„Sprachpolizisten“ küren „Sprachpolizei“ zu einem Unwort des Jahres

von Dr. Bruno Köhler

Wie üblich hatte die Tagesschau auch in diesem Jahr das „Unwort des Jahres“, diesmal des Jahres 2021, bekanntgegeben. Auf Platz zwei kürten die Juroren den Begriff „Sprachpolizei“. Wir zeigen auf, wer hinter dieser Aktion steckt.

Der Begriff „Sprachpolizei“ wird häufig bei Kritik an der Gängelung der Bürger durch die Gendersprache benutzt. Mit diesem Begriff, so framt die Tagesschau, würden Personen diffamiert, die sich unter anderem für einen angemessenen, gerechteren und nicht-diskriminierenden Sprachgebrauch einsetzten. Das ist eine sehr interessante Umschreibung eines Zensors.

Es ist sehr bezeichnend, Genderwörter, die lediglich Frauen sichtbar machen und allenfalls noch ein Sonderzeichen in der Mitte haben, um dies für Dumme zu kaschieren, mit „angemessen, gerecht und nichtdiskriminierend“ in Verbindung zu bringen.

„Sprachpolizei“ musste sich dabei lediglich dem Begriff „Pushback“ („zurückdrängen, zurückschieben“) geschlagen geben, das zum Unwort des Jahres 2021 gekürt worden ist. Ein Begriff, mit dem die Praxis von Europas Grenztruppen (noch vor dem Ukraine-Krieg) beschrieben wird, wenn Flüchlinge, meist unmittelbar nach Grenzübertritt, zurückgeschoben werden.

Damit dokumentiert sich, wes Geistes Kind die Jury ist. Gäbe es das umstrittene, damals tagesaktuellere Verhalten an den EU-Grenzen nicht, wäre „Sprachpolizei“ vermutlich auf Platz eins gelandet. Im Sprachgebrauch ist es schon deutlich länger als die Auswüchse in der Flüchtlingspolitik vor dem Ukraine-Krieg.

Was ist „Unwort des Jahres“

Geht man auf die Homepage der Aktion, fällt einem sofort der intensive Gebrauch der Gendersprache auf, also jener Sprache, die Männer unsichtbar macht. Unter „Kriterien und Auswahlverfahren“ heißt es:

„Die Aktion «Unwort des Jahres» möchte auf öffentliche Formen des Sprachgebrauchs aufmerksam machen und dadurch das Sprachbewusstsein und die Sprachsensibilität in der Bevölkerung fördern. Sie lenkt daher den sprachkritischen Blick auf Wörter und Formulierungen in allen Feldern der öffentlichen Kommunikation, die gegen sachliche Angemessenheit oder Humanität verstoßen, zum Beispiel:

  • weil sie gegen das Prinzip der Menschenwürde verstoßen,

  • weil sie gegen Prinzipien der Demokratie verstoßen (z. B. alternativlos als Haltung/Position in der politischen Diskussion, um eine solche zu vermeiden und sich der Argumentationspflicht zu entziehen),

  • weil sie einzelne gesellschaftliche Gruppen diskriminieren, stigmatisieren und diffamieren (z. B. durch unangemessene Vereinfachung oder Pauschalverurteilung, wie etwa Wohlstandsmüll als Umschreibung für arbeitsunwillige ebenso wie arbeitsunfähige Menschen),

  • weil sie euphemistisch, verschleiernd oder gar irreführend sind (z. B. freiwillige Ausreise als Behördenterminus für die nur bedingt oder gar nicht freiwillige Rückkehr von Asylbewerbern in ihre Heimatländer aus Abschiebehaftanstalten).“

Teilhabe der Bevölkerung?

Auf der Starthomepage werden das Interesse und die Mitwirkung der Bevölkerung als Voraussetzung genannt:

„Die Voraussetzung: das Interesse und die Mitwirkung der Bevölkerung

Die sprachkritische Aktion basiert auf dem Interesse und auf der Mitwirkung der Bürger:innen. Jede Person kann bis zum 31.12. eines jeden Jahres schriftlich Unwortvorschläge an die Jury einreichen (bitte mit kurzer Begründung und Quellenangaben!). Die Jury ‚kreiert‘ also keine Unwörter, sondern wählt nach gemeinsamer Diskussion begründet aus den aktuellen Einsendungen aus.“

Die Mitwirkung der Bevölkerung besteht also darin, dass diese Vorschläge macht. Auf den weiteren Entscheidungsprozess der Jury hat diese aber keinerlei Einfluss. Es ist egal, ob ein Vorschlag einmal oder eine Million Mal eingereicht wurde. Es entscheidet allein die Jury und sie begründet die Auswahl dann auch, d. h. der Grund für die Auswahl kann auch ein ganz anderer sein als die Gründe derjenigen, die den Vorschlag eingereicht haben.

So wurde z. B. das Unwort „Opfer-Abo“ des Jahres 2012 laut Spiegel lediglich von nur einer Person vorgeschlagen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Der Moderator Jörg Kachelmann hat den Begriff seinerzeit geprägt, als er sich erfolgreich gegen eine Falschbeschuldigung zur Wehr setzte. Mainstream-Medien haben es Kachelmann nie verziehen, dass er sich nicht bereitwillig zum Täter machen ließ und treten seitdem immer wieder nach.

Wird hier nicht eine Teilhabe der Bevölkerung suggeriert, die sich lediglich auf die Rolle des Lieferanten beschränkt und die als mögliches Alibi dient? Denn wenn die Jury mal kräftig in die Kritik geraten würde, könnte sie sagen: „Was denn? Ihr haben es doch vorgeschlagen.“ Der Einfluss der „Teilhabe“ ist dagegen doch sehr gering, dies vorzugeben könnte man vielleicht auch euphemistisch, verschleiernd oder gar irreführend nennen.

Diesmal wurde sogar ein rein persönliches Unwort eines der Jurymitglieder als Unwort des Jahres mitgekürt: Militärschlag.

Wer sind die Macher?

Der Herausgeber des Wetzlar Kurier schreibt in seiner Zeitung zu der Jury u. a.:

„Hinter der Jury, deren Entscheidung alljährlich prominent auch in der ‚Tagesschau‘ verkündet wird, verbirgt sich entgegen aller Vermutungen keine offiziell benannte Denkschmiede. Vielmehr handelt es sich um eine Clique von vier Wissenschaftlern und einem Autor, die sich eigeninitiativ zusammengeschlossen haben.

[…] man könnte ja auch auf die Idee kommen, das Wort ‚Bulle‘, ‚Aktivist‘, ‚Alte weiße Männer‘ oder ‚Umweltsau‘ zu benennen. Hieraus wird deutlich, dass es sich eher um eine politische Debatte, denn um eine sprachwissenschaftliche Debatte handelt.“

Wer sind also die Macher, die sich auserwählt fühlen, über die Menschenwürde, Demokratie, Diskriminierung, Stigmatisierung, Diffamierung, Verschleierung, Irreführung von Wörtern zu richten und sie zu Unwörtern zu stigmatisieren und diffamieren? Sieht man sich die Ansammlung hehrer Begriffe an, mit denen die Macher hier beeindrucken möchten, sind dies alles rechtlich bedeutsame Begriffen aus dem Grundgesetz, dem Verfassungsrecht, dem Strafrecht. Man vermutet also zumindest eine erhebliche Anzahl von erfahrenen Verfassungsrechtlern und Strafrechtlern in der Jury. Auf der Starthomepage steht dazu:

Die Jury: ehrenamtlich und institutionell unabhängig

Die Jury besteht aus vier Sprachwissenschaftler:innen und einer Journalistin, die Sprachkritik auch außerhalb der Universität für relevant halten. Die Jury wird im jährlichen Wechsel durch ein weiteres sprachinteressiertes Mitglied aus dem Bereich des öffentlichen Kultur- und Medienbetriebes ergänzt. Sie arbeitet institutionell unabhängig; d.h. sie ist weder an einzelne Universitäten, Sprachgesellschaften/-vereine oder Verlage gebunden. Die Jurymitglieder beteiligen sich ehrenamtlich und aus Interesse und verstehen sich als Vermittler:innen öffentlichen Unbehagens an bestimmten Sprachgebrauchsweisen, nicht aber – ein häufiges Missverstehen – als „Sprachschützer:innen“.

Also 4 Sprachwissenschaftler + 1 Journalistin + „weiteres sprachinteressiertes Mitglied aus dem Bereich des öffentlichen Kultur- und Medienbetriebes“ nach Gusto der anderen 5 Mitglieder. Das ist alles. Kennen Sie das Gefühl, ein grandios aufgemotztes Paket zu kaufen, es dann zuhause auszupacken und, nachdem der Inhalt auf dem Tisch liegt, ungläubig in die leere Schachtel zu starren und sich zu fragen, ob das wirklich schon alles sein soll?

Schauen wir uns die selbsternannten Unwort-Bestimmer aus 80 Millionen genauer an:

Prof. Dr. Constanze Spieß (Sprecherin) ist Professorin für Pragmalinguistik am Institut für Germanistische Sprachwissenschaft der Philipps-Universität Marburg. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen u. a. in der Politolinguistik und Genderlinguistik.

Dr. Kristin Kuck ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich germanistische Sprachwissenschaft an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Ihre Arbeitsschwerpunkte ist u. a. politische Sprache.

Prof. Dr Martin Reisigl ist Assistenz-Professor für Angewandte Sprachwissenschaft am Institut für Sprachwissenschaft der Universität Wien. Seine Arbeitsschwerpunkte sind u. a. Politolinguistik und Genderlinguistik.

Dr. David Römer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Trier. Seine Arbeitsschwerpunkte ist u. a. politischer Sprachgebrauch in Geschichte und Gegenwart.

Alexandra-Katharina Kütemeyer ist Journalistin, leitete früher die Politikredaktion der Frankfurter Rundschau, war Mitglied der Chefredaktion des Bremer Weser-Kurier und Head of Social Media beim Stern.

Das sind die ständigen Mitglieder seit 1991.

Aufgrund der Mitbenennung des rein persönlichen Unwortes „Militärschlag“ des diesjährigen Gastes Harald Schumann ist uns auch dieses sechste Jurymitglied bekannt. Harald Schumann ist Journalist und seit 2004 Redakteur beim Tagesspiegel, dem – Zitat Vera Lengsfeld – „Zentralorgan der Denunzianten“.

Die Macher betonen, dass ihre Aktion nicht dazu diene, die Sprache zu schützen. Welchen Zweck hat die Aktion dann?

Der Begriff „Sprachpolizei“

Der Begriff „Sprachpolizei“ ist ein satirischer Begriff, mit dem darauf aufmerksam machen möchte, dass in einem Land, in dem die Meinungsfreiheit grundgesetzlich garantiert ist, man medial an den Pranger gestellt wird, wenn man nicht politisch korrekt redet und schreibt. Also genau das, was die Macher des „Unwort des Jahres“ tun. Sie zielen nur vordergründig auf das „Unwort“ selbst ab. Tatsächlich stellen sie damit diejenigen, die diesen von ihnen als politisch nicht korrekt bewerteten Begriff benutzen, an den medialen Pranger.

Werbewirksam wird das Ergebnis der Jury im mit Zwangsabgaben finanzierten, öffentlich-rechtlichen Fernsehen, genauer in der Tagesschau, zur besten Sendezeit bekanntgegeben. Mehr medialer Pranger geht nicht.

 

Bildquelle:fotolia99726790urheber-hikdaigaku86_150x150.jpg

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Lesermeinungen

  1. Von Markus L

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  2. Von Gary

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  3. Von Mathematiker

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