Koedukative Schulen benachteiligen Jungs!

von Dr. Bruno Köhler

Früher hieß es, Koedukation benachteilige Mädchen. Seit 2008 zeigt eine Studie aber genau das Gegenteil. Eine Kritik an der Benachteiligung, eine Stellungnahme, geschweige denn eine Initiative der Politik, diese Benachteiligung von Jungen beseitigen zu wollen, bleibt aus. Im Gegenteil, lediglich dort, wo eine Benachteiligung von Mädchen in der Koedukation nachgewiesen wurde, im Sportunterricht, soll monoedukativ unterrichtet werden.

Früher hieß es, Koedukation benachteilige Mädchen. Seit 2008 zeigt eine Studie der Christchurch Health and Development Study, Department of Psychological Medicine, University of Otago, aus Christchurch in Neuseeland aber genau das Gegenteil. Darin kommen die Wissenschaftler zu dem Ergebnis:

“…, there were significant interactions between gender and school type. Specifically, at coeducational schools there was a substantial and statistically significant gender gap in achievement favouring females …while at single-sex schools there was a small and non-significant gender gap favouring males…These findings are consistent with the hypothesis that exposure to single-sex schooling mitigates the gender gap in educational achievement.”[1]

Übersetzung:
„…gab es bedeutende Wechselbeziehungen zwischen Geschlecht und Schultyp. Insbesondere in koedukativen Schulen gab es einen substantiellen und statistisch signifikanten Geschlechterunterschied in den Leistungen zugunsten der Mädchen… während es bei monoedukativen Schulen einen kleinen und nichtsignifikanten Geschlechterunterschied zugunsten der männlichen Schüler gab. … Diese Ergebnisse stehen im Einklang mit der Hypothese, dass die monoedukative Beschulung die Geschlechterunterschiede bei den Schulleistungen abschwächt.“

Eine Kritik an der Benachteiligung, eine Stellungnahme, geschweige denn eine Initiative der Politik, diese Benachteiligung von Jungen beseitigen zu wollen, bleibt aus. Im Gegenteil, lediglich dort, wo eine Benachteiligung von Mädchen in der Koedukation nachgewiesen wurde, im Sportunterricht, soll monoedukativ unterrichtet werden. Wieder einmal fällt dort Geschlechterpolitik aus, wo Jungen benachteiligt sind. Damit summiert sich eine weitere Benachteiligung von Jungen im Bildungswesen zu den bisher vorhandenen.

Schlechtere Noten bei gleichen Fachkompetenzen

In verschiedenen Studien seit 1996 wurde festgestellt, dass Jungen bei gleichen schulischen Fachkompetenzen schlechtere Noten erhalten als Mädchen. Die von uns diesbezüglich angeschriebene Antidiskriminierungsstelle des Bundes sieht aber keinen Handlungsbedarf, da sie sich für Jungen und Bildung nicht zuständig fühlt.

Bildungspolitik unterlässt Jungenleseförderung

Die OECD resümierte in ihrer ersten PISA-Studie 2000, dass die schlechte Leseleistung von Jungen eine große bildungspolitische Herausforderung sei. In ihrer zweiten PISA-Studie 2003 hat die OECD dies nochmals bekräftigt, indem sie Jungenleseförderung als primäres Bildungsziel weltweit postulierte. Die Bildungs- und Jugendpolitik hat sich bis heute dieser Herausforderung nicht gestellt. Nirgends sind die geschlechterspezifischen Kompetenzunterschiede nämlich so groß wie im Bereich Lesekompetenz. Der Gender Reading Gap zuungunsten der Jungen ist innerhalb der letzten 15 Jahre sogar signifikant gestiegen und beträgt für 15-Jährige mittlerweile mehr als ein ganzes Schuljahr. 100 reinen Mädchen-MINT-Förderprojekten (MINT= Mathematik, Informationstechnologie, Naturwissenschaften, Technik) stehen lediglich vier Jungenleseförderprogramme gegenüber, wobei von diesen vier Programmen nur ein einziges aus einem Bildungs- und Jugendministerium stammt, und das sind zwei Flyer zur Jungenleseförderung für Eltern und Lehrkräfte in Sachsen. 34 Bildungs- und Jugendministerien in Bund und Ländern haben in den 15 Jahren seit Erscheinen der ersten PISA-Studie, die Jungenleseförderung als große bildungspolitische Herausforderung postulierte, lediglich zwei Flyer zur Jungenleseförderung zustande gebracht.

Staatlich subventionierter „Männerverband“ täuscht Eltern und Gesellschaft

Die Politik in Deutschland marginalisiert die Bildungsprobleme von Jungen. „Mehr als ein Viertel aller jungen Männer in Deutschland sind funktionelle Analphabeten!“[2] Die männliche Jugendarbeitslosenquote ist heute in allen Bundesländern signifikant höher als die weibliche. Ein knappes Viertel der Jugendlichen, davon 62 % Jungen, kann aufgrund mangelnder Abschlüsse keine Ausbildung beginnen. Das sind jährlich rund 44.000 junge Männer (Aktionsrat Bildung 2009). Trotzdem finanziert die Bundesregierung mit Steuergeldern in jährlich sechsstelliger Höhe ein Bundesforum Männer, dessen Vorsitzender Martin Rosowski Eltern von Jungen und Jungs selber in unverantwortlicher Weise weiszumachen versucht, dass die schlechten Bildungsleistungen von Jungen kein Problem wären, weil sie ohnehin die bessern Berufe bekommen würden und diesen damit suggeriert, dass für Jungs gute Schulabschlüsse überflüssig seien.

[1] S. J. Gibb, D. M. Fergusson, L. J. Horwood: „Effects of single-sex and coeducational schooling on the gender gap in educational achievement”; Australian Journal of Education, Vol. 52, No. 3, 2008, 301 – 317 
[2] Prof. Markus Meier 2015; „Lernen und Geschlecht heute“

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Lesermeinungen

  1. Von emannzipiert

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