Plädoyer für eine selbstbewusste Väterlichkeit. Dr. Matthias Stiehler im Interview

von Dr. Bruno Köhler

Bücher über Väter thematisieren entweder die Sorge- und Umgangsrechtsdiskriminierung von Trennungsvätern, oder sie ergehen sich in Tiraden von Schuldzuweisungen an Väter und lassen sich damit vom heute eher männerfeindlichen Zeitgeist mittragen. Aus der Vielzahl dieser Bücher sticht das neue Buch von Dr. Matthias Stiehler „Väterlos“ heraus, der eine eigenständige Väterlichkeit für notwendig erachtet. MANNdat sprach mit Dr. Stiehler über Väter, Väterlichkeit und sein neues Buch.

Mathias Stiehler im Interview mit MANNdatDr. phil. Matthias Stiehler ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Er wurde 1961 in Leipzig geboren. Danach Studium der evangelischen Theologie und Pfarrer in Höckendorf bei Dippoldiswalde. Seit 1993 ist er psychologischer Berater im Gesundheitsamt Dresden. Es folgte die Promotion zum Thema „Gesundheitsförderung im Gefängnis“. Seit 2001 ist er Vorsitzender des Dresdner Instituts für Erwachsenenbildung und Gesundheitswissenschaft und seit 2009 Leiter der Beratungsstelle für AIDS und sexuell übertragbare Krankheiten im Gesundheitsamt Dresden. Daneben gründete Dr. Stiehler 2001 eine Initiative für einen Männergesundheitsbericht. 2007 gab er sein erstes Buch „Männerleben und Gesundheit“ (Juventa-Verlag Weinheim) heraus. Es blieb nicht das einzige. 2010 war er Mitherausgeber des Ersten Deutschen Männergesundheitsberichts. Im gleichen Jahr erschien sein zweites Buch „Der Männerversteher. Die neuen Leiden des starken Geschlechts“ (Verlag C. H. Beck München).

2012 erschien schließlich sein Buch „Väterlos. Eine Gesellschaft in der Krise“ (Gütersloher Verlagshaus). Für 2013 ist geplant: „Männergesundheitsbericht 2013. Fokus: Psychische Erkrankungen“. Seit 1998 ist Dr. Stiehler aktiv in der Männerarbeit und Männergesundheitsforschung und arbeitet in verschiedenen Gremien der Männer- und Gleichstellungsarbeit mit. Er ist Gründungsmitglied des Bundesforums Männer.

Die Zeit ist reif, dass Väter einen gesellschaftlichen Prozess gestalten, der die Entwicklung einer eigenständigen Väterlichkeit zum Ziel hat. (Matthias Stiehler)

Dr. Bruno Köhler: Herr Dr. Stiehler, der Titel Ihres Buchs „Väterlos“ ist bewusst mehrdeutig?

Dr. Matthias Stiehler: Ja, ich liebe solche Mehrdeutigkeiten. In diesem Fall sind es drei: Da ist als erstes die Väterlosigkeit, die ich in Form des Mangels an Väterlichkeit in meinem Buch beschreibe. Von diesem Mangel sind Familien ebenso wie Institutionen und die Gesellschaft insgesamt erfasst. Die zweite Bedeutung ist das „Los der Väter“, das sich gegenwärtig darin zeigt, dass sie sich zwar zunehmend aktiv in die Kindererziehung einbringen sollen und wollen, dass ihnen jedoch das spezifische Wissen um das, was eine eigenständige Väterlichkeit eigentlich ausmacht, fehlt. Auch die gegenwärtige gesellschaftliche Diskussion stellt da nicht viel Erhellendes zur Verfügung. Und dann die dritte Bedeutung des Begriffs „Väterlos“: Väter, beklagt euch nicht nur, sondern macht los. Ringt um ein besseres, eigenständiges Verständnis von Vaterschaft. Und dazu möchte mein Buch ja einen wichtigen Anstoß geben.

Sie sind Diplomtheologe, Erziehungswissenschaftler und psychologischer Berater und Sie engagieren sich für Männergesundheit. Welche Seele in Ihnen hat das Buch über Väterlichkeit geschrieben – der Theologe, der Pädagoge, der Psychologe oder der Männergesundheitsaktivist?

Natürlich alle meine Seelen. In das Buch fließt meine etwa 20-jährige Männerarbeit ein – und die ist immer auch von meinem theologischen, psychologischen und pädagogischen Verständnis geprägt. Aber am meisten trieben mich meine persönlichen Erfahrungen an. Ich bin dreifacher Vater und natürlich konnte und kann ich mich nicht mit Männerthemen oder auch mit Vaterschaft nur bei anderen befassen. Da bin ich selbst mit mir in Auseinandersetzung. Ich sehe das als meine Stärke, dass ich zwischen meinem privaten Leben, meinen Männeraktivitäten und meiner Männerforschung, zumindest was das inhaltliche Verständnis anbelangt, keine undurchlässige Grenze ziehe. Das muss irgendwie zusammenpassen, es ist jeweils mein Leben, meine Person.

Das Fehlen einer eigenständigen väterlichen Identität bezeichnen Sie als „Abschaffung der Väterlichkeit“. Sie reden gar vom „unväterlichen“ Vater. Worin unterscheiden sich nach Ihrem Verständnis Mütterlichkeit und Väterlichkeit?

Mütterlichkeit und Väterlichkeit als zentrale Prinzipien der Kindererziehung haben ihren Ursprung in der frühen Elternschaft und den dort gegebenen grundlegenden biologischen Unterschieden. Ein Kind wächst im Bauch der Mutter heran, sie nährt, schützt und ist zumindest in der Schwangerschaft selbstverständlich gegeben. Somit besteht eine enge Mutter-Kind-Beziehung, eine einzigartige und nicht-ersetzbare Einheit. Mütterlichkeit ist daher mit Fürsorge und Behüten assoziiert, sie wird allgemein als angenehm empfunden. Übertrieben kann sie jedoch zu eng werden und so die Entwicklung des Kindes zur Selbstständigkeit beeinträchtigen.

Der Vater ist der Dritte, der Hinzukommende, der nicht Selbstverständliche. Er bietet eine Welt neben der Mutter-Kind-Beziehung und lockert damit die ursprüngliche Symbiose. Das ermöglicht dem Kind Beziehungsvielfalt und die Entwicklung eines eigenständigen, stabilen Selbst. Indem er den behüteten, selbstverständlich gegebenen Raum aufbricht, eröffnet er dem Kind die „Entdeckung der Welt“. Das entspricht der normalen Neugier, kann aber auch Angst machen. Väterlichkeit bedeutet daher als Prinzip vor allem Orientierung zu geben. Dazu gehören selbstverständlich auch Begrenzung, Strukturierung, Anleitung und Führung, aber auch das Zumuten von Unangenehmem.

Das Interessante ist nun, dass beide Prinzipien wichtig und gleichberechtigt sind. Es gibt keine Hierarchie zwischen Mütterlichkeit und Väterlichkeit. Das Problem ist aber, dass Mütterlichkeit eher mit dem Angenehmen verbunden ist, Väterlichkeit notwendig unangenehm sein muss. Das macht es schwierig, auch für Väter. Die „unväterlichen Väter“ lehnen autoritäre Väterlichkeit ab, da sie ihnen brutal erscheint. Und das ist auch richtig. Es geht nicht um den Vater, der sich mit Macht und Gewalt durchsetzt und nicht auch liebevoll zu seinen Kindern ist. Aber auf der anderen Seite erleben wir heutige Väter oft „weichgespült“, mehr Spielkamerad und zweite Mutter.

Sie schreiben in Ihrem Buch, Abwesenheit von Vätern bedeute nicht auch Abwesenheit von Väterlichkeit. Sind Väter überflüssig oder gibt es Funktionen oder Aufgaben, die nur oder vorrangig ein Vater, aber keine Mutter übernehmen kann?

Zunächst müssen wir erst einmal erkennen, dass Mütterlichkeit und Väterlichkeit Prinzipien sind. Sie wirken – ob wir uns das eingestehen oder nicht – überall in der Gesellschaft. Wenn Menschen oder Institutionen etwas für Menschen tun, dann wirken sie in irgendeiner Weise mütterlich und/oder väterlich. Diese Prinzipien sind daher nicht unbedingt an das Geschlecht gebunden. So beschreibe ich beispielsweise an einer Stelle, dass unsere Bundeskanzlerin im „Fall zu Guttenberg“ väterlich hätte handeln müssen.

Aber natürlich müssen wir auch sehen, dass die Ursprünge dieser beiden Prinzipien eben in der frühen Mutterschaft und der frühen Vaterschaft ihren Ausgang finden. Das lässt sich nicht beliebig tauschen und auch nicht anders benennen. Insofern geht es natürlich nicht ohne Väter. Und ein Beispiel, das ich im Buch darstelle, zeigt auch, dass selbst ein abwesender Vater präsent ist. Väter und mit ihnen Väterlichkeit sind einfach ein Lebensprinzip, das sich nicht einfach abschaffen lässt. Auch in der späteren Elternschaft müssen wir immer wieder die Tendenz feststellen, dass Mütter identifizierter mit ihren Kindern, dass sie ängstlicher und verständnisvoller sind. Männer sind zutrauender, fordernder. Das kann im Einzelfall durchaus auch anders aussehen. Aber die Tendenz ist eindeutig, wie sich an vielen Beispielen belegen lässt.

Es gibt aber auch noch einen zweiten Grund, warum Väter nicht einfach abgeschafft werden können. Ein-Eltern-Familien sind zumeist überfordert, die Balance zwischen Mütterlichkeit und Väterlichkeit zu halten. Bei allem sicher vorhandenen Bemühen muss das überfordern. Das Leben von Mütterlichkeit und Väterlichkeit ist eben ein Beziehungsgeschehen, das nicht in einer reinen Zweisamkeit verankert ist, sondern in Beziehungsvielfalt.

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