Wehrpflicht in der Schweiz: rechtlich-gewillkürte Männerdiskriminierung

von Manndat
Zusammenfassung

Eine glasklare, verfassungsmässig statuierte und rechtsstaatlich durchgesetzte Diskriminierung ist die einseitige Männerwehrpflicht. Noch immer wird sie in vielen Ländern vollzogen. In diesem Beitrag wird stellvertretend die aktuelle rechtliche Situation in der Schweiz und die öffentlich-mediale Ignoranz der Problematik dargestellt.

Umfangreiche Dienst- und Ersatzpflichten …

Jeder Schweizer ist verpflichtet, Militärdienst zu leisten. Das Gesetz sieht einen zivilen Ersatzdienst vor. Für Schweizerinnen ist der Militärdienst freiwillig. Schweizer, die weder Militär- noch Ersatzdienst leisten, schulden eine Abgabe.[1]

So steht es in der Schweizer Bundesverfassung, und so wird es bis ins Jahr 2026 praktiziert und durchgesetzt. Männliche Schweizer Bürger werden in der Regel mit 19 Jahren zur Rekrutierung (entspricht der deutschen Musterung) aufgeboten, bei der sie auf ihre Wehrdiensttauglichkeit untersucht werden.[2] Sind sie wehrdiensttauglich, absolvieren sie in der Folge eine Rekrutenschule («RS») von rund 18 Wochen Dauer. Es folgen sechs Wiederholungskurse («WKs») von rund drei Wochen Dauer, die in der Regel bis ca. zum 30. Altersjahr absolviert werden. Abhängig von der Funktionsstufe ist eine wesentlich längere Dienstdauer möglich;[[3] Beförderungen auf die ersten militärischen Grade über einem einfachen Soldaten erfolgen regelmässig auch unfreiwillig![4] Junge Schweizer Männer müssen sich also über viele Jahre mit dem Militärdienst und den mannigfachen Interferenzen, die diese Zwangsdienstleistung für das berufliche und private Leben mit sich bringt, herumschlagen.

Für militärdiensttaugliche Männer, die den Wehrdienst nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren können, sieht der Gesetzgeber den Zivildienst vor. Er dauert eineinhalbmal so lange wie der Militärdienst.[5] Schweizer Männer, die im Umgang mit Kriegsgerät Gewissensbisse plagen, müssen sich ihren Ersatzdienst also mit einer deutlich längeren Dienstdauer erkaufen (sog. «Tatbeweis»[6]).

Wer als «untauglich» – die despektierliche Begrifflichkeit wird auch völlig offiziell verwendet – eingestuft wird, ist damit nicht aus dem Schneider. Militärdienstuntaugliche Männer bezahlen über elf Jahre hinweg eine jährliche Ersatzabgabe in Höhe von 3 % ihres steuerpflichtigen Einkommens. Ferner besteht die Möglichkeit, zwar als militärdienstuntauglich, aber als schutzdiensttauglich beurteilt zu werden. Schutzdiensttaugliche Männer müssen einen sog. Zivilschutzdienst leisten, der hinsichtlich der damit verbundenen Belastungen und in der Regel auch hinsichtlich der Anzahl an Diensttagen hinter dem Militärdienst zurückbleibt. Ergo bezahlen Zivilschutz leistende Männer in der Regel zusätzlich eine Wehrpflichtersatzabgabe, jedoch in reduzierter Höhe.[7]

Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Schweizer Gesetzgebung die Wehrpflicht extensiv umsetzt. Vorbehaltlich einer schweren Invalidität[8] entkommt ihr kein junger Schweizer Mann.

… aber nicht für Frauen

Für Frauen ist der Militärdienst freiwillig. Von offizieller Seite werden die «gleichen Rechte und Pflichten» betont, wenn sich eine Frau freiwillig zum Dienst meldet. Dass Männer und Frauen bei gleicher Leistung die gleichen Chancen in der Armee haben, darauf legt man Wert.[9]

Dass sich eine Frau freiwillig zum Militärdienst meldet, das kommt aus nachvollziehbaren Gründen freilich nur sehr selten vor. Im Jahr 2024 betrug der Frauenanteil in der Armee 1.6 %[10].

Offizielle Stellen begegnen dieser Ungleichheit bei der «Chance», am Schweizer Pflichtdienstsystem zu partizipieren, mit aufwändigen Studien[11] und Incentivierungsversuchen[12]. Diversity über alles. Eine schlichte Dienstpflicht auch für Frauen wäre ja auch viel zu schnöde.

Volksinitiative für die Einführung eines geschlechtsneutralen Bürgerdienstes («Service Citoyen»)

Schweizer Bürger und Bürgerinnen sind in der glücklichen Lage, Verfassungsänderungen mittels Volksabstimmungen erwirken zu können. 100’000 Unterschriften binnen 18 Monaten gilt es zu sammeln, damit eine sog. Volksinitiative zur Abstimmung kommt.[13] Ausgerechnet eine der wenigen Frauen, die selbst freiwillig Militärdienst geleistet hatte, war es, die eine Initiative für einen geschlechtsunabhängigen Bürgerdienst lancierte: «Service Citoyen» nannte Noémi Roten ihre Vorlage.[14] Rund zehn (!) Jahre Vorarbeit waren notwendig, bis Ende 2023 innerhalb der 18 Monate die notwendige Anzahl Unterschriften gesammelt wurden. Zur Abstimmung vor dem Volk kam die Vorlage schliesslich am 30. November 2025.[15]

Eine erste Meinungsumfrage von Tamedia, einem grossen Schweizer Medienhaus, stimmte zuversichtlich: Anfangs Oktober 2025 sprach sich noch eine knappe Mehrheit der Schweizer Bevölkerung für die Service Citoyen Initiative aus. Erwartungsgemäss befürworteten die durch die einseitige Dienstpflicht diskriminierten Männer die Umfrage mit 60 %, wohingegen sich nur 42 % der Frauen dazu durchringen konnte, in dieser Gleichstellungsfrage die gebotene Konsequenz zu zeigen und die Initiative zu befürworten.[16]

Bundesrat, Parlament sowie sämtliche grossen Parteien sprachen sich von Beginn weg gegen die Initiative aus. Zusammengefasst erachteten sie die Initiative als zu teuer, befürchteten einen überdimensionierten Dienstpflichtigenbestand und hatten Angst vor den möglichen Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt, dem künftig doppelt so viele Arbeitskräfte entzogen würden.[17] Bezeichnenderweise spielte der Gleichstellungsaspekt bei diesen Voten nur eine untergeordnete Rolle. Und wenn er thematisiert wurde, dann mit der für die öffentlich-politische Debatte typischen, gynozentrischen Färbung. Die offizielle Abstimmungsempfehlung von Bundesrat und Parlament liess Folgendes verlauten:[18]

Keine echte Gleichstellung:

Eine Dienstpflicht für Frauen kann als Beitrag zur Gleichstellung von Mann und Frau gesehen werden. Doch würde sie die Mehrfachbelastung vieler Frauen zusätzlich erhöhen, denn heute leisten die Frauen eine großen Teil der unbezahlten Care-Arbeit in der Betreuung, der Erziehung und der Pflege sowie im Haushalt. Da die Gleichstellung in Beruf und Gesellschaft weiterhin nicht vollständig erreicht ist, ging eine zusätzliche Bürgerdienstpflicht für Frauen in die falsche Richtung. 

Wenn das so ist, dass Frauen einen Grossteil dieser ehrbaren, wenn auch komplett freiwilligen Care-Arbeit tragen, ist das eine Rechtfertigung für einen auf Männer beschränkten Pflichtdienst?

Ja, liess sich das scheinbar eine Mehrheit der Schweizer Stimmberechtigten – Männer eingeschlossen – einreden. Eine zweite Tamedia-Umfrage Mitte November 2025 zeigte, dass die Zustimmung zur Service Citoyen Initiative zwischenzeitlich massiv eingebrochen war. Nur noch 28 % der Stimmberechtigten wollten zu jenem Zeitpunkt der Vorlage zustimmen. Der Ja-Anteil bei den Männern lag mit 34 % bereits tief, jedoch immerhin noch über jenem der Frauen von 22 %.[19]

Schliesslich kam der grosse Tag der Abstimmung. Die Tendenz liess wenig Positives erhoffen. Und es kam noch schlimmer: Die Vorlage ging mit einer Zustimmung von gerade mal 15.85 % bachab.[20] Eine solch haushohe Niederlage überraschte selbst erfahrene Politologen. Einer erklärte, er habe noch nie bei einer Initiative mit anfänglich hoher Grundsympathie einen derartigen Absturz erlebt. Das Argument der Care-Arbeit, deren Last die Frauen tragen würden, habe viele umgestimmt.[21]

Verfehlte Berichterstattung durch ansonsten gleichstellungssensible Tageszeitung

Eine überwältigende Mehrheit der Schweizer Stimmberechtigten liess sich offenbar von der Idee fehlleiten, eine angebliche statistische Ungleichverteilung rechtfertige eine verfassungsmässige Diskriminierung. Was war schief gelaufen in der öffentlichen Meinungsbildung?

Wohl einiges. Eine Rolle dürfte neben der Abstimmungsempfehlung von Bundesrat und Parlament auch die Berichterstattung durch die Leitmedien des Landes gespielt haben. Der Tages-Anzeiger ist eine der grössten Schweizer Tageszeitungen; seine Ausrichtung liegt irgendwo zwischen linksliberal und Mainstream.[22] Bei gleichstellungsrelevanten Themen berichtet der Tages-Anzeiger in der Regel intensiv und befürwortend.[23] Nicht so bei der Service Citoyen Initiative. Der Tages-Anzeiger berichtete in puncto Gleichstellung in einer sträflich unreflektierten Art und Weise.

Thematisiert wurde der Gleichstellungsaspekt mit dem ewig leiden Fokus auf die Care Arbeit leistenden Frauen. Kann man ihnen einen Bürgerdienst wirklich auch noch zumuten?[24] In einem Podcast zum Thema wurde die Gerechtigkeitsfrage allenfalls gestreift; im Wesentlichen unterhielten sich aber zwei Männer in gebührend-lässiger Art und Weise über eigene Pflichtdiensterfahrungen und stellten weibliche Aspekte ins Zentrum.[25] Die Feststellung, dass Männer durch den Status quo verfassungsmässig massiv diskriminiert werden, blieb aus! Nicht nur das, der Tages-Anzeiger masste sich in einem Artikel über einen Grossspender für die Initiative sogar an, das Wort «Männerbenachteiligung» in Gänsefüsschen zu setzen und schrieb von einer «angebliche[n] Benachteiligung von Männern»:[26]

Doppelmoral in Aktion: Bei einem verfassungsmässigen Zwangsdienst nur für Männer wird die Benachteiligung in Anführungszeichen gesetzt. Handfester kann eine Diskriminierung kaum sein.

Quelle Zürichsee https://www.tagesanzeiger.ch/service-citoyen-initiative-leopold-bruegger-spendet-viertelmillion-786048617844

Die offensichtlichste aller Geschlechterdiskriminierungen wurde schlicht geleugnet. Das Learning für junge Männer aus diesem und ähnlichen Zeitungsartikeln dürfte klar sein: Kommt bloss nicht auf die Idee, als Mann Gleichstellung einzufordern. Mann zu sein und diskriminiert zu werden, das passt nicht zusammen.

Die Geschlechtergerechtigkeit beim Wehrdienst ist eine hochaktuelle Frage

So schade es ist, mit dem niederschmetternden Abstimmungsresultat zum Service Citoyen dürfte die Frage der Geschlechtergerechtigkeit beim Wehrdienst in der Schweiz für die nächsten Jahre vom Tisch sein. Politisch wird das Thema mit Verweis auf das eindeutige Abstimmungsergebnis bis auf Weiteres abgeblockt werden.

In einem europäischen Staat zum Wehrdienst eingezogen zu werden, bedeutet vordergründig einen massiven Eingriff in die persönliche Freiheit. Die der Wehrpflicht zusätzlich immanente Gefahr, auf dem Schlachtfeld verstümmelt oder gar getötet zu werden, erscheint spätestens seit dem Einmarsch von Russland in die Ukraine im Jahr 2022 nicht mehr bloss abstrakt, sondern sehr reell. Während viele europäische Staaten in den vorangehenden Jahrzehnten abrüsteten und die Notwendigkeit einer Landesverteidigung in Frage stellten, sind solche Zweifel seit rund vier Jahren verflogen. Eine funktionierende Landesverteidigung ist plötzlich wieder ein hochaktuelles Thema.

Vor diesem Hintergrund und angesichts einer ansonsten allgegenwärtigen Wokeness irritiert es in höchstem Masse, mit welcher Selbstverständlichkeit sich Länder wie die Schweiz für den Zwangskriegsdienst ausschliesslich ihrer männlichen Bürger bemächtigen. Gibt es eine Legitimation dafür, ausgerechnet bei der undankbaren Aufgabe der Landesverteidigung auf stereotypen Rollenbildern abzustellen? Sind Frauenleben schützenswerter? Und allen Fragen voran: Rechtfertigen solche Auffassungen eine verfassungsmässige Diskriminierung?

Die geopolitische Situation und der Zeitgeist schreien danach, solche Fragen zu klären. Nur die politische und mediale Öffentlichkeit hat daran scheinbar kein Interesse.

Quellen

https://www.fedlex.admin.ch/eli/cc/1999/404/de#art_59

2  https://www.armee.ch/de/rekrutierung-rekrutierungstage

3  https://www.armee.ch/de/militaerdienst-rs-und-wk; https://www.ch.ch/de/sicherheit-und-recht/militardienst-und-zivildienst/militardienst/

4  https://www.fedlex.admin.ch/eli/cc/1995/4093_4093_4093/de#art_15; https://www.parlament.ch/de/ratsbetrieb/suche-curia-vista/geschaeft?AffairId=20003465; https://www.ktipp.ch/beratung/rechtsberatung/rechtsberatung-detail/artikeldetail/kann-die-armee-meinen-sohn-zum-weitermachen-zwingen

5  https://www.ch.ch/de/sicherheit-und-recht/militardienst-und-zivildienst/zivildienst/

6 https://de.wikipedia.org/wiki/Zivildienst_in_der_Schweiz

7  https://www.armee.ch/de/rekrutierung-tauglichkeit; https://www.ch.ch/de/sicherheit-und-recht/militardienst-und-zivildienst/wehrpflichtersatzabgabe/; https://www.armee.ch/de/rekrutierung-zivilschutz

8  https://www.ch.ch/de/sicherheit-und-recht/militardienst-und-zivildienst/wehrpflichtersatzabgabe/#wer-muss-zahlen

9  https://www.armee.ch/de/rekrutierung-frauen-in-der-armee

10  https://www.vtg.admin.ch/dam/it/sd-web/hhfyS2RnL-BB/Frauenstudie_final_de_korrigiert.pdf, S. 4.

11  https://www.vtg.admin.ch/dam/it/sd-web/hhfyS2RnL-BB/Frauenstudie_final_de_korrigiert.pdf 

12  https://changethegame.zh.ch/; https://www.vtg.admin.ch/de/frauen-in-der-armee

13  https://www.fedlex.admin.ch/eli/cc/1999/404/de#art_139

14  https://www.blick.ch/politik/noemie-roten-ging-freiwillig-in-armee-jetzt-will-diese-frau-alle-jungen-leute-zum-buergerdienst-schicken-id21396641.html

15  https://www.servicecitoyen.ch/de/hintergrund/

16  https://www.tamedia.ch/news/wenig-unterstuetzung-fuer-zukunfts-initiative-knappe-mehrheit-fuer-service-citoyen-initiative

17  https://www.nzz.ch/schweiz/ein-buergerdienst-fuer-alle-eine-gute-idee-die-an-der-urne-scheitern-duerfte-ld.1906399

18  https://www.admin.ch/dam/gov/de/Dokumentation/Abstimmungen/novembre2025/Erlaeuterungen_November-2025_de.pdf.download.pdf/Erlaeuterungen_November-2025_de.pdf

19  https://www.tamedia.ch/news/eidgenoessische-abstimmungen-vom-30-november-2025-beide-vorlagen-chancenlos

20  https://www.admin.ch/service-citoyen-initiative

21  https://www.tagesanzeiger.ch/michael-hermann-service-citoyen-initiative-falsch-konstruiert-899349904586

22  https://de.wikipedia.org/wiki/Tages-Anzeiger

23  Man siehe etwa folgenden Meinungsartikel zur Abstimmung über eine Individualbesteuerung, die verheiratete Frauen tendenziell zu mehr Erwerbstätigkeit bewegen dürfte (https://www.tagesanzeiger.ch/individualbesteuerung-die-schweiz-braucht-jetzt-ein-ja-213977041272).

24  https://www.tagesanzeiger.ch/service-citoyen-braucht-die-schweiz-dienstpflicht-fuer-alle-751535204093

25  https://www.tagesanzeiger.ch/service-citoyen-die-wichtigsten-argumente-dafuer-und-dagegen-104560341491

26  https://www.tagesanzeiger.ch/service-citoyen-initiative-leopold-bruegger-spendet-viertelmillion-786048617844

Maßgeblicher Autor des Artikels ist Simon G.

Quelle Beitragsbild: AdobeStock_26905063

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit mit einer Spende.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Bitte beachten Sie, dass Kommentare mindestens 5 und höchstens 1500 Zeichen haben dürfen.

Zitate können mit <blockquote> ... </blockquote> gekennzeichnet werden.

Achtung: Wenn Sie einen Kommentar von einem Smartphone verschicken, wird der Text manchmal von der Autofill-Funktion des Smartphones durch die Adresse ersetzt. Wenn Sie den Kommentar absenden, können wir den originalen Text nicht wiederherstellen.

Niemand mag Pop-ups!

Aber immerhin stehe ich nicht mitten auf der Seite. Wenn Sie sich für unseren Newsletter anmelden wollen, tragen Sie sich hier ein. Es lohnt sich!

Ihre Daten sind sicher! Die Email verwenden wir nur für den Newsletter. Sie können sich jederzeit abmelden.