Anhörung von MANNdat im Landtagsausschuss NRW zur Geschlechterpolitik

von MANNdat

MANNdat-Mitglieder wurden geladen als Experten zur Anhörung im Nordrhein-Westfälischen Landtag: Dr. Andreas Kraußer (1. Vorsitzender), Susanne Schneider (FDP-Abgeordnete und Initiatorin des Antrags), Arne Hoffmann (Publizist und MANNdat-Mitglied) (v.l.n.r.)

Die FDP-Fraktion im Landtag von NRW hat den Antrag gestellt, endlich auch die Belange von Jungen und Männer in der Geschlechterpolitik regelhaft zu berücksichtigen. Zur Expertenanhörung im Rahmen der Beratung dieses Antrags im Ausschuss für Frauen, Gleichstellung und Emanzipation trug MANNdat e. V., vertreten durch Andreas Kraußer und Arne Hoffmann, vor und empfahl Zustimmung. Worum ging es im Einzelnen?

Der Antrag der FDP

Die FDP kritisiert in ihrem Antrag zunächst die etablierte Gleichstellungspolitik, da sich diese als Frauenpolitik verstehe und dementsprechend die Belange von Jungen und Männern nicht in den Blick nehme. Ignoriert werden u. a. die kürzere Lebenserwartung der Männer, die hohe Prävalenz der Männer in gefahrgeneigten Berufen, die Bildungsmisere der Jungen, die Feminisierung der Schulbetriebs in Folge dessen das Fehlen männlicher Bezugspersonen, erhöhte Arbeitslosigkeit, höhere Kriminalitätsraten, höhere Gewaltneigung, höhere Suizidrate, höhere Prävalenz psychischer Erkrankungen. Generell mangelt es an Unterstützungsangeboten sowie an einer Jungen und Männer wertschätzenden Begleitung im Prozess der Neudefinition der Geschlechterrollen.

Es bedarf deshalb einer grundlegenden Verbesserung in der Geschlechterpolitik. Diese darf nicht mehr länger als Verteilungskampf verstanden werden. Vielmehr müssen die Lebenslagen der Geschlechter eigenständig und gleichberechtigt analysiert werden, um schließlich zu Handlungsansätzen zu kommen, die den Interessen beider gerecht werden.

Konkret wird gefordert,

  1. den notwendigen Perspektivwechsel in der Gleichstellungspolitik auf Bundesebene aktiv mitzugestalten,
  2. auf Landesebene die Jungen- und Männerpolitik in der Gleichstellungspolitik bereits durchgängig zu verankern,
  3. die Umgestaltung der Karrieremuster von Jungen und Mädchen, Frauen und Männern ebenso wie die Männerforschung und Männerarbeit zu unterstützen und zu fördern,
  4. zu prüfen, in wie weit Präventionsangebote für gewaltbetroffene Männer in den Landesaktionsplan zur Bekämpfung der Gewalt gegen Frauen und Mädchen einbezogen werden können,
  5. sich für ein möglichst ausgewogenes Geschlechterverhältnis bei Lehrern einzusetzen und
  6. eine Landesinitiative zur Förderung der Gesundheit von Männern zu ergreifen.

Stellungnahme von MANNdat

Notwendigkeit einer eigenständigen Jungen- und Männerpolitik

Der Geschlechterpolitik fehlt es in der Tat an Ausgewogenheit. Obwohl man sich allenthalben zum Grundsatz des auf EU-Ebene 1999 und Bundesebene 2000 etablierten Grundsatzes des Gender Mainstreaming bekennt, wonach die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Männern und Frauen bei allen gesellschaftlichen und politischen Vorhaben gleichberechtigt zu berücksichtigen sind, wird nach wie vor nahezu ausschließlich Frauenpolitik konzipiert und umgesetzt. Wesentliche Lebensbereiche, in denen Jungen und Männer benachteiligt sind, werden im FDP-Antrag bereits aufgeführt. Ergänzend seien Wohnungs- bzw. Obdachlosigkeit und die Rechtspraxis im Familien- und Scheidungsrecht genannt. Die Verbesserung der Rechtsposition unverheirateter Väter beim Sorgerecht musste vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte mehrmals eingefordert werden, ehe der deutsche Gesetzgeber tätig wurde. Aber auch nach der entsprechenden Novelle sind Väter immer noch gegenüber Müttern benachteiligt.

Bezeichnenderweise sind selbst die Gleichstellungsgesetze der meisten Gebietskörperschaften frauenzentriert ausgelegt. So ermöglichen sie i. d. R. Frauenpläne, solange Frauen in einem Bereich unterrepräsentiert sind. Nur Frauen haben meist das aktive und passive Wahlrecht im Zusammenhang mit der Funktion der Gleichstellungsbeauftragten. Die von der Bundesregierung an Stelle einer Frauenquote intendierte Geschlechterquote von jeweils 40 bis 60 % kam im Gesetzgebungsverfahren nicht zuletzt durch den vehementen Einsatz der Gleichstellungsbeauftragten zu Fall, da diese auch Männern zu Gute hätte kommen können.

In Bezug auf das nunmehr seit Jahrzehnten etablierte Netzwerk der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten ist ausdrücklich zu kritisieren, dass mit diesem eine steuerfinanzierte, organisierte Verfasstheit entstanden ist, die weit über ihren ursprünglichen Auftrag der Verfolgung gleichstellungspolitischer Belange im Rahmen der Personalvertretung am Arbeitsplatz hinaus Geschlechterpolitik betreibt, ohne dafür demokratisch legitimiert zu sein und einer demokratischen Kontrolle zu unterliegen.

Nur vor dem Hintergrund der genannten Missstände ist beispielsweise erklärlich, dass sich im geschlechterpolitischen Diskurs die längst widerlegte Behauptung der Diskriminierung von Frauen beim Erwerbsentgelt hartnäckig hält und mit der Einführung von Frauenquoten eherne Rechts- und Verfassungsgrundsätze wie das Recht auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit, das Verbot der Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, die Freiheit der Berufswahl, die unternehmerische Freiheit und die Eigentumsfreiheit verletzt werden. Gleichzeitig aber die bereits genannten Lebenssituationen, in denen Männer benachteiligt sind, nur zögerlich diskutiert und kaum mit entsprechenden Politikansätzen adressiert werden.

  • Die in den Punkten 1 und 2 der Beschlussfassung geforderte Einführung einer ganzheitlichen und modernen Gleichstellungspolitik wird von MANNdat befürwortet.

Stellungnahme von MANNdat zur Unterstützung und Förderung der Umgestaltung von Karrieremustern sowie von Männerforschung und Männerarbeit

Die Unterstützung und Förderung von Männerforschung und Männerarbeit wird befürwortet, da sie zur Konzeption und Durchführung der noch immer defizitären, wenn überhaupt vorhandenen Männerpolitik unerlässlich ist. Bezüglich der Förderung der Umgestaltung von Karrieremustern sollten die unterschiedlichen Neigungen und Interessen der Geschlechter respektiert werden. Die Frage danach, was an der zu beobachtenden Unterschiedlichkeit der Geschlechter Konstruktion und was Substanz ist, kann nach heutigem Stand der Wissenschaft nicht verlässlich beantwortet werden. Deshalb ist Zurückhaltung geboten.

  • Die im Punkt 3 der Beschlussfassung geforderte Unterstützung und Förderung von Männerforschung sowie Männerarbeit wird von MANNdat befürwortet. Die im gleichen Punkt geforderte Unterstützung und Förderung der Umgestaltung von Karrieremustern wird nach Maßgabe der Beachtung der genannten Einschränkung ebenfalls befürwortet.

Stellungnahme von MANNdat zur Schaffung von Präventionsangeboten für gewaltbetroffene Männer

Eine Vielzahl von Forschungsergebnissen belegt seit Langem, dass Männer und Frauen zu in etwa gleichen Teilen Täter und Opfer häuslicher Gewalt sind. Es bedarf deshalb der Einführung einer adäquaten Hilfestruktur für von Gewalt betroffene Männer. Ob dies im Rahmen des Landesaktionsplanes zur Bekämpfung der Gewalt gegen Frauen und Mädchen am besten geschehen kann, sollte geprüft werden. Ein eigenständiger Landesaktionsplan zur Bekämpfung der Gewalt gegen Jungen und Männer sollte auch in Betracht gezogen werden.

  • Der in Punkt 4 der Beschlussfassung geforderte Prüfauftrag wird von MANNdat befürwortet.

Stellungnahme von MANNdat zum Einsatz für ein möglichst ausgewogenes Geschlechterverhältnis bei Lehrern

Das Fehlen männlicher Vorbilder im Schul- und Erziehungsbetrieb trägt sicherlich zur Bildungsmisere von Jungen und Männern bei. Jedoch können Lehrerinnen und Erzieherinnen empathisch und wertschätzend in Bezug auf ihre männlichen Schüler sein. Da die Interessen und Berufsneigungen der Geschlechter unterschiedlich sind, sollte auf der letztgenannte Aspekt im Vordergrund stehen.

  • Der in Punkt 5 der Beschlussfassung genannten Zielsetzung der Erreichung eines möglichst ausgewogenen Geschlechterverhältnisses bei Lehrern wird nach Maßgabe der Beachtung der genannten Einschränkung von MANNdat befürwortet.

Stellungnahme von MANNdat zur Ergreifung einer Landesinitiative zur Förderung der Gesundheit von Männern

Die Lebenserwartung von Männern ist fünf bis sechs Jahre kürzer als die von Frauen im Durchschnitt. Zahlreiche Krankheiten, vor allem psychischer Art, werden bei Männern nicht erkannt, oder falsch behandelt. Es fehlt an einer amtlichen Gesundheitsberichterstattung zu Männergesundheit, auf die sich eine Gesundheitspolitik für Männer stützen könnte. All dem muss dringend abgeholfen werden.

  • Der in Punkt 6 der Beschlussfassung genannten Forderung, eine Landesinitiative zur Förderung der Gesundheit von Männern zu ergreifen, wird von MANNdat befürwortet.

Beschlussempfehlung

MANNdat hat dem Ausschuss für Frauen, Gleichstellung und Emanzipation die Zustimmung zu dem Antrag der FDP-Fraktion empfohlen.

Dr. Andreas Kraußer, Arne Hoffmann

Expertise von MANNdat zum Antrag der Fraktion der FDP

Bildquelle: (c) MANNdat e.V.

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Lesermeinungen

  1. Von Dagegen

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