Wir brauchen eine Geschlechterforschung, die diesen Namen auch verdient

von Dr. Bruno Köhler
Prof. Markus Meier lehrt an der Universidad Externado in Kolumbien

Prof. Markus Meier lehrt an der Universidad Externado in Kolumbien

Markus Meier studierte Deutsch, Geschichte, Philosophie und Musik und promovierte 2008 an der Universität in Frankfurt am Main zum Thema „Musikunterricht als Koedukation?“ Er ist heute Professor für Ciencias de Educación an der Universidad Externado in Bogotá in Kolumbien. Er befasst sich seit vielen Jahren mit dem Thema der „gleichen Behandlung von (biologisch) Ungleichen“ im Bildungswesen. Das Ergebnis seiner Studien hat er nun in einem Buch „Lernen und Geschlecht heute“ veröffentlicht (siehe unsere Rezension). Prof. Meier sprach mit uns über Jungen und Bildung, Väter und verkorkste Väterpolitik und was sich daran ändern muss. Das Interview führte Dr. Bruno Köhler.

Dr. Bruno Köhler: Sehr geehrter Herr Meier, Sie sind Autor des Buches „Lernen und Geschlecht heute“ vom Verlag Königshausen & Neumann. Das Buch haben wir auf unserer Homepage rezensiert. Was war Ihre Motivation, über geschlechterspezifische Pädagogik zu schreiben?

Prof. Markus Meier: Das kam eigentlich eher zufällig, ich wollte erst über AG-Arbeit an der Schule schreiben, da ich das für eine ganz hervorragende Form von Lernen halte. Dann schlug mir mein Doktorvater das Thema „Die starke Überlegenheit des schwachen Geschlechts“ vor, mit einem Augenzwinkern. Das Thema Jungenbenachteiligung als solches ist inzwischen unbestritten, wir haben aber einen – wie die Politik sagen würde – Reformstau, den anzusprechen oder gar aufzulösen sich kein Wissenschaftler oder Bildungspolitiker so richtig traut.

„Väter sind völlig marginalisiert worden durch den Gesetzgeber“

Ihr Buch beleuchtet nicht nur Bildungspolitik, sondern kritisiert auch die Einseitigkeit von Geschlechterpolitik, z. B. auch in der Väterpolitik. Das ist gerade im Hinblick auf die neuen Frauenquotengesetze sehr aktuell. Wo sehen Sie hier Versäumnisse und Ansätze?

Geschlechterpolitik läuft in Deutschland zu stark nach dem Motto: Wenn Frauen irgendwo einen Nachteil haben, muss etwas geschehen, wenn Männer einen Nachteil haben, so gehört es sich einfach nicht, das anzusprechen, es ist entweder dämonisch oder lächerlich oder beides. Teilt man unsere Lebenswirklichkeit ganz grob in die Bereiche Arbeit und Familie, so lässt sich konstatieren: Frauen haben im Bereich Arbeit in den letzten Jahrzehnten mit den Männern gleichgezogen, reklamieren v.a. im Öffentlichen Dienst erhebliche Privilegien, der Bereich Familie jedoch ist im gleichen Zeitraum ebenfalls in eine völlige Deutungshoheit der Frauen/Mütter übergegangen, hier haben Männer/Väter nicht nur keine Emanzipation erreicht, sie sind völlig marginalisiert worden durch den Gesetzgeber. Dieses Geschlechtermodell konnte nicht funktionieren und es funktioniert auch nicht, es beflügelt nur weibliche Allmachtsträume. Eine moderne Gleichstellungspolitik müsste v.a. im Bereich Familie ansetzen und hier eine neue, auch juristische, Balance herstellen. Ein erster Schritt in die richtige Richtung wäre z. B. Frauenbeauftragte durch Familienbeauftragte zu ersetzen. Warum Väter konsequent ignorieren und stattdessen Frauen fördern, die überhaupt keine Reproduktionsleistungen erbracht haben (müssen)? (schüttelt den Kopf)

Geschlechterpolitik kann seit 40 Jahren nur Frauenquote, sonst nichts. Welche Auswirkung hat dies für die Empathie für Jungen und junge Männer, ist doch, pragmatisch gesehen, jeder Junge, der im Bildungssystem scheitert, ein Gewinn für die Frauenquote?

Die politische Forcierung von Frauenarbeit war ja in den Nachkriegsjahren eine arbeitsmarktpolitische Maßnahme; es herrschte jahrzehntelanger Arbeitskräftemangel, der durch „Gastarbeiter“ und eben auch Frauen behoben werden sollte. Diese neue Konstellation verschob das Kräftegleichgewicht in der Familie, quasi als Nebenwirkung. Die traditionelle eheliche Balance von „Alimentation“ (männlich) gegen „Loyalität und Kinderbetreuung“ (weiblich) geriet aus den Fugen. Der Staat reagierte in den fortschrittsseligen Siebzigern mit einer Eherechtsreform, die die Loyalitätspflicht faktisch abschaffte, die Alimentationspflicht aber ausdehnte auch auf Unverheiratete und Geschiedene und deren Kinder. Männer verloren entscheidende Rechte in der Familie, ihre Pflichten wurden jedoch sogar verschärft. Frauen(teil)erwerbstätigkeit wurde zwar zum Regelfall, damit auch eine gesteigerte weibliche Autonomie, im Konfliktfall musste jedoch weiter der Mann auch für die Frau und seine/deren Kinder aufkommen – bald sogar außerhalb und nach einer Ehe.

Dass die neue Autonomie der Frauen nicht zu einer Emanzipation von Männern in Familiendingen geführt hat, dass also Frauenerwerbstätigkeit nicht zur Entlastung von Männern im Arbeits- und Stärkung im Familienbereich geführt hat, sondern mit viel akademisch-moralischem Blabla die Familie vollständig in die Deutungsmacht der Frauen überging, das ist, glaube ich, der eigentliche Knackpunkt des gegenwärtigen Geschlechterverhältnisses, da hakt es. Es wäre ja in den Siebzigern durchaus denkbar gewesen, z. B. eine Sorgerechtsquote für Väter einzuführen oder neben der Loyalitätspflicht auch die Alimentationspflicht abzuschaffen, das aber war politisch nicht angesagt.

Warum interessiert sich die Politik nicht für eine Emanzipation von Männern?

Durch die um sieben Jahre längere Lebenserwartung und das exponentielle Anwachsen des Altenüberschusses in der Bevölkerungspyramide werden die Interessen von alten Frauen das politische Klima in den nächsten Jahren zunehmend beherrschen, bei der letzten Hamburgwahl z. B. wählten schon zehn Prozent mehr Frauen als Männer! Steuerzahlende Männer zwischen 25 und 55 Jahren halten zwar ökonomisch das Rad in Schwung, sie entscheiden aber keine Wahlen (mehr). Männer und Väter sind als Wähler einfach uninteressant. PISA 2012 zum Beispiel bekennt erstaunlich freimütig, „since low-performing students [gemeint sind Jungen/Männer] are less likely to engage politically later on, the government has fewer incentives to unearth and examine the roots of their underperformance at school.“ (Genderreport, S. 20) Im Gegenteil, selbst eine Politik, die die leistungsfähigen Männer abhängt, kann sich darauf verlassen, dass die ihre Steuern trotzdem gesetzeskonform schön an den Staat abführen werden. Auch deshalb funktioniert die Große Koalition ja so lautlos effektiv männerfeindlich, das Ganze dem Wähler und der Wählerin natürlich verkauft als kleine Aufmerksamkeit nach jahrhundertelanger Benachteiligung etc.

Wie leben junge Männer und Frauen damit? Sie gehen das finanzielle, emotionale und soziale Risiko Ehe und/oder Kinderkriegen einfach nicht mehr ein, eine Gesellschaft stirbt sich selbst aus. Hat es noch nie gegeben …

„Wer kritisch fragt, ist schnell ‚hate-speecher‘ und Rechtsradikaler“

Das Marginalisieren von Jungen und deren Anliegen ist derzeit allerdings gesellschaftlich und politisch en vogue. Leben wir heute in einer jungenfeindlichen Gesellschaft?

Junge Männer waren und sind in vielen Gesellschaften immer schon eine ganz besondere Gruppe. Auf der einen Seite ist die Zukunft der Gesellschaft auf starke Männer angewiesen, auf der anderen Seite ist ihre ungerichtete soziale Kraft und ihr kreatives, aber evtl. auch destruktives Potential abschreckend, „die Jugend von heute …“ war immer schon irgendwie suspekt. Die pädagogische Literatur seit der Antike ist voll von Klagen über über die Stränge schlagende junge Männer, die die Alten nicht mehr achten, die Regierung nicht ehren, im Bus nicht für die Oma aufstehen, masturbieren, feige, verweichlicht, verhärtet oder faul sind und nur an Sex denken und viel Schlimmes mehr. Da spielt auch Neid eine große Rolle.

Trotzdem sehe ich seit etwa 40 Jahren eine neue Qualität bei diesem Topos. Seit dem Verlust der sozialistisch-kommunistischen Utopien gerade auch der Intellektuellen haben die sich in so eine Anti-Männer-Utopie verrannt, die immer absurdere Züge annimmt. „Das weibliche Zeitalter bricht an, der große Mittag steht bevor, endlich wird alles gut und heil, frohlocket …“ Und wie so oft in der Geschichte töten Utopien Mitmenschlichkeit – wo so viel Großartiges wächst, da darf man/Mann nicht zimperlich sein. Die Jungen sollen es sportlich nehmen, sobald der Feminismus die Welt verwandelt (konservativ) und revolutioniert (progressiv) hat, ist sowieso alles für alle gut, bis dahin ist es jetzt nur noch eine kleine Zeit … Und wer dann die Propheten und Prophetinnen der Neuen Zeit kritisch befragt, der ist dann schnell nicht nur kritisch, sondern „hate-speecher“, Menschenverachter, Rechtsradikaler, ein Feind Gottes fast.

Sie arbeiten an der Universität von Bogotá in Kolumbien. Ist die Politik, Gesellschaft und Wissenschaft in Südamerika empathischer gegenüber Jungen und Männern als in Deutschland?

Im akademischen Umfeld gibt es durchaus „Emanzen“, die sich lautstark bemerkbar machen und die auch schon ihre männlichen Wasserträger haben, es herrscht aber doch auch noch eine große Männersolidarität – das ist ja in Deutschland eher eine Ausnahme. In der Politik wird verstärkt auch hier schon auf die Frauen als Wähler gesetzt (das Thema Häusliche Gewalt ist schon „angekommen“). Die Gesellschaft ist allerdings nicht so von dieser Bitterkeit in Geschlechterdingen durchzogen, die ich in meinen letzten Jahren in Deutschland als bedrückend empfunden habe, diese schuldbewusst-resignierten Blicke der Friedenshosenmänner und dieser hilflos-laute Narzissmus der Powerfrauen. Bei einem Lehrergehalt von 400 Euro/Monat bleibt für psychologische Luxusthemen einfach zu wenig übrig, da ist man froh, wenn man irgendwie gemeinsam durchkommt. Das bedeutet aber auch eine größere Wertschätzung dessen, was z. B. Väter in und für Familien leisten. Der Vatertag z. B. ist hier keine blödelnde Juxveranstaltung von und für Besoffene, an dem diese sich selbst jeder Würde berauben, sondern ein Tag, an dem Väter wirklich ge- und verehrt werden von ihren Kindern, Frauen und in meinem Fall Schwiegereltern – das hat mich in den ersten Jahren total überrascht und sehr, sehr berührt. Nun: Auch hier sinken Geburten- und steigen Scheidungsraten, aber eben viel, viel langsamer (die Scheidungsrate liegt bei 9%, die Geburtenrate bei 2,3 pro Paar).

„Wir sollten eine jungengerechtere Schule schaffen“

Kommen wir zurück zur Bildungssituation von Jungen. Das Bundesjugendministerium behauptete 2013 auf unsere Anfrage, es gäbe keine geschlechterspezifischen Lesekompetenzunterschiede. Haben sich Jungen vom PISA-Abseits erholt?

Nein, das hat auch PISA 2012 wieder deutlich gemacht. Entweder das Bundesjugendministerium ist schlecht informiert von seiner wissenschaftlichen Abteilung oder es lügt seine Bürger rundheraus an – man weiß nicht, was schlimmer wäre. Das Thema will niemand wahrhaben. Das gibt politisch nichts her, kostet Wähler- und v.a. Wählerinnenstimmen gleichermaßen, von parteiinternen Abseitsfallen mal ganz abgesehen. Es geht nur um das „Aufholen“ der Mädchen. Als Vater von drei wunderbaren Töchtern sage ich trotzdem: Das ist unseriös. Ich habe fünf Abwehrstrategien aufgelistet in meinem Buch, mit denen sich Politik und leider auch Erziehungswissenschaft um das Thema herumdrücken:

  1. Ignorieren von Jungenbenachteiligung: In der neuesten PISA-Studie zum Thema „Ursachen von Ungleichheit zwischen den Geschlechtern im Bildungsbereich“ etwa wird der literacy-Nachteil der Jungen (der ja in Deutschland 4-fach höher ist als der Mathenachteil der Mädchen) kaum thematisiert und stattdessen über Mädchen und Mathe „herum philosophiert“. Das politisch Opportune siegt über das wissenschaftlich Gebotene.
  2. Man bescheinigt Jungen eine niedrigere Begabung und Intelligenz.
  3. Man schiebt den Jungen die Schuld für ihre Probleme selbst in die Schuhe. Schule hat ein Problem mit pädagogikinkompatiblen Jungen; die passen einfach nicht, so die Argumentation.
  4. Man verrechnet intern die jeweiligen Benachteiligungen und rundet die beiden ungleichen Leistungsunterschiede (Mädchen in Mathe, Jungen in Sprachen) dann auf Null. PISA macht das sogar grafisch, die heben sich quasi auf, sehr amüsant und völlig unsinnig!
  5. Man verrechnet extern die Jungenbenachteiligung. „Das mit den Jungen ist zwar bedauerlich, wir haben auch eigentlich gar nichts gegen Jungen …“, heißt es dann als Subtext, „aber dafür werden ja auch mehr Männer Professoren und Millionäre etc.“

Die CDU-Bundeskanzlerin meinte, Jungen seien weniger fleißig als Mädchen, der grüne Jürgen Trittin sieht Jungen pauschal weniger begabt als Mädchen und die ehemalige Jugendministerin Bergmann von der SPD war nach dem PISA-Schock der Auffassung, wegen des Hirnbalkens der Jungen könnten diese nicht so gut lesen wie Mädchen. Was halten Sie als Erziehungswissenschaftler von solchen erziehungswissenschaftlichen „Erklärungen“?

Jungen sind einfach anstrengender – aber wir Pädagogen können nicht immer nur jammern, sondern müssen uns fragen: Wie können wir eine jungengerechtere Schule schaffen; eine Schule etwa, die weniger reproduktiv ist, sondern viel explorativer und erfahrungsgesättigter; eine Schule, die weniger auf abwartende Anpassung fokussiert, sondern Raum für Bewährungssituationen bietet; eine Schule, in der Stillsitzen nicht die höchste aller Tugenden ist (dafür gibt es in vielen Fällen schon eine Zwei minus, ich war lange selbst Lehrer und weiß, wovon ich rede), sondern überbordende männliche Motorik konstruktiv berücksichtigt wird. Das ist anstrengend, sehr anstrengend sogar, ja – aber das ist eben auch die Aufgabe von Schule, diese Generationenkonflikte auszutragen, auszuhalten und positiv zu lenken – Pädagogik heißt ja ursprünglich „Jungenlenkung“. Schule (und Politik und Wissenschaft) sind eben auch konfliktive Orte, nicht nur Orte der Harmonie.

Wenn Trittin unter „Begabung“ die General Intelligence „g“ versteht, so streut dieser Wert bei Männern tatsächlich stärker als bei Mädchen. Es gibt mehr sehr dumme, aber auch mehr sehr intelligente Jungen (Männer) als Mädchen (Frauen), die Mädchen (Frauen) kreisen eher um den Mittelwert. In den letzten Perzentilen (also den untersten und den obersten Abschnitten auf der Gaußkurve) ist die Ratio etwa 1:7 – Frauen:Männer. Das heißt aber, dass auf eine „klügste“ Frau sieben „klügste“ Männer kommen – bei der Besetzung von Professuren ist das sicherlich kein unbedeutendes Argument. Jürgen Trittin wollte sich mit dem coolen Spruch aber vermutlich eher bei den Parteifreundinnen als Zuverlässiger zurückmelden (ein bisschen hechelnd, wie ich finde), vielleicht auch als „mächtiger Mann“ ein bisschen „lustig“ nach unten treten – und weiß ansonsten offensichtlich nicht, wovon er spricht. Das gleiche gilt für die Bergmann, das ist noch dümmer. Diese Herrschaften ignorieren in der Regel konsequent insbesondere biologische Erklärungen des Geschlechterunterschieds, aber wenn sie dann irgendwo irgendwas aufgeschnappt haben, was ihnen in den politischen Kram passt, dann soll‘s auch recht sein. Heraus kommt dann so etwas. Es sei einfach mal ganz unpathetisch darauf hingewiesen, dass cum grano salis alle großen Leistungen in der Sprache, Literatur, Kunst und Musik, von Wissenschaft und Technik hier mal zu schweigen, von Männern erbracht wurden – es gibt keinen Grund, uns beschimpfen oder auch nur verunsichern zu lassen, überhaupt keinen!

Was sind dann die wirklichen Ursachen und was ist zu tun?

Dazu muss in der Erziehungswissenschaft eine Geschlechterforschung etabliert werden, die diesen Namen auch verdient, die theoriegeleitet und empiriegesättigt konkret Best-Practice-Ansätze für Jungenpädagogik entwickelt und erprobt, die selbstbewusst und selbstverständlich dieses Thema aufnimmt und diese Probleme erforscht und löst – statt dort akademisch eher mäßig begabte, ausschließlich Frauen zu parken, die die Probleme, die sie zu lösen vorgeben, eher zementieren, und im schlimmsten Fall ihre politischen Grillen auf Kosten der nächsten Generation ausleben, denn auch das gibt es (selbstverständlich nur ganz vereinzelt) unter dem widersprüchlichen Label „Frauen- und Geschlechterforschung“ heute. Hierzu bräuchten wir allerdings auch eine akademische und politische Klimaerwärmung für Jungenthemen, die spüre ich im Moment leider noch nicht, aber diese Dinge verändern sich eben auch sehr langsam und sind komplex.

Es spielen auch außerpädagogische Faktoren wie die Marginalisierung der Männer/Väter in den Familien, Erfahrungen struktureller Gewalt bei Scheidungen, eine allgemeine konfliktscheu-harmonisierende Verweiblichung der Gesellschaft, aber auch unsichere berufliche Aussichten gerade auch für Geringqualifizierte eine große Rolle.

Brauchen Lehrkräfte bessere Sanktionsmöglichkeiten?

Ja, es gibt Jungen, die unverschämt, manchmal beleidigend gegenüber Lehrern, aber v.a. auch Lehrerinnen auftreten. Wir brauchen eine Schulgesetzreform, die Lehrerinnen und Lehrern echte Sanktionsmittel an die Hand gibt, und Direktoren und Schulämter, die das dann auch anwenden – Schule ist keine Quasselbude und kein Kinderparkplatz, sondern eine staatliche Institution, die über Lebenschancen leistungsbezogen und personenindifferent entscheiden muss, dazu hat sie klare Regeln aufgestellt. Wer ihre Regeln missachtet, der missachtet Regeln des Staates und wird entsprechend dafür zur Rechenschaft gezogen. Unsere Kolleginnen und Kollegen zu schützen ist hier noch zu lösende Aufgabe.

Was sind Ihrer Ansicht nach die wichtigsten Punkte für eine Jungenbildungsförderung?

Ich denke, es wäre zuerst einmal an der Zeit, das Problem „Jungen und Bildung“ überhaupt als Problem zu benennen und im akademischen, (bildungs-)politischen und medial-gesamtgesellschaftlichen Rahmen auf die Agenda zu setzen. Ich sehe in der Grundschule weniger Probleme für Jungen als auf den weiterführenden Schulen (von Extremfällen mal abgesehen). Während der Pubertät klaffen die Geschlechter entwicklungspsychologisch zwei Jahre auseinander, Mädchen schminken sich und haben einen Freund (oder träumen zumindest davon), Jungen spielen noch mit Fischertechnik. In dieser Zeit spielt das Ziehen von Grenzen für Eltern und Pädagogen eine Riesenrolle. Meiner Erfahrung nach verstehen Jungen und Mädchen diese Grenzziehungen aber ganz anders: Mädchen lieben Grenzen, weil sie ihnen Sicherheit zum Lernen geben, die sie dann genau ausfüllen wollen, von innen heraus. Jungen lieben ebenfalls Grenzen, sind vielleicht noch stärker auf sie angewiesen für ihren Bildungserfolg, weil man sie übertreten und damit überwinden kann, sie suchen außerhalb dieser Grenzen grandiose Erfahrungen von Heldenmut und Großwerden, und sie müssen sich darauf verlassen können, dass jemand sie auffängt, wenn diese Grenzüberschreitungen viel ambivalentere Erfahrungen (und Enttäuschungen) bringen.

Ein Beispiel: In einer Unterrichtseinheit „Musik und Bewegung“ sollten eine Jungen-, eine Mädchen- und eine Gemischtklasse, die ich aus drei 8. Realschulklassen so zusammengestellt hatte, für Forschungszwecke, jeweils einen Tanz zu selbstgewählter Musik einstudieren. Die Mädchenklasse wählte eine sanfte Musik, zu der sie eine Formation entwarf, die alle Mädchen einschloss und die sich synchron-kollektiv im Raum bewegte, das sah toll harmonisch aus. Die Jungenklasse stellte sich im Kreis auf und machte rappigen Breakdance, im Rund der Schulkameraden tanzte jeweils ein Schüler allein unter den kritischen Augen der Mitschüler, hinterher wurde gepufft, gefeixt und gelacht, auf den Zuschauer wirkte es wie eine gebändigte Aggression. Die Gemischtklasse brachte keine gemeinsame Produktion zustande, Mädchen und Jungen segregierten sich spontan, fühlten sich unwohl, konnten sich auf keine Musik einigen, die blockierten sich gegenseitig.

In der Oberstufe und der Universität sehe ich die Situation wieder anders, da spielen entwicklungspsychologische Ungleichzeitigkeiten keine so große Rolle mehr, eher evtl. institutionelle Ungerechtigkeiten durch Frauenquoten.

Die Gretchenfrage: Koedukation oder Segregation – was ist besser für Jungs?

Wir brauchen viel seriöse, methodisch saubere erziehungswissenschaftliche Forschung zu dem Thema, aber evtl. gehört die Koedukation auf den Prüfstand. Es gibt in der evolutionären Psychologie ein Prinzip, das „male competition versus female choice“ heißt. Männer kämpfen miteinander und Frauen wählen sich dann den besten aus. Männer suchen Frauen v.a. zu imponieren durch den Sozialrang, den sie erreicht haben – da wird gern auch mal etwas dick aufgetragen. Frauen hingegen versuchen Männer zu verführen – die Attraktivitätsattribute werden dabei durchaus gern auch etwas aufgemotzt mit „Make-up“. Dieses Verhaltensprinzip ist in der Evolution entstanden und es spricht einiges dafür, dass es auch das Verhalten von Jungen und Mädchen, Männern und Frauen zumindest mitbestimmt.

Männer stellen unter sich meist recht schnell eine Hierarchie her, die sie dauerhaft verbindet (oder eben trennt …), und die das Herstellen großer sozialer Strukturen ermöglicht. Aggressionen direkt „territorial-direkt“ auszutragen ist Teil dieses Verhaltens. Frauen suchen untereinander v.a. Intimität, die sie dauerhaft verbindet, die ihrer Natur nach aber begrenzt ist und nicht wirklich für große soziale Strukturen (z. B. einer Institution) taugen. Aggressionen werden „indirekt-beziehungsmäßig“ ausgetragen, durch ausplaudern, lästern, schneiden, Gerüchte streuen etc. wird der Gegner oder die Gegnerin in seinem sozialen Umfeld getroffen und isoliert. Hierarchien sind diffuser, veränderlicher und schwerer zu durchschauen, und der eigene soziale Status gehört weniger zum Selbstbild.

Man wird jetzt einwenden, das seien doch Stereotype, darüber seien wir als moderne Menschen doch längst hinweg. Vielfältige Forschungen zeigen jedoch: Diese im Laufe einer 300 Millionen Jahre währenden Evolution der bimorphen Lebewesen erworbenen Strategien lassen sich weder durch eine konservativ-klösterliche noch eine progressiv-feministische Erziehung einfach „abschalten“; wir haben Geschlecht erlernt, aber eben nicht im Laufe unserer Biographie, schon gar nicht im Gender-Awareness-Seminar, sondern im Laufe der Evolution der höheren Organismen (siehe auch meinen Beitrag auf IDE-Journal).

Das bedeutet: Koedukation bereitet evtl. auf ein gemischtes Miteinanderleben von Männern und Frauen in Arbeits- und Familienwelten besser vor. Dem stehen Nachteile gegenüber, v.a. in der Pubertät. Jungen versuchen Mädchen zu imponieren, rivalisieren dabei schnell mit dem Lehrer, allerdings wenig aussichtsreich, spätestens auf Zeugniskonferenzen oder bei Bewerbungsgesprächen erhalten sie die Quittung. Mädchen schauen sich das Ganze an und wirken gegenüber dem Lehrer (durchaus auch selbstironisch) als ruhend-verständiger Pol, das honoriert die Institution. Trennt man die beiden, so erhält man in Mädchenklassen schnell eine etwas leistungsfern-gemütliche Lerneinstellung, verbunden mit einem für Lehrer schwer zu durchschauenden Intrigengeflecht. Jungenklassen hingegen werden sich stärker hierarchisieren, das wirkt stabilisierend und evtl. motivierend, die Abwesenheit von Mädchen verhindert den „männlichen Präsentationsimperativ“, der sonst zu so vielen Störungen in Gemischtklassen führt.

Generell gilt: Es gibt nicht das geschlechtstypische Verhalten (freche Jungens, soziale Mädchen etwa), sondern Verhalten ist immer Verhalten zu jemandem in einem bestimmten Kontext. Nach meinen Forschungen profitieren sowohl v.a. Jungen als auch Mädchen von einer Trennung der Klassen in der Pubertät.

Ich forsche gerade hier an einer Schule, die zwar räumlich koedukativ, klassenmäßig aber getrennt ist: Jungens und Mädchen fahren also morgens in die gleiche Schule, treffen sich in der Pause, es soll auch schon zu Verabredungen zwischen beiden Geschlechtern gekommen sein – der Unterricht aber ist nach Geschlechtern getrennt. Die Schule ist erstaunlich erfolgreich damit.

Welche Ansätze sehen Sie speziell im Bereich der Jungenleseförderung für vielversprechend?

Für einen Großteil der Jungen ist es wichtig, erst einmal eine ausreichende Lesegeschwindigkeit zu erreichen, um funktionell im öffentlichen Leben und in der Arbeitswelt zu bestehen. Diese Alphabetisierung sollte über Texte erfolgen, die viele Jungens ansprechen: Warum eigentlich nicht mal den Testbericht eines neuen Autos aus „auto motor und sport“ kopieren und lesen? Ein Interview mit Franz Beckenbauer aus der Zeitschrift ? (Ich weiß, da freuen sich die Kollegen …)

In der sekundären Bildung muss dann das Textverstehen im Vordergrund stehen. Hier wird Sprache m.E. zu sehr aus empathischer Sicht behandelt. Eine Anekdote: In meinem Deutschkurs in der 12 habe ich seinerzeit – natürlich – Effi Briest lesen müssen. Ich habe da dann ordentlich mitgequatscht über die bürgerliche Gesellschaft, das arme Mädchen, die bösen Männer etc. (das ging ja in den 80ern los). Was mir überhaupt nicht klar war: Effi war fremdgegangen! Unsere Lehrerin hatte das einfach als selbstverständlich vorausgesetzt, dass wir alle das kapiert hatten; hatte ich aber nicht. Der weibliche Seitensprung lag einfach jenseits meiner evangelisch-kleinstädtischen, jünglinghaften Empathiefähigkeit … (lacht) Ich schlage vor, auch systematische Elemente im Literaturunterricht zu berücksichtigen – wie hat Fontane das gemacht, wie funktioniert dieses seltsame Phänomen Sprache.

Es bleibt aber auch hier eine biologische Komponente zu berücksichtigen: Mädchen reden früher, schneller und mehr als Jungen, schon als kleine Kinder. Ein jungengerechter Ansatz muss sich immer auch bewusst sein, dass er kompensatorisch gegenüber den sprachbegabteren Mädchen arbeiten muss – die Mathedidaktik macht es umgekehrt ja vor. Auch hier darf Segregation kein Tabu sein. Und: Es gab mit Shakespeare und Goethe durchaus auch Männer, die Sprache meisterlich beherrschten…

Sie haben in Musikpädagogik promoviert. Wie wichtig ist musikalische Früherziehung für die Entwicklung, insbesondere bei den schulischen Kompetenzen, für Kinder?

Musik macht nicht klug, aber sie hat sehr positive Wirkungen im Bereich von Emotionen, sozialem Selbstsicherheitsgefühl und Motorik. Musizierende Kinder (gerade auch in Brennpunktschulen) sind emotional stabiler, ausgeglichener, prügeln sich weniger und grenzen sich seltener aus und haben eine feinere Motorik. Musik verringert Schulangst und integriert Kinder sehr gut.

Wenn ich in die Musikschulen reinschaue, sehe ist nur sehr wenige Jungen dort. Was können Musikschulen tun, um mehr Jungs für musikalische Früherziehung zu gewinnen?

An Jungen und Männer werden heute sehr paradoxe Ansprüche herangetragen: Sie sollen einerseits sich zurücknehmen, in immer größere und anonymere Organisationen sich einfügen, funktionieren, leisten, aufsteigen, gut verdienen etc. – gleichzeitig wird dieser Imperativ, nicht zu viel von sich selbst zu zeigen, dann gegen sie gewendet. Kucklick hat das in einer interessanten Studie vor kurzem die „Negative Andrologie“ der Moderne genannt. Je mehr Männer real in Fabriken, Aktiengesellschaften, Verwaltungen etc. quasi anonym und austauschbar verschwinden (müssen), um beruflich halbwegs klarzukommen, desto mehr wird ihnen genau das als charakterliches oder biologisches Defizit angekreidet. Jungen lernen: Männer schuften brav, um Familien und den Staat zu ernähren, dafür müssen sie sich dann beschimpfen lassen. Sehr motivierend ist das nicht. Da müssten Musikschulen und Politik gegensteuern und neue Leitbilder verkaufen.

„Der Politik fehlt es völlig an langfristigen Strategien“

Unsere letzte Umfrage bei 41 Bildungspolitikern in Deutschland ergab ein kollektives Desinteresse der politisch Verantwortlichen an der Bildungssituation von Jungen. Welche Konsequenzen hat diese Vernachlässigung des Bildungspotentials und damit des Fachkräftepotentials von Jungen mittel- und langfristig für ein Land wie Deutschland?

Ja, diese Frage müsste sich Politik mal stellen! Die fragt sich aber: „Wie kann ich Mehrheiten für die nächste Wahl gewinnen“ – was danach kommt, sehen wir dann. Und so wird ja auch (nicht nur Bildungs-)Politik gemacht, an langfristigen Strategien fehlt es völlig. Jeder weiß: Ein hoch technologisiertes, lohnintensives Land wie Deutschland braucht, u.a. um sich seinen sozialen Apparat leisten zu können, eine innovative Industrie. Jungen interessieren sich mehr für technische Berufe? Da würde doch jeder normale Mensch sagen: „Ja, Mensch, dann lasst uns diese Jungen suchen und aufbauen, die brauchen wir …“ Was macht die Politik? Sie sagt: „Das ist skandalös, wir brauchen mehr Frauen in diesen Berufen!“ Warum eigentlich?

Wo sehen Sie konkrete positive Ansätze einer Jungenbildungsförderung aus Ihrer Praxis?

Die Scheidungsfreudigkeit der Gesellschaft ist für die Schulen ein Problem. Erziehung wird dann ganz schwierig, wenn die Jungens aggressiv werden, weil die Familien dysfunktional geworden sind. Die Mädchen reagieren eher autoaggressiv, aber nicht weniger schlimm auf diese Erfahrungen. Wo hingegen Vater und Mutter an einem Strang ziehen, da gelingt in den Familien die Erziehung und in den Schulen die Wissensvermittlung. Auch habe ich oft erlebt, dass Väter ganz überrascht und erleichtert sind, wenn man ihnen auf Elternabenden sagt, dass man sich freut, dass sie prima Kinder haben und darüber, dass sie sich als Väter in diesen „Weiberhaufen“ Schule „getraut“ haben. Schwierig ist es, im Kollegium Jungenfreundliches anzubringen, da ist man schnell der „lächerliche Dämon“ – die Männer schweigen ängstlich, die Frauen bekommen blitzende Augen, da habe ich kein Rezept dagegen außer „Verbündete suchen“.

An der Universität ist es noch schlimmer, da das Thema „Jungen“ so stark verquast zwischen Wissenschaft und Moral durchhängt, da muss man in Deutschland sehr, sehr vorsichtig sein, sonst ist die Karriere vorüber, bevor sie begonnen hat.

Ich habe mit meiner eigenen Forschung gute Erfahrungen mit der Trennung der Geschlechter gemacht, das bezog sich auf eine 8. bis 10. Realschulklasse auf dem Lande, ob das übertragbar ist, müsste ein Flächenversuch zeigen, von der getrennt-koedukativen „Vermont“-Schule hier habe ich weiter oben berichtet.

Insgesamt gilt: Männer müssen sich solidarisieren und bei diesem Thema und für ihre Söhne (und Töchter), ihre Schüler (und Schülerinnen), ihre Studenten (und Studentinnen) zusammenstehen. Männer müssen Jungenthemen genauso selbstbewusst und selbstverständlich artikulieren, wie dieses für Frauen und Mädchenthemen inzwischen comme il faut ist. Der Vorteil der Feministen bei dem Thema ist ihr 40-jähriger Vorsprung, ihre Bereitschaft, wissenschaftliche Standards politischer Agitation unterzuordnen, ihre Utopiebeseeltheit mit entsprechendem Marschiertrieb und, damit zusammenhängend, inzwischen ihre pure Masse aus Überzeugten und Mitläufern. Was es den Männern schwer und leicht zugleich machen sollte: Es gibt keine Alternative!

Herr Prof. Meier, vielen Dank für das Interview.

Bildquelle: (c) Markus Meier

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit mit einer Spende.

Lesermeinungen

  1. Von Bernhard Brugger

    Antworten

  2. Von Daniel

    Antworten

    • Von Meier

  3. Von Helmut Freisinger

    Antworten

  4. Von Graciano

    Antworten

  5. Von Helmut Freisinger

    Antworten

  6. Von Friedhardt

    Antworten

    • Von Dr. Bruno Köhler

Diesen Beitrag kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Zitate können mit <quote> ... </quote> gekennzeichnet werden.

Achtung: Wenn Sie einen Kommentar von einem Smartphone verschicken, wird der Text manchmal von der Autofill-Funktion des Smartphones durch die Adresse ersetzt. Wenn Sie den Kommentar absenden, können wir den originalen Text nicht wiederherstellen.

Niemand mag Pop-ups!

Aber immerhin stehe ich nicht mitten auf der Seite. Wenn Sie sich für unseren Newsletter anmelden wollen, tragen Sie sich hier ein. Es lohnt sich!

Ihre Daten sind sicher! Die Email verwenden wir nur für den Newsletter. Sie können sich jederzeit abmelden.