Jungenförderung oder Jungeninstrumentalisierung? – Offener Brief an SPD München

von MANNdat

Bild: fotolia.com @jakkapan

Offener Brief vom 5. August 2019 an folgende Münchener SPD-Abgeordnete:

Anne Hübner anne.huebner_78@t-online.de
Christian Müller mueller.pasing@t-online.de
Julia Schönfeld-Knor info@spd-moosach.de
Birgit Volk b.volk@muenchen.de
Verena Dietl verena.dietl@muenchen.de
Kathrin Abele kathrin.abele@spd-neuhausen-nymphenburg.de
Haimo Liebich haimo-liebich@spd-muenchen.de
Cumali Naz naz@cumali.de

spd-rathaus@muenchen.de

Sehr geehrte Damen und Herren,

„Jungen eine – Vorurteilen und Gewalt keine – Chance geben!“. So titeln Sie Ihren Antrag zur Jungenförderung. Jungenförderung tut not und kann nur begrüßt werden. Das gilt nicht nur, aber auch für München. Lange, sehr lange haben die politisch Verantwortlichen die Anliegen und Belange von Jungen vernachlässigt. Gibt man die Suchbegriffe „Mädchenförderung“ und „München“ sowie die Suchbegriffe „Jungenförderung“ und „München“ in einer bekannten Suchmaschine ein, ergeben sich 2000-mal seltener Treffer bei Jungenförderung als bei Mädchenförderung (Stand 5.7.2018). Es wäre deshalb ein unverkennbarer Fortschritt, wenn die Geschlechterpolitik ihre Ausgrenzung von Jungen aus der Förderung beenden und für beide Geschlechter bessere Zukunftsperspektiven anstreben würde.

Laut Münchner Statistik, 4. Quartalsheft, Jahrgang 2015, gibt es in München 46 Prozent mehr männliche als weibliche Arbeitslose in der Altersgruppe der 15- bis unter 25Jährigen.

Nach dem Münchener Bildungsbericht 2016 kommen im allgemeinbildenden Schulsystem 33 Prozent mehr Jungen als Mädchen nicht über einen Mittelschulabschluss hinaus. Drei Viertel der Mädchen erreichte einen mittleren Abschluss oder die Hochschulreife, bei den Jungen waren es nur etwa zwei Drittel. Fast 60 % mehr Jungen als Mädchen gehen in München ohne anerkannten Schulabschluss ab.

Schon seit der ersten PISA-Studie mahnt die OECD eine stärkere Jungenleseförderung an. Jungen entwickeln sich im Bereich Motorik und Sprachkompetenz langsamer als Mädchen, was ihre Chancen schon bei der Einschulung verschlechtert.

Die Studie „Die Versorgung übergewichtiger und adipöser Kinder und Jugendlicher in Deutschland“ der BZgA von 2007 empfahl, die Jungen geschlechterspezifisch ins Blickfeld zu nehmen, da es im Gesundheitsbereich geschlechterspezifische Angebote lediglich für Mädchen gäbe.

Sie als politisch Verantwortliche kennen all diese Fakten natürlich besser als wir. Wir möchten diese erwähnen, damit die Leser des Offenen Briefes auch im Bilde sind, da die Situation von Jungen in Geschlechter- und Gleichstellungsberichten i.d.R. nicht auftauchen.

Es gibt also mehr als genug Ansatzpunkte, an denen eine Jungenförderung sinnvoll ansetzen könnte. Doch all diese Ansatzpunkte finden wir in Ihrem Antrag nicht wieder. Und genau da setzen deshalb unsere Kritikpunkte an Ihrem Antrag an, die wir Ihnen in diesem Offenen Brief mitteilen.

Unser erster Kritikpunkt bezieht sich auf Ihre Empathielosigkeit. Wo bleibt bei Ihrem Antrag die Einfühlung für den einzelnen Jungen? Wo bleibt Ihr Interesse für seine Situation? Wo bleibt Ihre Empathie für seine Zukunftsängste? Es gibt sie nicht. Sie bringen unumwunden zum Ausdruck, dass Ihre Motivation zur Jungenförderung nicht etwa darin bestehe, dass Sie als politisch Verantwortliche es als Ihre Pflicht sähen, Jungen ebenso wie Mädchen im Rahmen ihrer Möglichkeiten so gut wie möglich zu unterstützen, damit diese ihre Begabungen und Potenziale so gut wie möglich entfalten können. Sie sehen in Jungen keine positiven Potentiale, die es zu fördern gilt,  Sie sehen in Jungen nur negative Potentiale, die es einzudämmen gilt. Sie sehen in Jungen nicht den freiwilligen Feuerwehrmann, sondern nur den Gewalttäter. Für Sie sind Jungen pauschal nur die Ursachen von Rassismus, Homophobie, Antisemitismus und Gewalt. Dies ist ein unaufhebbarer Widerspruch Ihres Antrags. Sie fordern mehr Respekt von Jungen ein, lassen jedoch jeglichen Respekt gegenüber dem einzelnen Jungen als Mensch vollkommen vermissen. Ihr Antrag entwürdigt und pathologisiert pauschal alle Jungen.

Er erinnert uns an die 70er Jahre, als im Frankfurter Weiberrat kleine Jungen vor die Tür gewiesen wurden, weil sie einen Penis haben, der pauschal zur Ursache allen Übels erklärt wurde. Ausnahmslos alle Jungen und Männer gerieten unter die feministische Dampfwalze der männlichen Genitalanatomie. Wir sehen diese Ideologie der letzten 50 Jahre einer polarisierten Welt von schlechten Jungen und guten Mädchen bei Ihnen immer noch am Werk.

Ihrem Antrag liegt offenbar die Vorstellung zugrunde, dass man einer gewaltfreien Gesellschaft ein Stück näherkommen könne, wenn man Männlichkeit entmenschlicht. Wir stellen dabei nicht in Abrede, dass es gewaltbereite Jungen gibt. Sie tun den Jungen aber Unrecht, denn der Anteil nicht gewaltbereiter Jungen überwiegt die Anzahl der gewaltbereiten Jungen vielfach.

Sie geben vor, alte Männerrollen überwinden zu wollen. Ihnen scheint aber die Annahme fremd, dass Jungen nicht als Gewaltverbrecher geboren und sich linear zu diesen hin entwickeln, solange sie nicht feministisch sanktioniert und umerzogen werden, sondern dass es Umstände geben könnte, für die die Jungen nicht verantwortlich sind, aber zu ihrer Entwicklung negativ beitragen könnten. Die Probleme der Jungen, seien es Bildungsprobleme, Gesundheitsprobleme, familiäre Probleme oder sonstige Probleme, interessieren Sie aber nicht. Diese wollen Sie auch nicht beseitigen. Ihr Antrag ist damit typisch für die archaischen Männerrollen der letzten 200 Jahre, die darin besteht, funktionieren zu müssen, und zwar im Sinne und zum Wohle der Gesellschaft. Eigene Probleme und Zukunftsängste sind stoisch hinzunehmen „wie ein Mann“. Wer klagt, wird als Jammerlappen verunglimpft. Ein echter Junge weint eben nicht. Er hat seine eigenen Bedürfnisse, Anliegen und Wünsche zurückzustellen. Hauptsache, er verhält sich ritterlich gegenüber Frauen und Mädchen.

Aber auch damit ist unsere Kritik an Ihrer Antragsbegründung nicht erschöpft. Mit Ihrem Antrag „Jungen eine – Vorurteilen und Gewalt keine – Chance geben!“ klammern Sie, vermutlich aus Gründen eines politischen Programms, weibliche Täterschaft aus. Gewalt und Vorurteile, so suggerieren Sie, kann niemals von Mädchen oder Frauen ausgehen. Das zeugt, soweit man nicht von einer beabsichtigten Irreführung ausgehen mag, von Realitätsblindheit. Sie kolportieren damit archaische Klischees von einer Welt von guter Weiblichkeit und böser Männlichkeit.

Ihre Motivation, Jungen fördern zu wollen, ist unglaubwürdig und hat für uns den Anschein von Hinterhältigkeit, weil ihr politisches Kalkül, damit unter der Hand den Versuch zu verbinden, die archaischen Geschlechterstereotypen vom zuckersüßen Mädchen und gewalttätigen Jungen zu kolportieren und die weibliche Hälfte der Menschheit von der Verantwortung für die Geschichte zu entbinden, ebenso unmissverständlich zutage tritt, wie Ihr Unvermögen von Empathie gegenüber Jungen.

Eine solche Motivation für Jungenförderung kann wiederum nur in eine feindliche Gesinnung gegen Jungen abdriften. Und letztlich folgen darauf die Entmenschlichung von Männlichkeit und eine Antimännerpolitik.

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Lesermeinungen

  1. Von Paul Riedel

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  2. Von Christoph Gupta

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    • Von Dr. Bruno Köhler

  3. Von Bombe 20

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    • Von Dr. Bruno Köhler

  4. Von Gunther Herzlich

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    • Von Dr. Bruno Köhler

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