Die Tradition vom Feindbild Mann – Debattenbeitrag von MANNdat bei „Tagesspiegel Causa“

von Thomas Walter

Thomas-Walter-thumbDer Einfachheit halber haben sich Gesellschaft und Politik damit arrangiert, das bewährte Schubladen-Denken zu tradieren. Dabei wird verkannt, dass die Mehrzahl der weißen Männer niemals mächtig war.

So beginnt ein Beitrag des MANNdat-Vorsitzenden Thomas Walter auf der neuen Debattenplattform „Tagesspiegel Causa“. Wir wünschen viel Spaß beim Lesen und Debattieren!

„Als Großvater von der Gefangenschaft nach Hause kam“, so wurde mir erzählt, „war er so abgemagert, ausgemergelt, verroht, entfremdet, dass meine Tante, seine Tochter, ihn nicht erkannte. Da gab er ihr eine Ohrfeige“. Eines von vielen Wiedersehen nach dem Krieg. Anderen wurde das Wiedersehen verwehrt. Oder erspart. Der Verlust der Väter durch Tod oder Entfremdung hat die Generation meiner Eltern geprägt. Doch die Geschichte der Vaterferne beginnt schon früher. Die Industrialisierung zerrte die Väter aus den Dörfern ihrer Familien weg in die Manufakturen, Fabriken, Bergwerke. Über ein Jahrhundert lang, von ca. 1800 bis nach dem 2. Weltkrieg, waren die weißen Männer vor allem eins: nicht da. Eine lange Zeit, um Fantasien zu bilden. Vom distanzierten Familienoberhaupt, vom lieblosen Geldbeschaffer, vom desinteressierten Abwesenden, vom untreuen Macho. Vom unmoralischen Geschlecht.

Das Feindbild Mann wird von der Politik künstlich am Leben gehalten.

Der schlechte Leumund des Mannes hat eine Tradition, die bis in unsere Zeit hineinwirkt, und die teilweise politisch gewollt und gesteuert weiter gepflegt wird. Das von der amerikanischen Radikalfeministin Valerie Solanas verfasste und 1967 veröffentlichte „SCUM Manifest“ ist eine Schmähschrift, welche die Vernichtung aller Männer propagiert. Sie wurde 2011 als szenisches Stück herausgebracht und unter Empfehlung durch den Nationalen Kunstrat, die Stockholmer Kulturverwaltung und den Stockholmer Bezirksrat in mehreren Schulen aufgeführt. Nach den Überfällen von Köln in der Neujahrsnacht 2016 wollte man die Diskussion um die Rolle von Migranten bei diesem Ereignis ersticken – und stilisierte es um zur „Männergewalt“. Konsens garantiert, Diskussion Ende. Derzeit wird in Deutschland ernsthaft ein Gesetzentwurf diskutiert, dass Vätern, die den Unterhalt ihrer Kinder nicht bezahlen, der Führerschein entzogen werde. So, als gäbe es weder Mütter, die ihrer Unterhaltspflicht nicht nachkommen, noch Mütter, die den empfangenen Kindesunterhalt zweckentfremden.

Doch vielleicht, so hört man, müsse nach Jahrtausenden, in denen Männer die Frauen unterdrückten, das Pendel erst einmal zurückschwingen. Also der Mann müsse seine Privilegien erst einmal aufgeben, die „patriarchale Dividende“ zurückbezahlen. Verliere er erst seine Vormachtstellung, heißt es, so können die Karten endlich neu gemischt werden.

Nur wenige weiße Männer waren mächtig, die Mehrheit ist machtlos.

Hat der weiße Mann seine Vormachtstellung verloren? Von meiner Seite ein doppeltes Nein! Die kleine, mächtige Kaste der Magnaten, Generäle, Topmanager und Großinvestoren ist nach wie vor mehrheitlich weiß und männlich. Die erdrückende Mehrheit der weißen Männer war niemals mächtig. Sie verreckten auf den Feldern und Schlachtfeldern, in den Minen und Molochen ihrer Herrinnen und Herren, oft beim Versuch, ihre Frauen und Kinder zu schützen, zu nähren, irgendwie durchzubringen. Die allermeisten weißen Männer hatten und haben keine Vormachtstellung zu verlieren; sie hatten niemals eine.

Und heute? Heute werden die wenigen mächtigen weißen Männer als Vorwand hergenommen, um den Millionen Männern der Unter- und Mittelschicht Privilegien anzudichten. Ein genialer Trick, um sich vor sozialen Herausforderungen zu drücken. Über 60% der Schulabbrecher, über 70% der Obdachlosen, Analphabeten und Mordopfer, über 90% der am Arbeitsplatz tödlich Verunglückten in Deutschland sind männlich. Tun, so meint man, müsse man nichts; sollen wir den ohnehin Bevorzugten jetzt auch noch helfen? Nichts als eigenes Verschulden kann angeblich den weißen Mann ins Elend stürzen. Solange man Donald Trumps Prahlerei zitieren kann, er könne jeder Frau in den Schritt greifen (einer der größten Lügner dieses Jahrzehnts stolpert ausgerechnet darüber, dass er einmal die Wahrheit gesagt hat), schmachten Müllmänner, Prostatakrebskranke, Penner, entsorgte Väter, unschuldig Inhaftierte und Hingerichtete in der Sippenhaft des „Patriarchats“. Solange sie nur der „privilegierten Gruppe“ der weißen Männer angehören.

Emanzipation muss für alle Teile der Gesellschaft gelten, unabhängig von Hautfarbe und Geschlecht.

An dieser Stelle eine Anmerkung zur Hautfarbe. Faktisch hat es der schwarze Mann im Schnitt schwerer als der weiße. Ein Beispiel: Unter den 115 Menschen, die in den USA rechtskräftig zum Tode verurteilt waren, und die seit 1989 durch ein Neuaufrollen des Prozesses freikamen (also ein starker Hinweis darauf, wer die besten Chancen hat, unschuldig verurteilt zu werden), waren 113 Männer, davon 61 schwarzer Hautfarbe.

Das Denken in Gruppen ist nicht mehr zeitgemäß. Wir müssen den Blick hinwenden zu den Möglichkeiten und Bedürfnissen, den Rechten und Pflichten des Individuums. Wir von MANNdat e.V. haben die Vision einer gleichberechtigten, emanzipierten Gesellschaft. Diese Gesellschaft hinterfragt Strukturen der Macht, erfindet sie neu und schafft sie gegebenenfalls ab. Sie respektiert individuelle Lebensentwürfe, unterstützt sie und sichert sie rechtlich ab. Der „(alte) weiße Mann“ als Kategorie, die mal hofiert, mal „gebasht“ wird, hat zu Recht ausgedient. Jetzt geht es daran, den Einzelnen zu stärken, über die Grenzen des Geschlechts, des Alters und der Hautfarbe hinweg.

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Lesermeinungen

  1. Von Cato

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  2. Von Strube

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  3. Von Graph

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  4. Von Gunther Herzlich

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