SOS Kinderdörfer marginalisieren Gewalt und Missbrauch gegen Jungen

von MANNdat

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Sehr geehrte Damen und Herren,

im Rahmen unserer Initiative „Unsichtbarmachen männlicher Gewaltopfer sichtbar machen“ kritisieren wir Ihr Unsichtbarmachen von Jungen und männlichen Jugendlichen, die Opfer von Gewalt und Missbrauch geworden sind. Sie schreiben auf einigen Ihrer Seiten/Webseiten (z. B. https://www.sos-kinderdoerfer.de/informieren/wie-wir-helfen/kinderrechte/maedchen-foerderung) „In Südasien, Afrika oder Lateinamerika müssen Millionen Mädchen arbeiten, während ihre Brüder zur Schule gehen dürfen. Mädchen werden als Kind verheiratet, wie Ware verkauft oder erleiden die grausame Tradition der Beschneidung.“

Wir finden es richtig und gut, dass Sie sich für Mädchen einsetzen. Es mag sein, dass es Beispiele gibt, in denen Mädchen arbeiten müssen, während ihre Brüder zur Schule gehen dürfen. Das ist nicht gerecht. Indem Sie aber diesen Stereotyp ohne eine Einschränkung einfach pauschal als Tatsache behaupten, verstecken Sie damit Gewalt und Missbrauch an Jungen. Denn die Situation von vielen Jungen auf der Welt sieht anders aus:

  • In vielen Entwicklungs- und Schwellenländern ist die Kindersterblichkeitsrate für Jungen höher als die von Mädchen.
  • In fast allen Ländern sind Jungen häufiger als Mädchen chronisch mangelernährt.
  • Jungen sind mindestens ebenso häufig von Kinderarbeit betroffen wie Mädchen; in Südamerika schuften sie mit 10, 12 Jahren in Dunkelheit, Schmutz und Enge in Untertagebergwerken: Jungen, die ohne Hoffnung geboren wurden und ohne Hoffnung sterben werden.
  • Jungen werden weitaus häufiger als Kindersoldaten missbraucht als Mädchen, wie die Vereinten Nationen ihrem jährlichen Bericht aufführen.
  • Körperliche Züchtigung betrifft Jungen weltweit stärker als Mädchen.
  • Laut UNICEF-Report kommen mehr Jungen als Mädchen gewaltsam zu Tode. 36 von 100.000 Jungen im Alter zwischen 10 und 19 Jahren sterben durch kollektive Gewalt im Mittleren Osten und Nordafrika (im Vergleich zu 24 Mädchen), in Lateinamerika werden durchschnittlich 38 von 100.000 Jungen getötet (im Vergleich zu 5 Mädchen).
  • Weltweit besuchen ebenso viele Jungen keine Grund- oder Sekundarschule wie Mädchen, nämlich über 60 Millionen.
  • 59 Prozent der Minderjährigen, die 2017 über die Mittelmeerroute nach Griechenland gekommen sind, waren männlich. 93 Prozent der Kinder und Jugendlichen, die in Italien ankamen, waren Jungen, ein Großteil von ihnen unbegleitet, also ohne ihre Eltern.
  • Laut WHO-Bericht „Gewalt und Gesundheit“ von 2002 „machen Jungen und Männer zwei Drittel aller Opfer von Tötungsdelikten aus (Weltbericht Gewalt und Gesundheit, WHO, „World report on violence and health: Summary 2002“, S. 9f.)
  • Eine Studie der Economist Intelligence Unit mit Unterstützung der World Childhood Foundation, der Oak Foundation und der Carlson Family Foundation hat wissenschaftlich belegt, dass sexueller Missbrauch von Jungen in vielen Ländern in den Gesetzen vernachlässigt wird und warnt vor diesem Mangel an Unterstützung für männliche Missbrauchsopfer. Knapp die Hälfte der untersuchten Länder hat überhaupt keinen gesetzlichen Schutz für Jungen. In vielen Fällen sind die Gesetze spezifisch auf Mädchen ausgerichtet und erkennen Jungen nicht als Opfer an. Ebenso fanden die Forscher heraus, dass sich Hilfseinrichtungen zunehmend nur auf weibliche Opfer konzentrieren.
  • Weltweit begehen pro Stunde 60 Männer Suizid (das ist einer pro Minute!).
  • Während Körperverletzung an Mädchen durch Beschneidung insbesondere in Industrieländern geächtet ist, ist Körperverletzung an Jungen durch Beschneidung in Industrieländern sogar ausdrücklich legalisiert.

Gewalt kennt kein Geschlecht. Das gilt auch für Gewaltopfer. Wir leben offenbar in einer jungenfeindlichen Gesellschaft, in der die Menschen lieber spenden, wenn sie wissen, dass Jungen von der Spende nicht profitieren. Trotzdem verurteilen wir, dass Sie Mädchen und Jungen mit Gewalt- und Missbrauchserfahrungen gegeneinander ausspielen und Gewalt und Missbrauch gegen Jungen marginalisieren.

Sie halten sich damit nicht an ihre Leitbildgrundsätze wie „Wir gehen aus vom Recht aller Menschen auf ein Leben in Frieden, Freiheit und sozialer Gerechtigkeit. Wir achten die Würde und Einzigartigkeit eines jeden Menschen.“

Wer vorgibt, sich für Menschenrechte einsetzen zu wollen, sollte diese bei der Hälfte der Menschen nicht verstecken. Und wer sich „SOS-Kinderdörfer“ nennt, sollte Jungen nicht ausschließen.

Mit freundlichen Grüßen

 

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Lesermeinungen

  1. Von Mario

    Antworten

  2. Von Gunther Herzlich

    Antworten

  3. Von Norbert W.

    Antworten

    • Von Dr. Bruno Köhler

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