EU-Männerbericht – Teil 4 Obdachlosigkeit – vorrangig ein Männerproblem – Update 15.11.2021

von MANNdat

Geschlechterpolitik muss, wenn sie ihrem Namen gerecht werden will, auch die Benachteiligungen von Jungen, Vätern und Männern beseitigen. Um die EU und deren Mitgliedsländer bei ihrer Geschlechterpolitik dabei zu unterstützen, werden wir die Frauenberichte der EU um einen Männerbericht ergänzen, der insbesondere die deutschsprachigen Länder Schweiz, Österreich und Deutschland beleuchtet. Der Bericht besteht aus mehreren Teilen. Im vierten Teil geht es um Obdachlosigkeit.

Zum Bericht Teil 1: Zwangsdienste

Zum Bericht Teil 2. Arbeitslosigkeit

Zum Bericht Teil 3: tödliche Arbeitsunfälle

„Obdachlosigkeit wird als eine der schwersten Formen von Armut und Entbehrung eingestuft, die durch gezielte und integrierte Maßnahmen beseitigt werden muss.“
Quelle: „Entschließung des Europäischen Parlaments zur Senkung der Obdachlosenquoten in der EU“, https://www.europarl.europa.eu/news/de/headlines/society/20201119STO92006/parlament-will-obdachlosigkeit-in-der-eu-beenden; Abruf 27.4.2021

Obdachlosigkeit ist vorrangig ein Männerproblem. Trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – gibt es dazu keine endgültig belastbaren Zahlen. Die Dunkelziffern sind sehr hoch.

Definitionen „obdachlos“ und „wohnungslos“

Da wir nachfolgend die Begriffe „obdachlos“ und „wohnungslos“ verwenden, führen wir hier die konkreten Definitionen auf.

Wohnungslos ist, wer nicht über einen mietvertraglich abgesicherten Wohnraum verfügt oder Eigentümer eines solchen ist und ihn selbst nutzt. 

Obdachlos sind Menschen, die keinen festen Wohnsitz und keine Unterkunft haben. Sie übernachten im öffentlichen Raum wie Parks, Gärten oder U-Bahnstationen.

Obdachlosigkeit ist damit ein Teilbereich der Wohnungslosigkeit.

„Ursachen für Obdachlosigkeit sind:

  • Arbeitslosigkeit und Armut

  • Migration

  • Alterung

  • Gesundheitsprobleme

  • Trennung oder Scheidung

  • Mangel an bezahlbarem Wohnraum zur Miete oder zum Kauf

  • mangelnde Betreuung von Menschen, die aus Pflegeeinrichtungen, Krankenhäusern, Gefängnissen oder anderen öffentlichen Einrichtungen entlassen werden

Obdachlose haben meist eine geringere Lebenserwartung, Gesundheitsprobleme, werden diskriminiert, leben isoliert und haben keinen Zugang zu grundlegenden öffentlichen Diensten und Leistungen.“ https://ec.europa.eu/social/main.jsp?catId=1061&langId=de; Abruf 29.9.2021

Zahlen:

Österreich:

In Österreich waren 2018 laut Statistik Austria 22.741 Menschen als obdach- oder wohnungslos registriert. Das waren über 1.000 Personen mehr als im Jahr 2017. Der Großteil von ihnen lebt in Wien, nämlich rund 13.000 Menschen, das entspricht einem Anteil von 57 Prozent. Auf den Plätzen zwei und drei folgen die Steiermark (9,8 Prozent) und Tirol (8,4 Prozent). Der Männeranteil beträgt dabei etwa 69 Prozent.

Deutschland Wohnungslose:

2018 waren in Deutschland laut Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) 678.000 Menschen ohne Wohnung.

Zu den in dieser Statistik abgebildeten rund 237.000 Wohnungslosen kommen noch rund 441.000 wohnungslose anerkannte Flüchtlinge hinzu. (https://de.statista.com/statistik/daten/studie/36350/umfrage/anzahl-der-wohnungslosen-in-deutschland-seit-1995/)

Deutschland Obdachlose:

In der Nacht vom 29. auf den 30. Januar 2020 fand in Berlin die bundesweit erste systematische Obdachlosenzählung statt. Es sind 1.976 obdachlose Menschen gezählt worden. Die Dunkelziffer dürfte allerdings sehr hoch sein, da

  • unauffällige obdachlose Menschen gar nicht erst erkannt werden,

  • sich jemand, der nicht gezählt werden will, sich der Zählung entziehen kann,

  • Menschen, die sich in Parks, Dachböden, Kellern, Kleingartenanlagen, im Wald usw. aufhielten, nicht erfasst wurden,

  • die Helfer aus Sicherheitsgründen angewiesen wurden, nicht in Bereichen zu zählen, die als gefährlich gelten.

Die Zählung gab aber interessante Aufschlüsse über Alter und Geschlecht der Obdachlosen. 84 Prozent der gezählten Obdachlosen sind Männer. 55 Prozent der gezählten Obdachlosen waren zwischen 30 und 49 Jahre alt.

In Deutschland gab es bisher aber noch keine bundeseinheitliche Wohnungsnotfallberichterstattung. Mit dem Wohnungslosenberichterstattungsgesetz vom 4.März 2020 sollen ab 2022 zum Stichtag des 31. Januar eines jeweiligen Jahres durch das Statistische Bundesamt die Daten über die untergebrachten wohnungslosen Personen erhoben werden (Wohnungslose, die Leistungen zur Unterbringung in Anspruch nehmen). Die Obdachlosen werden damit aber nicht erfasst.

Schweiz:

Die Schweiz führte bisher nur eine Armutsquote. Da soll sich jetzt ändern.

„Forscher der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) führen derzeit die erste schweizweite Studie durch. Sie wollen so die Obdachlosigkeit im Land schätzen. Das Team um Professor Jörg Dittmann hat das Projekt Anfang 2020 gestartet und rechnet damit, im kommenden Frühjahr erste Ergebnisse zusammenzutragen. Der Kern der Studie besteht aus Interviews, die in der ersten Dezemberwoche stattfanden.“

Zu den Forschungsergebnissen gibt es eine Homepage unter https://www.obdachlosigkeit.ch/ .

Zum Zeitpunkt der Datenrecherche für diese Publikation lagen noch keine konkreten Zahlen vor.

Dänemark, USA, Südkorea:

Laut Nachrichtenplattform Swissinfo meldeten im Jahr 2017

  • die USA 553.700 Obdachlose (0,17 % der Gesamtbevölkerung),

  • Dänemark 6.635 Obdachlose (0,11 % der Gesamtbevölkerung)

  • Südkorea 11.000 Obdachlose (0,02 % der Gesamtbevölkerung)

Teilung der Menschenrechte

Wie in anderen Bereich auch, beschränkt sich die geschlechterspezifische Sichtweise ausschließlich auf Frauen.

So legt z. B. der WDR in seinem Bericht „Weiblich, obdachlos, unsichtbar“ seinen Fokus auf weibliche Obdachlose.

2019 hat Berlin ein erstes Duschmobil für Obdachlose zur Verfügung gestellt, allerdings nur für weibliche Obdachlose. Von der Berliner Woche über den rbb bis zur taz bleibt diese Einseitigkeit des sozialen Engagements abhängig vom Geschlecht der Betroffenen durchgehend unreflektiert.

Auch für die deutsche Politikerin und Diplom-Sozialökonomin Cornelia Möhring (Die Linke), die seit 2009 im Deutschen Bundestag sitzt und zuständig für feministische Politik ist, betont, dass auch Wohnungslosigkeit ein Geschlecht habe und das sei ihrer Ansicht nach weiblich, obwohl sie auf die Schätzungen der BAG Wohnungslosenhilfe anhebt, nach denen 2016 etwa 27 Prozent aller Wohnungslosen Frauen waren (100.000 Frauen). (https://www.cornelia-moehring.de/auch-wohnungslosigkeit-hat-ein-geschlecht/, Abruf 29.09.2021)

„Housing First“

Finnland ist auf gutem Weg, das Problem der Obdachlosigkeit zu beseitigen. Bis 2027 will man dort das Problem der Obdachlosigkeit gelöst haben. Es gilt dabei auch als obdachlos, wer z. B. bei Verwandten oder Bekannten schläft, aber keine eigene registrierte Adresse hat.

Finnland setzt dabei auf das Konzept des „Housing First“. Danach ist eine stabile Wohnstätte die erste und wichtigste Voraussetzung für erfolgreiche gesellschaftliche Reintegration von wohnungslosen Menschen. Hinzu kommt eine individuell angepasste Begleitung der Mieter bei ihrer schrittweisen Rückkehr in ein bürgerliches Dasein.

Die Projektidee ist nicht neu. Zum ersten Mal wurde es in New York umgesetzt. Und auch in Berlin gibt es zwei „Housing First“-Projekte

Das Projekt „Housing First für Frauen Berlin“ steht nur Frauen offen. Laut 2. Zwischenbericht Evaluation des Modellprojekts „Housing First für Frauen Berlin“ mit Berichtszeitraum 01.09.2019 bis 31.08.2020 wurden insgesamt 65 Frauen bis zum 31.08.2020 in das Projekt aufgenommen.

„Housing First Berlin“ nimmt Männer und Frauen auf, wobei mindestens 1/4 der Plätze für Frauen vorgesehen sind. Zum Berichtszeitpunkt des 2. Zwischenberichts (Berichtszeitraum 01.09.2019 bis 31.08.2020) der Evaluation des Modellprojekts „Housing First Berlin“ wurden von „Housing First Berlin“ 8 Frauen und 26 Männer aufgenommen. Zum Zeitpunkt 31.8.2020 konnten also 73 Frauen und 26 Männer von den Projekten profitieren.

Die laut Schätzung 84 Prozent männlichen Obdachlosen in Berlin profitieren von 26 Prozent der „Housing First“-Plätze.

Update 15.11.2021

Diese Ungleichbehandlung hat offenbar System. Wie wir aus Genderama vom 14.11.2021 erfahren, teilt Elke Breitenbach (Die Linke) Menschen- und Grundrechte und baut die männerausgrenzende Obdachlosenhilfe jetzt aus, denn jetzt wurde eine weitere „Bedingungslose Unterkunft“ nur für obdachlose Frauen eröffnet . Der Begriff „Bedingungslose“ ist hierbei zweifellos zynisch zu verstehen, denn eine Bedingung, dafür, Schutz vor der Kälte zu bekommen, ist, dass man dem weiblichen Geschlecht angehört. Denn lediglich 50 Frauen können hier unterkommen. Männliche Obdachlose müssen draußen bleiben. Nach Artikel 3 GG darf niemand wegen seines Geschlechtes benachteiligt oder bevorzugt werden.

Aber damit nicht genug. Gleichzeitig wurde nämlich rechtzeitig zum Einsetzen der Kaltwetterperiode  die (gemischtgeschlechtliche) Obdachlosenunterkunft „Warmer Otto“ geschlossen. „

„Im Winter 2020/2021 sind laut der Bundesarbeitsgemeinschaft für Wohnungslosenhilfe (BAG W) 23 Obdachlose durch niedrige Temperaturen ums Leben gekommen (Stand: 07.04.2021). Die Anzahl der Kältetoten lag im Winter 2018/2019 bei 12.

Von Bund, Ländern und Kommunen existieren keine offiziellen Statistiken zu den Kältetoten. Die BAG W stützt sich bei ihrer Zählung auf Medienberichte. Der Verband geht sowohl bei der Anzahl der auf der Straße lebenden Menschen als auch der erfroren Obdachlosen von einer hohen Dunkelziffer aus, sodass die Zahlen lediglich geschätzt werden können.“ (https://de.statista.com/statistik/daten/studie/76072/umfrage/im-winter-erfrorene-obdachlose/; Abruf 15.11.2021)

Update Ende

Ob in Finnland ähnlich geschlechterselektiv unterstützt wird, ist nicht bekannt, aber unwahrscheinlich, denn seit den 1980er Jahren, als in Finnland rund 20.000 Obdachlose gezählt wurden, ist deren Zahl auf gut 4.000 zurückgegangen. 

Quellen

Def. Wohnungslos: https://www.armuts-und-reichtumsbericht.de/DE/Indikatoren/Armut/Wohnungslosigkeit/wohnungslosigkeit.html; 29.9.2021

Def. Obdachlos: https://www.fnp.de/politik/obdachlos-oder-wohnungslos-10436201.html; 29.9.2021

Ursachen für Obdachlosigkeit: https://ec.europa.eu/social/main.jsp?catId=1061&langId=de; 29.9.2021

Österreich Zahlen: https://www.neunerhaus.at/nc/neuner-blog/aktuelles/detail/oesterreich-fast-23000-menschen-sind-wohnungslos/; 29.9.2021

Deutschland Zahlen: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/36350/umfrage/anzahl-der-wohnungslosen-in-deutschland-seit-1995/; 29.9.2021

Zahlen Berlin: https://manndat.de/geschlechterpolitik/wieviel-maennliche-und-weibliche-obdachlose-gibt-es-in-deutschland.html; 29.9.2021

Zahlen Schweiz, Dänemark, USA, Südkorea: https://www.swissinfo.ch/ger/obdachlosigkeit-in-der-schweiz_schweizer-forscher-zaehlen-zum-ersten-mal-obdachlose/46239486; 24.12. 2020

WDR Bericht „Weiblich, obdachlos, unsichtbar“ seinen Fokus auf weibliche Obdachlose.: https://www.youtube.com/watch?v=2HBXNPJ4sMc; 29.9.2021

Berliner Duschmobil: Erstes Duschmobil für obdachlose Frauen: 90 Minuten für Körper- und Seelenpflege – Berlin – Tagesspiegel; 9.10.2021

Cornelia Möhring (Die Linke): https://www.cornelia-moehring.de/auch-wohnungslosigkeit-hat-ein-geschlecht/; 11.10.2021

Tagesschau: https://www.tagesschau.de/inland/wohnungslose-107.html; 11.09.2020

„Housing First”: https://www.nzz.ch/international/finnland-mit-housing-first-gegen-die-obdachlosigkeit-ld.1639943; 11.10.2021

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/76072/umfrage/im-winter-erfrorene-obdachlose/; Abruf 15.11.2021

https://www.nd-aktuell.de/artikel/1158386.obdachlosenhilfe-bedingungslose-unterkunft.html, Abruf 15.11.2021

https://www.nd-aktuell.de/artikel/1158528.obdachlosenhilfe-in-berlin-im-warmen-otto-gehen-die-lichter-aus.html, Abruf 15.11.2021

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Lesermeinungen

  1. Von Mathematiker

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