Offener Brief an die Kultusministerin des Landes Baden-Württemberg
21.08.2011
Jungenförderung im bildungspolitischen Dialog
Sehr geehrte Frau Ministerin Warminski-Leitheußer,
wir sind ein Verein, der die Belange von Jungen und Männern in die geschlechterpolitische Diskussion einbringt. Unser Verein ist u.a. im Bereich Jungenbildungsförderung, insbesondere im Bereich Jungenleseförderung, aktiv tätig. Unser Projekt „Jungenleseliste“ ist ein bekanntes, auch schon ausgezeichnetes Jungenleseprojekt. Viele unserer Mitglieder sind Eltern aus Baden-Württemberg, manche davon sind sogar Lehrkräfte oder engagieren sich als Elternvertreter in Schulen des Landes.
Wir freuen uns, dass Sie als neue Bildungsministerin offensiv auf die Menschen in Baden-Württemberg zugehen und in Ihrem Brief vom Juli 2011 zum Dialog, ja sogar zum Gespräch einladen. Dieses Dialog- und Gesprächsangebot nehmen wir gerne an. In beiliegender Aufstellung haben wir sieben Themenbereiche zur Jungenbildungsförderung aufgeführt, die bislang nicht oder nur sehr nachrangig bildungspolitisch aufgegriffen wurden.
Gerne würden wir Ihnen unsere Anregungen auch in einem persönlichen Gespräch vortragen und wäre für geeignete Terminvorschläge dankbar.
Wir danken Ihnen für Ihre Antwort im Voraus.
Mit freundlichen Grüßen
Anregungen für Ansatzpunkte für eine moderne Bildungspolitik in Baden-Württemberg
Anhang zum Brief an die Kultusministerin von Baden-Württemberg, Frau Warminski-Leitheußer
1. Jungenleseförderung
In der ersten PISA-Studie 2000 wurde Jungenleseförderung als eine der wichtigsten bildungspolitischen Herausforderungen genannt. Die letzte PISA-Studie aus dem Jahr 2009 zeigte, dass sich die geschlechterspezifischen Lesekompetenzunterschiede zuungunsten der Jungen von 35 auf 40 Punkte sogar noch verschlechtert haben. Der Anteil der Jungen, die auf höchstem Leistungsniveau lesen können, sank von 2000 zu 2009 um fast die Hälfte von 7% auf 4%. Der Anteil der Mädchen blieb auf 11%. Nur noch 13% der Mädchen, aber noch 24% der Jungen gehören zu den Risikoschülern. Das zeigt, dass bislang noch keine effektiven Maßnahmen durchgeführt wurden, um die enormen geschlechterspezifischen Lesekompetenzunterschiede zu verringern.
Effektive Maßnahmen zur Jungenleseförderung sind heute ausreichend bekannt. Um die Leseförderung von Jungen zu verbessern, ist es notwendig, deren Lesemotivation zu erhöhen. Dies erreicht man durch stärkere Berücksichtigung von jungentypischen Themen in Schule und Kindergarten. Dies ist schon lange bekannt. Es fehlt lediglich an deren Umsetzung in der Schule. Selbst moderne Lesefördertechniken, wie die Viellesetechnik oder die Lautlesetechnik, setzen die Berücksichtigung der individuellen Leseinteressen voraus.
Kritiker der Jungenleseförderung befürchten, durch Einführen auch jungentypischer Themen und Interessen würden geschlechtertypische Rollenbilder gefestigt. Diese Befürchtung ist vor dem Hintergrund des auch von Ihnen geäußerten Wunsches nach individueller Förderung nicht haltbar. Wer wirklich die Absicht hat, individuell zu fördern, kommt nicht daran vorbei, die Themenvielfalt und auch die Lernmethodenvielfalt deutlich zu erweitern, um möglichst viele Kinder und Jugendliche in ihren individuellen Interessen anzusprechen. Dadurch bleibt es nicht aus, dass das Angebot auch auf Bereiche vergrößert werden muss, die oft Jungen ansprechen, aber bislang wenig Berücksichtigung finden.
Frau Prof. Dr. Garbe von der Universität Köln legte in ihrem Vortrag „Echte Kerle lesen doch! – Wie kann die Schule Jungen im Erwerb von Lesemotivation und Lesekompetenz systematisch fördern?“ während der Tagung der DGLS am 8./9.4.2011 an der Humboldt-Universität Berlin dar:
„In dem hier angesprochenen Alter (8-14 Jahre) agieren Mädchen und Jungen besonders geschlechterstereotyp (i.S. des „doing Gender“). Dies sollte in der Entwicklungsperspektive (pragmatisch) akzeptiert werden!“
Und weiter
„In dieser Phase der Leseentwicklung geht Quantität vor Qualität und es gilt hinsichtlich der Auswahl der Lesestoffe der Satz: Erlaubt ist was (den Kindern, nicht den Lehrer) gefällt.“
Dies zeigt, dass Methoden zur Jungeleseförderung schon lange bekannt sind. Allein es fehlt am Willen der Umsetzung. So gibt es aus meiner eigenen Erfahrung als Elternvertreter immer noch Lehrkräfte, die bei Buchvorstellungen lediglich erzählende Literatur zulassen, aber Sachbuchvorstellungen kategorisch ablehnen, obwohl bekannt sein müsste, dass Jungen u.a. über Sachbuchliteratur zum Lesen motiviert werden könnten.
2. Pädagogische Hochschulen
Wenn man sich die Pädagogischen Hochschulen in Baden-Württemberg betrachtet, wird dort geschlechterspezifische Bildungsförderung oftmals immer noch ausschließlich als reine Mädchenförderung interpretiert. So wurden im Jahr 2009 in den Pädagogischen Hochschulen in BW neun neue reine Mädchenförderprogramme in den Bereichen Technik, Informatik, Mathematik und Naturwissenschaften implementiert, unterstützt vom Land Baden-Württemberg mit 1,5 Millionen Euro. Jungenbildungsförderprojekte, z.B. im Lesen, gab es dagegen bis heute nicht. Diese Einseitigkeit in der Bildungsförderung ist nicht gerechtfertigt und benachteiligt Jungen.
Außerdem werden nicht alle Jungen als Computerfachleute oder Mathematikgenies geboren. Die Anteile von Jungen in den Risikogruppen in Mathematik oder Naturwissenschaft sind ebenso hoch wie die der Mädchen. Dadurch, dass das Land aber seine Förderung in diesen Bereichen entgegen seiner Aussage nicht nach dem individuellen Förderbedarf ausrichtet, sondern am Geschlecht, werden Jungen, die ebenso Förderung in diesen Bereichen bräuchten, politisch bewusst zurückgelassen. Das bedeutet, dass hier derzeit eine neue Generation männlicher Bildungsverlierer geschaffen wird. Es gibt keinerlei Rechtfertigung, Jungen auf Grund ihres Geschlechtes aus Bildungsfördermaßnahmen auszugrenzen.
Zudem verlassen junge Lehrkräfte die Pädagogischen Hochschulen mit der fragwürdigen Erkenntnis, dass geschlechterspezifische Förderung sich wie eh und je in Mädchenförderung erschöpft. So ist die von mir schon festgestellte Tatsache nicht verwunderlich, dass manche jungen Lehrkräfte, die frisch von der Pädagogischen Hochschule kommen, kaum Kenntnis von geschlechterspezifischer Leseförderung besitzen.
3. Sprache und Motorik
Jungen leiden häufiger unter sprachlichen oder motorischen Störungen als Mädchen. Das weiß kein anderes Land besser als Baden-Württemberg, denn auf Antrag der Abgeordneten Andrea Klein zur geschlechterspezifischen Bildungssituation gab das Bildungsministerium des Landes Baden-Württemberg in einer Stellungnahme mit Aktenzeichen 22-6411.2/172/1 (Drucksache 14/1682) folgende Fakten bekannt:
Ärztlich erhobene Befunde bei Schulanfängern in Baden-Württemberg 2005
Scrollen Sie bitte, falls die Tabelle nicht vollständig angezeigt wird.
Diagnose | Prävalenz in % | |
Jungen | Mädchen | |
Sprachentwicklungsverzögerung | 10,0 | 6,7 |
Artikulationsstörung | 17,6 | 11,9 |
Grafomotorische Störung | 25,3 | 16,0 |
Visuomotorische Störung | 16,5 | 8,8 |
Grobmotorische Störung | 14,3 | 6,6 |
Kinder mit mind. 1 Befund | 58,4 | 48,7 |
Also fast 60% der Jungen und immerhin fast 50% der Mädchen haben beim Eintritt in die Schullaufbahn erhebliche Probleme in mindestens einer wichtigen schulischen Kompetenz. Gerade in den Bereichen Sprachfähigkeit und Motorik entwickeln sich Jungen tendenziell langsamer als Mädchen. Eine Erkenntnis, die Eltern schon lange empirisch wissen und durch o.g. Zahlen eindrucksvoll bestätigt wird.
Zudem haben Untersuchungen der AOK ergeben, dass unter den bei der AOK versicherten Sechsjährigen 2007 mehr als jeder fünfte Junge (21,2 Prozent) eine Sprachtherapie erhalten habe. Bei den Mädchen war es nur rund jede Siebte (14,7 Prozent). In Ergotherapie befanden sich in dem Jahr 13,2 Prozent der sechsjährigen Jungen, aber nur 5,4 Prozent der gleichaltrigen Mädchen. (http://www.focus.de/wissen/wissenschaft/gesundheit-motorische-oder-sprachstoerungen-haeufiger-bei-jungs_aid_369248.html; Abruf 07.07.2011)
Aber trotz dieser bekannten Fakten sind bislang keinerlei Maßnahmen erkennbar, speziell Jungen stärker in die frühkindliche Förderung in den Bereichen Sprachfähigkeit oder Motorik zu integrieren.
Musikalische Früherziehung wäre z.B. ein sehr gutes Mittel, phonologische Fähigkeiten, die für das Sprechen und das Lesen wichtig sind, zu fördern. Der Jungenanteil in den musikalischen Früherziehungsklassen ist jedoch fast durchweg deutlich unter 50%. Es gibt keine Zweifel, dass, wenn das geschlechterspezifische Verhältnis umgekehrt wäre, es längst mädchenspezifische Förderprogramme in diesen Bereichen oder zur stärkeren Integration in die musikalische Früherziehung geben würde. Aber dort, wo Jungen die schlechteren Quoten haben, endet die Politik der Chancengleichheit. Auch das ist nicht gerechtfertigt und lässt berechtigte Zweifel an der Glaubwürdigkeit von Geschlechterpolitik aufkommen.
4. Sonderschulen
Mit großer Besorgnis vernehmen wir Ihre Absicht, die Sonderschulen in ihrer derzeitigen Form zu beseitigen. Die Regelschulen können nicht annähernd eine gleichwertige Förderung von Kindern gewährleisten wie die Sonderschulen. Auch in Baden-Württemberg beträgt der Jungenanteil an Sonderschulen über 60%, d.h. auch hier werden wieder vorrangig Jungen die größten Verlierer dieser Maßnahme sein.
An den Grundschulen besteht die individuelle Förderung leider, wie selbst erlebt, oft in zwei Stunden pro Woche, eine für Mathematik und eine für Deutsch. In diesen sitzen dann z.B. 20 Kinder. Und es sind die ersten, die ausfallen, wenn Lehrkräfte abwesend sind. So sieht die Praxis der viel versprochenen „individuellen Förderung“ leider häufig aus. Und wir wagen zu bezweifeln, dass sich an diesem Zustand massiv etwas ändern wird. Aber dies wäre notwendig, wenn auch nur eine ähnliche Förderung, wie sie derzeit in den Sonderschulen stattfindet, bei den betroffenen Kindern an den Regelschulen eingeführt werden sollte.
Die genannten Förderstunden werden zudem häufig von der Lehrerbelegschaft selbst zusammengespart, z.B. durch Kürzung der regulären Schulstunden von 45 auf 40 Minuten. Diese Ersparnis von 5 Minuten wird dadurch ermöglicht, dass sogenannter „Blockunterricht“ eingeführt wird. Das heißt, dass man zwei 40 Minuten-Stunden unmittelbar ohne kurze Pause aneinanderreiht. Mit anderen Worten: Selbst in der Grundschule müssen Kinder ganze 80 Minuten am Stück still auf dem Hintern sitzen bleiben. Das halten wir vor dem Hintergrund des in diesem Alter ausgeprägten Bewegungsdranges, nicht nur, aber besonders auch bei Jungen, nicht für zeitgemäß und schon gar nicht förderlich.
5. ADHS
Laut Pilotbericht „Erster Männergesundheitsbericht“ 2010 sind etwa 8% der Jungen zwischen 3 und 17 Jahren von ADHS betroffen. Es besteht der Verdacht, dass sogar noch weitere 6,4% der Jungen betroffen sein könnten. Jungen sind etwa 4,4mal häufiger von ADHS betroffen als Mädchen.
Die vom Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung durchgeführte interdisziplinäre Konsensuskonferenz zur Verbesserung der Versorgung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) hat schon 2002 beklagt, dass auch in Schulen noch weitgehende Unkenntnis und Fehlinformation über das Krankheitsbild bestehen. Kinder, die unter ADHS leiden, werden schnell als dumm, faul oder sozial inkompetent abgestempelt. Unwissenheit ist hier meist das größte Problem, denn oft wird ADHS lediglich als „Ausrede“ gesehen. Tatsächlich verursacht die Krankheit schwerwiegende Symptome. Schulen, Tageseinrichtungen und andere Erziehungsinstitutionen sollten deshalb verstärkt über ADHS informiert werden.
Leider konnten einzelne Eltern unseres Vereins feststellen, dass in manchen Schulen immer noch wenig überzeugende Konzepte zum Umgang mit ADHS-Kindern existieren. Lehrkräfte stehen zudem vor dem Problem, dass sie die ganze Klasse unterrichten sollen und ihnen die Zeit für Einzelunterstützung fehlt, die aber gerade für ADHS-Kinder wichtig wäre, denn durch häufige Wiederholungen des Lernstoffs können ihre Leistungen verbessert werden.
Wenn man bedenkt, dass statistisch gesehen in jeder Klasse mindestens ein ADHS-Kind ist, existieren nach unserer Auffassung bislang zu wenig konkrete Vorgaben und Konzepte zum Umgang mit ADHS-Kindern in der Schule. Die Strategie zum Umgang mit ADHS-Kindern darf sich nicht in der Anwendung von Psychopharmaka erschöpfen.
6. Mangelnde Ansprache übergewichtiger und adipöser Jungen
Im Band 8 „Die Versorgung übergewichtiger und adipöser Kinder und Jugendlicher in Deutschland“ der Reihe „Gesundheitsförderung konkret“ der BzgA von 2007 wird auf S. 18 dargelegt:
„Die HBSC-Studie ermittelte in neueren Befragungen von 2002 hingegen in den 5., 7. und 9. Klassen…bundesweit einen deutlich höheren Anteil bei Jungen: 7-10% der Jungen, aber nur 5-6% der Mädchen sind nach dem HBSC-Datensatz übergewichtig oder adipös….Die stärkere Betroffenheit von Jungen im Grundschulalter bestätigen erste Ergebnisse des bundesweiten Kinder- und Jugendsurveys des Robert-Koch-Instituts (KiGGS). Demnach ist hier der starke Anstieg von Adipositas und Übergewicht mit 7,0% besonders ausgeprägt. Mädchen sind im gleichen Alter nur zu 5,7% betroffen.“
Und in S. 86 wird als Empfehlung dargelegt:
„Als neuer Handlungsbedarf zeichnen sich geschlechterspezifische Angebote ab. Mädchen profitieren von einigen Angeboten deutlich, die bei Jungen keinen Effekt haben.“
7. Anteil männlicher Lehrer
Der Anteil männlicher Lehrer ist in den letzten Jahren stetig gesunken. Im Schuljahr 2009/2010 betrug der Anteil männlicher Lehrer in allgemeinbildenden Schulen in Baden-Württemberg laut Angaben im Statistik-Portal nur noch 32,6%. In den Kindertagesstätten ist er noch deutlich geringer. Es steht außer Zweifel, dass es für die Entwicklung von Jungen wie Mädchen wichtig ist, konkret gelebte Männlichkeiten in der Realität anstatt nur aus Fernsehserien kennen zu lernen. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass die vielgerühmten Synergieeffekte durch Gender Diversity ausgerechnet dort, wo Kinder auch ihre Geschlechteridentität entwickeln, nicht gelten sollen. Wer Gender Mainstreaming und die Diskussion über Rollenbilderweiterungen ernst nehmen will, muss deshalb die Geschlechterquote auch dort beachten, wo Männer unterrepräsentiert sind. Das Kultusministerium hat diesen Aspekt bislang jedoch stark vernachlässigt. Es existieren zwar Frauenförderpläne im Kultusministerium in Baden-Württemberg, Bestrebungen oder gar konkrete Konzepte, den Männeranteil in pädagogischen Bereichen zu erhöhen, existieren von landespolitischer Seite jedoch bislang nicht.
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