Offener Brief an NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens

von MANNdat

Das nordrein-westfälische Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter möchte mit sechs Millionen Euro  Projekte für eine geschlechtergerechte Gesundheitsversorgung fördern, wie es am 19. August 2011 auf seiner Internetseite verkündete. Anders als bislang bei „geschlechtergerechten“ Maßnahmen üblich, kommt das Geld nicht nur der Gesundheitsförderung von Frauen zugute: auch Projekte für übergewichtige oder depressive Männer werden gefördert. Für MANNdat war dies der Anlass, die Ministerin mit einem Offenen Brief dazu aufzufordern, auf dem nunmehr begonnenen Weg fortzuschreiten und der Gesundheitsversorgung von Männern künftig mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Hier der Wortlaut unseres Schreibens:

Sehr geehrte Frau Ministerin,

wie Sie am 19. August 2011 auf der Homepage Ihres Ministeriums mitteilten, fördert die Landesregierung in den nächsten drei Jahren Projekte, die zu einer geschlechtergerechten Gesundheitsversorgung beitragen sollen, mit ingesamt 6 Millionen Euro.

Als geschlechterpolitische Initiative, die sich für die Rechte und Bedürfnisse von Jungen und Männern in allen Bereichen der Gesellschaft einsetzt, freuen wir uns darüber, dass diese Projekte nicht – wie in der Vergangenheit oft geschehen – alleine Maßnahmen der Frauen-Gesundheitsförderung umfassen, sondern nunmehr auch Männer und ihre Gesundheitsprobleme ins Blickfeld nehmen. Wir halten das für dringend notwendig, denn:

–        die Lebenserwartung von Männern liegt auch in Nordrhein-Westfalen deutlich unter derjenigen von Frauen. Laut Statistischem Bundesamt (Auswertung der Sterbetafeln 2006/2008) sterben Männer in NRW im Durchschnitt 5,14 Jahre eher als Frauen, was einer um 6,3 Prozent geringeren Lebenserwartung entspricht.

–        Männer haben sich im Jahr 2010 in NRW fast dreimal so häufig das Leben genommen wie Frauen (Quelle: IT.NRW, Pressemitteilung vom 9. August 2011).

–        bundesweit entfielen im Jahr 2009 etwa 75 Prozent aller meldepflichtigen Arbeitsunfälle, 82,6 Prozent der Arbeitsunfallrenten sowie 97,7 Prozent der Todesfälle von Berufserkrankten auf männliche Arbeitnehmer.

–        Männer sind überdurchschnittlich häufig von Süchten betroffen (speziell Drogen-, Alkohol- und Spielsucht).

Auch wenn ein Teil der geringeren Lebenserwartung darauf zurückzuführen ist, dass Männer eine ungesündere Lebensweise pflegen, so sollte man dennoch nicht außer Acht lassen, dass sie im Beruf wie im Privatleben vielfältigen spezifischen Belastungen ihrer Gesundheit ausgesetzt sind und dass sie von Gesundheitspolitik und medizinischer Forschung bislang eher stiefmütterlich behandelt wurden. So ist z. B. bislang nur unzureichend erforscht, welche gesundheitlichen Folgen das Berufsleben, Trennungen, Scheidungen, Sorgerechtsstreitigkeiten, Unterhaltsverpflichtungen und Kindesentzug für betroffene Männer haben.

Auch wenn Ihre neuen Maßnahmen zur „geschlechtergerechten Gesundheitsversorgung“ insgesamt einen Schritt in die richtige Richtung darstellen, so schließen wir uns der Kritik weitgehend an, die etwa die FDP-Landtagsfraktion vorgebracht hat und die darauf abzielt, dass die Gesundheitsversorgung von Männern insgesamt immer noch nicht die gleiche Priorität hat wie diejenige von Frauen.

Wir wünschen uns daher von Ihnen, die spezifischen gesundheitlichen Probleme und Belastungen von Männern verstärkt in den Blick zu nehmen und bestehende Ungleichgewichte zu Lasten von Männern in Gesundheitsaufklärung, -beratung, Prävention und Therapie abzubauen. Sinnvoll wären unserer Ansicht nach folgende Maßnahmen:

–        Männer sollten durch öffentlichkeitswirksame Kampagnen dazu ermuntert werden, häufiger an Vorsorgeuntersuchungen teilzunehmen, wobei auf den „erhobenen Zeigefinger“und das Herausstellen negativer Sachverhalte („Männer sind Gesundheitsmuffel“) verzichtet werden sollte.
Das Beispiel der zahnärztlichen Vorsorge zeigt, wie das funktionieren kann: Hier werden Jungen wie Mädchen von klein auf sowie deren Eltern regelmäßig darauf hingewiesen, die Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch zu nehmen. Als Ergebnis ist hier die Differenz sogar noch zwischen erwachsenen Männern und Frauen vergleichsweise gering, und die Teilnahmequote ist hoch.

–        In diesem Zusammenhang wäre zu prüfen, ob die derzeitigen Öffnungszeiten von Arztpraxen dazu beitragen, dass Männer aufgrund ihrer im Schnitt längeren Arbeitszeiten weniger Gelegenheit haben, solche Vorsorgemaßnahmen in Anspruch zu nehmen. Eine Verlängerung der Sprechstundenzeiten am späten Nachmittag oder Praxisöffnungen am Samstagmorgen könnten hier ein sinnvoller Ansatz sein.

–        Ein „Männergesundheitsbericht NRW“ könnte wichtige Daten zur gesundheitlichen Gesamtsituation von Männern liefern sowie Ansatzpunkte für eine Gesundheitspolitik, die die spezifischen körperlichen und seelischen Belastungen von Männern verstärkt berücksichtigt.

–        Nach Meinung vieler Fachleute hinkt das medizinische Fachwissen in Bezug auf den Mann und seinen Körper hinter der Erforschung des weiblichen Körpers zurück. Ein Studiengang „Männergesundheit“ in den medizinischen Fakultäten des Landes könnte hier Abhilfe schaffen.

–        Ihr Ansatz, der bei Männern bislang vernachlässigten Diagnose Depression mehr Beachtung zu schenken, findet unsere volle Zustimmung. Wenig bekannt ist allerdings, dass die Selbsttötungsrate speziell bei männlichen Jugendlichen nach Schätzungen von Kinderärzten etwa zwölfmal so hoch ist wie bei gleichaltrigen Mädchen. Dies zeigt unserer Meinung nach, wie dringlich es ist, Jungen und ihre Probleme stärker ernst zunehmen. Die Erforschung von Problemen, die Jungen in diesem Alter haben (Benachteiligung und Mobbing in der Schule, Liebeskummer, Stress in der Familie, Armut und Gewalt in ihrem Umfeld), ist bislang zu kurz gekommen, weil die Mädchenförderung im Mittelpunkt stand. Hier muss es ein Umdenken geben.

–        In diesem Zusammenhang sind verstärkte Anstrengungen notwendig, die Defizite von Jungen in den Bereichen Sprachfähigkeit und Motorik in geeigneter Weise zu therapieren, um ihnen einen besseren Start in ihre Schullaufbahn zu ermöglichen.

–        Während in den letzten Jahren viel für Vorsorge, Prävention, Diagnose und Therapie bei Brustkrebs getan worden ist, wurde die Prostatakrebs-Vorsorge eher stiefmütterlich behandelt. Hier könnten durch intensivere Aufklärung der Bevölkerung, eine zeitgemäßere Vorsorgeuntersuchung und die Förderung neuer Therapiemethoden die Überlebensraten ebenso verbessert werden wie beim Hodenkrebs.

–        Bei der Suchtbekämpfung ist neben dem Schwerpunkt „Frauen und Sucht“ verstärkt ein Augenmerk auf die geschlechtsspezifische Anfälligkeit von Männern für diverse Suchterkrankungen zu richten.

–        Die Gesundheitsbelastungen, denen Männer am Arbeitsplatz ausgesetzt sind, müssen verstärkt erforscht werden. Es sollte in Bergbau und Industrie noch mehr in berufliche Sicherheitsmaßnahmen investiert werden. Regelmäßige Gesundheitsuntersuchungen wären sinnvoll, um Berufskrankheiten im Frühstadium zu entdecken.

Dies ist nur ein Teil der möglichen Maßnahmen, mit denen die Gesundheitspolitik dazu beitragen kann, dass sich die gesundheitliche Situation von Jungen und Männern in Nordrhein-Westfalen verbessert. Wir würden uns freuen, wenn Sie die eine oder andere unserer Anregungen bei zukünftigen gesundheitspolitischen Maßnahmen aufgreifen könnten. Ihre Ansätze zu einer „geschlechtergerechten Gesundheitsversorgung“ werden wir auf jeden Fall auch weiterhin aufmerksam verfolgen.

Mit freundlichen Grüßen

MANNdat e.V.

– Geschlechterpolitische Initiative –

P.S.

Dieses Schreiben sowie Ihre eventuelle Antwort werden wir auf unserer Internetseite www.manndat.de veröffentlichen.

Am 5. Oktober 2011 erhielten wir die Antwort vom Ministerium, die wir nachstehend im Original-Wortlaut wiedergeben:

„danke für Ihr Schreiben vom 29. August 2011 und Ihre Ausführungen zur Notwendigkeit einer geschlechtergerechten Gesundheitsversorgung. Frau Ministerin Steffens hat mich um Beantwortung gebeten. Dieser Bitte komme ich gerne nach.

Es ist unstreitig, dass wir passgenaue, zielgruppenspezifische Antworten auf geschlechterspezifische Herausforderungen im Gesundheitswesen finden müssen. Dieser Aufgabe stellt sich die Landesregierung gemeinsam mit der Landesgesundheitskonferenz NRW, einem Zusammenschluss aller wesentlich Verantwortung tragenden Organisationen und Institutionen des selbstverwalteten Gesundheitswesens.

Hier stehen wir durch zahlreiche Initiativen gerade im Bereich der Prävention zwar nicht mehr am Anfang. Auch schlagen sich im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit des Landes spezielle Motivationskampagnen positiv nieder.Gleichwohl besteht – wie Sie zu Recht feststellen – weiterhin Handlungsbedarf.

Wir untersuchen im Rahmen der Gesundheitsberichterstattung des Landes die gesundheitliche Lage und die Versorgungssituation von Frauen und Männern gesondert, um einerseits Handlungsbedarf belegen zu können, aber auch um sich über Weiterentwicklungen zu verständigen.

Neue Erkenntnisse erwarten wir uns u.a. auch durch die von Ihnen angesprochene Projektförderung für eine geschlechtergerechte Gesundheitsversorgung.

Schließlich ist beabsichtigt, auf Grundlage des Männergesundheitsberichts des Robert Koch-Instituts in 2012 mögliche Handlungsbedarfe für Nordrhein-Westfalen zu identifizieren. Konsequenzen für die Versorgungsforschung wären zu prüfen.

Mit freundlichen Grüßen

Im Auftrag gez.

Dr. Siebertz

Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes Nordrhein-Westfalen

Horionplatz 1

40213 Düsseldorf

 Bildquelle: (c) Andrea Damm/www.pixelio.de

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