immer haarsträubenden Unfug. Das gilt auch für den Maskulismus. Statt sich an solchen Menschen abzuarbeiten, wäre es sinnvoller, jene Leute in der Linken zu finden und zu erreichen, die für uns geeignete Ansprechpartner sind. Monika Ebeling beispielsweise ist ja auch SPD-Mitglied. In meinem Buch nenne ich eine ganze Reihe von linken Autoren, die für die Anliegen von Männern und/oder für Kritik am radikalen Feminismus erreichbar sind. Das geht bis hinauf zur Diplomsoziologin Monika Steffen, Gründungsmitglied des ersten Weiberrates im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) und Anfang der achtziger Jahre Mitarbeiterin im Frauenreferat des SPD-Parteivorstandes, die den Feminismus als „perfektes Wahngebilde“, beschrieben hat, „in dem sich Wahres, Halbwahres, Falsches und Abstruses zu einer irrationalen, im Kern reaktionären Weltanschauung zusammenbraut.“ Diese Ideologiekritik in der politischen Linken benötigt Unterstützung.

MANNdat: Nicht nur das linke Parteispektrum ist männerfeindlich. 2009 verkündete die damalige schwarz-gelbe Bundesregierung noch die Etablierung einer Männerpolitik. Nun haben wir einen Bundestag, der so jungen- und männerfeindlich ist wie nie zuvor, siehe z. B. Jungenbeschneidung, Frauenquote oder die Bildungsdiskriminierung von Jungen. Was ist schief gegangen oder war die „Männerpolitik“ von Anfang an nur als Antimännerpolitik geplant?

Hoffmann: Das „Bundesforum Männer“ erhält hunderttausende von Euro aus dem Topf des feministisch orientierten Bundesministeriums für Frauen. Würde das Bundesforum engagierte Männerpolitik betreiben und sich statt um Väterfreizeiten beispielsweise um Menschenrechte von Jungen und Männern kümmern, wäre seinen Mitgliedern das Risiko anscheinend zu groß, dass ihnen die staatlichen Gelder wieder gestrichen würden. Da lässt man offenbar lieber ein paar hunderttausend Männer über die Klinge springen, statt sich ernsthaft für sie zu engagieren – und wettert noch dazu über die bösen Männerrechtler, die privat Zeit und Geld investieren, um dieses Engagement zu leisten. Dazu kommt, dass das Bundesforum von Organisationen wie der Skandalverein „Dissens“ geprägt sind, die mit selbstbewusster Männlichkeit offenbar massive Probleme haben. Nur solche Vereine, die sich dem feministischen Establishment angebiedert haben, konnten in den vergangenen feministisch geprägten Jahrzehnten einflussreich genug werden, um ein staatliches „Bundesforum“ zu begründen. Insofern überrascht es nicht, dass es seit seiner Gründung vor fünf Jahren höchstens kleinste Verbesserungen für Männer vorzuweisen hat, aber in zahllosen Feldern jegliches Engagement vermissen lässt.

MANNdat: 2012 wurde Körperverletzung an Jungen durch Beschneidung legalisiert. Junge Politiker, wie Heiko Maas und Manuela Schwesig von der SPD drängen auf die Einschränkung von Grundrechten für Männer durch pauschale Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt durch Frauenquote. Die jungen CDU-Politiker Philipp Missfelder und Dorothea Bär wollen sogar einen sozialen Zwangsdienst ausschließlich für Männer einführen. Ist für die junge Politikergeneration – egal ob links oder rechts – Jungen- und Männerfeindlichkeit schon so selbstverständlich, dass ihnen die Grund- und Menschenrechtsverstöße dahinter gar nicht mehr auffallen?

Hoffmann: Ja.

MANNdat: Eine ebenso eindeutige wie entmutigende Antwort. Eine der nächsten Grundrechtseinschränkungen wird vermutlich das Verbot jeglicher feminismuskritischer Äußerungen durch ein Antifeminismusverbot sein. Welche Konsequenzen befürchtest du aufgrund der Einführung dieser Zensur für dich selbst und allgemein für den geschlechterpolitischen Diskurs?

Hoffmann: Ich glaube trotz allem, was wir bisher erlebt haben, nicht, dass sich Feministinnen hier gegen die grundgesetzlich garantierte Meinungsfreiheit durchsetzen können. Aber es ist bezeichnend, dass es im feministischen Lager überhaupt solche verfassungsfeindlichen Bestrebungen gibt – hier übrigens mit Bezug auf Vorarbeit der grünen Heinrich-Böll-Stiftung. Und natürlich gibt es auch Versuche, die grundgesetzlich garantierte Meinungsfreiheit indirekt auszuhebeln, indem man Feminismuskritiker pauschal als radikal rechts verunglimpft, weshalb sich viele höchstens im Schutz der Anonymität im Internet trauen, solche Kritik zu äußern. Die Hetze gegen Menschen, die sich für Jungen und Männer einsetzen, führt ja regelmäßig auch zu Gewalt- und Terrordrohungen.

MANNdat: Du befasst dich auch sehr intensiv mit der amerikanischen Männerrechtsbewegung. Ist man dort schon weiter und wenn ja, was können wir für uns daraus lernen?

Hoffmann: Ich würde hier nicht nur auf den amerikanischen, sondern den angelsächsischen Raum insgesamt schauen – Kanada und Australien sind uns ja auch weit voraus. Ein gutes Beispiel für gelingendes Engagement sind aber auch die britischen Fathers 4 Justice. Deren Mitglieder haben als Superhelden verkleidet bekannte Bauwerke bestiegen, sich an eine Ministerin gekettet, Tony Blair mit Mehlbomben beworfen und vor dem Haus eines Ministers einen Hungerstreik veranstaltet. Als Folge davon erreichten sie mit ihren Anliegen landesweite Bekanntheit und das sprang auf andere Männeranliegen über. Inzwischen kann in Großbritannien eine Mutter ins Gefängnis kommen, die einen Scheidungsvater sein Kind nicht sehen lässt, Frauenhäuser müssen auch Männer aufnehmen, Männerrechtler wie Glen Poole und Ally Fogg veröffentlichen regelmäßig in führenden Zeitungen und junge Männer gelten an Hochschulen als „benachteiligte Gruppe“. In Kanada und den USA kleben Männerrechtler provokative Plakate gegen Falschbeschuldigungen sexueller Gewalt, sie halten Vorträge in Universitäten und versuchen, dort bleibende Einrichtungen zu etablieren. Die gewalttätigen Übergriffe von Feministinnen auf männerpolitische Aktivisten führen regelmäßig zu einer breiten Berichterstattung über die Anliegen der Männerrechtler.

So erfreulich die in den letzten Jahren entstandene maskulistische Bloggerszene ist, so bedauerlich ist es zugleich, wie sehr sich die meisten von uns noch darauf beschränken, innerhalb der eigenen Filterbubble zu lamentieren, zu analysieren, zu kommentieren und zu diskutieren. Zahllose Blogposts und endlos lange Kommentarspalten helfen uns aber nur begrenzt. Allmählich wären Beiträge dringend geboten, die Aktionen initiieren, um die Positionen und Argumente der Männerbewegung so vielen Leuten wie möglich bekannt machen. Manchmal hat man fast den Eindruck, viele Protagonisten hierzulande wollen weniger die Verhältnisse verändern, als sich selbst darstellen und die Zeit totschlagen. Und dann wundern wir uns darüber, dass die Wochenzeitung „Die Zeit“ schreiben kann, eine Männerbewegung sei hierzulande überfällig.

Erstaunlicherweise scheint bei so manchem deutschen Männerrechtler auch das Ziel zu bestehen, die eigene Bewegung so klein wie nur irgend möglich halten: keine Zuwanderer, keine Homosexuellen, keine Gespräche mit Feministinnen. Am besten auch keine Linken. Was gab das für ein Theater, als sich Genderama explizit als Blog für den linken Flügel unserer Bewegung geoutet hat! Einige Leute sind immer noch nicht darüber hinweg. Währenddessen arbeiten bei den US-amerikanischen und kanadischen Männerrechtlern auch Schwule und Bisexuelle und Menschen mit den unterschiedlichsten ethnischen und politischen Hintergründen zusammen, um ihre Ziele gemeinsam zu erreichen. Damit können sie viel mehr Menschen erreichen und sind schwerer glaubhaft in die rechtsradikale Ecke zu schieben.

Ähnlich hilfreich ist im angelsächsischen Raum eine Website wie A Voice for Male Students, die vor allem junge Menschen erreicht. Die Altersstruktur von Vereinen wie MANNdat und AGENS, deren Mitglieder weit überwiegend zwischen 40 und 80 Jahren alt sind, dürfte auf einen jungen Mann von Anfang zwanzig wenig attraktiv wirken. Vermutlich hat er eher das Bild muffiger alter Männer vor seinem inneren Auge, und auch das macht es unseren Gegnern auch leichter, uns als reaktionär darzustellen. Universitäten gehören aber zu den Orten, wo Genderpolitik vorbereitet wird.

Im angelsächsischen Raum scheint man mehr davon zu verstehen, wie man viele Menschen erreicht. Nehmen wir als Beispiel das Video, das die britische Mankind-Initiative, die häusliche Gewalt bekämpft, mit dem Twitter-Hashtag #ViolenceIsViolence bewarb. In dem Video ist zu sehen, wie mal ein Mann einer Frau gegenüber öffentlich gewalttätig wird, mal eine Frau gegenüber einem Mann. Im ersten Fall greifen Passanten ein, im zweiten zeigen sie sich sehr amüsiert. So veranschaulicht dieses Video sehr gut, wie hier mit zweierlei Maß gemessen wird. Es wurde am 22. Mai auf Youtube online gestellt und war eine Woche später von über sechs Millionen Menschen gesehen worden! In Deutschland wurde es unter anderem von der BILD, N24, FOCUS, STERN, der Süddeutschen und mehreren anderen Medien verlinkt, weil dieses Video genau das ist, womit Medien etwas anfangen können. Hat hierzulande irgendeine männerpolitische Gruppe einen auch nur im Ansatz ähnlichen Erfolg vorzuweisen? Ich fürchte, bislang kommen wir nicht mal auf solche Ideen. Ein Austausch zwischen deutschen und ausländischen Männergruppen, um voneinander zu lernen, wie man erfolgreich eine außerparlamentarische Opposition betreibt, könnte sinnvoll sein – so wie eine bessere Vernetzung überhaupt: In einem anderen aktuellen Video, in dem sich kanadische, britische, indische, australische, südamerikanische und US-amerikanische Männerrechtler gegen Terrordrohungen vor der internationalen Männerkonferenz in Detroit positionieren, fehlen Stimmen aus Mitteleuropa völlig.

Speziell MANNdat kann man hier allerdings keinen Vorwurf machen. Ich weiß, dass sich bei euch eine sehr überschaubare Zahl von Aktivisten regelrecht totarbeitet, um neben einem Vollzeitjob die Männerpolitik zu stemmen. Dafür erhaltet ihr täglich ungebetene Ratschläge, was „man“ alles tun sollte – also jeder, nur nicht der Schlaumeier selbst. Solche Mails erhalte ich ja auch immer wieder. Problematisch sind all die Schwätzer, die um MANNdat herumstehen und den Verein ebenso wie mich als eine Art unbezahlten Dienstleister wahrzunehmen scheinen, auf den man einen Anspruch hat. Warum engagieren sich denn nicht mehr Männer und Frauen bei euch? Weil sie wissen, dass damit echte Arbeit auf sie zukäme statt nur hin und wieder ein Blogeintrag, wenn einem danach ist – Arbeit, die noch dazu immer wieder mit dem Risiko des Scheiterns und bodenloser persönlicher Anfeindungen verbunden ist.

MANNdat: Du engagierst dich seit gut 15 Jahren intensiv im Bereich emanzipatorischer Männerpolitik. Du siehst, wie die Politik seit dieser Zeit misandrischer geworden ist. Du wirst massiv in Hetzkampagnen von fanatischen Ideologen angegriffen. Was motiviert dich, trotzdem weiter zu machen?

Hoffmann: Weil es moralisch geboten ist, gegen Menschenrechtsverletzungen, Gewalt und Diskriminierung anzugehen, selbst wenn der Erfolg lange Zeit ausbleibt. Das ist in anderen Feldern ja genauso. Es gibt immer noch Sklaverei, Kinderarbeit und Folter, trotzdem lassen wir Menschenrechtler uns nicht entmutigen dagegen anzukämpfen. Ganz Afrika taumelt seit über hundert Jahren von einer verheerenden Katastrophe in die andere: erst die Schrecken der Kolonialherrschaft, dann afrikanische Diktatoren, dann Hungersnöte und AIDS – trotzdem kommt niemand auf den Gedanken, diesen Kontinent einfach aufzugeben, „weil es ja eh nicht voran geht“. Wenn ich nach einem Problemfeld gesucht hätte, wo man fast automatisch belobigt wird, egal was man tut, hätte ich mich auch auf Bereiche wie Umweltschutz, Antirassismus oder Feminismus konzentrieren können. Ich habe mir das Männerthema, das für Menschenrechtler noch eine echte Herausforderung darstellt, ja selbst ausgesucht, auch und gerade weil es schwierig zu beackerndes Neuland ist.

Im Übrigen finde ich die Anfeindungen und Hetzkampagnen gegen mich eher motivierend. Demotiviert werde ich vor allem durch Irrsinn im eigenen Lager. Momentan bin ich auch wieder in einer Phase, in der ich mein Engagement für Genderama eher zurückfahre. In meinen aktuellen Büchern steht ja ohnehin alles, was jemand wissen sollte, dem Jungen und Männer am Herzen liegen. Jetzt wäre es eigentlich für Männerrechtler geboten, so viele Menschen wie möglich auf diese Bücher aufmerksam zu machen.

Vielleicht gibt es hierzulande in zehn, zwanzig Jahren eine Generation von Männerrechtlern, die sich ähnlich wie die britischen fragen, mit welchen Aktionen man eine möglichst große Öffentlichkeit erreicht, statt intern verschiedene Themen zu Tode zu diskutieren. Ich hatte auf Genderama einmal eine Liste mit mehreren Dutzend Aktionsformen des zivilen Widerstands verlinkt; kaum eine davon wird von deutschen Männerrechtlern aufgegriffen. Die aufgeführten Aktionsformen stammen allerdings auch aus dem linken Spektrum, während hierzulande die Männerbewegung noch vielfach konservativ ausgerichtet ist: Man möchte seine Argumente vertreten, aber möglichst niemanden wirklich damit stören. Lieber wundert man sich über den Erfolg des Feminismus, der sich solcher Aktionsformen bedient hat, bleibt ansonsten unter sich, und zwischendurch poltert der eine oder andere Mal, dass jetzt nur noch Gewalt oder das Wählen rechtsradikaler Parteien helfe. Wenn es hierzulande, so wie in anderen Ländern, genug Männer gäbe, die wirklich etwas ändern wollten, wären wir mit entsprechenden Aktionen längst dabei.

MANNdat: Wir danken dir für dieses Interview. Mach bitte weiter so!

Mehr zu den beiden neuen Büchern von Arne Hoffmann finden Sie auf seinem Blog Genderama.

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Lesermeinungen

  1. Von Helmut Freisinger

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  2. Von Wolf

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