Bundesbildungsministerin Karliczek (CDU) fördert Zurücklassen von Jungen

von MANNdat

Trotz des zunehmenden Gender Education Gaps fördert das Bundesbildungsministerium erneut das Ausgrenzen und Zurücklassen von Jungen in der Bildungsförderung, im aktuellen Beispiel in der MINT-Förderung. Und dies, obwohl die Schulleistungsstudien der letzten Jahre zeigen, dass Jungen mittlerweile den größten Anteil in der untersten Kompetenzstufe stellen und dass ihre durchschnittlichen Kompetenzen in Mathematik und Naturwissenschaft deutlich gesunken sind. Wir informieren über die Situation von Jungen im Bereich Mathematik und Naturwissenschaft und kritisieren in einem offenen Brief die Ausgrenzungspolitik der Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU).

PISA und IQB

Was ist PISA?

Die internationale Schulleistungsstudie PISA im Auftrag der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) erfasst die Kompetenzen von 15-jährigen Jugendlichen beim Lesen, in der Mathematik und den Naturwissenschaften. (https://www.bmbf.de/de/pisa-programme-for-international-student-assessment-81.html, Abruf 22.2.2021)

Was ist IQB?

Im Oktober 1997 hat die Kultusministerkonferenz (KMK) beschlossen, die Erträge des deutschen Schulsystems im Rahmen wissenschaftlicher Untersuchungen international vergleichen zu lassen (Konstanzer Beschluss). Ziel der Vergleiche ist es, gesicherte Befunde über Stärken und Schwächen von Schülerinnen und Schülern in zentralen Kompetenzbereichen zu erhalten. (https://www.iqb.hu-berlin.de/bista/, Abruf 22.1.2021)

Zusammenfassung der wesentlichen Ergebnisse in Bezug auf die Bildungssituation von Jungen aus der PISA-Studie 2018
 (PISA 2018 „Grundbildung im internationalen Vergleich; Kristina Reiss, Mirjam Weis, Eckhard Klieme, Olaf Köller (Hrsg.); Waxmann 2019; Münster ∙ New York)

Lesekompetenz

  • Wie in allen Staaten, die an der PISA-Studie 2018 teilnahmen, erreichen Jungen signifikant niedrigere Mittelwerte in der Lesekompetenz als Mädchen. In Deutschland beträgt die Geschlechterdifferenz 26 Punkte (OECD-Mittel = 30 Punkte) und hat sich deshalb gegenüber 2015 erhöht (Unterschied 2015 im Durchschnitt 21 Punkte).
  • Der Anteil der besonders leseschwachen Jungen hat sich seit dem Jahr 2009 nicht verändert.
  • Im Vergleich zu PISA 2015 hat sich der Anteil der Jungen auf den untersten Kompetenzstufen 2018 sogar erhöht. Die Abnahme der Lesefreude bei Jungen wie bei Mädchen in Deutschland ist höher als im Durchschnitt der OECD-Staaten.
  • Jungen verfügen in allen Szenarien über ein geringeres Lesestrategiewissen als Mädchen.
  • Die mittlere Lesekompetenz von Jungen verringerte sich im Vergleich zu 2015 um 13 Punkte. 

Mathematik

  • In Deutschland zeigen Jungen eine um 7 Punkte höhere mathematische Kompetenz als Mädchen mit 496 Punkten.
  • In Deutschland ist ein signifikanter Rückgang des in PISA 2015 stark ausgeprägten Geschlechterunterschieds zu verzeichnen. Dieser lässt sich jedoch nicht auf eine Leis­tungssteigerung bei den Mädchen, sondern auf einen Rückgang der Leistung bei den Jungen zurückführen.

Naturwissenschaften

  • Die mittleren Kompetenzwerte von Jungen und Mädchen sind gleich. Der Kompetenzunterschied zuungunsten der Mädchen beträgt nichtsignifikante 2 Punkte, Kompetenzwerte der Jungen nehmen signifikant stark ab.
  • Auf den unteren Kompetenzstufen befinden sich signifikant mehr Jungen als Mädchen.
  • Kompetenzwerte der Mädchen bleiben stabil.

Zusammenfassung der wesentlichen Ergebnisse in Bezug auf die Bildungssituation von Jungen aus der IQB-Studie
(IQB-Bildungstrend 2018 „Mathematische und naturwissenschaftliche Kompetenzen am Ende der Sekundarstufe I im zweiten Ländervergleich“; Petra Stanat, Stefan Schipolowski, Nicole Mahler, Sebastian Weirich, Sofie Henschel (Hrsg.); Waxmann 2019; Münster · New York)

  • In Mathematik: höhere Kompetenzwerte für Jungen, wobei die Unterschiede mittlerweile gering sind.
  • Naturwissenschaften: Deutliche Kompetenznachteile für Jungen.
  • Entwicklung von 2012 bis 2018: Vor allem Kompetenzrückgänge zuungunsten der Jungen.
  • Fachbezogenen Selbstkonzepte und Interessen: Ungünstige Entwicklungen bei Jungen.

Entwicklung von 2012 bis 2018

  • In Deutschland insgesamt sind die geschlechtsbezogenen Disparitäten im Fach Mathematik seit dem Jahr 2012 zu 2018 signifikant zurückgegangen. Dies ist auch in mehreren Ländern (Brandenburg, Hamburg, Nordrhein-Westfalen und Schleswig- Holstein) der Fall, wobei die Veränderungen in Brandenburg und Schleswig-Holstein primär auf Kompetenzrückgängen bei den Jungen, in Nordrhein-Westfalen hauptsächlich auf Kompetenzzuwächsen bei den Mädchen beruhen.
  • In den naturwissenschaftlichen Fächern sind signifikante Veränderungen in den geschlechtsbezogenen Disparitäten nur auf Länderebene und lediglich für Brandenburg und Thüringen zu verzeichnen. Diese Trends sind hauptsächlich auf ungünstige Entwicklungen in den von Jungen erreichten Kompetenzen zurückzuführen.
  • In vier Ländern (Baden-Württemberg, Bayern, Bremen und Hamburg) sind keine signifikanten Veränderungen in den untersuchten Fächern und Kompetenzbereichen zu verzeichnen.
  • In einem Land (Nordrhein-Westfalen) ergeben sich vereinzelt signifikant positive Trends für die Mädchen.
  • In den übrigen Ländern zeigt sich in mindestens einem Kompetenzbereich ein signifikanter Kompetenzrückgang für Jungen und/oder Mädchen. Insbesondere im Fach Mathematik, aber auch in nahezu allen untersuchten naturwissenschaftlichen Fächern und Kompetenzbereichen sind dabei für Jungen häufiger signifikant ungünstige Entwicklungen zu verzeichnen als für Mädchen.
  • In vier Ländern (Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen) fallen die von Jungen im Durchschnitt erreichten Kompetenzen in allen untersuchten Fächern und Kompetenzbereichen im Jahr 2018 signifikant geringer aus als im Jahr 2012. Ein ähnlich konsistenter Rückgang der erreichten Kompetenzen in allen untersuchten Kompetenzbereichen ist für Mädchen in kei­nem Land zu verzeichnen.

Fachbezogenen Selbstkonzepte und Interessen

  • Bei den Mädchen haben sich ihre fachbezogenen Selbstkonzepte und Interessen zwischen den Jahren 2012 und 2018 teilweise positiv entwickelt, die von ihnen erreichten Kompetenzen sind jedoch von wenigen Ausnahmen abgesehen nicht signifikant angestiegen.
  • Bei den Jungen sind bei ihren fachbezogenen Selbstkonzepte und Interessen ungünstige Entwicklungen zu verzeichnen. In einigen Ländern erreichen sie im Jahr 2018 deutlich geringere Kompetenzmittelwerte als im Jahr 2012 und auch ihre fachbezogenen Selbstkonzepte und Interessen haben in diesem Zeitraum abgenommen.

Offener Brief an Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) vom 1. Juli 2021

Kritik an Ihrem Zurücklassen von Jungen in der Bildungsförderung

Sehr geehrte Frau Ministerin,

in Ihren Förderrichtlinien zur „Förderung regionaler Cluster für die MINT-Bildung von Jugendlichen (MINT-Bildung für Jugendliche)“ ist einer der zentralen Eckpunkte der Ausschreibung für die MINT-Bildungsangebote, dass Mädchen und junge Frauen besonders berücksichtigt werden sollen.

Die Berücksichtigung von Mädchen und jungen Frauen ist sinnvoll und das begrüßen wir sehr. Was wir allerdings kritisieren, ist, dass es für die Förderung der Projekte angesichts des Bildungsverhaltens und Bildungserfolges von Jungen und jungen Männern nicht erforderlich ist, diese eigens zu berücksichtigen. Mädchen und jungen Frauen sollen ausdrücklich berücksichtigt werden, Jungen und junge Männer brauchen nicht berücksichtigt zu werden. Dieses Ausgrenzen und Zurücklassen von Jungen in der MINT-Bildungsförderung ist heute nicht mehr gerechtfertigt und widerspricht sogar den Empfehlungen der verschiedenen Schulleistungsstudien der vergangenen Jahre.

Der in Deutschland in PISA 2018 festgestellte signifikante Rückgang des in PISA 2015 stark ausgeprägten Geschlechterunterschieds lässt sich nicht auf eine Leistungssteigerung bei den Mädchen, sondern auf einen Rückgang der Leistung bei den Jungen zurückführen. Zudem unterscheiden sich die Anteile von Mädchen und Jungen auf den untersten Kompetenzstufen kaum.

In den Naturwissenschaften zeigte PISA 2018, dass sich Jungen und Mädchen nicht in ihrer naturwissenschaftlichen Kompetenz unterschieden. Während aber die Kompetenz der Mädchen weitgehend stabil bleibt, ist bei den Jungen eine bedeutsame Abnahme zu beobachten. Vor allem auf den unteren Kompetenzstufen hat ihr Anteil deutlich zugenommen. Als mögliche Ursachen wird die Abnahme von Interesse an den Naturwissenschaften sowie die weniger positiv ausgeprägten motivationalen Selbstbilder angenommen, die auch der aktuelle Bildungstrend vor allem für die Jungen bestätigt. Maßnahmen zur Förderung der naturwissenschaftlichen Kompetenz sollten laut PISA-Studie deshalb im Sinne einer mehrdimensionalen Bildung auch motivationale Orientierungen und Einstellungen als wichtige Bildungsziele adressieren. Diese sind nicht nur für die spätere Berufswahl und die Sicherung des MINT-Nachwuchses von Bedeutung, sondern beeinflussen auch die Bereitschaft, sich mit Naturwissenschaften auseinanderzusetzen, sich auf neue Sachverhalte einzulassen sowie lebenslang zu lernen. Damit bilden sie eine entscheidende Grundlage für eine aktive gesellschaftliche Teilhabe.

Auch der IQB-Bildungstrend 2018 belegt von 2012 bis 2018 vor allem Kompetenzrückgänge zuungunsten der Jungen und bei den fachbezogenen Selbstkonzepte und Interessen ungünstige Entwicklungen bei Jungen und daraus folgend deutliche Kompetenznachteile bei Jungen in Naturwissenschaften.

In diesem Zusammenhang weisen wir darauf hin, dass seit vielen Jahrzehnten nichts Effektives von der Bildungspolitik unternommen wurde, um die eklatanten Lesekompetenzdefizite von Jungen gegenüber den Mädchen abzubauen. Die Konsequenzen sind nicht übersehbar. Der Anteil der besonders leseschwachen Jungen hat sich seit dem Jahr 2009 nicht verringert.

2018 erreichten Jungen nicht nur erneut deutlich niedrigere Lesekompetenzwerte als Mädchen, die Geschlechterdifferenz hat sich gegenüber 2015 sogar deutlich erhöht. Die mittlere Lesekompetenz von Jungen verringerte sich im Vergleich zu 2015 um 13 Punkte. Im Vergleich zu PISA 2015 hat sich der Anteil der Jungen auf den untersten Kompetenzstufen 2018 sogar erhöht. Die Abnahme der Lesefreude bei Jungen wie bei Mädchen in Deutschland ist höher als im Durchschnitt der OECD-Staaten. Jungen verfügen zudem in allen Szenarien über ein geringeres Lesestrategiewissen als Mädchen.

Der Gender Education Gap zuungunsten der Jungen wird aber nicht als Herausforderung für die Bildungspolitik wahrgenommen, sondern lediglich als positive, ja sogar erfreuliche Rückmeldung der einseitig auf Mädchenförderung ausgerichteten Bildungsförderung der vergangenen Jahrzehnte. Die Hoffnung, dass der neue geschlechterpolitische Ansatz Gender Mainstreaming etwas ändern würde, hat sich nicht erfüllt. Die Geschlechterspezifität in der Bildungsförderung besteht nach wie vor lediglich im Weglassen und Ausgrenzen von Jungs aus Fördermaßnahmen.  

Das ist mittlerweile überholt. Es ist Zeit, das Geschlechterkriegsdenken der 80er des letzten Jahrhunderts Mädchen gegen Jungen aufzugeben und eine moderne Geschlechterpolitik zu implementieren, die auch die Anliegen und Belange von Jungen in den Blick nimmt. Es darf nicht sein, dass Jungen, die ebenfalls dringenden Förderbedarf im MINT-Bereich haben, weiterhin zurückgelassen werden.

Ihr Zurücklassen von Jungen in der MINT-Bildungsförderung steigert nicht nur die Wahrscheinlichkeit, dass diese später arbeitslos oder in einem prekären Arbeitsverhältnis landen. Es schafft die sozialen Brennpunkte der Zukunft.

Unabhängig davon ist Bildung der wichtigste volkswirtschaftliche Faktor unseres Landes. Die Klage der politisch Verantwortlichen bezüglich eines Fachkräftemangels ist nicht authentisch, wenn sie bewusst und bereitwillig das Bildungs- und damit auch das Fachkräftepotential von Jungen und jungen Männern ungenutzt lassen.

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Lesermeinungen

  1. Von Norbert W.

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  2. Von Widerstrahl

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  3. Von Frank

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  4. Von Thorsten Droege

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  5. Von Daniel B.

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    • Von Dr. Bruno Köhler

    • Von Mathematiker

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