Wehrpflicht – Sein Körper gehört den Ewiggestrigen

von Gunnar Kunz

Zum Thema „Wehrpflicht“ ein Beitrag des Autors Gunnar Kunz

Sein Körper gehört den Ewiggestrigen

Ich habe die Doppelmoral in diesem Land satt. Ich habe es satt, dass sich selbstgerechte Menschen ununterbrochen als Moralapostel aufspielen und jedes Wort, das jemand von sich gibt, daraufhin untersuchen, ob sich nicht irgendeine Mimose dadurch diskriminiert fühlen könnte, aber es für völlig normal halten, dass Männer – ausschließlich Männer – wie seit Jahrtausenden zwangsweise dazu verdonnert werden, bei Bedarf im nächsten Schützengraben zu verrecken. Einerseits wird ein sogenanntes Selbstbestimmungsgesetz ins Leben gerufen, damit jeder, der mit seinem Leben nicht klarkommt, die Gesellschaft dafür in Geiselhaft nehmen kann, aber sobald Kanonenfutter gebraucht wird, ist die »Zuordnung zum männlichen Geschlecht im Spannungs- und Verteidigungsfall« plötzlich keineswegs mehr Sache jedes Einzelnen, sondern schlicht und einfach eine Frage des Nutzwerts.1 »Mein Körper gehört mir« gilt offenbar nicht für jeden.

Es wurde ja schon immer ein feiner Unterschied gemacht, je nachdem, ob ein Problem Männer betraf oder Frauen. Angefangen 1955 bei der Einführung der Wehrpflicht, als Clara Sahlberg (ÖTV) auf einer Bundesfrauenkonferenz des DGB die Diskussion um eine Dienstverpflichtung von Frauen mit den Worten abbügelte, »dass die Einführung eines Pflichtjahrs für Mädchen unbedingt abzulehnen ist, (…) zumal sich eine solche Maßnahme auch wirtschaftlich und sozial nachteilig für die weibliche Jugend auswirkt.«2 (S. 18) 1981 wandten sich die Delegierten der Bundesfrauenkonferenz des DGB »gegen alle Bestrebungen, die (…) Grundrechte durch die Einführung der allgemeinen Dienstpflicht für Frauen auszuhöhlen«, weil »die besonderen hierarchischen Strukturen der Bundeswehr Anpassung und Unterordnung voraussetzen«.2 (S. 77-78) All das stört offenbar nicht weiter, solange es bloß Männer trifft. Männer haben zu funktionieren, fertig.

Ich habe es satt, mir anhören zu müssen, mit welch verlogenen Begründungen die Doppelmoral in Bezug auf die Wehrpflicht stets gerechtfertigt wird. Da sind reaktionäre Geschlechterklischees plötzlich wieder opportun, da wird die besondere Heiligkeit der Frau beschworen, ihre angebliche Unschuld, Friedfertigkeit, Empathie. »Frauen (…) dürfen auf keinen Fall Dienst mit der Waffe leisten«, weil »unsere Auffassung von der Natur und von der Bestimmung der Frau einen Dienst mit der Waffe verbietet.«2 (S. 18) (so schon Elisabeth Schwarzhaupt (CDU) 1955). »Frauen, die bestimmt sind, Leben zu geben, dürfen nicht zum Töten gezwungen werden.« (Liselotte Funcke (FDP) 1978). Denn dann könnte frau ja schlecht weiter die angeblich gewalttätige Natur der Männer gegen die angeblich friedfertige Natur der Frauen aufrechnen wie etwa Ariane Barth im gleichen Jahr im Spiegel: »Nahe liegt, dass Töten, dieses Männerhandwerk, sich behaupten will gegen das Entgegengesetzte, gegen die lebensgebende Kraft, gegen den Leib der Frau«.2 (S. 57) Und während es sich Männer auch 1979 nicht aussuchen konnten, ob sie zum Wehrdienst eingezogen wurden, inszenierten sich Frauen, die nichts dabei riskierten: kein Gerichtsverfahren, kein Gefängnis, keinen Verlust eines Teils ihres Lebens, als das friedliche Geschlecht, indem sie die Initiative Frauen in die Bundeswehr? Wir sagen nein! gründeten und Sätze von sich gaben wie »In nichts hat es die Männertechnologie weitergebracht als im Töten.«2 (S. 64)

Ich habe es satt, dass uns jedes Mal, wenn es darum geht, wer im Kriegsfall geopfert wird, die Lüge vorgehalten wird, Frauen trügen den größten Teil ehrenamtlicher Arbeit. Beispielsweise von »Militärexpertin« Kathrin Groh, die behauptet, Frauen »machen um die 40 Prozent mehr unbezahlte Pflege-Arbeit für die Gesellschaft, für die Familien als Männer.«3 Oder Julie Weigelt, „Fachjournalistin für Sicherheitspolitik“: »Bis heute übernehmen Frauen pro Tag 79 Minuten unbezahlte Sorgearbeit mehr als Männer.«4

Wie jeder weiß, der nicht bloß feministische Propaganda nachplappert, kommen Zahlen wie diese lediglich durch die üblichen Taschenspielertricks zustande, indem beispielsweise das Statistische Bundesamt auch die Pflege von Pferden und andere Tätigkeiten, bei denen unklar ist, wo die Arbeit endet und das Hobby beginnt, in die Bewertung einfließen lässt. Oder indem keine Unterscheidung zwischen notwendigem Einkauf und Shopping getroffen wird. Indem zwar alleinerziehende Mütter berücksichtigt werden, nicht aber im selben Maße alleinerziehende Väter. Indem verschwiegen wird, dass höhere Carearbeit in der Kindererziehung eine Folge der Tatsache ist, dass der Staat beim Sorgerecht Männer aus den Familien kickt. Den Gipfel der Heuchelei stellt jedoch die Vertuschung der Tatsache dar, dass die Zahlen des Statistischen Bundesamtes das Gegenteil der feministischen Propaganda beweisen, dass nämlich in Wahrheit Carearbeit innerhalb von Partnerschaften zu gleichen Teilen verrichtet wird und ein Ungleichgewicht eben gerade nicht in Familien, sondern nur bei Singles auftritt.5,6 Man könnte auch sagen: Allein lebende Männer sehen zu, anfallende Arbeiten schnell und effizient zu erledigen, allein lebende Frauen füllen ihren Tag gern mit überflüssigen Tätigkeiten im Haushalt. Sollen sie. Dürfen sie. Hat aber nichts mit Benachteiligung zu tun.

Der Mythos vom überdurchschnittlichen gesellschaftlichen Engagement der Frauen wiederum wurde bereits 2001 durch den 3. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung entlarvt: »Fasst man alle diese Aktivitäten in einem umfassenden Verständnis von bürgerschaftlichem Engagement zusammen, so sind in Deutschland 36% der Bevölkerung in einer dieser Formen engagiert, Männer mit einer Quote von 39% stärker als Frauen mit 32%.«7 (S. 133) Und dabei ist der Zwangswehrdienst noch nicht einmal berücksichtigt.

Am allermeisten habe ich es satt, dass man darauf wetten kann, dass bei jeder Diskussion über die Wehrpflicht irgendeine kinderlose Feministin davon schwafelt, Frauen würden als Mütter durch die Erziehung der Kinder ebenfalls einen Dienst an der Gemeinschaft verrichten. Etwa Nele Pollatscheck auf Zeit Online unter der Überschrift »Frauen dienen längst« mit der Bemerkung »Eine Schwangerschaft bedeutet neun Monate körperliche Schwerstarbeit.«8 Oder Patricia Hecht von der Taz: »Neun Monate allein dauert eine Schwangerschaft, in der Schwangere hierzulande einer staatlich auferlegten Austragungspflicht unterstehen.«9 Die Aufrechnung von Schwangerschaft und Kindererziehung gegen den Wehrdienst ist nicht nur deshalb pervers, weil Mutterschaft freiwillig ist, da es nun mal keine Gebärpflicht gibt, und sich daher die Frage stellt, weshalb kinderlose Frauen dasselbe Privileg genießen sollen wie Mütter. Es ist vor allem deshalb eine Frechheit, weil dabei unterschlagen wird, dass die Ehemänner dieser Mütter deren Wahlmöglichkeit erst durch eine vergleichbare Leistung, nämlich ihre Erwerbsarbeit, möglich machen – und zwar zusätzlich zur Wehrpflicht.

Wann fangen Männer endlich an, die Heuchelei und Doppelmoral in unserer Gesellschaft anzuklagen und sich dagegen zu wehren, nach Strich und Faden verarscht und für eine kriegslüsterne Elite verheizt zu werden? Und wann fangen Frauen endlich an, ihre angebliche Empathiefähigkeit unter Beweis zu stellen und sich ausnahmsweise mal für etwas anderes als nur für ihre eigenen Interessen einzusetzen? Zum Beispiel dafür, dass Männern dasselbe Recht auf körperliche und seelische Unversehrtheit zugestanden wird wie ihnen?

Quellen

1 https://archive.is/fIBDO

2 Kunz, Gunnar: »Besonders Frauen«. Schwarzbuch Feminismus 1968 – 2019 (KDP, Amazon 2020)

3 https://archive.is/7FcSF

4 https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/bundeswehr-dienstpflicht-frauen-100.html

5 https://archive.ph/D9kdP

6 https://archive.ph/SyzDI

7https://web.archive.org/web/20240330143026/https://www.armuts-und-reichtumsbericht.de/SharedDocs/Downloads/Berichte/dritter-armuts-reichtumsbericht.pdf?__blob=publicationFile&v=2

8 https://archive.is/XXz2H

9 https://archive.is/408PZ

Quelle Beitragsbild: AdobeStock_186501116

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