Der Staufener Missbrauchsfall und die Schuld von Politik und Medien

von MANNdat

Bild: Fotolia, Urheber: Roman Bodnarchuk

„Der Missbrauchsfall in Staufen wirft Fragen nach der Rolle von Frauen bei sexuellem Missbrauch von Kindern auf. Die Schweizer Rechtspsychologin Monika Egli-Alge sagt: Frauen können genauso aktive Täter sein wie Männer.“

So heißt es in einem Beitrag der Tagesschau zum Urteil im Staufener Missbrauchsprozess.

Was war geschehen?

Jahrelang missbrauchte eine Mutter mit ihrem Lebensgefährten ihren eigenen Sohn und verkaufte ihn im Darknet an Pädophile. Die Mutter muss zwölf Jahre und sechs Monate, ihr Lebensgefährte zwölf Jahren in Haft.

Das Besondere an dem Fall ist aber, dass das Familiengericht zwar von der Gefahr, die vom Lebensgefährten der Mutter ausging, überzeugt war, aber eine Gefahr durch die Mutter gar nicht erst in Erwägung zog. Es scheint so, als hätte sich das Familiengericht zu sehr von den politisch und medial kolportierten Männertäter-Frauenopfer-Stereotypen beeinflussen lassen. Zitat aus dem „Spiegel“:

Das Familiengericht weiß laut der Justizsprecherin von Christian L.s Vorstrafen. Doch man geht davon aus, die Mutter werde zum Wohle des Jungen den Kontakt mit L. unterbinden. Sie sei zuvor nicht mit dem Gesetz in Konflikt gekommen. Das Gericht sieht die Mutter nicht als Gefahr für den Jungen. ‚Tragischerweise hat man ihr geglaubt‘, sagt die Sprecherin rückblickend.

Gleichzeitig kippt das OLG die Verpflichtung der Frau, sich psychiatrische und erzieherische Hilfe zu holen. ‚In Übereinstimmung mit dem Vertreter des Jugendamtes‘, so die Justizsprecherin, wird eine Betreuung zu dem Zeitpunkt als nicht erforderlich angesehen. Eine Sozialpädagogin in die Familie zu schicken, sei nur sinnvoll, wenn die Mutter das auch wolle – doch die Frau lehnt ab.

Frauen als Täterinnen sind nicht unbekannt. So hat z. B. schon Arne Hoffmann in seinem Klassiker „Sind Frauen besser Menschen?“ Missbrauch durch Frauen thematisiert und 2002 hat Alexander Markus Homes in seinem Buch „Von der Mutter missbraucht“ über eine Vielzahl von Missbrauchsfällen durch Frauen geschrieben. Wer das Thema aber öffentlich macht, wird gesellschaftlich geächtet.

Die Überraschung, die bei manchen Verantwortlichen jetzt zutage zu treten scheint, ist deshalb unglaubwürdig. Man scheint eher schockiert über die Offenheit zu sein, mit der manche Medien nun plötzlich bereit sind, das Thema anzusprechen. Sogar die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat es begriffen und meinte am 19. Januar 2018, Politik S. 16, in einem Beitrag von Helene Bubrowski und Rüdiger Soldt „Das Versagen des Systems“:

„Auch in dieser Frage [Interessengegensatz Mutter – Kind] ging das Gericht von der verhängnisvollen Hypothese aus, die sich in tragischer Weise als falsch erweisen sollte, nämlich der, dass die Mutter ausschließlich im Sinne des Wohles ihres Kindes handeln würde. Dass die Frau sich mit einem in der Region übel beleumundeten und einschlägig vorbestraften Mann einließ, zerstörte das unermessliche Vertrauen der Richter in die Mutter nicht. Andere Missbrauchsfälle zeigen aber, dass auch Mütter in sie verstrickt sein können, häufig handeln sie unter dem Zwang des pädophilen Mannes, manchmal aber auch freiwillig, wie in diesem Fall.“

Das Axiom der „Guten Mutter“

Franzjoerg Krieg vom VAfK Karlsruhe hat in seinem Beitrag vom 17. Januar 2018 „Das fatale Axiom der ´Guten Mutter`“ ausgeführt, dass das Problem kein Zufall ist, sondern es hat eine geschlechterpolitische Ursache. Sie ist die logische Konsequenz des geschlechterpolitisch ideologischen Dogmas, dass Täter nur Männer sein können:

Ein bestimmender ideologischer Systemfehler wird dabei umgangen wie vom Teufel das Weihwasser: Die Mutter ist als unangreifbare Gutmenschin die letzte Entscheidungsinstanz im deutschen Familienrecht. …

Aus allen Berichten wird deutlich, dass in diesem Fall der Glaube an ‚das Gute in jeder Mutter‘ den Grund für alles Versagen bildete – aber niemand aus der großen Reihe der überall in den Medien zitierten Fachleute und niemand aus den Reihen der von uns gewählten verantwortlichen PolitikerInnen wagt es, dies festzustellen. Eine solche Feststellung würde die ehernen Prämissen der gesamten deutschen Sozial- und Familienpolitik ins Wanken bringen.

Solange das Axiom der Guten Mutter unsere gesamte Familienrechtspraxis bestimmt, werden wir zunehmend mit solchen Fällen konfrontiert sein und Fachleute wie PolitikerInnen werden zielgerichtet an der Sache vorbei argumentieren.

Zwar wurde im Tagesschau-Beitrag auf die Tatsache hingewiesen, dass man bislang viel zu wenig beachtet hat, dass auch die Mutter Täterin sein kann, aber sowohl im Interview mit dem Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung Johannes-Wilhelm Rörig als auch im Kommentar von Kristina Böker wurde genau dieser zentrale Punkt, nämlich dass Missbrauch durch die eigene Mutter bislang von Politik und Medien tabuisiert und somit dieser Art von Missbrauch Tür und Tor geöffnet wurde, peinlichst vermieden. Stattdessen wurde auf Schulung und Thematisierung zu Missbrauch von Kindern allgemein abgehoben.

Wird die Politik Täterinnen weiterhin tabuisieren?

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung forderte eine politische Aufarbeitung. Die Versäumnisse und Entscheidungen, die dazu geführt hätten, dass dem Kindeswohl so schwer geschadet wurde, müssten jetzt „schonungslos ausgeleuchtet werden“, sagte Rörig dem SWR laut Tagesschau-Bericht.

Wir bezweifeln, dass sich etwas ändern wird, weil die eigentliche Ursache, nämlich die Selbstverständlichkeit, dass auch Frauen, ja sogar Mütter, ihre eignen Kinder missbrauchen können, nicht wahr sein kann, weil sie aus Gründen der politischen Doktrin nicht wahr sein darf. Der Abschied vom Axiom der gewaltfreien Frau würde die Geschlechterpolitik der letzten 50 Jahre in Zweifel stellen. Die frauenpolitischen Strukturen werden eine ernsthafte und nachhaltige Thematisierung von weiblicher Gewalt nicht zulassen. Es wird sich erst etwas ändern, wenn der Großteil der Bürger von den politisch Verantwortlichen nachdrücklich fordern wird, Gewalt durch Frauen ebenso zu thematisieren wie Gewalt durch Männer. Bis dahin ist es aber noch ein sehr weiter Weg.

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Lesermeinungen

  1. Von Dr. Karin Jäckel

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    • Von Dr. Bruno Köhler

  2. Von Gast

    Antworten

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