Gendermedizin Teil 3 – Erforderliche gesundheitspolitische Maßnahmen
In einer Sendung bei SR Kultur am 15.02.2026 sprach Frau Professor Dr. Sandra Eifert über Gendermedizin und Frauengesundheit. Auf die Hörerfrage zur signifikant niedrigeren Lebenserwartung von Männern antwortete die Expertin, Männer seien biologisch „nicht für ein langes Leben ausgelegt“, und tat die 5-Jahres-Lücke mit einem „Tut mir leid“ als hormonelles Schicksal ab. Das stellt den Sinn und Zweck von Gendermedizin auf den Kopf, der ja gerade darin besteht, geschlechterspezifische Gesundheitsrisiken aufgrund biologischer Unterschiede von Mann und Frau durch medizinische und gesundheitspolitische Maßnahmen abzubauen. Dieses Negativbeispiel für Gendermedizin hat uns veranlasst, der Frage nachzugehen, ob Gendermedizin der Männergesundheit nutzt oder wie im beschriebenen Fall sogar schadet.
In Gendermedizin Teil 1 haben wir das Ziel der Arbeit vorgestellt und gingen zum einen auf das Narrativ des Mannes als Mangelwesens ein und zeigten zum anderen, wie viele Lebensjahre das Kolportieren der männlichen Lebenserwartung als Schicksal bei Männern kosten kann. Wir gingen dann auf die interessante historische Entwicklung der Lebenserwartung von Männern und Frauen ein, bei der aufgrund der massiven medizinischen Fortschritte gegen die Müttersterblichkeit bei der Geburt keine Rede davon sein kann, dass die Medizin in der Vergangenheit Frauen benachteiligt hätte.
Im Teil 2 Gendermedizin Teil 2 stellten wir die Asymmetrien zuungunsten der Männer im Gesundheitssystem vor, indem wir die ungleichen Gesundheitsangebote von Frauen und Männer aufzeigten, auf das strukturelle Präventions-Vakuum bei jungen Männern eingingen und die Ungleichverteilung von Forschungsgeldern für Frauengesundheit und für Männergesundheit aufzeigten. Weiterhin zeigten wir, warum Männer aufgrund biologischer Mechanismen und Risikofaktoren im Nachteil sind, und gingen in einer Diskussion auf das systemische und konzeptionelle Versagen der Gendermedizin ein.
In Gendermedizin Teil 3 zeigen wir nun die erforderlichen gesundheitspolitischen Maßnahmen auf, die erforderlich sind, um aus einer Gendermedizin, die bislang vorrangig reine Frauenmedizin ist, eine echte Gendermedizin zu gestalten, die die gesundheitlichen Herausforderungen im Bereich der Männergesundheit ebenso angeht wie die der Frauengesundheit.
Um die dokumentierten Asymmetrien abzubauen und Männern einen effektiven, geschlechtergerechten Gesundheitsschutz zu garantieren, muss die Gesundheitspolitik von einer reaktiven Reparaturmedizin zu einer proaktiven, strukturellen Präventionsstrategie übergehen. Folgende vier Kernmaßnahmen sind zwingend erforderlich:
Institutionalisierung der Andrologie als eigenständiges Fachgebiet
Die Bundesärztekammer und die Landesärztekammern müssen die Andrologie (Männerheilkunde) zu einem eigenständigen, primärärztlichen Facharztgebiet aufwerten. Die bisherige Praxis, die Andrologie lediglich als optionale Zusatzbezeichnung im Schatten der Urologie oder Dermatologie zu führen, reduziert den männlichen Patienten im Medizinsystem auf seine Fortpflanzungsorgane. Es bedarf einer flächendeckenden andrologischen Infrastruktur analog zur Gynäkologie, die als ganzheitliche, internistisch-endokrinologische und psychosomatische Anlaufstelle für Männer fungiert.
Solange die Männerheilkunde nur eine optionale Zusatzbezeichnung im Schatten der Urologie bleibt, fehlt eine ganzheitliche, internistisch-endokrinologische Anlaufstelle, die den Mann in seiner Gesamtheit (Hormone, Psyche, Gefäße) wahrnimmt.
Schließung des präventiven Vakuums („Jungen-Check-up“)
Der Gesetzgeber muss spezifische, strukturierte Vorsorgeuntersuchungen für jugendliche und junge Männer (Altersspanne 14 bis 18 Jahre) analog zu den gynäkologischen Erstkonsultationen etablieren. Während junge Frauen über das gynäkologische System frühzeitig an präventive Eigenverantwortung und medizinische Begleitung herangeführt werden, existiert für junge Männer nach dem Ausscheiden aus der kinderärztlichen Versorgung ein jahrzehntelanges medizinisches Vakuum. Ein obligatorischer „Jungen-Check-up“ muss der frühen Sozialisation im Gesundheitssystem dienen.
Nur so kann das jahrzehntelange Präventions-Vakuum durchbrochen werden. Junge Männer müssen frühzeitig lernen, gesundheitliche Eigenverantwortung zu übernehmen und kardiovaskuläre oder psychische Risiken nicht zu tabuisieren.
Regulatorische Durchsetzung vergleichender Forschungsdesigns
Nationale Forschungsförderer (wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft oder das Bundesministerium für Bildung und Forschung) müssen die Vergabe von Steuergeldern für klinische Studien zwingend an das Prinzip der geschlechtervergleichenden Datenanalyse koppeln. Nach dem Vorbild der amerikanischen SABV-Richtlinie (Sex as a Biological Variable) [NIH] darf keine klinische Studie mehr staatlich finanziert werden, die beide Geschlechter einschließt, aber auf eine mathematisch getrennte Auswertung der Ergebnisse verzichtet [Woitowich]. Nur so kann sichergestellt werden, dass die spezifische Pathophysiologie des Mannes isoliert verstanden wird.
Es muss gesetzlich unterbunden werden, dass Studien, die zu 65 % an Männern durchgeführt wurden, ohne separate mathematische Prüfung einfach als „Männerforschung“ gelten [Witcutt]. Männer profitieren von diesen Studien erst dann, wenn ihre spezifische Pathophysiologie (z. B. die männliche Plaque-Morphologie) isoliert analysiert wird [Regitz-Zagrosek].
Vorverlegung kardiologischer Screenings und aggressive Zielwertanpassung
Da Männer die kritischen Inzidenzwerte für koronare Herzkrankheiten im Schnitt zehn Jahre früher erreichen als Frauen [Leening], müssen die gesetzlichen Früherkennungsprogramme (z. B. der kardiologische Check-up) für Männer mit familiärer Vorbelastung gesetzlich vom 45. auf das 30. Lebensjahr vorverlegt werden. Zudem muss in den medizinischen Leitlinien eine geschlechtsspezifische Anpassung der therapeutischen Zielwerte verankert werden: Das genetisch und hormonell bedingte, dreifach erhöhte kardiovaskuläre Basisrisiko des Mannes [Schoen, Vlachopoulos] rechtfertigt eine frühzeitigere und aggressivere medikamentöse Lipidsenkung (z. B. durch Statine), um den fehlenden biologischen Gefäßschutz künstlich zu kompensieren.
Da Männer das Gesundheitssystem im ambulanten Sektor meiden, muss die Medizin dorthin kommen, wo die Männer sind.
Fazit und Ausblick
Die vorliegende Arbeit hat das weit verbreitete gesundheitspolitische Narrativ einer pauschalen Privilegierung des Mannes in der modernen Medizin einer kritischen, strukturellen und historischen Überprüfung unterzogen. Die Ergebnisse der Literaturarbeit und Sekundärdatenanalyse zeigen eindeutig, dass die These eines allumfassenden „Male Bias“ zugunsten der Männergesundheit wissenschaftlich nicht haltbar ist. Der reale „Male Bias“ beschränkt sich im Kern auf ein methodisches Defizit in der präklinischen Phase und frühen Wirkstoffforschung [Regitz-Zagrosek]. Schaut man sich jedoch die reale Infrastruktur der Gesundheitsversorgung, die Präventionslandschaft und die Allokation von Forschungsgeldern an, ist die Männergesundheit im Vergleich zur Frauenheilkunde massiv unterversorgt und institutionell marginalisiert.
Historisch ließ sich belegen, dass das Auseinanderdriften der Lebenserwartung im 20. Jahrhundert – der moderne Gender Lifetime Gap – kein unbeeinflussbarer Naturzustand ist. Er ist maßgeblich das Resultat einer historisch beispiellosen, staatlich organisierten und ressourcenintensiven Großoffensive zur Etablierung der Geburtsmedizin, die das Lebenszeitrisiko von Frauen, im Kindbett zu sterben, drastisch eliminierte. Während das Medizinsystem somit die größte geschlechtsspezifische Todesursache der Frau erfolgreich sanierte, fehlt eine äquivalente, strukturelle Antwort auf die kardiologische und psychische Verwundbarkeit des Mannes bis heute.
Die strukturelle Analyse der medizinischen Landschaft untermauert diese Asymmetrie: Die Gynäkologie fungiert flächendeckend als etabliertes, lebensbegleitendes Primärversorgungsfach, das Frauen von der Pubertät an im System sozialisiert und präventiv überwacht. Demgegenüber steht ein andrologisches Vakuum. Junge Männer fallen nach dem Ausscheiden aus der Kinderheilkunde in ein jahrzehntelanges präventives Raster, aus dem sie oft erst nach dem 45. Lebensjahr oder beim Auftreten manifester, schwerer Erkrankungen wieder auftauchen. Diese institutionelle Benachteiligung spiegelt sich auch in der Forschungsförderung wider: Spezifische Frauenthemen erhalten mehr als doppelt so viele staatliche Fördergelder wie spezifische Männermedizin [Nuzzo], während echte geschlechtervergleichende Analysen trotz regulatorischer Vorgaben in der Praxis weiterhin vernachlässigt werden [Woitowich].
Das Versagen der bisherigen Gendermedizin liegt in ihrer theoretischen Einseitigkeit begründet. Indem sie „Gender“ ideologisch mit „Frauenmedizin“ gleichsetzte und die schlechteren Gesundheitsdaten von Männern entweder soziologisch auf ein „Fehlverhalten“ oder biologisch auf eine „genetische Gegebenheit“ reduzierte, kapitulierte sie vor ihrem eigenen Anspruch. Eine wissenschaftlich redliche Gendermedizin darf biologische Nachteile – wie das im mittleren Alter dreifach erhöhte kardiovaskuläre Risiko des Mannes [Schoen] – nicht deterministisch verwalten. Sie muss sie als medizinischen Auftrag begreifen, diese Nachteile durch gezielte, geschlechtsspezifische Maßnahmen künstlich auszugleichen.
Für die Zukunft der Gendermedizin und die zukünftige Gesundheitspolitik ergibt sich daraus ein klarer Ausblick: Das Fachgebiet muss sich von seiner eindimensionalen Fokussierung emanzipieren und sich zu einer echten, symmetrischen Wissenschaft für beide biologischen Geschlechter entwickeln.
Politisch müssen die Weichen für eine Institutionalisierung der Andrologie als eigenständiges Fachgebiet, die Einführung eines systematischen „Jungen-Check-ups“ sowie für eine geschlechtsspezifische, aggressivere Anpassung kardiologischer Zielwerte bei Männern gestellt werden. Erst wenn die Männergesundheit strukturell und finanziell aus ihrem Schattendasein befreit wird, kann das Versprechen einer gerechten, präzisen und geschlechtersensiblen Medizin für die gesamte Bevölkerung eingelöst werden.
Quellen
Witcutt, A. H., et al. (2022). The Persistence of Sex Bias in High-Impact Clinical Research. Journal of Surgical Research, 279, 442-451. Cross-referenced in ScienceDirect. (Bestätigt quantitativ, dass 56 % bis 64 % der Probanden in kardiologischen und chirurgischen Studien männlich sind, was das Fehlen echter vergleichender Daten untermauert).
Nuzzo, J. L. (2024). NIH Funding of Men’s and Women’s Health. Substack / Research Analysis. Substack Link (Die zentrale Quelle für die Aufteilung der NIH-Mittel: 14 % für Frauenheilkunde vs. 6 % für Männergesundheit).
Woitowich, N., et al. (2026). Incorporation and Analysis of the National Institutes of Health Sex as a Biological Variable Policy (2017–2024). Nature Communications Medicine. Cross-referenced in Northwestern Medicine News. Northwestern News Link (Belegt die Verteilung und das Defizit bei geschlechtervergleichenden Studien: 61 % erhalten Gelder unter Einbeziehung beider Geschlechter, aber nur 44 % führen die vergleichende Analyse durch).
Schoen, J., et al. (2016). Gender-Related Cardiovascular Risk in Healthy Middle-Aged Men and Women. The American Journal of Cardiology, 118(11), 1657-1662. Cross-referenced in PubMed, 27737731. PubMed Link (Liefert den empirischen Nachweis des dreifach erhöhten Hazard-Ratio-Risikos für Männer in kardiologischen Langzeit-Kohorten).
Regitz-Zagrosek, V., & Kararigas, G. (2023). Mechanistic pathways of sex and gender differences in cardiovascular disease. Nature Reviews Cardiology / PubMed, 20(4), 211-224. Cross-referenced in PubMed, 36316574. PubMed Link (Das kardiologische Standardwerk der Gendermedizin zur Interaktion von biologischem Geschlecht und Pathogenese).
Leening, M. J., Ferket, B. S., Steyerberg, E. W., et al. (2026). Sex Differences in Age of Onset of Premature Cardiovascular Disease. Journal of the American Heart Association (JAHA), 15(2), e044922. AHA Journal Link (Belegt empirisch, dass Männer 10 Jahre früher an einer KHK erkranken als Frauen).
Vlachopoulos, C., et al. (2023). Role of testosterone in platelet activation and cardiovascular risk in men. European Heart Journal / PubMed, 44(18), 1622–1631. Cross-referenced in PubMed, 36878910. PubMed Link (Liefert den biologischen Beweis, wie Testosteron physiologisch das Thromboserisiko bei Männern erhöht – und begründet die medizinische Notwendigkeit für eine aggressivere kardiologische Überwachung von Männern, statt es als „gegeben“ hinzunehmen).
Quelle Beitragsbild: KI generiert mit Google Gemini
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