Sprachwissenschaftler übt harte Kritik an feministischer Linguistin anlässlich Süddeutsche-Zeitung-Artikel

von MANNdat

7. Juni 2018: Die „Süddeutsche“ veröffentlicht den Artikel „Genus, Sexus, Nexus. Warum eine geschlechtergerechte Sprache nicht nur sinnvoll und wichtig, sondern auch demokratische Pflicht ist“. Das veranlasst Daniel Scholten, Schriftsteller und Sprachwissenschaftler, Argumentation und Grundlagen des Artikels eingehend zu betrachten – es entsteht ein Verriss, vor allem in Bezug auf Damaris Nübling. Eindringlich wird deutlich, wie wenig fundiert und von welch geringer Substanz feministische Aufsätze mitunter sind.

Geschlechtergerechte Sprache als demokratische Pflicht?

Am 7. Juni 2018, ein Tag, bevor sich der Rat für deutsche Rechtschreibung zur Beratung über „geschlechtergerechte Schreibung“ traf, veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung einen Artikel zu selbigem Thema: den Gastbeitrag „Genus, Sexus, Nexus. Warum eine geschlechtergerechte Sprache nicht nur sinnvoll und wichtig, sondern auch demokratische Pflicht ist“, verfasst von Henning Lobin und Damaris Nübling. Henning Lobin ist Professor für Germanistische Linguistik an der Universität Mannheim, Damaris Nübling Professorin für Historische Sprachwissenschaft des Deutschen an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Der Artikel veranlasste den Schriftsteller und Sprachwissenschaftler Daniel Scholten, Argumentation und Grundlagen im Detail zu betrachten – es wurde ein Verriss, vor allem in Bezug auf Damaris Nübling, der in eindringlicher Weise deutlich macht, wie wenig fundiert und von welch geringer Substanz feministische Aufsätze mitunter sind.

Sprachwissenschaftler Daniel Scholten

Der Deutsch-Isländer Daniel Scholten hat historische Sprachwissenschaft, deutsche Linguistik und Ägyptologie studiert und arbeitete einige Jahre lang wissenschaftlich in Afrika und Skandinavien. Als, wie er es formuliert, Kontrast zu seiner jetzigen Tätigkeit als Unterhaltungsschriftsteller veröffentlicht er in seinem Videopodcast „Belles Lettres – Deutsch für Dichter und Denker“ detaillierte und tiefgehende Beiträge zu verschiedenen Aspekten der deutschen Sprache, einer davon ist die Auseinandersetzung mit o. g. SZ-Artikel.

Der Diskurs

Scholten vermutet aufgrund der Themen der wissenschaftlichen Publikationen von Herrn Lobin, dass dessen Anteile am Zeitungsartikel vernachlässigbar seien (Minute 4:00), wohingegen sich die Aussagen des Zeitungsartikels in den Publikationen von Frau Nübling (6:45) widerspiegeln würden. Deshalb setzt er sich meistens mit ihr auseinander. Bei der Betrachtung ihrer Publikationen stolpert er von Anfang an über deren mangelhafte Qualität. Das zu beurteilen fällt ihm aufgrund seiner Vita besonders leicht, wenn es um schwedische oder isländische Themen geht. So etwa bei ihrer Kurzveröffentlichung darüber, dass man sich im Isländischen einen Piloten als Mann vorstellen würde: „Das ist nur leider nicht wahr, Frau Nübling. Wenn Sie das nicht nur aufgeschnappt und ungeprüft übernommen hätten, sondern selber geforscht hätten, hätten Sie das auch überall in Island gesehen.“ (9:58) Zu seiner Einschätzung der beiden Autoren: „Ich hätte mir mehr erhofft, habe aber auch nicht mehr erwartet, ehrlich gesagt.“ (10:40)

Satz für Satz geht er den Zeitungsartikel durch und zerpflückt den Inhalt bzw. widerspricht massiv fast allen Aussagen Nüblings und ihren einschlägigen Wertungen, wie z. B. die über die vielen negativen Kritiken an dem Buch „Richtig gendern“ des Duden-Verlages (15:12) oder, besonders eindrucksvoll, der Behauptung, dass die AfD zur Konjunktur dieses Genderthemas beigetragen habe (17:25).

Emotionale Erpressung

Dazu Scholten (22:05): „Was wir bisher [von Frau Nübling] geboten bekommen haben, das ist eine emotionale Erpressung. Die ist immer schon in diesen Texten drin gewesen, bisher war sie aber ein bisschen anders. Da war es so, dass jeder, der daran zweifelte, dass die Wissenschaft die ohnehin evidente Wahrheit der Annahmen der feministischen Linguistik nochmal bewiesen hat, […] das nur deshalb tun [konnte], weil er Frauen hasst und weil er gegen die Gleichstellung der Frau in der Gesellschaft ist. Und davon finden wir hier in diesem Werk überhaupt nichts. Denn jetzt ist es so, dass sich die beiden Autoren etwas aus dem aktuellen Zeitgeist stibitzt haben: Jeder nämlich, der nicht mitmacht, ist ein Nazi. […] Deswegen haben Sie sich doch diese Riesenlügengeschichte [dass die AfD im Bundestag formell die Abschaffung des Genderns fordert] hier ausgedacht.“

Dann (ab 25:50) geht es um den Punkt, der Scholten mit am stärksten anficht: Nübling (er geht davon aus, dass sie es ist und nicht Lobin) bezeichnet im SZ-Artikel die Argumente der Sprachwissenschaft gegen das Gendern als falsch, die da lauteten: Sexus und Genus hätten nichts miteinander zu tun – was, so Scholten, von ihr falsch wiedergegeben sei – und das generische Maskulinum bezöge sich auf beide Geschlechter gleichermaßen. Scholten weist den Standpunkt Nüblings rundweg ab und gliedert seine Argumentation in eine empirische Beweisführung und eine sprachhistorische (33:40).

Frappierende Fehler in Nüblings Arbeiten?

Um die sprachhistorische Beweisführung geht es zunächst, und an den diesbezüglichen Ausführungen im SZ-Artikel lässt er kein gutes Haar, etwa an Nüblings These (36:40), dass der Gebrauch eines nach ihrer Ansicht für das Geschlecht einer Person eigentlich falschen Genus (z. B. die Schwuchtel, feminin, für einen homosexuellen Mann) die gesellschaftlichen Erwartungen an die Geschlechterrolle dieser Person widerspiegele (der homosexuelle Mann wird als Frau gesehen). Scholtens Erläuterungen dazu lassen die Ausführungen Nüblings als lächerlich und baren Unsinn erscheinen. Dabei geht er auch Nüblings Verweisen auf Forschungsprojekte nach (50:44) und findet auf Anhieb eine Menge frappierender Fehler in ihren Arbeiten – dass er fehlende Primärbelege reklamiert, ist nur eine Sache.

In seiner empirischen Beweisführung (59:30) geht es darum, ob die Verwendung des generischen Maskulinums die allgemeine Vorstellung über das soziale Geschlecht einer Personengruppe wirklich verfälschen kann, also ob man sich beispielsweise unter der Personengruppe Lehrer mehr Männer vorstellt als es in der Realität sind. Nübling postuliert dazu, dass bei entsprechenden Versuchen von den meisten Menschen angenommen würde, dass es sich um reine Männergruppen handelt. Scholten seziert nicht nur ihre Versuchsbeschreibung im SZ-Artikel, sondern nimmt sich auch ausführlich die verwendeten Studien im Original selbst vor. Insgesamt kommt er zum klaren und eindeutigen Ergebnis, dass fast nichts stimmt, was davon im SZ-Artikel geschrieben steht. Dazu gehört die Behauptung (1:18:02), dass für das Englische, wo es bei Substantiven keinen Genus gibt (nur den Artikel „the“), ein anderes Versuchsergebnis gegeben hätte als im Deutschen. Der Originalarbeit ist im Gegensatz dazu zu entnehmen, dass keine signifikanten Unterschiede festgestellt wurden; beispielsweise wurde für die Berufsgruppe Schauspieler in allen drei Sprachen von den Testpersonen angenommen, dass die Gruppe etwa zur Hälfte aus Frauen und Männern bestehe, wohingegen nach genderideologischer Auffassung das maskuline Genus hätte dazu führen müssen, dass mehr Männer gedacht worden wären.

Scholten merkt an (1:27:00), dass im Versuch geschlechtlich ausgewogene Berufsgruppen weniger vorhanden waren als Berufsgruppen, die mehr oder weniger überwiegend von Männern ausgeübt werden. Dies erkläre die leichte Verschiebung bei der Nennung von Männern im Verhältnis zu einer gleich häufigen Nennung von Männern und Frauen. Das bedeute, dass die Geschlechterstereotype aus der Vorstellung der Geschlechteranteile entstehe, die bei den Testpersonen jeweils individuell für die Berufsgruppe vorhanden ist.

Zur Chancengleichheit

Der SZ-Artikel gegen Ende: „Vor diesem Hintergrund ist es also nicht nur ein Gebot der Höflichkeit, mit und über Menschen in der öffentlichen Kommunikation so zu sprechen, dass Männer und Frauen explizit benannt sind – allein das sollte ja eigentlich schon Grund genug sein, dies zu tun. Es ist darüber hinaus geradezu eine demokratische Pflicht, die Entfaltung von Chancengleichheit und -gerechtigkeit nicht schon durch die Ablehnung geeigneter sprachlicher Mittel zu behindern.“

Dazu adressiert Scholten an Frau Nübling (1:48:03):

Das [dass der Staat durch Reform in den Sprachgebrauch der Bürger eingreift] halten Sie für ein Gebot der Höflichkeit, in Ihrer grenzenlosen Ungebildetheit, nicht wissend, dass das früher immer gemacht worden ist, dass die Frau ausdrücklich genannt worden ist? Bei jeder Gelegenheit hat man das immer so gemacht. Das hat der Frau überhaupt nichts gebracht. Das einzige, was sie zu dem gemacht hat, was sie heute ist, ist ihre Bildung, die Wünsche, die ihrer Bildung entsprungen sind, etwas mit dem eigenen Leben anzustellen.

Und ich frage Sie, Frau Nübling, als Frau, wo Sie hier von Chancengleichheit reden: Welche Chancen hätten Sie denn noch gerne? Sie sind mit dem, was Sie uns hier geboten haben, Professorin geworden; herzlichen Glückwunsch, ich gönne Ihnen das, Sie dürfen in wissenschaftlichen Magazinen Essays veröffentlichen, ohne einen einzigen Primärbeleg dort zu nennen, also etwas zu veröffentlichen, was ich nicht mal einem Siebtklässler als Aufsatz in der Schule durchgehen lassen würde. Sie führen doch ein fantastisches Leben, welche Chancen hat man Ihnen denn vorenthalten, dass Sie so etwas schreiben können?

Was wir ändern sollten

Nach einem aufschlussreichen Zitat der feministischen Linguistin Luise Pusch, dass es „die Baum“ heißen sollte („gespielter Witz“, 1:49:09), meint Scholten abschließend (1:50:02):

Und damit verabschiede ich mich mit den mahnenden Worten: Wir haben es hier mit Menschen zu tun, über deren Verrücktheit und deren Intelligenz ihr euch jetzt selber ein Bild machen konntet. Und diese Leute haben offenkundig freien Zugang zu Parteien, ihren Programmen und dem Personal, das in der Regierung sitzt und dort Verordnungen erlässt. Und das sollten WIR ändern.

Dies ist, und kann es nur sein, eine kleine Auswahl aus der Vielzahl der Aspekte und Argumente in Daniel Scholtens Beitrag gegen den Artikel der Süddeutschen Zeitung und die Methoden der feministischen Linguistik, einen Bedarf an „geschlechtergerechten“ Bezeichnungen zu begründen und diese durchzusetzen. Es ist höchst erbauend und informativ, Scholten, der immer wieder durch breites Wissen beeindruckt, in der Gänze seines 111-minütigen Vortrages zu folgen. Dies lässt sich aufgrund des Umfangs allerdings schlecht nebenbei erledigen – je nach Interesse sollte man in Anbetracht der Vielfalt und Dichte in Betracht ziehen, eine Pause einzuplanen.

Wer sich weiter für das Genussystem interessiert, findet in Scholtens Belles Lettres unter anderem den erwähnenswerten Artikel „Der Führerin entgegen!“ über die historische Entwicklung des Genus aus den indogermanischen Ursprüngen mit Bezügen auf die „geschlechtergerechte Sprache“.

Vorschaubild: AdobeStock162598607 von Alexander Limbach

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Lesermeinungen

  1. Von Stephan Maier

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