UNICEF marginalisiert erneut sexuelle Gewalt gegen Jungen

von MANNdat

Wiederholt marginalisiert UNICEF die Gewalt gegen Jungen, Väter und Männer. MANNdat kritisiert in einem offenen Brief das Weglassen von Jungen als Opfer sexualisierter Gewalt.

Das Marginalisieren von Gewalt gegen Jungen, Väter und Männer ist nicht gerechtfertigt. MANNdat kritisiert in einem offenen Brief an UNICEF das Weglassen von Jungen und männlichen Jugendlichen als Opfer sexualisierter Gewalt.

Offene Post an UNICEF vom 4. Dezember 2017

an das
Deutsche Komitee für UNICEF e.V.
Höninger Weg 104
50969 Köln

mail@unicef.de, info@unicef.de, presse@unicef.de, spenden@unicef.de, buchhaltung@unicef.de, karina.hoevener@unicef.de, jasper.broeker@unicef.de, anja.petz@unicef.de, ulrike.maas@unicef.de, lena.dietz@unicef.de, youth@unicef.de, marianne.mueller-antoine@unicef.de, grusskarten@unicef.de, engagiert@unicef.de, claudia.jainz@unicef.de, stefan.becker@unicef.de, philipp.manseck@unicef.de

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir kritisieren hiermit Ihre Presseberichterstattung, mit der Sie nach unserem Empfinden sexuelle Gewalt gegen Jungen und männliche Jugendliche verharmlosen.

Begründung:

In Ihrer Pressemeldung zu Ihrer neuen globalen Statistikanalyse legen Sie zwar zu Beginn dar:

„(…) rund 300 Millionen Mädchen und Jungen (…) erleben körperliche oder verbale Gewalt durch ihre Erziehungsberechtigten zu Hause.

(…) Mädchen und Jungen werden zu sexuellen Handlungen gezwungen.“

Weiter unten heißt es aber dann:

„Eine schwere Verletzung der Kinderrechte sind sexuelle Übergriffe. Schätzungsweise 15 Millionen Mädchen zwischen 15 und 19 haben in ihrem Leben bereits sexuelle Gewalt erlitten. In 28 Ländern mit verfügbaren Daten dazu gaben 90 Prozent der Mädchen an, dass sie ihren Peiniger kannten.“

Jungen werden nicht mehr genannt.

Es ist nicht das erste Mal, dass Sie dies tun. Schon 2007 rief das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen dazu auf, „Mädchen vor Benachteiligung, Diskriminierung und Gewalt zu schützen“ (UNICEF – Brief 1/2007). Für Jungen stellte UNICEF diese Forderung nicht.

Speziell männliche Opfer sexueller Gewalt werden dabei von UNICEF marginalisiert. So teilte UNICEF schon 2014 in ihrer Pressemeldung zum damaligen Bericht mit:

„Schätzungsweise jedes zehnte Mädchen auf der Welt macht in ihrem Leben die Erfahrung, zum Geschlechtsverkehr gedrängt oder gezwungen zu werden. Sexuelle Gewalt geht in den weitaus meisten Fällen von den Partnern, Ehepartnern oder Freunden aus. Während das Phänomen oft mit armen Ländern oder Krisengebieten in Verbindung gebracht wird, ist es jedoch auch in Industrieländern verbreitet. Eine häufige Form sexueller Gewalt ist heute auch die Bloßstellung oder Belästigung im Internet.

(…) Die Hälfte aller Mädchen und jungen Frauen zwischen 15 und 19 Jahren (rund 126 Millionen) sind der Meinung, dass ein Ehemann oder Partner berechtigt ist, seine Frau gelegentlich zu schlagen. Im südlichen Afrika und in Nordafrika und im Nahen Osten ist der Anteil noch höher. Auch in Südasien ist diese Einstellung weit verbreitet. Daten aus 30 Ländern dokumentieren, dass sieben von zehn Mädchen, die Opfer sexueller Gewalt waren, niemals Hilfe gesucht haben. Viele dachten nicht, dass es Missbrauch war und erkannten nicht, dass dies ihnen schadet.“

Jungen als Opfer sexueller Gewalt erwähnten Sie nicht.

Wir sehen darin eine Verharmlosung von sexueller Gewalt gegen Jungen und männliche Jugendliche. Sie ist nach unserer Auffassung mit der Menschenrechtskonvention der UN vom 10. Dezember 1948 nicht vereinbar, nach der

  • alle Menschen – auch männliche Opfer sexueller Gewalt – gleich an Würde und Rechten geboren sind (Art.1),
  • jeder – auch männliche Opfer sexueller Gewalt – Anspruch auf alle in der Menschenrechtserklärung der UN verkündeten Rechte und Freiheiten, ohne irgendeinen Unterschied, etwa nach Geschlecht, hat (Art.2),
  • jeder – auch männliche Opfer sexueller Gewalt – das Recht auf Sicherheit der Person hat (Art.3),
  • niemand – auch nicht Jungen oder männliche Jugendliche – grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe unterworfen werden darf (Art.5) und
  • alle Menschen – auch männliche Opfer sexueller Gewalt – vor dem Gesetz gleich sind und ohne Unterschied Anspruch auf gleichen Schutz durch das Gesetz haben. (Art.7)

UNICEF setzt sich laut seiner Satzung weltweit ein, um Kinder vor Ausbeutung und Missbrauch zu schützen. Laut Satzung des Deutschen Komitees für UNICEF setzen Sie sich zudem konkret für die Verwirklichung der in der Kinderrechtskonvention festgelegten Rechte von Kindern ohne Unterscheidung nach Geschlecht oder sonstiger Umstände des Kindes ein.

Wer eine solche Satzung hat, darf kein Gewaltopfer verschweigen.

Sie jedoch machen in Ihren Pressemeldungen die Thematisierung des Missbrauchs von Kindern und sexuelle Gewalt gegen Kinder vom Geschlecht abhängig. Damit suggerieren Sie, sexuelle Gewalt gegen Jungen und männliche Jugendliche seien weniger erwähnenswert und damit harmloser als sexuelle Gewalt gegen Mädchen und weibliche Jugendliche. Eine solche Auffassung würde jedoch jeglicher sachlicher und moralischer Grundlagen entbehren. Es gibt überhaupt keine Rechtfertigung, Mädchen und weibliche Jugendliche als Opfer sexueller Gewalt zu thematisieren und Jungen und männliche Opfer sexueller Gewalt gleichzeitig unbenannt zu lassen und damit unsichtbar zu machen.

Dies gilt auch dann, wenn es eine signifikant geringere Zahl an Opfern sexueller Gewalt bei Jungen und männlichen Jugendlichen geben würde. Ein solches Gegeneinanderausspielen von Zahlen weiblicher Opfer sexueller Gewalt gegen Zahlen männlicher Opfer sexueller Gewalt wäre ethisch äußerst bedenklich.

Unabhängig davon ist die Dunkelziffer von sexueller Gewalt gegen Jungen oder männliche Jugendliche sehr hoch, was man daran erkennen kann, dass in unserer Zeit immer wieder neue Skandale bezüglich sexuellen Missbrauchs gegenüber Jungen aufgedeckt werden. Denn immer noch wird es aufgrund archaischer Männerrollenbilder männlichen Opfern extrem erschwert, öffentlich über ihre Opfererfahrung zu sprechen. Männliche Opfer von Gewalt werden nicht als Opfer wahrgenommen, sondern als Versager in ihrer Männlichkeit.

Das sind die Rahmenbedingungen, die letztendlich auch die Basis für Menschenrechtsverbrechen bilden, wie sie 1995 in Srebrenica geschehen sind.

Damals wurden in die UN-Schutzzone Srebrenica geflüchtete Bosniaken (die muslimische Enklave stand damals unter dem Schutz der Blauhelme!) von den bosnisch-serbischen Kräften separiert in die, die geschützt wurden (Frauen und kleine Kinder) und die, die nicht geschützt wurden (Männer, männliche Jugendliche und zum Teil auch kleine Jungen). Und die ganze Welt saß vor dem Fernseher und verfolgte voyeuristisch mit, wie die ausselektierten Jungen, männlichen Jugendlichen und Männer zurück blieben. Und die UN- „Schutz“truppen standen tatenlos daneben und ließen dieses menschenverachtende Schauspiel ungehindert ablaufen.

Kurz danach wurden die etwa 8.000 abtransportierten Bosniaken, Männer und Jungen zwischen 13 und 78 Jahren, ermordet.

Ein solches Verbrechen wäre völlig unmöglich gewesen, wenn die Welt und die UN damals allen Menschen, unabhängig vom Geschlecht, die gleichen Menschenrechte nach ihrer Menschrechtskonvention zugestanden und diese verteidigt hätten, also wenn sie menschenrechtskonform gehandelt und alle Menschen, unabhängig vom Geschlecht, in Schutz genommen hätten.

Offenbar haben die UN und ihre Organisationen aus diesen Fehlern nichts gelernt.

Pressemeldungen, die männliche Opferzahlen sexueller Gewalt verschweigen, tragen zu diesem Phänomen bei. Dadurch entsteht ein Teufelskreis, aus dem Jungen und männliche Jugendliche als Opfer sexualisierter Gewalt kaum wagen auszubrechen. Es ist auch Ihre Aufgabe, diesen Opfern zu helfen, den Teufelskreis zu durchbrechen und nicht, diesen Teufelskreis zu systematisieren.

Unsere Anliegen

Wir fordern Sie hiermit auf,

  • das Teilen von Menschrechten zu beenden und Menschen unabhängig vom Geschlecht die Menschenrechte aus Ihrer UN-Menschenrechtskonvention zu gewähren,
  • in Ihren Berichten konsequent durchgehend objektiv die Situation beider Geschlechter darzustellen und
  • die Welt dazu zu bewegen, sexuelle Gewalt und allgemein Gewalt gegen Jungen und männliche Jugendliche ebenso zu ächten und zu bekämpfen wie sexuelle Gewalt und allgemein Gewalt gegen Mädchen und weibliche Jugendliche.

Mit freundlichen Grüßen

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