Männergesundheit – die unbekannte Größe

von Gastbeiträge

Männergesundheit – Prof. Michael Klein thematisiert in seinem Gastbeitrag zum Tag der Männergesundheit am 3. November Männergesundheit als die unbekannte Größe.

Prof. Dr. Michael Klein ist Klinischer Psychologe, Gesundheitspsychologe und Psychotherapeut in Köln. Homepage: https://mens-mental-health.de/

Dass Männer sich weniger um ihre Gesundheit kümmern als Frauen, ist schon lange bekannt. Für Männergesundheit mehr Sensibilität zu erzeugen, ist ein wichtiges Anliegen, für das auch am Tag der Männergesundheit am 03. November jährlich geworben wird. Eine der Folgen des bisherigen Zustands ist, dass über Männergesundheit vergleichsweise wenig bekannt ist. Krebserkrankungen der Hoden, des Penis oder der Prostata sind bei weitem nicht so bekannt und gut erforscht wie andere Karzinome, vor allem etwa Lungen- und Brustkrebs. Oft gilt schon eine Fokussierung auf Männer automatisch als patriarchalisch oder frauenfeindlich. Dies ist aber nur auf eine zunehmende Verquerung und Verwirrung der öffentlichen Meinung zurückzuführen. Um es klar zu sagen: Die Gesundheit von allen Menschen, Frauen und Männern und vor allem auch die von Kindern, sollte im Fokus von Öffentlichkeit und Forschung stehen und uns alle beschäftigen. Frauengesundheit ist wichtig. Aber was ist mit Männergesundheit? Männer stellen immer noch das selbst- und fremdvergessene Geschlecht dar. Der Terminus „women´s health“ taucht in den bei PubMed, der größten wissenschaftlich-medizinischen Datenbank der Welt, gelisteten Texten 10-mal häufiger auf als der Begriff „men´s health“ (1970-2020).

Weil so wenig Aufmerksamkeit – auch von Wissenschaftlern – auf das Wohlbefinden und die Gesundheit von Jungen und Männern gelegt wird, geht es im Folgenden um genau dieses vernachlässigte Thema! Männergesundheit als die unbekannte Größe!

Fakten zur Männergesundheit

Die Gesundheit von Männern wird erst allmählich als Thema entdeckt. In vielen Fällen ist der geschlechtsspezifische Blick auf Gesundheit von Männern noch ungewohnt. Dabei gibt es viele Gründe für den spezifischen Blick auf die Gesundheit der Männer:

Sie leben durchschnittlich 5 Jahre kürzer als Frauen, begehen etwa dreimal so häufig Selbstmord und sind dreimal öfter abhängig von Alkohol und illegalen Drogen. Daraus ergibt sich, dass ca. 75% aller Suizide und etwas mehr als 70% aller Alkohol- und Drogenabhängigen Männer sind. Männer erkranken öfter an Lungen- und Darmkrebs und sterben häufiger als Frauen an Herz-Kreislauferkrankungen. 95% aller tödlichen Arbeitsunfälle werden von Männern erlitten. Sie zeigen außerdem riskantere Verhaltensmuster, etwa beim Umgang mit Gefahren, in der Freizeit und im Sport. Auch werden ihnen in der Regel die riskanteren beruflichen Aufgaben zugewiesen, etwa als Arbeiter, Soldaten, Polizisten und Feuerwehrleute. Im Laufe der COVID-19 Pandemie ist die Lebenserwartung für Männer in den USA um 2.2 Jahre gesunken und damit deutlich stärker als bei Frauen (Vergleichswert: 1.65 Jahre)[1]. Seit einigen Jahren steht die psychische Gesundheit der Menschen besonders im Mittelpunkt. Männer entwickeln nicht nur häufiger eine Suchtkrankheit, was ihr Leben um durchschnittlich 12 Jahre verkürzt, sondern sie zeigen auch häufiger die Symptome einer männerspezifischen Depression (Irritierbarkeit, Gereiztheit, Antriebsschwäche, Erschöpfung, Konzentrations- und Gedächtnisprobleme), die oft gar nicht oder zu spät erkannt wird. Auch hier gilt es, eine verbesserte Sensibilität und Zugänge zu früheren Hilfen zu entwickeln (vgl. https://mens-mental-health.de/maennerdepression/).

Der Glaube an die eigene Unbesiegbarkeit – eine Schwäche

Männer gehen seltener zum Arzt als Frauen, lassen sich bei Symptomen später behandeln und unterdrücken insgesamt Anzeichen von Krankheit stärker als Frauen. Die Sache mit dem „Männerschnupfen“ ist natürlich ein Mythos. Was bringt Männer dazu, tendenziell nachlässig und rücksichtslos mit sich selbst umzugehen? Traditionell werden Jungen zu mehr Wettbewerb und Rivalität erzogen. Sie bringen von ihrer biologischen Ausstattung auch die idealen Voraussetzungen hierfür mit. Die Nachteile liegen in höheren Zahlen von Männern bei Opfern von Kampfhandlungen, Aggressionen und Selbstverschleißung. Unter Selbstverschleißung sind die Folgen übermäßigen Stresses in Arbeit und Gesellschaft zu verstehen. Die Aufopferungsbereitschaft für Arbeit, Staat, Frauen und Kinder ist ein typisch männliches Merkmal und trägt zur Selbstverschleißung, häufig in Form von Burnout, aber auch Depression, Sucht, Suizid und früherem Tod, bei. Die Zahl der Männer, die an Stressfolgeerkrankungen leiden und versterben, ist höher als die von Frauen. 

Dreifachbelastung mit Arbeit, Kinder und Partner ist längst ein Männerthema

Die Dreifachbelastung, lange ein Klagethema von Frauen, ist inzwischen ein häufiges Dilemma des postmodernen Mannes, der versucht, es allen recht zu machen und dabei allzu selbst auf der Strecke bleibt.

Im Hintergrund für die oft vorhandene Unfähigkeit von Männern sich gegen die von allen Seiten vorgetragenen Anforderungen zu wehren und auch einmal Nein zu sagen, steht die gelernte Rolle, Stärke zu zeigen und Schwäche zu vermeiden. Dies wird durch Erziehung, Kultur und die größere Körperkraft, die eher den Eindruck der Unbesiegbarkeit vermittelt, suggeriert. Es sind Mütter wie Väter, aber auch Medien und Vorgesetzte in der Arbeitswelt, die diesen Mythos immer wieder beleben. Dabei wollen Männer natürlich gesund und fit sein, glauben aber zu oft und vor allem zu lange an die eigene Unverletzlichkeit. Es liegt vor allem an den Strategien im Umgang mit sich selbst, den unpassenderen inneren Haltungen, keine Schwächen zu zeigen und sich dem Stress des Alltags zu lange hinzugeben, dass Männer am Ende eine schlechtere Gesundheit aufweisen als Frauen. 80% der Frühsterblichkeit von Männern hat mit psychosozialen und verhaltensbedingten Ursachen zu tun, sind also nicht genetisch oder hormonell bedingt! Der immer noch allzu oft bei Männern vorzufindende Glaube an die eigene Unbesiegbarkeit ist im Kern eine Schwäche: sich Probleme und Symptome einzugestehen, sich Hilfe zu holen, wenn nötig, und sich anderen gegenüber diesbezüglich zu öffnen.

In den Medien spielen Männer im positiven Sinne keine Rolle

Aber: Das Thema „Männergesundheit“ rückt immer mehr in den Vordergrund. Und dies obwohl es von den meisten Leitmedien weitgehend ignoriert und abgewehrt wird. Dennoch stellt sich nach und nach eine notwendige und hoffnungsvolle Entwicklung ein. Inzwischen erscheinen Männergesundheitsberichte (der fünfte erscheint Mitte November 2022), die Stiftung Männergesundheit (http://www.stiftung-maennergesundheit.de/) befasst sich fokussiert mit dem Thema und immer neue Forschungsprojekte werden auf den Weg gebracht. Die Website Mens-Mental-Health befasst sich seit mehr als einem Jahr mit dem Thema der psychischen Gesundheit von Männern und findet immer mehr Leser und Beachtung. Die Entwicklung gibt also Anlass zur Hoffnung! Lassen Sie also beim Thema Gesundheit auch an Männer denken, damit diese sensibler für ihre Gesundheit, Früherkennung und Selbstfürsorge werden.

[1] https://academic.oup.com/ije/advance-article/doi/10.1093/ije/dyab207/6375510

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Lesermeinungen

  1. Von Prof. Dr. med. Wolfgang Schwarzer

    Antworten

    • Von Georg

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