Offener Brief an die GEW wegen Verharmlosung der Bildungsnachteile von Jungen

von Dr. Bruno Köhler

Offener Brief an die GEW bezüglich ihre verharmlosenden Studie zur den Schulproblemen von Jungen

06.06.2011

GEW-Hauptvorstand

Reifenberger Straße 21
60489 Frankfurt

Offener Brief zu Ihrer Studie über die Bildungsmisserfolge von Jungen

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir kritisieren Ihre neueste Studie, mit der Sie die Bildungsbenachteiligungen von Jungen verharmlosen.

Jungen überwiegen bei den Schulabbrechern und sind in Gymnasien unterrepräsentiert. Jungen entwickeln sich im Bereich Sprachfähigkeit und Motorik tendenziell langsamer als Mädchen. Etwa 60% der Jungen haben zum Zeitpunkt des Schuleintritts erhebliche Probleme im Bereich Sprachfähigkeit und Motorik. Jungen haben also ganz konkrete Nachteile in der Schule.

Deutschlandweit erhalten Jungen bei gleichen schulischen Leistungen schlechtere Noten als Mädchen und werden bei gleichen Leistungen seltener an höhere Schulen empfohlen. Diese Ungleichbenotung geschieht durch die Lehrkräfte, also Ihren Mitgliedern. Hier die Schuld den Jungen selber in die Schuhe zu schieben, hieße Opfer zu Tätern zu machen. Die GEW kann nicht dauerhaft vor diesen Fakten davonlaufen, wenn sie sich je ernsthaft mit individueller Förderung beschäftigen will.

Die PISA-Studie 2009 hat gezeigt, dass die geschlechterspezifischen Lesekompetenzunterschiede seit neun Jahren gleich geblieben sind. Der Anteil von Jungen in der höchsten Kompetenzstufe hat sogar deutlich abgenommen. Das Bildungswesen hat somit neun Jahre lang nichts Effektives unternommen um die geschlechterspezifischen Lesekompetenzunterschiede abzubauen. Jungen werden also auch eindeutig benachteiligt.

In Baden-Württemberg wurden 2009 in den Pädagogischen Hochschulen insgesamt neun neue reine Mädchenförderprogramme implementiert, unterstützt durch Landesmittel in Höhe von 1,5 Millionen Euro. Für die Förderung von Jungen gab es dagegen kein einziges Programm. Jungen werden also sogar politisch bewusst benachteiligt.

Die männliche Jugendarbeitslosenquote liegt bundesweit um etwa 60% höher als die weibliche, in manchen Bundesländern, wie z. B. Bayern, sogar um 80% höher. Aber ausgerechnet Sie, also die GEW, waren eine der größten Befürworterinnen der 10 Jahre lang existierenden, gezielten und systematischen Ausgrenzung von Jungen aus dem Zukunftstag.

Diese Fakten sind Ihnen bekannt. Aber anstatt sich diesen zu stellen, erteilen Sie sich mit einer eigenen Studie die Absolution, erklären die Suche nach den Ursachen für die Bildungsnachteile von Jungen für beendet und schieben die Schuld den Jungen selbst in die Schuhe.

Es ist schon traurig, dass die Politik das Bildungs- und damit auch das Fachkräftepotential von Jungen bewusst brach liegen lässt. Aber die zynische Art und Weise, wie sich ausgerechnet die größte Lehrergewerkschaft ihrer Verantwortung gegenüber den Zukunftsperspektiven von Jungen entziehen will, ist skandalös.

Wir fordern Sie deshalb auf, sich Ihrer Verantwortung gegenüber den Bildungsproblemen aller Kinder zu stellen.

Mit freundlichen Grüßen

Bildquelle: (c) S. Hofschläger/www.pixelio.de

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