Der Spiegel und die Schweine

von Dr. Bruno Köhler

Es gibt Ereignisse, die können bei jemandem ein bleibendes Trauma hinterlassen, das sein Leben schlagartig und unwiederbringlich verändert. Das gibt es offenbar auch bei Medien. Seit der Trump-Wahl in den USA scheint der Spiegel hohlzudrehen. Man kann über Trump bei Gott sehr unterschiedlicher Ansicht sein. Er selber bietet dazu schon genug Anlass. Was beim Spiegel mit der Darstellung des US-Präsidenten als Unheil bringender Komet, der auf die Erde zurast, oder als köpfender IS-Terrorist begann, scheint sich jetzt auch auf andere Themen auszuweiten. Der Spiegel scheint seinen Kreuzzug gegen weiße Männer auch auf Jungen ausgedehnt zu haben. „Jungs haben es schwer? Mädchen erst recht!“ heißt der Artikel auf Spiegel Online (SPON), in dem Silke Fokken mit einer Aneinanderreihung von Klischees und Sophismen in bester Stammtischmanier über Jungs ablästert.

Ich bewundere Christian Schmidt auf „Alles Evolution“, wie nüchtern er diesen Beitrag betrachtet. Es ist faszinierend, wie sachlich Lucas Schoppe auf man tau diesen Artikel analysiert. Ich selbst habe mir überlegt, ob ich jetzt wieder die bekannten Daten zum wiederholten Male ausführlich darlegen soll, nach denen Jungen 50 % der Schulabbrecher, 20 % weniger Abiturienten, 50 % mehr Sonderschüler und 50 % mehr Kinder mit erheblichen Defizitbefunden bei den Schuleingangsuntersuchungen stellen. Aber dies würde dem Beitrag auf SPON nicht gerecht. Denn Frau Fokken interessiert sich gar nicht für die Situation von Jungen. Daran ändert auch der Nachtrag zum Artikel nichts, in dem Frau Fokken als Mensch mit viel Verständnis beschrieben wird.

Jungen werden von ihr nicht als Schüler mit ihren eigenen Anliegen und Belangen wahrgenommen, sondern nur als Hindernis für Mädchen. Entsprechend stellt sie Jungen als miese, faule Bande dar, die sich auf Kosten der Mädchen durch die Schulzeit schmarotzt, salopp gesagt, als miese Schweine. Im Grunde macht sie nichts Ungewöhnliches. Sie ist nur ein Kind ihrer Zeit. Jungen in den Dreck zu ziehen, ist heute politisch en vogue. Es ist schon so selbstverständlich, dass die Abwertung, die dahintersteckt, gar nicht mehr wahrgenommen wird. Wie hieß es früher? „Wer sagt denn, dass Mädchen dümmer sind?“ Heute ist das anders. Heute scheint es politischer Konsens zu sein, dass Jungen einfach als fauler diffamiert werden. Wieder einmal hat Gender Mainstreaming, jene geschlechterpolitische Strategie, mit der uns die Politik versprach, die alten Rollenbildvorurteile überwinden zu wollen, kläglich versagt.

Jungen können sich nicht wehren und haben keine effektive Lobby, die sich für sie einsetzt. Diejenigen, die sich Kraft ihres Amtes für sie einsetzen müssten, nämlich die Jugendpolitiker, sind genau die, die sie ausgrenzen. Sie sind es, die Geschlechterpolitik bis heute vornehmlich mit Ausgrenzung und Weglassen von Jungen definieren und immer neue „Jungen müssen draußen bleiben“-Aktionen erfinden.

Aber genau mit dieser Darstellung von Jungen als miese Schweine ist Frau Fokken quasi die personifizierte Erklärung für die Probleme von Jungs. Wie sie Jungs darstellt, erklärt, warum die politisch Verantwortlichen unzählige Mädchen-MINT-Förderprogramme unterstützen, aber Jungs, die ebenfalls MINT-Förderung bräuchten, rücksichtslos zurücklassen. Weil man eben nur Menschen, aber keine miesen Schweine fördert.

Es erklärt, warum Politik und Gesellschaft schweigen, wenn Boko Haram Schuljungen bei lebendigem Leib verbrennt, aber sich intensiv engagieren, wenn Boko Haram Gewalt gegen Mädchen anwendet. Weil man nur Menschen hilft, aber keinen miesen Schweinen.

Es erklärt, warum sich die Gesellschaft mit der Aufklärung, Verfolgung und Verurteilung von sexuellem Missbrauch an Jungen bis heute so sehr viel schwerer tut, als wenn Mädchen die Opfer sind. Weil man mit Menschen Mitleid hat, mit miesen Schweinen nicht.

Es erklärt, warum Menschenrechtsorganisationen sich so einseitig gegen Gewalt an Mädchen engagieren und nicht oder nur nachrangig gegen Gewalt an Jungen, obwohl Jungen häufiger unter Kinderarbeit und an Gewalt leiden. Weil Gewalt gegen Menschen etwas Schlimmes ist, Gewalt gegen miese Schweine nicht.

Frau Fokken hätte etwas schreiben können über Schulen, in denen Genderfußball gespielt wird. Gemischte Mannschaften, bei denen ein Tor eines Jungen erst zählt, wenn vorher ein Mädchen ein Tor geschossen hat. Das führt dazu, dass alle Jungen einer Mannschaft bemüht sind, einem Mädchen das Einschieben des Balles ins Tor so leicht wie möglich zu machen. Eine gute Vorbereitung für die nächste Frauenquotengeneration.

Sie hätte etwas davon schreiben können, dass viele Studien seit der Hamburger LAU-Studie von 1996 bis heute belegen, dass Jungen bei gleichen schulischen Leistungen schlechtere Noten bekommen als Mädchen und die politisch Verantwortlichen und die Bildungsverantwortlichen trotz Verpflichtung aus Art. 3 GG, etwas dagegen zu tun, seit Jahrzehnten so tun, als ginge sie das nichts an.

Sie hätte etwas davon erzählen können, dass sich 34 Bildungs- und Jugendministerien in Deutschland in 17 Jahren, nachdem die erste PISA-Studien Jungenleseförderung als wichtigste bildungspolitische Herausforderung konstatierte, bislang lediglich zu einem einzigen Jungenleseförderprogramm haben durchringen können: zwei Flyer zur Jungenleseförderung in Sachsen.

Sie hätte etwas von Schulen und einer Gesellschaft erzählen können, die entgegen ihren heuchlerischen Lippenbekenntnissen Jungen immer noch mehr Gewalt zumutet als Mädchen.

All dies und noch viel mehr hätte Frau Fokken erwähnen können. Aber all dies hat sie nicht erwähnt. Jeder Junge, der im Bildungssystem scheitert und arbeitslos auf der Straße landet, ist ein Gewinn für die Frauenquote. Und nur darauf kommt es an. Und so formuliert Frau Fokken am Ende süffisant:

Wir ärgern uns, bis einer Mutter noch ein Erlebnis mit ihrer Tochter, 8, einfällt: ´Neulich hat sie mich gefragt: ‚Mama, dürfen Männer eigentlich auch Bundeskanzler werden?’´

Mit unverblümter Häme gibt sie damit ihrer Freude freien Lauf, dass Jungen heute aufgrund über 30 Jahre andauender Mädchenförderung rücksichtslos auf Kosten der Jungen als die perspektivlosen Loser dastehen. Das ist billig. Das ist jungenfeindlich. Jungen sind Kinder. Und was aus Kindern wird, dafür sind wir Erwachsene verantwortlich, nicht die Kinder. Dabei versagt zu haben ist kein Grund zu Freude – vorausgesetzt, man hat sich Empathie gegenüber Jungen bewahrt.

Lucas Schoppe stellt die Frage, ob es einen Krieg gegen Jungen gäbe. Ich denke, das ist auch eine Definitionssache. Einen Krieg gegen Menschen, die sich nicht wehren können, nennt man nicht Krieg, sondern Massaker.

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Lesermeinungen

  1. Von Helmut

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  2. Von wolf

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  3. Von Graph

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  4. Von Lotosritter

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