Prof. Dr. med. Sandra Eifert – Replik auf Ihre Aussagen bei SR Kultur

von Manndat
Prof. Dr. med. Sandra Eifert – Replik auf Ihre Aussagen bei SR Kultur

Mit großer Sorge haben wir die Aussagen von Prof. Dr. Sandra Eifert in der Sendung SR Kultur am 15.02.2026 verfolgt. Auf die Hörerfrage zur signifikant niedrigeren Lebenserwartung von Männern antwortete die Expertin, Männer seien biologisch „nicht für ein langes Leben ausgelegt“, und tat die 5-Jahres-Lücke mit einem „Tut mir leid“ als hormonelles Schicksal ab. Hier unsere Replik an Frau Prof. Eifert.

Eine entsprechende Mitteilung an den SR ging bereits raus, in der wir den Sender darauf hinweisen, dass eine Richtigstellung im Sinne Ihres öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrags unumgänglich ist. Es darf beim männlichen Publikum keinesfalls der Eindruck entstehen, Präventionsangebote, Früherkennung oder ein gesunder Lebensstil seien aufgrund einer „biologischen Vorbestimmung“ wirkungslos. Eine solche Fehlvorstellung kann in der Konsequenz Menschenleben kosten, da sie die Motivation zur medizinischen Vorsorge aktiv untergräbt.

Offener Brief

Frau Prof. Dr. med. Sandra Eifert
Leiterin der Frauenherzsprechstunde
Herzzentrum Leipzig
Datum: 08.03.2026

Betreff: Wissenschaftliche und ethische Replik auf Ihre Aussagen bei SR Kultur am 15.02.2026

Sehr geehrte Frau Professor Eifert,

Ihre Ausführungen in der Sendung „Fragen an den Autor“ am 15. Februar 2026 zur Lebenserwartung von Männern bedürfen einer dringenden wissenschaftshistorischen, kardiologischen und gesundheitspolitischen Korrektur. Die Behauptung, Männer seien biologisch „nicht für ein langes Leben ausgelegt“ und das frühere Sterben sei ein fast naturgegebenes Resultat fehlenden Östrogens, ist eine gefährliche Trivialisierung systemischer Missstände.

Der Vater einer unserer Vorstandsmitglieder verstarb mit 70 Jahren nach einem Herzinfarkt, weil er zwei Stunden lang von Klinik zu Klinik gefahren wurde, bevor man ihn aufnahm. Zu behaupten, die Lebenserwartung sei ‚biologisch ausgelegt‘, verhöhnt die Opfer eines eklatanten Systemversagens. Wer das frühere Sterben von Männern naturalisiert („Tut mir leid“), legitimiert indirekt, dass man bei Männern weniger Anstrengungen im System unternimmt. Wenn man glaubt, Männer sterben sowieso früher, sinkt der Druck, die Notfallversorgung und die Kapazitäten drastisch zu verbessern.

Hier sind die Gründe, warum Ihre Argumentation auch jenseits dieser persönlichen Erfahrung fachlich und ethisch unhaltbar ist:

1. Fachliche Dissonanz: Kardiologie ist Präventionsmedizin
Gerade Sie als renommierte Herzchirurgin wissen, dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen – die Todesursache Nummer eins – maßgeblich durch Lebensstil, Sozialisation und Umweltfaktoren beeinflusst werden. Die Epigenetik und die moderne kardiologische Forschung belegen, dass Bluthochdruck, Stressbewältigung und Ernährungsgewohnheiten keine „Schicksalsfragen des Testosterons“ sind, sondern Ergebnis einer geschlechtsspezifischen Sozialisation. Diese Faktoren als „biologisch determiniert“ abzutun, konterkariert die gesamte kardiologische Präventionsarbeit.

2. Die fatale Parallele zu Prof. Paul Julius Möbius (1900)
Ihre Biologisierung erinnert uns fatal an die Jahrhundertwende. Um 1900 nutzten Mediziner wie Prof. Paul Julius Möbius vermeintliche biologische „Minderwertigkeiten“, um soziale Reformen für Frauen zu verhindern. Damals wurde die geringere Lebenserwartung der Frau als „natürliche Bestimmung“ uminterpretiert. Es ist ernüchternd, wenn eine Expertin für Gendermedizin heute exakt dasselbe Muster auf Männer anwendet, um den Mangel an politischem Handeln zu legitimieren oder kleinzureden.

3. Das Experiment der Natur: Die Klosterstudie
Die Klosterstudie von Marc Luy belegt: Unter identischen Lebensbedingungen (Ernährung, Stresslevel) schrumpft der Unterschied in der Lebenserwartung zwischen den Geschlechtern auf ein Minimum (ca. ein Jahr). Dies liefert einen deutlichen Hinweis, dass vorrangig die Lebenswelt (Gender) entscheidend ist, nicht die Gonaden.

4. Soziale Dynamik statt Biologie: Die Ost-West-Angleichung
Die rasanten Veränderungen nach der Wiedervereinigung widerlegen Ihre These der biologischen Determiniertheit massiv. Im Jahr 1990 betrug die Differenz in der Lebenserwartung zwischen Männern in Ost- und Westdeutschland noch drastische 3,2 bis 3,4 Jahre. Bis zum Zeitraum 2021/2023 hat sich dieser Unterschied auf nur noch rund 1,1 bis 1,4 Jahre reduziert RKI-Bericht 3/201; Max Planck Institut für demografische Forschung; Deutsche Rentenversicherung: Studie: Lebenserwartung in Ost- und Westdeutschland angeglichen). Diese gewaltige Annäherung um fast nur noch ein Jahr innerhalb von 30 Jahren ist rein sozioökonomisch begründet. Biologie verändert sich nicht in drei Jahrzehnten – soziale Bedingungen schon.

5. Die soziale Schere: Biologie vs. Status
Ein Blick auf die innergeschlechtliche Statistik entlarvt die Biologie-These endgültig: Laut Daten des Robert Koch-Instituts (Journal of Health Monitoring 2019 4(1) DOI 10.25646/5868 ) unterscheidet sich die Lebenserwartung zwischen Männern der niedrigsten und der höchsten Einkommensgruppe in Deutschland um massive 8,6 Jahre. Bei Frauen beträgt diese Differenz lediglich etwa 4,4 Jahre. Dass die soziale Lage bei Männern doppelt so stark ins Gewicht fällt wie bei Frauen, belegt zweifelsfrei: Die männliche Lebensspanne ist kein hormonelles Schicksal, sondern hochgradig fragil gegenüber sozioökonomischen Belastungen. Wer hier von einer ‚biologischen Auslegung‘ spricht, ignoriert die Realität von Millionen Männern in prekären Lebensverhältnissen.

6. Die juristische Realität: Das EuGH-Urteil
Ihre Argumentation fällt hinter den Erkenntnisstand der europäischen Rechtsprechung zurück. Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat bereits im „Test-Achats“-Urteil von 2011 (Az. C-236/09) klargestellt, dass die unterschiedliche Lebenserwartung eben kein rein biologisch-genetisches Faktum ist. Auf dieser Basis wurde die geschlechtsspezifische Differenzierung bei Versicherungen als Diskriminierung untersagt. Dass eine Expertin diese wissenschaftlich widerlegte „Naturgegebenheit“ im öffentlich-rechtlichen Rundfunk wiederbelebt, ist enttäuschend.

7. Die Doppelmoral der Gendermedizin: Frauenförderung 2.0
Ihre Argumentation offenbart die systemische Einseitigkeit der aktuellen Gendermedizin-Debatte. Der Begriff „Gender“ wird hierbei ergebnisorientiert instrumentalisiert: Wo Frauen im Nachteil sind, wird mit Sozialisation, wie dem EuGH-Urteil C-236/09, argumentiert, um politische Reformen und Förderprogramme zu fordern. Wo Männer massiv im Nachteil sind (5 Jahre Lebenserwartung, 75 % Suizidrate), flüchtet man sich in den Biologismus der „Hormone“, um politisches Nichtstun zu rechtfertigen.
Damit wird die Gendermedizin, die eigentlich eine Win-Win-Situation für beide Geschlechter schaffen sollte, zur reinen Frauenförderung 2.0 degradiert. Sie erteilen der Politik die Absolution für das Ignorieren der RKI-Forderungen zur Männergesundheit und fallen ehrenamtlichen Organisationen, die mit eigenen Mitteln, da es nichts vom Staat gibt, um die Gesundheitssituation von Männern zu verbessern, mit einem fatalistischen „Tut mir leid“ in den Rücken.
Eine solche Gendermedizin ist ein gesundheitlicher Risikofaktor für Männer.

8. Die Suizidrate als ethischer Offenbarungseid
Besonders drastisch wird die Fehlleitung Ihrer Argumentation bei der Betrachtung der Suizidzahlen: Rund 75 % aller Suizidopfer in Deutschland sind männlich. Jährlich nehmen sich über 7.000 Männer das Leben. Diese Toten sind kein Resultat fehlenden Östrogens, sondern Folge mangelnder geschlechtsspezifischer Prävention und einer Forschungslücke bei männlichen Depressionsbildern, wie schon der Männergesundheitsbericht 2014 des RKI gezeigt hat, ohne dass die Gesundheitspolitik Interesse zeigt, daran etwas zu ändern. Diese Todesfälle würden durch Verweis auf die Biologie als „natürliche Verkürzung der Auslegung“ trivialisiert. Das wäre verantwortungslos und würde Betroffenen jede Hoffnung auf systemische Hilfe berauben.

9. Verkürztes Argument der besseren Datenlage zur Männergesundheit
Die Aussage, dass in der Literatur und Forschung es tendenziell mehr Veröffentlichungen zur Männergesundheit gibt und damit Männer privilegiert worden wären, wird von der Frauenförderpolitik häufig vorgebracht, ist aber objektiv gesehen extrem verkürzt. Bei diesen Daten handelt es sich nämlich um Daten aus der medizinischen Forschung, die primär an Männern durchgeführt wurde.
Als Medizinerin wissen Sie, dass bei Medikamentenerprobungen oft Männer in Phase I eingesetzt werden, weil sie keinen Monatszyklus haben und Hormonschwankungen die Analyse erschweren könnten. Zudem vermeidet man es oft, Frauen im gebärfähigen Alter potenziell erbgutschädigenden Stoffen auszusetzen, um ungeborenes Leben nicht zu gefährden. Dies führt jedoch dazu, dass Männer das volle Risiko der ersten Erprobung tragen. Dies als „Privileg“ zu bezeichnen wäre äußerst zynisch, denn dieses Risiko ist oft sehr hoch. Beispiele:

TGN1412  2006 – ein Immuntest führte bei Männern zu multiplem Organversagen und Amputationen
BIA 10-2474 2016 – ein Schmerzmitteltest endete für einen Mann mit dem Hirntod, andere erlitten bleibende Hirnschäden
Fialuridin 1993 – Ein Hepatitis-Mittel verursachte tödliches Leberversagen; fünf Männer starben

Hinzu kommt, dass geschädigte Männer oft jahrelang mit Konzernen um Entschädigungen kämpfen, die ihre lebenslangen Schäden kaum decken. Der Mann wurde hier nicht privilegiert, sondern als kostengünstiges Versuchsobjekt behandelt. Während die Unversehrtheit der Frau als schützenswert galt, wurde die Gesundheit des Mannes für den Fortschritt geopfert.
Wenn man dies also objektiv und ergebnisoffen betrachtet, liegt hier keine Privilegierung des Mannes vor. Männer wurden durch direkte körperliche Gefährdung und Existenzverlust als weniger wichtiges Leben benachteiligt (Gender Empathy Gap), Frauen durch eine mangelnde Datenlage (Gender Data Gap).

Sehr geehrte Frau Prof. Eifert, wer wissenschaftliche Gerechtigkeit fordert, darf keine Doppelstandards praktizieren. Sie sollten Ihre Position überdenken und die Männergesundheit als gleichwertigen, dringenden Handlungsauftrag anerkennen, anstatt sie durch biologische Ausreden zu relativieren und zu konterkarieren.

Mit freundlichen Grüßen

 

Quelle Beitragsbild: AdobeStock_1079478951

 

 

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