Rezension: un-heil – ein Buch zur Beschneidung von Jungen

Rezension zum Buch „Un-heil“ – ein Buch über Beschneidung von Jungen
ISBN: 978-3-8424-9540-1
Autor: Mario Lichtenheldt; Lektorat und Korrektorat: Dr. Meike Beier
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
Erschienen 2012

Mit „un-heil“ liefert der Autor Mario Lichtenheldt ein Buch, das vorrangig Jungen und deren Eltern ansprechen, sie über das Thema Phimose und Beschneidung informieren und sie über ihre Rechte und Möglichkeiten aufklären will. Darüber hinaus möchte es natürlich auch die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf ein Thema lenken, das bislang gesellschaftlich und politisch völlig ignoriert wird. Deshalb ist es auch grundlegend für alle geeignet, die sich zu dem Thema umfassend informieren möchten.

Das Buch ist in acht verschieden lange Kapitel aufgeteilt. In den ersten fünf Kapiteln („Der Penis“, "Die Vorhaut – kein Fehler der Natur“, "Geheime Jungensache – Wissen für Jungs ab 4“, „Phimose & Co. – Heilen statt abschneiden“, „Vorhautproblem – was nun“) wird alles über männliche Genitalhygiene erklärt, dann speziell auf die Funktion der Vorhaut eingegangen und schließlich speziell das Thema Phimose (Vorhautverengung), insbesondere auch alternativen Methoden zur Behandlung einer Phimose, behandelt.

In den letzten drei Kapiteln („Jungenrechte – mein Köper gehört mir!“, „Beschneidung – kein heiliger Heileingriff“, „Götter, Dollars und Moral“) werden ausführlich rechtliche Grundlagen und gesellschaftspolitische Hintergründe zum Thema Beschneidung von Jungen aufgezeigt und über Mythen der Beschneidung aufgeklärt.

Die Ausführungen sind detailreich. Der Aufbau der Erläuterungen ist logisch und gut gewählt. Das Buch führt eine Reihe von Fakten und Zitaten auf. In dieser Hinsicht wäre eine umfassendere Quellenangabe, gerade im Abschnitt mit den rechtlichen Grundlagen, positiv gewesen.

Die Datenlage zu dem Tabuthema „Beschneidung von Jungen“ ist immer noch sehr spärlich. Bis heute gibt es in Deutschland kaum Daten über die negativen Auswirkungen von Beschneidung. Nicht nur deshalb leistet das Buch einen sehr wichtigen Beitrag zum Thema „Beschneidung von Jungen“. Der Autor nimmt konsequenterweise kein Blatt vor den Mund bei der drastischen Beschreibung verschiedener Beschneidungpraktiken und bei der Kritik an der oftmals verharmlosenden Darstellung des Themas. Das Buch beleuchtet das Thema somit aus einer kritischen Sicht und ergänzt damit die vielen „Aufklärungsbroschüren“, die das Thema bislang sehr stark vereinfachen und sehr unkritisch betrachten. Es schließt so eine große Lücke beim Diskurs zu diesem Thema.

Im hinteren Teil des Buches spürt man zunehmend die emotionale Betroffenheit des Autors, was das Buch allerdings aufwertet. Man merkt, hier schreibt ein Mann, den das Thema spürbar berührt, und das ist gut so. Es ist deshalb schade, dass im Buch keine weiteren Informationen zum Autor zu finden sind. Nähere Angaben zum Autor sind allerdings im einschlägigen Internetbuchversandhandel bei dem Buch zu finden.

Auch wenn der Autor einige Anlaufstellen für Jungen und Eltern zum Thema Beschneidung nennt, werden nicht alle positiven Ansätze zur Enttabuisierung des Themas genannt. So bleibt z.B. MANNdat e.V., der einzige geschlechterpolitische Verein, der beharrlich und regelmäßig die Ignoranz der Politik gegenüber der Beschneidung von Jungen kritisiert, unerwähnt.

Das Buch ist unabhängig davon auf jeden Fall allen Eltern zu empfehlen, die sich mit dem Gedanken tragen, ihre Kinder beschneiden zu lassen. Darüber hinaus ist es allen, die sich umfassend, also auch von der kritischen Seite her, mit dem Thema befassen wollen - gerade auch für Politiker, die leider sehr wenig über das Thema wissen -, zu empfehlen.

In Ergänzung dazu empfehlen wir, auch die MANNdat-Broschüre „Beschneidung von Jungen“ zu lesen. Stellen Sie die vielen Beispiele schrecklicher Beschneidungsrituale oder die Todeszahlen des Buches direkt neben die Aussagen der Politik aus der MANNdat-Broschüre , z.B (Zitate aus dem Buch un-heil):

In den USA sterben jährlich rund 120 Jungen während ihrer Beschneidung oder an deren Folgen – etwa so viele wie durch den 'plötzlichen Kindstod'“ (S. 126)

„Bei einigen Aborigines-Stämmen in Australien erfolgt die Beschneidung in zwei Schritten: Zunächst wird den Jungen die komplette Vorhaut entfernt. Ist diese Wunde verheilt, schlitzt man ihnen die gesamte Harnröhre an der Unterseite des Penis auf – von der Eichel bis zum Hodensack – ein extrem schmerzhaftes Ritual.“ (S. 169)

Zitate aus: „Beschneidung von Jungen“, Mai 2011, Herausgeber: MANNdat e.V.

Seelische oder körperliche Schäden des betroffenen Kindes sind grundsätzlich nicht zu befürchten.“ (Bundesjustizministerium)

Die Beschneidung sei ´seit Jahrtausenden eingeübt´, werde ´nicht ernsthaft hinterfragt´ und es geschehe ´niemandem ein Unrecht´. Deswegen gebe es ´also überhaupt keine Notwendigkeit´, gesetzliche Regelungen zu finden.“ (Jerzy Montag, rechtspolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen)

Nach Pascal Kober, dem Menschenrechtsexperten der FDP, seien die Folgen der Beschneidung „nicht so gravierend".

Deutlicher kann man wohl den Gegensatz von Realität und politischer Selbsttäuschung nicht mehr darstellen. Das Buch zeigt auf, dass die rechtlichen und moralischen Voraussetzungen, Beschneidung von Jungen ebenso kritisch zu thematisieren wie die Beschneidung von Mädchen, vorhanden sind. Es fehlt, wie immer bei jungenpolitischen Themen, lediglich am politischen Willen.

Fazit
Das Buch öffnet jedem die Augen, der sich von den „Friede, Freude, Eierkuchen“-Halbwahrheiten, die offiziell zum Thema „Beschneidung von Jungen“ kursieren, nicht irreführen lassen will.