Rezension „Scheiden tut weh – Elterliche Trennung aus Sicht der Väter und Jungen“

von Dr. Bruno Köhler

Rezension „Scheiden tut weh – Elterliche Trennung aus Sicht der Väter und Jungen“

von Matthias Franz / André Karger (Hg.)

Erste Auflage 2013, 286 Seiten mit 8 Abb. und 13 Tab. kartoniert
Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht GmbH, Göttingen
24,95 €

ISBN Print: 9783525453773 — ISBN E-Book: 9783647453774

Zu den Herausgebern:

Prof. Dr. med. Matthias Franz ist Facharzt für Psychosomatische Medizin, Facharzt für Neurologie, Lehranalytiker und Universitätsprofessor für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Düsseldorf.

André Karger ist Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatische Medizin, Psychoanalytiker und Oberarzt an der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universität Düsseldorf.

Rezensiert von Dr. Bruno Köhler (5.12.2013)

Das Buch

Die Inhaltsangabe des Sammelbandes verrät bereits, dass hier das Thema Scheidung durch eine Anzahl verschiedener Beiträge unterschiedlicher Autoren aus psychologischer, soziologischer aber auch aus politischer und medizinischer Sicht behandelt wird. Ergänzt wird dies um Hilfestellungen bei Scheidungssituationen. Die Beiträge sind etwa zwischen 20 bis 30 Seiten lang. Nur der Beitrag über das Handlungsfeld der Politik ist mit  neun Seiten etwas kürzer. Hauptaugenmerk legt das Buch auf die Situation von Vätern bei Scheidungsprozessen und, was das Buch einzigartig macht, auch auf die Situation von Kindern, insbesondere der Jungen, bei Scheidungsprozessen.

Nach einem Vorwort der Herausgeber Matthias Franz und André Karger gibt Martin Dinges in seinem Beitrag „Kulturgeschichte der Trennung“ eine historischen Rückblick auf Trennung, Familie, Kindheit und Vaterschaft.Wenn er allerdings die Darstellung von Trennungsvätern als Opfer kritisch hinterfragt:

„Wollen wir etwa Männer- und Männlichkeitsforschung als Wiederholung des frühen Feminismus betrieben, der die Rolle der Frauen recht einseitig als Opfer beschrieb?“ (S.39)

muss man sich fragen, ob Dinges die „Männerrechtsbewegung“, die ja Männer aus der reinen Täterrolle befreien wollen, richtig verstanden hat. Es geht der Männerrechtsbewegung  nicht um die Umkehrung der Einseitigkeit der Geschlechterpolitik, sondern um die Ergänzung der einseitig auf Frauenbelange ausgerichteten Geschlechterpolitik um die berechtigten Anliegen von Männern, was die Geschlechterpolitik im Rahmen von Gender-Mainstreaming ja schon seit über zehn Jahren verspricht, aber nie gehalten hat.

André Karger legt in „Psychoanalytische Gedanken zu Trennung“ dar, dass man Trennung nicht verteufeln sollte, sondern sie auch als zentrales Element von Liebe verstehen muss und man weniger darauf bedacht sein sollte, Trennung zu vermeiden sondern eine geeignete Trennungskultur entwickelt werden sollte.

Gerhard Amendt (Autor des Buches „Scheidungsväter“) erörtert in seinen sehr interessanten Ausführungen inDem Leid der Männer die Anerkennung verweigern“ die Entstehung und Verstetigung von männer- und väterfeindlichen Mythen, insbesondere, dass sich Männer durch Scheidung bereichern würden oder, dass Gewalt männlich sei. Er nimmt dabei auch keine Rücksicht auf unangebrachte Befindlichkeiten, z. B. wenn er konkret die Protagonisten dieser Mythenpflege benennt:

„Die Widerstände in den Bundesministerien, feministischen Organisationen, und an den Genderlehrstühlen der Universitäten reichen bis in die großen Verlage, die eine Veröffentlichung der Literatur nach dem „Stage of Knowledge“ (…) offensiv verleugnet.

       So kann Gewalttätigkeit von Frauen noch immer verleugnet, aber ebenso kann – und das fördert die Entsolidarisierung mit dem Leid der Männer – eine offensive Verbreitung des Gewaltmythos mit manipulierten Zahlen propagiert werden. Diese politisch gewollte Verblendung wird in Deutschland, Österreich und den USA von feministischen Gruppierungen, Wissenschaftlerinnen, Genderlehrstühlen, bundesministeriellen Sympathieträgern, Bischöfinnen, Frauenzeitschriften und Redaktionen, Fernsehsendern und Frauenhäusern geleistet.“ (S.70)

Amendt führt dazu auch viele Statistiken auf, die die gesundheitliche Situation von Trennungsvätern betrachten und einen für viele unbekannten Blick auf die physische wie psychische Gewalt in heterosexuellen Lebensgemeinschaften werfen. Meiner Ansicht nach einer der besten Beiträge des Buchs.

Matthias Franz geht in „Elterliche Trennung und Scheidung – Folgen und Risiken für die Kinder“ auf die Situation von Kindern bei der Trennung ein und benennt auch präventive Interventionsmöglichkeiten um speziell den Belastungen alleinerziehender Mütter und ihren Kindern vorzubeugen und stellt das entsprechende Hilfsprogramm PALME vor.

Sehr interessant und aufschlussreich ist die Darstellung „Die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Eineltern- und Stieffamilien unter besonderer Berücksichtigung von Jungen. Ergebnisse aus dem Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS)“ durch Robert Schlack. Die eindrucksvollen Zahlen, Tabellen und Graphiken belegen eindeutig, dass Kinder, insbesondere Jungen in Einelternfamilien oder Stiefelternfamilien ein signifikant höheres Risiko aufweisen, psychisch oder physisch zu erkranken oder Drogen zu konsumieren, als in Zweielternfamilien mit ihren leiblichen Eltern. Das sind hochbrisante Fakten, die in der aktuellen familienpolitischen Diskussion nahezu vollständig verschwiegen werden.

Frank Dammasch schildert in „Vaterlose Jungen zwischen Größenfantasien und Verfolgungsangst“ anhand einer Falldarstellung aus der psychotherapeutischen und psychiatrischen Arbeit mit Kindern die psychodynamischen und familiensystemischen Zusammenhänge von Jungen, die ohne Vater aufwachsen. Zitat:

„Bildet sich bei vaterlosen Mädchen oft eine sprachlich fundierte schwesterliche Ähnlichkeitsbeziehung zwischen Mutter und Tochter, so scheint bei vaterlosen Jungen die partnerschaftliche Mutter-Sohn-Beziehung unweigerlich sexualisiert zu werden und in den beunruhigenden Strudel unbegrenzter ödipaler Größenfantasien und Verfolgungsängste zu geraten, die außerhalb der Familie sich als unruhiges und störendes verhalten zeigen.“ (S.161)

Rainer Böhm kritisiert im Resümee seines Beitrags „Auswirkungen früher Trennungen“ die Familienpolitik:

„…nicht zuletzt bedarf es einer Familienpolitik , die sich nicht primär als Instrument der Wirtschaftsförderung versteht, sondern die eine tiefere Einsicht in die besondere Verletzlichkeit und die wahren Bedürfnisse von Kindern entwickelt und diese zu ihrem Handlungsmaßstab erhebt.“ (S.168)

Matthias Weber steigt in „Möglichkeiten und Grenzen der Beratung bei hochstrittigen Elternkonflikten“ ebenfalls mit zwei Fallbeispielen ein, in diesem Fall aus der Elternkonfliktberatung. Er geht dabei auch auf geschlechterspezifische Gewaltstrategien ein:

„Entgleisungen, die auch in Beratungsprozessen immer wieder zu beobachten sind, treten bei Vätern häufiger auf in Form von „intimem Terror“, körperlicher Gewalt, Gewaltandrohungen, Furcht und Panik erzeugendem Verhalten (…), bei Müttern häufiger als eine Form aktiver und passiver Instrumentalisierung, …, letztlich eine Form der Ausübung oft subtiler psychischer Gewalt. Es geht dabei um offenes oder verdecktes Ausnutzen des Umstandes, dass die Kinder (meist) bei ihnen leben und sie somit Möglichkeit haben, deren verhalten zu kontrollieren und zu steuern.“ (S.174f.)

Uwe Jopt plädiert in „Trennungsleid im Spannungsfeld zwischen Partnerschaft und Elternschaft“ dafür,

„…das trennungsbedingt aus den Fugen geratene Beziehungsnetz aus Eltern und Kind so zu umzugestalten, dass die Familie als psychologische Gestalt trotz Scheitern der Paarbeziehung bestmöglich erhalten bleibt. Das bedeutet im Gegensatz zum Suchauftrag nach dem bestgeeigneten Elternteil für das Gericht, damit auch für den Gutachter, einen Gestaltungsauftrag (…); doch dieser Paradigmenwechsel im Familienverständnis ist im Familiengericht, anderswo längst, heute immer noch nicht vollständig angekommen.“ (S.208f.)

Hans-Christian Prestien kritisiert in seinem Beitrag „Paare vor Gericht: Juristische Möglichkeiten der Konfliktregulation“ die immer noch anzutreffende Familienrechtspraxis bei Trennungen:

„Nach Untersuchungen von Prof. Dr. Heike Schulze sind die Einstellung und die Arbeitsweise des einzelnen Familienrichters auch heute noch allzu häufig nach wie vor nicht auf die konkrete Bedürftigkeit des einzelnen Kindes ausgerichtet, sondern auf eine rein formelle Erledigung des Verfahrens. (…) Die von Prof. Dr. Roland Proksch 2002 im Auftrag der Bundesregierung abgeschlossene Untersuchung zur Kindschaftsrechtsreform 1998 untermauert die Feststellungen von Schulze zur mangelhaften Hilfe für Kinder und ihre im Konflikt befindlichen Eltern“ (S. 232f.)

In der Jugendhilfe sieht er schon in der vielfältigen Rolle des Jugendamtes ein grundlegendes Problem:

„Bei der Arbeit des Jugendamtes – im Folgenden: JA – ist eine erhebliche Fehleranfälligkeit schon in der nach dem Sozialgesetzbuch (SGB) VIII bestehenden Rollenvermischung begründet: JA als Berater, JA als Vermittler, JA als Eingreifer, JA als Ankläger, JA als Verfahrensbegleiter und –steuerer, JA als Vollstrecker.“

Er macht dann Vorschläge, wo Verbesserungen ansetzen müssten.

Bertram von der Stein geht in „ Pathologischer Narzissmus, Gewalt und dissoziale Tendenzen bei männlichen Scheidungskindern – mögliche Langzeitfolgen bei abwesenden oder insuffizienten Vätern“ auf die Langzeitfolgen bei Jungen durch abwesende Väter näher ein und kommt zu dem Ergebnis:

„Dissoziale und aggressive Männer, die Scheidungen als Kind erleben mussten, sind Täter und Opfer zugleich….Rauchfleisch (1999) rät Psychoanalytisch arbeitenden Therapeuten, traditionelle Konzepte kritisch zu hinterfragen und Grenzsetzungen nicht zu vergessen. Dissoziales und aggressives Agieren ist nicht nur als Zerstörung des therapeutischen Raums zu beklagen (Trimborn, 1983), sondern ach im Sinne Winnicotts als Übergangsphänomen zu verstehen und therapeutisch zu nutzen. Würde dies im Kontext der Bedeutung notwendiger früher Vatererfahrungen und deren fehlen auch bei der pädagogischen Begleitung von Jungen im Sinne von Prävention mehr berücksichtigt, wären sie weniger die Verlierer unseres Bildungssystems und seltener Straftäter.“

Ein sehr wichtiger Ansatz, der allerdings die Bereitschaft von Gesellschaft und Politik voraussetzt, die Bildungsprobleme von Jungen nicht mehr zu verleugnen und zu marginalisieren, sondern sich dem Problem offensiv zu stellen.

Den kürzesten Beitrag liefert Heinz Hilgers mit „Prävention als Handlungsfeld der Politik“. Auch er spart nicht an kritischen Worten zur aktuellen Familienpolitik:

„Jedes fünfte Kind gilt in Deutschland als arm…und nahezu jedes zwansigste Kind muss sogar auf eine tägliche warme Mahlzeit verzichten….

Gleichzeitig ist die Politik nicht in der Lage, Kinderarmut wirkungsvoll und nachhaltig zu reduzieren…Daher bedarf es innovativer und umfassender Konzepte einer kindbezogenen Armutsprävention, um Kinderarmut in Deutschland wirksam zu bekämpfen.“(S.276)

Anhand des Dormagener Modells stellt Hilgers dann Lösungskonzepte vor.

Zum Schluss rundet ein kurzes Autorenporträt die Beitragssammlung ab.

 

Empfehlung

 

Die Stärke des Buches besteht in der Vielzahl verschiedener Bereiche zum Thema Scheidung, die in den einzelnen Beiträgen abgearbeitet werden. Dabei zeigt das Buch unterschiedliche Perspektiven auf, legt verschiedene Meinungen dar und präsentiert in einzelnen Themenbereichen Lösungsansätze.

 

Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal zu anderen Büchern zu dem Thema ist, dass das Buch auch unvoreingenommen die derzeitige Familienrechtspraxis und die derzeitige Familienpolitik hinterfragt. Dabei geht es insbesondere im Beitrag von Prof. Amendt auf die Ursache näher ein, weshalb die derzeitige Politik die im Buch eindeutig und belegbaren Fakten zur Situation von Trennungskindern und Trennungsvätern in der öffentlichen Diskussion so vehement ignoriert. Unkenntnis der politisch Verantwortlichen allein kann auf Grund der klaren Daten und Fakten nicht die Ursache sein. Vielmehr scheint es dringend notwendig hier fragwürdige politische Ziele, die unbequeme Fakten kurzerhand ignoriert, öffentlich zu hinterfragen. Das Buch steuert dazu seinen Teil bei.

 

Insbesondere die Betrachtung der Trennungssituation auf die Kinder mit besonderer Berücksichtigung des Geschlechtes, wie es hier im Buch geschieht, ist sehr selten. Die Geschlechterpolitik blendet das Thema „Geschlecht“ in der Regel dort aus, wo Jungen oder Männer die schlechteren Quoten aufweisen. Hier zeigt sich erneut, wie wichtig es ist, dass Jungen, Väter und Männer sich stärker selbstbewusst mit ihren berechtigten Anliegen in die geschlechterpolitische Diskussion einbringen. Von der Bundesregierung finanzierte Pseudointeressenvertretungen von Jungen und Männern, die ihre Stellungnahmen nur nach Absprache mit dem Deutschen Frauenrat veröffentlichen und politikkritische Einrichtungen aus dem geschlechterpolitischen Diskurs ausgrenzen, sind da eher kontraproduktiv.

 

Das Buch ist zum Thema „Trennungskinder und Trennungseltern“ eine sehr wichtige Ergänzung. Manche Beiträge sind vielleicht zu sehr auf das Fachpublikum und zu wenig auf den Laien, der an diesen Themen Interesse zeigt, zugeschnitten. Trotzdem ist es auch Laien zu empfehlen, die sich mit dem Thema näher – und vor allem umfassend und von unterschiedlichen Perspektiven her gesehen – beschäftigen wollen.

 

 

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Lesermeinungen

  1. Von Michael Baleanu

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