Was der Bildungsbericht verschweigt – Teil 9: Soziale Hintergründe

von Manndat

Was der Bildungsbericht verschweigt – Teil 9: Soziale Hintergründe

In unserem offenen Brief vom 23. Juli 2020 an die Verantwortlichen des Bildungsberichtes haben wir kritisiert, dass die Bildungsprobleme von Jungen zum wiederholten Male im Bildungsbericht unsichtbar gemacht werden. Aus diesem Grunde haben wir uns entschlossen, ab sofort regelmäßig eine eigene Dokumentationsreihe zur Bildungssituation von Jungen mit dem Titel „Was der Bildungsbericht verschweigt“ zu veröffentlichen. Hier Teil 9 –  Soziale Hintergründe

Bildungserfolge hängen insbesondere in Deutschland von drei wesentlichen Faktoren ab: sozialer Hintergrund der Eltern des Kindes, Migrationshintergrund und Geschlecht. Dass Bildungsmisserfolge nicht nur von sozialer Herkunft und Migrationshintergrund abhängen, sondern auch vom (männlichen) Geschlecht, ist schon lange bekannt. Waren es bis in die 70er Jahre noch die Mädchen, die schlechtere Bildungsabschlüsse erzielten, sind es heute die Jungen, zu deren Ungunsten der Gender Education Gap ausfällt.

Nun hat das Ifo-Institut diese drei Faktoren in einer Studie aus 2023 nochmals bestätigt. Die geschlechterspezifischen Disparitäten beim Bildungserfolg betragen bei

  • Gymnasialbesuch der Eltern bis zu 22 Prozent
  • Alleinerziehendenstatus der Eltern bis zu 20 Prozent
  • Nettoeinkommen der Eltern bis zu 19 Prozent
  • Arbeitslosigkeit der Eltern bis zu 19 Prozent
  • Migrationshintergrund der Eltern bis zu 16 Prozent

Schon Rainer Geißler 2005 (Rainer Geißler: „Die Metamorphose der Arbeitertochter zum Migrantensohn.“, aus: „Institutionalisierte Ungleichheiten. Wie das Bildungswesen Chancen blockiert.“ Weinheim: Juventa Verl. (2005) S. 71-100) hat belegt, dass der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Geschlecht nicht ganz verschwunden ist, sondern sich lediglich umgekehrt hat. Galt früher die Arbeitertochter als doppelt benachteiligt, ist mittlerweile eine doppelte Benachteiligung beim männlichen Geschlecht (Arbeitersöhne) zu verzeichnen, wobei 2005 die größte geschlechterspezifische Benachteiligung bei Jungen aus der Mittelschicht zu verzeichnen war.

Daten aus: Geißler, Rainer (2005): Die Metamorphose der Arbeitertochter zum Migrantensohn. In: Berger, Peter A./Kahlert, Heike (Hrsg.): Institutionalisierte Ungleichheiten. Weinheim und München, S. 71-102.

Im Zuge der PISA-Studien, die Jungenbildungsförderung als wichtigste bildungspolitische Herausforderung rekapitulierten, wurde auch in Deutschland über Jungenbildungsförderung, insbesondere im Lesen, debattiert.

Dieser Debatte wurde ein jähes Ende gesetzt, nachdem das Bundesjugendkuratorium 2009 im Auftrag der damaligen Bundesjugendministerin Ursula von der Leyen („Ich finde es nicht schlimm, dass Mädchen in Sachen Bildung an den Jungen vorbeiziehen.“ Ursula von der Leyen 2006; https://www.openpr.de/news/349135/CDU-bricht-Wahlversprechen.html) in einer Stellungnahme „Schlaue Mädchen – Dumme Jungen? Gegen Verkürzungen im aktuellen Geschlechterdiskurs“ die geschlechterspezifische Komponente aus den oben genannten drei Ursachen des Bildungsmisserfolges heraus marginalisierte. So hieß es in der Stellungnahme:

„Zudem ist es nicht zutreffend, »die« Jungen pauschal als Bildungsverlierer zu betrachten, da die Ergebnisse für die Gruppe der Jungen ein sehr heterogenes Bild abgeben, insbesondere wenn weitere Unterscheidungen nach Migrationsgeschichte und sozialer Herkunft berücksichtigt werden.“

Trotz des Widerspruchs zu wissenschaftlichen Erkenntnissen wurde die Jungenbenachteiligungen marginalisierende Stellungnahme in diversen „Expertisen“ oder „Studien“ wiederholt. In der GEW-Studie „Bildung und Geschlecht zur Diskussion um Jungenbenachteiligung und Feminisierung in deutschen Bildungsinstitutionen“, eine Studie im Auftrag der Max-Traeger-Stiftung von Thomas Viola Rieske, herausgegeben durch die „GEW – Frauen in der GEW“ von 2011, schreibt der Autor:

Jungen verlassen im Vergleich zu Mädchen die Schule im Schnitt häufiger mit einem niedrigeren oder keinem Schulabschluss (in 2008 Jungen zu 8,5%, Mädchen zu 5,5%). Jedoch sind davon hauptsächlich ein bestimmter Teil von Jungen betroffen: Jungen mit Migrationshintergrund und aus unteren sozialen Schichten, also solche Jungen, die mit geringem ökonomischem, sozialem und kulturellem Kapital ausgestattet sind (1.3.1.). (Rieske S.73)

Anne Jenter, damals Leiterin des Arbeitsbereichs Frauenpolitik und Mitglied des Geschäftsführenden Vorstands beim Hauptvorstand der GEW, schließt daraus im Vorwort:

„Die These von den Jungen als Bildungsverlierern ist nicht haltbar.“

Wie schon durch die Arbeiten von Rainer Geißler belegt, gibt es mittlerweile eine neue, aktuelle Studie, die die Bildungschancen von Kindern in Abhängigkeit vom Bildungsstand, den Einkommensverhältnissen, dem Migrationshintergrund und dem Alleinerziehendenstatus der Eltern untersucht hat. Dabei wurde auch geschlechtsspezifisch ausgewertet. In ALLEN untersuchten Kriterien ist ein signifikanter Bildungsnachteil zuungunsten der Jungen festzustellen.

Die Ergebnisse belegen, dass Behauptungen und Aussagen, die suggerieren, die geschlechterspezifischen Disparitäten beim Bildungserfolg von Kindern seien irrelevant, sachlich nicht haltbar waren und es auch weiterhin nicht sind. Diese nicht haltbare Behauptungen und Aussagen führten jedoch zu einem Vernachlässigen von Jungenbildungsförderung.

Zur Studie

Quelle: Ludger Wößmann, Florian Schoner, Vera Freundl und Franziska Pfaehler: Der ifo-„Ein Herz für Kinder“- Chancenmonitor „Wie (un-)gerecht sind die Bildungschancen von Kindern aus verschiedenen Familien in Deutschland verteilt?“; ifo Schnelldienst 4 / 2023 76. Jahrgang 19. April 2023

Zur Datengrundlage und Vorgehensweise

„Die Berechnungen des Chancenmonitors basieren auf den Daten des Mikrozensus, der amtlichen Repräsentativstatistik über die Bevölkerung und den Arbeitsmarkt in Deutschland.

Mit einer Stichprobengröße von etwa 1 % der Bevölkerung stellt der Mikrozensus die größte Haushaltsbefragung in Deutschland dar und ermöglicht damit besonders differenzierte Analysen. Er erhebt Informationen über alle in den teilnehmenden Haushalten lebenden Personen. Für unsere Hauptanalysen nutzen wir das neueste verfügbare Erhebungsjahr 2019, das eine Stichprobengröße von insgesamt 867 049 Personen umfasst. Die gesetzlich vorgeschriebene Auskunftspflicht führt zu repräsentativen Ergebnissen und geringen Ausfallquoten bei den befragten Haushalten und den einzelnen Fragen.

Für die Analysen nutzen wir den On-Site-Zugang am Gastwissenschaftlerarbeitsplatz an den Forschungsdatenzentren der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder.

Wir beschränken die Stichprobe auf diejenigen Haushalte, in denen mindestens ein Kind im Alter zwischen zehn und 18 Jahren lebt, das nicht mehr die Grundschule besucht. Dies trifft auf 56 709 Kinder zu. Nach Ausschluss von Beobachtungen, bei denen die benötigten Informationen über den sozioökonomischen Hintergrund fehlen, liegt die Stichprobengröße unserer Hauptanalyse bei 51 240 Kindern.

Ziel der Festlegung der Alterskohorten auf zehn bis 18 Jahre ist, den Gymnasialbesuch für eine möglichst große Stichprobe zu beobachten. Deshalb beginnt die Stichprobe mit dem üblicherweise frühestmöglichen Eintrittsalter in die weiterführende Schule von zehn Jahren. Die Stichprobe endet mit 18 Jahren, weil der Mikrozensus Kinder nur mit ihrem familiären Hintergrund in Verbindung bringen lässt, wenn sie noch im Haushalt ihrer Eltern leben. Im Alter von 17 bzw. 18 Jahren trifft dies auf 97 % bzw. 92 % der Kinder zu, im Alter von 19 bzw. 20 Jahren hingegen nur noch auf 84 % bzw. 72 % (Dodin et al. 2022).

Der Gymnasialbesuch wird darüber gemessen, ob ein Kind derzeit ein Gymnasium (inkl. Berufliches Gymnasium und Abendgymnasium) besucht, bereits das Abitur als höchsten allgemeinen Schulabschluss hat oder aktuell eine Universität besucht.

Für 2019 ergibt sich eine Gymnasialbesuchsquote von 41,4 % (…).

Der Chancenmonitor nutzt vier Merkmale, um den familiären Hintergrund der Kinder abzubilden.

(1) Der Bildungsstand der Eltern wird in drei Ausprägungen gemessen: ob kein, ein oder zwei Elternteil(e) im Haushalt das Abitur (allgemeine oder fachgebundene Hochschulreife) als höchsten Schulabschluss haben. In der Stichprobe haben 64,0 % der Kinder kein Elternteil mit Abitur, 21,5 % eines und 14,4 % zwei.

(2) Die Einkommensverhältnisse werden durch das monatliche Nettoeinkommen des Haushalts gemessen (…)

(3) Der Migrationshintergrund gibt an, ob mindestens ein Elternteil die deutsche Staatsangehörigkeit nicht durch Geburt besitzt oder das für mindestens eines der Großelternteile zutrifft.

Dies trifft auf 35,3 % der Stichprobe zu; bei 14,5 % hat ein Elternteil und bei 20,7 % beide Elternteile einen Migrationshintergrund.

(4) Der Alleinerziehendenstatus der Eltern lässt sich im Mikrozensus darüber messen, ob das mit dem Kind im Haushalt lebende Elternteil nicht mit einem Ehepartner, der das zweite Elternteil ist, im gleichen Haushalt wohnt. Dies trifft auf 26,7 % der Kinder zu.

(…) Die gesamte Stichprobengröße beträgt in dem Jahr 699 197 Personen. Darunter befinden sich 48 588 Kinder mit den Angaben zu den entsprechenden sozioökonomischen Hintergrundmerkmalen, die unsere Analysestichprobe darstellen. Die Vorgehensweise bei der Berechnung des Chancenmonitors für 2009 entspricht derjenigen für 2019.“ (S. 36f.)

Die Ergebnisse

Zu den Ergebnissen gibt eine Pressemeldung des Ifo-Instituts Auskunft:

Die Wahrscheinlichkeit, ein Gymnasium zu besuchen, liegt bei einem Kind mit einem alleinerziehenden Elternteil ohne Abitur aus dem untersten Einkommensviertel und mit Migrationshintergrund bei 21,5 Prozent. Im Gegensatz dazu liegt sie bei 80,3 Prozent, wenn das Kind mit zwei Elternteilen mit Abitur aus dem obersten Einkommensviertel und ohne Migrationshintergrund aufwächst. 

Allein bei der Betrachtung der Bildung der Eltern ergeben sich schon große Unterschiede: Der Gymnasialbesuch der Kinder steigt von 28,2 Prozent bei Kindern, deren Eltern kein Abitur haben, über 57,9 Prozent bei einem Elternteil mit Abitur auf 75,3 Prozent, wenn beide Elternteile ein Abitur haben. Unterschiede zeigen sich zudem bei der Erwerbstätigkeit der Eltern. Insgesamt liegt die Wahrscheinlichkeit, ein Gymnasium zu besuchen, bei Mädchen bei 44,9 Prozent und damit um 6,9 Prozentpunkte höher als bei Jungen (38 Prozent). Diese Unterschiede zwischen den Geschlechtern finden sich in ähnlicher Größenordnung unabhängig von der sozialen Herkunft der Kinder. 

Quelle: https://www.ifo.de/pressemitteilung/2023-04-18/chancenmonitor-2023-bildungschancen-haengen-stark-vom-elternhaus-ab, Abruf 9.5.2023

Die nachfolgenden Graphiken basieren auf den Daten der o.g. Ifo-Studie.

Bildungschancen in Abhängigkeit des Bildungsabschlusses der Eltern

 

Bildungschancen in Abhängigkeit des Einkommens der Eltern

 

Bildungschancen in Abhängigkeit des Migrationshintergrunds der Eltern

 

Bildungschancen in Abhängigkeit des Alleinerziehendenstatus der Eltern

 

 Bildungschancen in Abhängigkeit der Erwerbstätigkeit der Eltern

 

Empfehlungen des Ifo-Instituts

Um die Chancengerechtigkeit zu erhöhen, empfiehlt der der ifo-„Ein Herz für Kinder“- Chancenmonitor sechs Ansatzpunkte:

  1. frühkindliche Bildungsangebote für benachteiligte Kinder ausbauen,
  2. Familien benachteiligter Kinder bei der Erziehung unterstützen,
  3. die besten Lehrkräfte an Schulen mit vielen benachteiligten Kindern bringen,
  4. Nachhilfeprogramme für benachteiligte Kinder früh und kostenfrei anbieten,
  5. die Aufteilung auf unterschiedliche weiterführende Schulen verschieben und
  6. Mentoring-Programme für benachteiligte Kinder fördern.

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