Kinderarmut – und schuld daran sind die Väter

Aktualisiert am 2. August 2017 von MANNdat
Kinderarmut - Väter zahlen nicht!

Die ZEIT Nr. 29/2016 vom 07.07.2016

Am 6. Juli gab die gemeinnützige Bertelsmann Stiftung folgende Pressemitteilung heraus: „Wachsende Armut Alleinerziehender geht zu Lasten der Kinder“. Grundlage war die von der Stiftung veröffentlichte Studie „Alleinerziehende unter Druck“. Viele wichtige deutsche Zeitungen und Nachrichtenportale nahmen die Meldung auf. Tagesschau.de titelte sachlich „Viele Alleinerziehende bekommen keinen Unterhalt“, während die ZEIT in der Printausgabe etwas kreativer formulierte: „Kinderarmut – weil Väter keinen Unterhalt zahlen“. FAZ und Süddeutsche lagen irgendwo in der Mitte.

Wie groß das Armutsrisiko Getrennterziehender 1 wirklich ist, wurde von MANNdat in diesem Artikel gründlich analysiert. Wie wahrscheinlich ist es, dass sich, je nach Rechnung, bis zu 1.000.000 Väter in Deutschland offenbar ohne Probleme vor dem Unterhalt für ihre Kinder drücken können?

Können sich 500.000 – 1.000.000 Väter vor dem Unterhalt drücken?

Bei oberflächlicher Lektüre des ZEIT-Artikels könnten wir auf die Idee kommen, dass in Deutschland 500.000 – 1.000.000 Väter den Unterhalt prellen. Das ist für niemanden plausibel, der die Sachlage kennt. Unterhalt kann nämlich direkt vom Gehalt gepfändet werden, so dass dem unterhaltspflichtigen Vater dieses Geld gar nicht erst auf das Bankkonto überwiesen würde. Bekommt die Mutter Unterhaltsvorschuss, übernimmt sogar das Jugendamt das Inkasso für sie.

Die Flucht ins europäische Ausland dürfte ebenfalls selten eine Lösung sein, weil durch ein Amtshilfegesuch sehr einfach z. B. die spanischen oder österreichischen Behörden involviert werden könnten. Sobald der Vater irgendwo in Europa legal Geld verdient, wird er sich nicht lange um den Unterhalt drücken können. Unterhaltsschulden sind übrigens nur gestundet. Bei einem Sechser im Lotto könnte der Unterhaltstitel sofort für die Vergangenheit vollstreckt werden.

Die Formulierung der ZEIT „für jedes zweite Kind“ lässt außerdem offen, ob 25 – 50 % der Väter nach der Trennung ihren Pflichten nicht nachkommen, oder ob sie es z. B. für das zweite Kind finanziell gar nicht mehr können, weil sie unter das Existenzminimum rutschen würden.

Es ist etwa denkbar, dass ein Vater mit kleinem Einkommen für das erste Kind Unterhalt zahlt, für das zweite Kind die Einkünfte aber nicht mehr reichen. Weiterhin wäre interessant zu erfahren, wie viele der säumigen Väter überhaupt ein ausreichendes Einkommen haben, um vollumfänglich Unterhalt leisten zu können. Leider sagt die Studie auch nichts darüber, wie es den rund 400.000 getrennterziehenden Vätern (Stand 2014) in dieser Hinsicht ergeht.

Die Daten der Studie sind nicht repräsentativ!

Wie sieht es mit der Datenlage aus? Jeder Abiturient, der einen Blick in die Studie „Alleinerziehende unter Druck“ der Bertelsmann Stiftung wirft, sollte sofort erkennen: Hier stimmt etwas ganz und gar nicht! Zitiert werden zwei Arbeiten, die es durch keine anständige Begutachtung geschafft hätten. Die Autorinnen verwenden die Online Befragung „Beistandschaft und Unterhalt“ des Verbandes alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV), die als Datensatz nicht taugt, weil sie nicht repräsentativ ist, was die Autorinnen selbst einräumen (S. 21). Aber warum verwenden sie diese Daten?

Die in der Bertelsmann-Studie zitierte Arbeit „Unterhaltsansprüche und deren Wirklichkeit“ des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) formuliert sich einfallsreich um eine Begründung für den ausbleibenden Unterhalt herum. Dort heißt es: „Die durchaus relevante Frage nach eventuellen Strategien zur Unterhaltsvermeidung ist somit auch mit den Daten des FiD [„Familien in Deutschland“] nicht zu beantworten. Die folgenden Ausführungen konzentrieren sich daher auf die Seite der Unterhaltsberechtigten.“ (S. 6)

Wir wissen nicht genau, was der Autor sagen will. Der erste Satz scheint mit dem zweiten logisch keine zwingende Verbindung zu haben. Mit der Formulierung „Strategien zur Unterhaltsvermeidung“ impliziert der Autor eine Absicht, die er nicht belegen kann. Die durchaus relevante Frage nach den Gründen für den ausbleibenden Unterhalt stellt er nicht.

Der Anteil der Frauen in der vom DIW untersuchten Stichprobe beträgt 92,51 %. Legt man die Zahlen des Statischen Bundesamtes für 2014 zugrunde, lag der Anteil getrennterziehender Mütter allerdings nur bei rund 87 %. Diese Abweichung ist dem Autor keine Erwähnung wert. Wie seriös ist eine Studie, die bereits bei der Auswahl der Stichprobe Fehler macht?

Warum wurde eine Studie des Familienministeriums ignoriert?

Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) hatte bereits 2008 beim Institut für Demoskopie Allensbach eine repräsentative Studie in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse dieser Umfrage wurden im Herbst 2008 veröffentlicht: „Alleinerziehende: Lebens- und Arbeitssituation sowie Lebenspläne“. Nach diesen Zahlen bekommen 23 % der Mütter und 31 % der Väter keinen Unterhalt (S. 31).

Von den Eltern, die keinen Unterhalt erhielten, sagten 43 %, dass der oder die Unterhaltspflichtige finanziell zur Zahlung nicht in der Lage sei. 48 % der Mütter sagten, dass der Vater die Zahlung verweigere. Das meinten nur 11 % der Väter über die unterhaltspflichtigen Mütter. 29 % der Väter gaben an, keinen Unterhalt haben zu wollen, während nur 7 % der Frauen darauf verzichten wollten. 14 % der Väter wurden durch den Tod der Partnerin getrennterziehend. Das galt nur für 1 % der Mütter (S. 84).

Hieraus ergibt sich, dass 13 % aller unterhaltspflichtigen Väter ihren Pflichten nicht nachkommen, obwohl sie dazu nach Aussagen der Mütter finanziell in der Lage wären. Da fast ein Drittel der Väter freiwillig auf Unterhaltszahlungen der Mutter verzichtet, können wir über die Zahlungsmoral der ehemaligen Partnerinnen keine Aussagen machen. Die Studie des DIW errechnet aus der sehr kleinen Stichprobe, dass 85 % der getrennterziehenden Väter keinen Unterhalt von den Müttern bekommen (S. 9):

Die Anteile unterscheiden sich deutlich zwischen den Geschlechtern. Von 96 Männern geben nur 14 Unterhaltseingänge an. Dies entspricht lediglich knapp 15 %. Bei Frauen, die den Großteil der Stichprobe ausmachen, liegt der Anteil bei etwa 51 % (608 von 1186).

Aus der Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (2014)

Warum haben Journalisten die Pressemitteilung nicht auf Plausibilität geprüft?

Wir wissen nicht, ob die Zahlen der Bertelsmann Stiftung falsch sind. Wir können aber sagen, dass die Studie Daten verwendet, die mehr Fragen aufwerfen als beantworten. Im Gegensatz zu den Medien formulierte die Stiftung in ihrer Pressemitteilung eher vorsichtig: „Die Hälfte der Alleinerziehenden erhält überhaupt keinen Unterhalt für ihre Kinder. Weitere 25 Prozent bekommen nur unregelmäßig Unterhalt oder weniger als den Mindestanspruch. Die Gründe dafür wurden bislang nicht untersucht.“

Zitat aus dem Überschuldungsreport 2011

Aus dem Überschuldungsreport 2011 des Instituts für Finanzdienstleistungen (iff)

Warum wurden die Ursachen eigentlich nicht erforscht? Die Datenlage sollte leicht zu evaluieren sein. Gehen Männer zu Hunderttausenden in den Untergrund, sobald sie Väter werden? Der Überschuldungsreport 2011 des Instituts für Finanzdienstleistungen e. V. (iff) merkt dazu an, dass vor allem getrennt lebende Männer von Überschuldung betroffen sind: „Ihr Anteil bei den Überschuldeten liegt inzwischen bei 37 Prozent. Sie haben mit dem Zweieinhalbfachen eines Jahresnettoeinkommens relativ die höchsten Schulden zu bewältigen. Ursache dürften vor allem Unterhaltsleistungen sein.“

Väter, die keinen Unterhalt zahlen, haben oft kein ausreichendes Einkommen!

Das BMFSFJ hatte bereits 2002 in der Studie „Unterhaltszahlungen für minderjährige Kinder in Deutschland“ die Gesellschaft für Sozialforschung und statistische Analysen nach möglichen Ursachen für ausbleibenden Unterhalt forschen lassen. Die Autoren schreiben wenig überraschend (S. 107):

Zu vermuten ist, dass bei den Nichterwerbstätigen mangelnde wirtschaftliche Leistungsfähigkeit ein häufiger Grund für die Nichtzahlung des Unterhalts ist. Dies wird auch deutlich, wenn man das persönliche Erwerbseinkommen des Unterhaltspflichtigen betrachtet. Die Hälfte der Pflichtigen, die kein persönliches Erwerbseinkommen haben, konnten bereits mindestens einmal den Unterhalt nicht zahlen.

Aus der Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2002)

Die Erklärung für die vermeintlich schlechte Zahlungsmoral der Väter könnte also einfach Geldmangel sein. Warum wird die Arbeit des BMFSFJ weder in der Studie der Bertelsmann Stiftung noch in der des DIW erwähnt? Kannten die Autoren diese Zahlen nicht? Oder wurden die Daten ignoriert, weil sie nicht in das Bild vom verantwortungslosen Vater passten?

Aktualisierung vom 11.08.2016: Das Öffentlich-Rechtliche kann auch mal positiv überraschen. Der wackere Frank Wahlig, Korrespondent des SWR im ARD-Hauptstadtstudio, liest Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel überraschend schroff die Leviten. Der Minister hatte sich mit der abwegigen Forderung positioniert, unterhaltssäumigen Vätern den Führerschein zu entziehen.

Aktualisierung vom 31.08.2016: Eines kann man Manuela Schwesig nicht vorwerfen: Die Familienministerin fackelt nicht lange, wenn es um neue Gesetzesentwürfe geht. Der Unterhaltsvorschuss soll laut dpa in Zukunft bis zum 18. Lebensjahr gezahlt werden.

Quellen:
Alleinerziehende unter Druck (Bertelsmann Stiftung, 2016)
Beistandschaft und Unterhalt (VAMV, 2015)
Unterhaltsansprüche und deren Wirklichkeit (DIW, 2014)
Der Überschuldungsreport 2011 (iff, 2011)
Alleinerziehende: Lebens- und Arbeitssituation sowie Lebenspläne (BMFSFJ, 2008)
Unterhaltszahlungen für minderjährige Kinder in Deutschland (BMFSFJ, 2002)


  1. Wir schließen uns dem Vorschlag von Klaus Ketterer vom Verein Eltern für Kinder im Revier e. V. und der Initiative von Gleichmass e. V. an und verwenden lieber den Begriff “Getrennterziehende“ und nicht “Alleinerziehende“.

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Lesermeinungen

  1. Von Dr. Bruno Köhler

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