Geschlechtsoffene Erziehung: ein riskantes pädagogisches Experiment mit unabsehbaren Langzeitfolgen

von Gastbeiträge

Frauen wird zukünftig in Spanien jeden Monat drei Tage Menstruationsurlaub angeboten. Und zwar nur Frauen. Obwohl uns die feministische Geschlechterpolitik weismachen möchte, Geschlecht sei lediglich ein soziales Konstrukt. Ist es nicht erstaunlich, wie die Genderisten zwischen sozialem Konstrukt und biologisch festgelegtem Geschlecht nach Belieben hin und her wechseln, je nachdem, wo es Rosinen zu picken gibt?

Solche Beispiele zeigen jedenfalls, dass die Geschlechterpolitik selbst nicht an die Ideologie vom konstruierten Geschlecht glaubt. Sie dient lediglich Mittel zum Zweck. Welcher Schaden damit angerichtet werden kann, bedenkt man offenbar nicht. Die Ideologie vom sozial konstruierten Geschlecht soll mittlerweile auch durch eine gezielte „geschlechtsoffene Erziehung“ unseren Kindern eingetrichtert werden. Der Psychologe Prof. Dr. Michael Klein legt dar, welche Langzeitfolgen dieses neue pädagogische Experiment haben kann.

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Michael Klein, langjähriger Experte für Männerpsychologie und Mental-Health-Prevention, Blogger der Website www.mens-mental-health.de

Wir danken für den Gastbeitrag zu diesem aktuellen Thema.

Geschlechtsoffene Erziehung: ein riskantes pädagogisches Experiment mit unabsehbaren Langzeitfolgen

Die neuerdings in Ratgeberbüchern und Aktivistenprofilen propagierte „geschlechtsoffene Erziehung“ von Kindern vermittelt den Eindruck, dass dieser Ansatz auf der Basis solider wissenschaftlicher Forschung mit empirischen Studien entwickelt wurde. Das Gegenteil ist der Fall. Die Propagierung dieser Erziehungsmethode geschieht allein auf der Basis ideologischer Haltungen im Bereich des Genderismus und der Identitätspolitik. Da heißt es dann „Was wird es denn? Ein Kind!“ oder „Prinzessinnenjungs – Wie wir unsere Jungs aus der Geschlechterfalle befreien“. Inzwischen wimmelt es von Publikationen dieser Art, die Eltern einreden wollen, dass das Geschlecht ihres Kindes eine variable Größe ist. Solche Postulate werden von Teilen der Medien und auch der professionellen Pädagogik begeistert aufgenommen. Aber was ist eigentlich eine Geschlechterfalle und wie viele Kinder erleben eine solche? Welche Gefahren und Risiken sind mit dem Ansatz der geschlechtsoffenen Erziehung verbunden?

Geschlechtsoffene Erziehung ist nicht liberal, sondern dogmatisch

Die Autoren gehen weit über die schon seit Jahrzehnten bekannten Modelle liberaler Erziehung hinaus, beschreiben im Grunde etwas ganz Anderes als liberale Erziehung. Es geht um Ablehnung von Zweigeschlechtlichkeit. Die Protagonisten servieren unter dem Deckmantel der Befreiung der Kinder von alten Zwängen dauerhafte Verunsicherung hinsichtlich der eigenen Identität und neue Zwänge und Tabus, sich zu dieser Ideologie zu bekennen. Im Hintergrund steht das Dogma, dass Jungen und Mädchen ihr Geschlecht selbst „konstruieren“ können. Eltern sollen lernen, dass die Festlegung auf ein Geschlecht sexistisch, intolerant oder gar schädlich für ihre Kinder sei. Um es vorweg zu sagen: Alle diese Aussagen sind ausschließlich ideologisch motiviert und gehen an der psychologischen Realität der allermeisten Kinder weit vorbei. Sie sind eher dazu angetan, Kinder zu verwirren und in Unsicherheit zu stürzen. Zur genderistischen Ideologie der geschlechtsoffenen Erziehung gehört die Ablehnung einer klaren Geschlechtsidentität, selbst wenn das Kind sie einfordert. In einem Interview mit einem führenden Vertreter der Ideologie wird behauptet, dass sich kein Kind wundere, dass eine Person weder Mann noch Frau sei. Dies ist für Kinder ab dem 5. bis 6. Lebensjahr absolut unglaubwürdig. Das Gegenteil ist der Fall, weil Kinder ab diesem Alter ein Konzept von Zweigeschlechtlichkeit entwickeln, das ihnen hilft, die Welt um sie herum zu verstehen.

Kinder brauchen geschlechtliche Rollenvorbilder

Kinder brauchen für ihre eigene Persönlichkeits- und Identitätsentwicklung klare Vorbilder und Lernerfahrungen, auch hinsichtlich der Geschlechtsidentität. Diese entwickelt sich nämlich nicht in einem diffusen Kontext. Diffusität hinsichtlich der Geschlechtsidentität ist kein Akt der Befreiung, sondern führt oft zu Verunsicherung, Ängsten und am Ende Selbstunsicherheit. Das, was wie eine große Befreiung erscheint, über das eigene Geschlecht bestimmen zu können, ist für die meisten Kinder und Jugendlichen eine angsterzeugende Verunsicherung und Überforderung und erscheint nur auf den ersten Blick wie eine Befreiung. Viele Jugendliche mit Geschlechtsdysphorie, der Verunsicherung und Unsicherheit in Bezug auf das eigene Geschlecht, haben schon zuvor depressive oder anderweitige psychische Probleme. Es ist in solchen Fällen möglich, dass die Geschlechtsdysphorie nicht Ausdruck einer selbst angestrebten anderen sexuellen Identität, sondern eines tieferen, umfangreichen psychischen Problems darstellt, das sich auch in Identitätsdiffusion äußert. In den westlichen Ländern hat die Zahl der Kinder und Jugendlichen mit Geschlechtsdysphorie, wie Dr. Alexander Korte von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uni München und Experte für Geschlechtsdysphorie berichtet,  in den letzten 20 Jahren um ein Vielfaches zugenommen. Kinder finden auch nicht von innen heraus, wer sie wirklich sind, wie in dem Ansatz suggeriert wird, sondern entwickeln in Interaktion mit ihrer Umwelt (vor allem Eltern, Peers) ihre Identität. Daher ist die beobachtbare starke Zunahme an Geschlechtsdysphorie vor allem ein zeitgeisttypischer Ausdruck der Verunsicherung vieler Kinder und Jugendlicher.

Bundesfamilienministerium kümmert sich übermäßig um die Bedürfnisse sexueller Minderheiten

Die Gefahr einer geschlechtsfreien, vermeintlich vielfältigen Erziehung ist, dass Kinder keine gefestigte Identität entwickeln und psychische Probleme mit einer unsicheren, diffusen Identität entwickeln. Auf dem Weg zu einer eigenen stabilen Identität, der viele Jahre andauert, brauchen Kinder die passende Unterstützung durch Eltern, Schule, Peers, Medien und letztlich auch Gesellschaft als Ganzes. Insofern ist der derzeitige Zustand unserer Gesellschaft in Bezug auf die psychosexuelle Identitätsentwicklung von Kindern besorgniserregend. Kinder und Jugendliche erhalten heutzutage mehr Informationen über Identitätswege von Minderheiten als über die Identitätsentwicklung für die große Mehrheit der Heranwachsenden. Wenn sie nicht einer solchen Minderheit angehören oder angehören wollen, fühlen sie sich schon oft als Außenseiter. Dieser Zustand selbst kann einen erheblichen Veränderungsdruck erzeugen. So vermittelt das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) mit seiner Website www.regenbogenportal.de ausführlich Informationen zu verschiedenen sexuellen Minderheiten, die sich inkongruent zu ihrem biologischen Geschlecht entwickeln, nichts jedoch für kongruente sexuelle Entwicklung. Die identitätspolitische Szene nennt Letzteres „Cis-Sexualität“ und gibt ihm damit im Unterscheid zu Trans-Sexualität den Status einer untergeordneten Spielart im Reigen vieler möglichen sexuellen Identitäten. Damit wird implizit vermittelt, dass das eigene Geschlecht beliebig gewählt und festgelegt werden kann und die Cis-Sexualität nur eine Spielart unter vielen gleichartigen Varianten darstellt. In Wahrheit ist mit mehr als 99% die große Mehrheit der Bevölkerung cis-sexuell.

Familienpolitik im Ungleichgewicht

Das Bundesfamilienministerium, das eine bevölkerungs- und familienorientierte Politik betreiben sollte, betreibt jedoch eine Familienpolitik, die sich im Ungleichgewicht befindet. Es kümmert sich seit Jahren schwerpunktmäßig um die Ideologien von Minderheiten und propagiert diese mit Steuergeldern in Publikationen. So wird in dem vom BMFSFJ seit 2017 mit 1.5 Mill. € finanzierten „Regenbogenportal“ die Vielfalt der sexuellen Lebensformen für Kinder ab 4 Jahren (!) mit dem Buch „Julian ist eine Meerjungfrau“ von Jessica Love propagiert. Ganz auf dieser Linie fordert auch die Person, die das Buch „Was wird es denn? Ein Kind!“ geschrieben hat, Ravna Marin Siever, dass es Bilderbücher für Kinder geben solle, „in dem der Vater, der mit seinen Kindern im Schwimmbad tollt, sichtbare Narben von einer Brustentfernung hat und sein Partner sich abends als Drag von der Familie verabschiedet, weil der einen Auftritt hat“ (S. 143). Solche Szenen, in denen eine Frau durch eine geschlechtsangleichende Operation äußerlich zum Mann wurde, haben in Büchern für Kinder vor der Pubertät nichts zu suchen, weil sie nicht ausreichend verstanden und verarbeitet werden können. Die meisten Eltern ahnen bislang nichts von dieser hochideologisierten Propaganda, die auf sie und ihre Kinder zurollt und auch zunehmend Einzug in Kindergärten und Grundschulen hält.

Stoßrichtung ist die Negierung und Auflösung der Zweigeschlechtlichkeit

Den Ideologen der geschlechtsoffenen Erziehung geht es in Wahrheit um die Auflösung der Kategorie „Geschlecht“ unter Leugnung oder Verbiegung wesentlicher Fakten aus der Biologie, insbesondere der Genetik, Embryologie und Endokrinologie. Es handelt sich um einen ideologischen Krieg gegen das in den meisten Wissenschaften und Kulturen seit langem etablierte Konzept der Zweigeschlechtlichkeit als Regelmodell der Human- und Säugetierentwicklung. Dieses ist so evident, dass es sich mit rationalen wissenschaftlichen Argumenten nicht bestreiten lässt. Vielmehr braucht es dafür eine hochideologisierte, propagandistische Szene, die mit Druck und Einschüchterung Andersdenkenden begegnet.

Gerade die in den genderistischen Modellen betriebene Diffusion der Geschlechtsidentität kann für Kinder zu einem ernsthaften Entwicklungsproblem werden. Es ist nämlich zu bedenken, dass die allermeisten Eltern ihre Kinder nach einem klaren Geschlechtsrollenmodell als Mädchen und Jungen erziehen und auch nicht daran denken, dies zu ändern. Dadurch steht die zunehmend im Bildungsbereich verbreitete Ideologie der geschlechtsoffenen Erziehung in krassem Widerspruch zu den Erziehungsideen der allermeisten Eltern. Dies kann in den Kindern zu erheblichen kognitiven Konflikten und Spannungen führen. Dabei sind die meisten Eltern durchaus auch rollenkritisch und haben liberale Auffassungen von Geschlechtsrollen. Demnach dürfen Jungen sich schwach zeigen, weinen und kuscheln. Dies ist auch gut so. Aber diese liberale Erziehung hat nichts mit dem Modell der geschlechtsoffenen Erziehung zu tun, weil diese jegliche Rollenvorgaben als Leitplanken der kindlichen Entwicklung ablehnt. Für Jungen ist es nach dieser Ideologie von Anfang zweifelhaft, ob sie wirklich Jungen sind. Das sollten Eltern klar erkennen und sich nicht in ihren Erziehungskonzepten verunsichern lassen.

Neugeborenen wird „kein Geschlecht zugewiesen“ – sie bringen es mit!

Für die allermeisten Eltern sind ihre Kinder Mädchen und Jungen und nicht nur „Personen mit einem bei der Geburt zugewiesenem Geschlecht“, wie dies in der genderistischen Ideologiesprache, insbesondere unter Leugnung der pränatalen Entwicklungsprozesse, bezeichnet wird. Immerhin sind es 99.993% aller Babys, die eindeutig als Mädchen oder Jungen zur Welt kommen. Ihnen wird nichts zugewiesen, sondern sie haben sich schon pränatal – etwa ab der 9. SSW – in die Richtung eines Mädchens oder Jungen entwickelt. Im Laufe der nächsten Jahre entwickelt sich diese biologische Vorgabe psychosozial weiter und differenziert sich. Dabei sollten die Kinder unterstützt und nicht verunsichert werden. Denn Unsicherheiten treten oft schon von alleine auf, vor allem in den pubertären Jahren. Kinder bringen also ihr Geschlecht mit und es entwickelt sich weiter – biologisch sowieso und idealerweise sollte die psychosoziale Entwicklung damit harmonieren. Die Ideologie der geschlechtsoffenen Erziehung will allen vorspielen, dass Kinder als „unbeschriebenes Blatt“ ohne all die intensiven pränatalen Einflüsse zur Welt kommen. Dies ist falsch, irreführend und widerspricht komplett dem Stand der Wissenschaft.

Wieso der Furor, die Geschlechter unsichtbar zu machen? – Die Auflösung der Geschlechter als Ziel

Was ist der tiefere Sinn, dass Jungen, die eindeutig Jungen sind, und Mädchen, die eindeutig Mädchen sind, und damit auch keine Problem haben, geschlechtsindifferent erzogen werden sollen? Darauf gibt es mindestens zwei Antworten, die hier näher beleuchtet werden:

 (1) Um die intersexuellen Kinder nicht zu beschämen oder anderweitig zu diskriminieren. Dieses Argument ist nicht sehr rational. Alle Kinder unter einen geschlechtsindifferenten, möglicherweise riskanten Erziehungsstil zu bringen, wenn nur 0.007% aller Neugeborenen das Problem der Intersexualität aufweisen, ist nicht plausibel. Selbst wenn späterhin durch inkongruente psychosexuelle Entwicklung noch weitere Kinder dazukommen, handelt es sich um eine verschwindend kleine Minderheit.

 (2) Die Nivellierung der Geschlechter ist der tiefere Beweggrund für die geschlechtsoffene Erziehung. Sie ist Kernbestandteil der Agenda der radikalen Genderbewegung. Die Ideologie propagiert die genderfluide Identität, nach der das jeweilige Geschlecht leicht und flexibel veränderbar ist. Den Kindern spätestens ab der Pubertät wird damit signalisier: Auch wenn Du wie ein Junge oder wie ein Mädchen aussiehst, Du könntest auch ein anderes Geschlecht haben. Diese Methode gibt einerseits eine fragliche Scheinfreiheit, nimmt aber Sicherheit in Bezug auf das eigene Selbst. Wenn Gender ausschließlich sozial konstruiert ist – so der wissenschaftlich unbewiesene Irrglaube in der identitätspolitischen Szene – können sexuelle Identitäten beliebig in alle Richtungen verändert werden. Deshalb würde die Einebnung der Geschlechter die Chance bieten, das verhasste Patriarchat ein für allemal zu erledigen. Es gäbe dann keine klassischen Männer mehr, sondern nur noch identitätsdiffuse Personen mit bestenfalls tendenziell männlichen und weiblichen Eigenschaften.

Eltern sollten die psychosexuelle Entwicklung ihrer Kinder fördern und nicht verunsichern

Eltern sollten – und wollen es auch im Regelfall – ihren Kindern innerhalb der schon in der Schwangerschaft entstandenen körperlichen Anlagen als Mädchen oder Junge flexible Möglichkeiten zur Entwicklung ihrer Geschlechtsrolle geben. Natürlich soll ein Junge seine eher weiblichen Anteile, die auch zu einem Mann gehören sollten, entwickeln: Empathie, Mitgefühl und Gefühle zeigen werden als Anima-Anteile in der Psyche des Mannes bezeichnet. Es ist am besten, wenn ein Junge früh versteht und erlebt, dass diese Anteile – genauso wie Stärke, Mut, Tapferkeit, Entschlussfreudigkeit usw. – zu einem Jungen und späteren Mann gehören. Väter spielen hierfür eine ganz wichtige Rolle. Die Macht des Modelllernens, das hierbei besonders wichtig ist, wird oft unterschätzt. Dafür braucht es nicht die Auflösung und Diffusion der Geschlechter. Für Mädchen gilt das Gleiche für ihre männlichen Wesenszüge, die Animus-Anteile. Mit anderen Worten: Es ist nicht nötig, ja sogar kontraindiziert, die Geschlechtskategorien männlich bzw. weiblich aufzulösen, um Jungen zu ermöglichen, mehr klassisch weibliche Züge anzunehmen und umgekehrt. Die Geschlechtsindifferenz ist eine Vermeidung und Flucht vor der evolutionären und psychosozialen Dominanz der Zweigeschlechtlichkeit in Natur und Kultur.

Geschlechtsoffene Erziehung führt die Kinder in Unsicherheit und Chaos

Eltern tun gut daran, die biologischen Anlagen ihrer Kinder nicht in eine vage Geschlechtsindifferenz aufzulösen, es sei denn ihr Kind ist intersexuell (ohne eindeutig bestimmbares Geschlecht) zur Welt gekommen. Die so fortschrittlich daherkommende Ideologie der „geschlechtsoffenen Erziehung“ bietet jedoch genau diese geschlechtliche Indifferenz als Kernkonzept an. Sie bedeutet nur eine Scheinfreiheit, weil das Kind keine hilfreiche Unterstützung in seiner Identitätsentwicklung enthält und als geschlechtliches Hybridmodell Verunsicherung und Ängstlichkeit erlebt. Nur wenn das Kind sich dauerhaft – vor allem auch in der Pubertät – nicht in dem Geschlecht entwickeln kann, von dem die Eltern als passend ausgegangen sind, sollte über eine Veränderung des Geschlechts nachgedacht werden. Und hier besteht heutzutage eine große gesellschaftliche Gefahr, dass Kinder und Jugendliche, die aufgrund psychischer Probleme im Bereich Persönlichkeit und Depression mit sich stark unzufrieden und verunsichert sind, glauben, dies durch eine Geschlechtsveränderung lösen zu können. Es ist also aus fachlicher Sicht immer zuerst zu überprüfen, ob der Geschlechtsdysphorie (Unzufriedenheit mit dem eigenen Geschlecht) eine psychische Grundstörung zugrunde liegt. Geschlechtswechsel führt oft nicht zu der ersehnten Befreiung von allen Problemen und kann sich auch als eine illusionäre Hoffnung auf psychisches Gleichgewicht herausstellen.

Geschlechtsoffene Erziehung: Eine Mogelpackung für Kinder und Eltern?

Für wohlwollende, liberale Eltern stellt die „geschlechtsoffene Erziehung“ eine schön aussehende, aber wissenschaftlich nicht fundierte Mogelpackung kindlicher Sexualentwicklung für die meisten Kinder dar. Von ideologischer Seite der radikalen Genderpädagogik wird nämlich das Vorhandensein der Geschlechter Frau und Mann geleugnet. Dies vor dem Hintergrund, dass mit weniger als 0.007% eine extrem kleine Minderheit von Neugeborenen intersexuell (ohne klar bestimmbares Geschlecht) zur Welt kommen. Etwa jedes 5.000. neugeborene Kind ist betroffen. Es handelt sich also klar um ein seltenes Phänomen der abweichenden Entwicklung und nicht um ein Massenphänomen, dass sich das Geschlecht eines Kindes bei der Geburt nicht eindeutig und dauerhaft valide bestimmen lässt. Im Erwachsenenalter steigt die Quote der intersexuellen Personen auf bis zu 0.2%.

Der ungeborene Fötus wird schon ab der 8. Schwangerschaftswoche mit Sexualhormonen überschwemmt

Geschlechter gelten in der genderistischen Ideologie als im sozialen Kontext erfundene Konstruktionen von Wirklichkeit und nicht als biologische Realitäten, die sich dann in Interaktion mit der sozialen und psychischen Realität weiter ausformen. Die biologische Anlage des Geschlechts, schon in der pränatalen Phase, wird geleugnet. Es ist jedoch bekannt, dass das Gehirn des Föten über Wochen mit viel Testosteron (späterer Junge) bzw. wenig Testosteron (späteres Mädchen) geflutet wird, damit sich die jeweiligen Geschlechtsmerkmale in ihren Anlagen entwickeln.

Die spätere Entwicklung nach sozial akzeptierten Geschlechtsrollenmodellen beim Kind geschieht zur Förderung einer personalen Identität, die auch eine Vorstellung vom jeweils eigenen Geschlecht umfassen sollte. Auch wenn diese Geschlechtsrollen heutzutage breit und flexibel vorgegeben werden, orientieren sie sich an den beiden Hauptkategorien Junge und Mädchen. Diese lernen über Jahre, was männlich und weiblich bedeutet und identifizieren sich zunehmend mit den gewünschten Aspekten der jeweiligen Rolle. Eine Geschlechtsindifferenz kann die psychisch gesunde Entwicklung zur Frau bzw. zum Mann behindern und für zunehmende psychischen Stress sorgen. Nur für eine Minderheit von Jugendlichen ist es eine Option, sich intersexuell zu entwickeln. Eine homosexuelle oder transsexuelle Geschlechtsidentität umfasst auch natürlich eine klare Identität als Frau oder Mann. 

Jungen haben es heutzutage in der Geschlechtsrollenentwicklung schwerer

Für Mädchen sind zahlreiche Geschlechtsrollenmodelle in der heutigen Gesellschaft vorhanden, die eine entsprechende Identitätsentwicklung ermöglichen: alleinerziehende Mütter (ca. 2 Mill.), Kindergärtnerinnen (> 95%), Grundschullehrerinnen (> 85%) und erfolgreiche Politikerinnen, Schauspielerinnen und Aktivistinnen. Dies bedeutet, dass Mädchen hinlänglich viele gleichgeschlechtliche Identifikationsmodelle in ihrer Kindheit erleben. Für Jungen ist dies nicht der Fall. Vaterlosigkeit und Mangel an männlichen Modellen ist für Jungen auf ihrem Entwicklungsweg zum Mann zu einem ernsthaften Problem geworden. Kommt nun noch eine identitätsleugnende Erziehung hinzu („geschlechtsoffene Erziehung“) wird die psychosexuelle Entwicklung für Jungen zum Mann zur fast unlösbaren Aufgabe. Aber genau dies ist auch von weiten Kreisen der genderistischen Ideologie beabsichtigt, denn nach der verqueren Lehre dahinter bedeutet Mannsein, toxisch oder überflüssig zu sein. Die geschlechtsoffene Erziehung zielt daher besonders auf die Zersetzung der sexuellen Identität von Jungen als Vorstufe des verhassten Patriarchats.

Die langfristigen Folgen einer geschlechtsoffenen Erziehung sind nicht bekannt

Es gibt keine empirischen Belege dafür, dass die jetzt propagierte „geschlechtsoffene Erziehung“ langfristig keine Schäden in der psychosozialen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen erzeugt. Insofern handelt es sich um ein unkontrolliertes, massenhaftes Feldexperiment, das derzeit in Massenmedien und von der Politik als wünschenswert propagiert wird. In Wirklichkeit kann die geschlechtsoffene Erziehung ein Risiko in sich bergen, dass Jugendliche und Jungerwachsene heranwachsen, die aufgrund der über Jahre in ihrer Entwicklung geförderten unklaren Geschlechtsidentität große Identitäts- und Selbstwert aufweisen. Ohne solide wissenschaftliche Grundlage wird das Modell der geschlechtsoffenen Erziehung propagiert, sondern ausschließlich aus ideologischem Eifer. Dieser Eifer greift jedoch immer mehr um sich. So wurde jetzt in Spanien die Werbung für die Farbe Rosa in Bezug auf Mädchen verboten, weil dies sexistisch und ungerecht sei.

Zur Entwicklung des gesunden Selbst gehört auch die Entwicklung einer Geschlechtsidentität. Es ist evident, dass eine Geschlechtsidentität, bei der das biologische und das subjektiv empfundene Geschlecht kongruent sind, für Kinder und Jugendliche leichter zu erreichen ist. Daher ist es riskant, allen Kindern eine geschlechtsoffene, geschlechtslose Entwicklung anzubieten, die mit einer geschlechtskongruenten Erziehung leicht eine gute psychosexuelle Kongruenz erreichen könnten. Dies sind mehr als 99% aller Kinder. Für diejenigen, die diesen Weg nicht gehen können, sollten stattdessen spezialisierte Hilfen und Begleitung angeboten werden, ohne die große Mehrheit der Kinder und Jugendlichen in ihrer Identitätsentwicklung zu gefährden.

Eine möglichst kongruente Geschlechtsidentität hilft in der psychosexuellen Entwicklung zum Verständnis vielfältiger Unterschiede wie auch Gemeinsamkeiten zwischen den Geschlechtern. Schon in der Babyphase zeigen Mädchen ein stärkeres Interesse an Personen und Jungen an Objekten und Dingen. Diese und andere Geschlechtsunterschiede zu leugnen ist für die psychisch gesunde Entwicklung von Kindern nicht förderlich. Andere zwischengeschlechtliche Unterschiede bestehen z. B. in den Bereichen Körperkraft, Aggressivität, Risikobereitschaft, Ängstlichkeit.

Die Geschlechtsidentitätsprobleme sind meist sozial konstruiert

Wenn außer den Menschen andere Primaten vergleichbare Probleme mit der Zuordnung zu einem Geschlecht hätten, müsste dieses Phänomen als biologische Tatsache längst bekannt sein. Interessant ist, dass diese Probleme mit der Geschlechtsidentität deutlich vermehrt in den westlichen Ländern (Nordamerika und EU) und nicht in anderen Weltregionen auftreten. Die Identitätsprobleme sind daher überwiegend psychosoziale Reaktionen auf zunehmend sexuell diffuse Gesellschaften. Bei den Menschen in den anderen Ländern ist die Problemsensibilisierung wesentlich geringer und dementsprechend sind auch die berichteten Identitätsstörungen deutlich seltener. Es handelt also sich nicht unwesentlich um ein kulturell und medial geschaffenes Problem bei Kindern und Jugendlichen, die andernfalls eine hohe Wahrscheinlichkeit auf eine problemlose Entwicklung hätten. Ein mehr an identitärer Sicherheit bei Jungen und Mädchen könnte viele psychische Probleme in der Folge verringern oder völlig vermeiden.

Vielfalt und Toleranz sind nicht gleichbedeutend mit Diffusität und Beliebigkeit
Geschlechtsoffen zu erziehen, bedeutet eine ideologisch begründete Vordeterminiertheit, einem Jungen oder Mädchen einen einfachen Weg zu seiner Geschlechtsidentität zu verwehren. Interessanterweise sind viele Protagonisten dieser Erziehungsmethode selbst Interpersonen. Sie projizieren damit ihren eigenen Identitätsweg auf ihre Kinder, ohne dass sie wissen können, ob dies für diese geeignet ist. Und was noch schwerer wiegt: Sie machen die große Mehrheit der von Identitätsproblemen unbelasteten Kinder und Jugendlichen in der Gesellschaft zu Versuchskaninchen ihrer wissenschaftlich nicht abgesicherten Genderideologie! Sie bringen alle Kinder in eine gefährlich diffuse Situation der Identitätsentwicklung, nur um der eigenen Ideologie gerecht zu werden.

Das Thema Vielfalt und Toleranz in der Gesellschaft wird fälschlicherweise unverändert auf Geschlechtsidentität übertragen. Dadurch wird Variabilität in der Persönlichkeitsentwicklung und die Freiheit im Verhalten, die als Vorteile der modernen gelten können, auf die so wichtige Sicherheit in Bezug auf das biologische Geschlecht und die eigene Geschlechtsidentität übertragen. Diffusität und Beliebigkeit sind entwicklungspsychologisch nicht förderlich, sondern in Bezug auf Identitätsentwicklung gefährlich und riskant. Bislang haben mehr als 99% aller Menschen – auch aufgrund ihrer Sozialisation – keine Probleme mit ihrer psychosozialen Geschlechtsidentität. Die Eltern dieser Kinder sollten sich durch den genderistischen Zeitgeist nicht manipulieren lassen und ihre Kinder zu einer sicheren psychosexuellen Identität führen. Durch die willkürliche, empirisch nicht abgesicherte Auflösung der Geschlechtsidentität für alle werden unabsehbare Folgen für die zukünftige Gesellschaft losgetreten. So ist es durchaus möglich, dass psychisches Leiden an dem eigenen Selbst und der geschlechtlichen Identität eines Tages zu einem Massenphänomen wird. Das kann nicht das Ziel von Vielfalt und Toleranz sein. Kinder brauchen einen sicheren Hafen, von dem aus sie sich frei und flexibel entwickeln.

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Lesermeinungen

  1. Von nico

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  2. Von Mathematiker

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