Bundesregierung widersetzt sich eigenem Jungenförderauftrag

von Dr. Bruno Köhler

Angefangen hat alles mit einer harmlosen Anfrage beim Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) zum Stand der Umsetzung des Antrags zur Jungenförderung, der vor zwei Jahren vom Bundestag angenommen wurde. Am Ende steht ein eindrucksvoller Beleg, dass das Referat für Gleichstellung von Jungen und Männern im BMFSFJ nicht für Gleichstellung von Jungen und Männern steht, sondern diese vielmehr verhindern soll – z. B. im Bildungsbereich.

Hamburg, 12.09.2013: Jungenleseförderung wird es nach dem Willen der Bundesregierung nicht geben. Das hat eine Anfrage der geschlechterpolitischen Initiative MANNdat bei der Bundesjugendministerin Schröder ergeben. Die Regierungsfraktion aus CDU/CSU und FDP hat 2011 selbst den Antrag Drs. 17/5494 zur Jungenförderung, der noch im gleichen Jahr vom Bundestag angenommen wurde, eingereicht. Darin hieß es u.a.: „Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung im Rahmen der ihr zur Verfügung stehenden Haushaltsmittel auf,…sich bei den Bundesländern dafür einzusetzen, dass diese geeignete Maßnahmen ergreifen, um die Lesekompetenz der Jungen zu stärken und ihr Leseengagement weiter zu erhöhen“. Diesem vom Bundestag erteilten Auftrag, den zudem Ministerin Schröder sogar mit initiiert hat, will die Ministerin nun nicht nachkommen.

Schon in der PISA-Studie 2000 hat die OECD die größten geschlechterspezifischen Leistungsunterschiede im Lesen zuungunsten der Jungen festgestellt und Jungenleseförderung als große bildungspolitische Herausforderung formuliert. Eine Herausforderung, der sich die schwarz-gelb Bundesregierung aber nicht stellen will. Als Begründung für die Weigerung der Umsetzung des Antrages antwortet Frau Dr. Icken, Leiterin des Referats für Jungen- und Männerpolitik im Frauenministerium, dass keine relevanten geschlechterspezifischen Unterschiede im Lesen vorhanden seien, die eine spezielle Jungenleseförderung sinnvoll erscheinen lassen würde. Damit ignoriert die Bundesregierung die Meinung von Fachleuten im Bereich der geschlechterspezifischen Leseförderung, z. B. Prof. Christine Grabe von der Universität Köln, die im Handbuch für Jungenpädagogik vom Beltz-Verlag aus 2012 darlegt: „Alle Studien der letzten Jahrzehnte zu Leseverhalten und Mediennutzung verweisen darauf, dass die Unterschiede in puncto Lesen zwischen Mädchen und Jungen, Frauen und Männern erheblich sind.“

Die Bundesregierung wolle im Sinne einer „Bildungsgerechtigkeit für Jungen und Mädchen“ nicht speziell Jungen, sondern allgemein leseschwache Kinder fördern, heißt es in der Antwort des Ministeriums, das umgekehrt im MINT-Bereich (Mathematik, IT, Naturwissenschaften und Technik) nicht generell MINT-schwache Kinder, sondern speziell Mädchen fördert. Damit blendet die Bundesregierung, die sonst außerordentlich akribisch auf Gender, also geschlechterspezifische Nachteile und deren Beseitigung, achtet, Geschlecht ausschließlich und ausgerechnet dort aus, wo die größten Geschlechterunterschiede vorhanden sind – und wo ausgerechnet die Jungen von entsprechenden Maßnahmen profitieren würden. Dort, wo Jungen schlechter stehen, ist die Genderwelt nach geschlechterpolitischer Doktrin offenbar in bester Ordnung.

Zudem könne die Bundesregierung, die sich sehr stark im Bereich der Mädchenbildungsförderung im MINT-Bereich engagiert und dort massiv Einfluss nimmt, auf Jungenbildungsförderung „keinen direkten Einfluss“ nehmen, da man für Schulbildung nicht zuständig sei, schrieb Frau Dr. Icken.

Die Antwort im Namen der Jugendministerin bestätigt damit eine Studie von MANNdat zum Stand der Jungenleseförderung vom November 2012, der eine Vernachlässigung von Jungenbildungsförderung – auch durch die Bundesregierung – ergab. Über 50% höhere Schulabrecherquoten und über 20% geringere Abiturabschlüsse bei den Jungen gegenüber den Mädchen zeigen ein deutliches geschlechterspezifisches Bildungsgefälle zuungunsten der Jungen. Dies verwundert nicht, stehen doch etwa 100 reinen MINT-Mädchenförderprojekten von Bund und Ländern bislang lediglich vier Jungenleseförderprojekte gegenüber. Die sonst so quotenorientierte Politik sieht im Gender-Education-Gap nicht etwa einen geschlechterpolitischen Handlungsbedarf, sondern eine positive Rückmeldung einer Geschlechterpolitik, die sich auch heute noch ausschließlich auf die Frauenquote beschränkt.

Bild 2

Diskriminierend: Auf fast 100 spezielle Mädchenförderprojekte kommen lediglich 4 Jungenleseförderprojekte

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