Die Schuld der etablierten Parteien am Extremismus

von MANNdat

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Offene Mail an Prof. Dr. Matthias Franz vom 25.11.2018.

Prof. Dr. Matthias Franz ist Vorsitzender der Akademie für Psychoanalyse und Psychosomatik Düsseldorf e.V. und hat zusammen mit dem Direktor des Klinischen Instituts für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsklinikum Düsseldorf Prof. Dr. Hans-Christoph Friederich und der Männerarbeit der Evangelischen Kirche im Rheinland den Männerkongress 2018 in Düsseldorf veranstaltet.

Sehr geehrter Herr Professor Franz,

Sie organisieren seit vielen Jahren in regelmäßigen Abständen in Düsseldorf einen Männerkongress. Wir haben von Ihnen schon ein Buch rezensiert. Ein Alleinstellungsmerkmal Ihrer Kongresse war bislang die neutrale, unpolitische und vor allem nicht polarisierende Offenheit gegenüber wichtigen geschlechter-, insbesondere auch männerrelevanten Themen.

In Ihrer Eröffnungsrede zum letzten Männerkongress polemisieren Sie aber gegen Männer, die sich benachteiligt fühlen, indem Sie in jenen Männern offenbar Otto Rühles „proletarische Protestmännlichkeit“ ausmachen, „die aufgrund ihrer Befangenheit in kindlichen Traumatisierungen jedoch nicht zu einem analytischem Umgang mit der sozialen Frage vordringe.“ Wenn man faktenbezogen deskriptiv anstatt geschlechterpolitisch normativ argumentiert, ergeben sich aber ganz andere Gesichtspunkte für die Unzufriedenheit von Männern. Denn Nachteile und Benachteiligungen von Jungen, Vätern und Männern sind durchaus real. Als Mediziner kennen Sie z. B. die gesetzlich festgeschriebenen Benachteiligungen von Jungen und Männern im Sozialgesetzbuch. Laut Artikel 3 des GG wird behinderten Menschen Gleichberechtigung zugesichert. Mit §49 SGB IX (2) wird Männern dieses Grundrecht im Erwerbsleben aber wieder entzogen, weil darin ausschließlich behinderten Frauen gleiche Chancen im Erwerbsleben durch konkrete Maßnahmen zugesichert werden, nicht jedoch behinderten Männern.

Und in §64 SGB IX (1) 3. wird ausschließlich für behinderte oder von Behinderung bedrohte Frauen und Mädchen ein Selbstbehauptungskurs als gesetzliche Sozialleistung hervorgehoben, männlichen Behinderten dagegen nicht. Der Gesetzgeber knüpft die Sozialleistung einer Reha-Maßnahme also nicht nur an deren ärztlich bescheinigte Notwendigkeit, sondern auch an das Geschlecht des betreffenden Menschen. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes duldet diese Ausgrenzung von behinderten Jungen und Männern ausdrücklich als „positive Maßnahme“ zur Frauenförderung.

Diese beiden Beispiele sind natürlich nicht die einzigen. Im Grundgesetz gibt es z. B. zwei Artikel, in denen Menschen – in beiden Fällen Männer – aufgrund ihres Geschlechtes diskriminiert werden. Nach Artikel 6 Abs. 4 hat jede Mutter den Anspruch auf den Schutz und die Fürsorge der Gemeinschaft, Väter nicht. Einer gleichberechtigten Elternschaft von Vater und Mutter wird damit grundgesetzlich die Basis entzogen.

Laut Artikel 12a des GG können Männer vom vollendeten achtzehnten Lebensjahr an zum Dienst in den Streitkräften, im Bundesgrenzschutz oder in einem Zivilschutzverband verpflichtet werden. Männern – und ausschließlich Männern – wird hier nicht nur ein wesentliches Grundrecht massiv eingeschränkt. Den politischen Entscheidungsträgern wird damit erlaubt, Männerleben für ihre politischen Zwecke benutzen zu dürfen.

Diese Sexismen existieren im GG seit über 60 Jahren und auch nach Jahrzehnten intensiver Geschlechterpolitik hat sich daran nichts geändert. Würde eine objektive, auf wissenschaftlicher Basis agierende Geschlechterpolitik, die wirklich nach Gleichberechtigung strebt, nicht zuallererst solche im Grundgesetz verankerten Sexismen beseitigen, insbesondere dann, wenn sie alte Rollenbilder zementieren, in vorliegenden Fall die Frau als Erzieherin und den Mann als Krieger?

Und als Botschafter für die genitale Selbstbestimmung von Menschen wissen Sie, dass Jungen per Gesetz die Grundrechte aus Artikel 1, 2 und 3 wesentlich beschnitten wurden, als die politisch Verantwortlichen 2012 beschlossen, Körperverletzungen an Jungen durch Beschneidung zu legalisieren.

Prof. Pohl als einer Ihrer Referenten ist bekannt für seine Polemik und seine monokausalen Schuldzuweisungen gegenüber Prof. Amendt. Pohl war deshalb auch Bestandteil der Anti-Amendt-Kampagne der Uni Frankfurt. Ein Teilnehmer Ihres Kongresses empfand Pohls Vortrag so, „dass der glaubwürdig geäußerte Unmut über Benachteiligungen von Jungen und Männern nur als narzisstisch gekränkte, frauenfeindliche und repressive Abwehrreaktion widerlichster Art zu verstehen” sei. Pohls Vortrag war zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Briefes noch nicht online verfügbar, spiegelt aber Ihre Darlegungen in Ihrer Eröffnungsrede wieder. Den von Herrn Pohl Kritisierten haben Sie allerdings nicht die Möglichkeit gegeben, ihre Anliegen in einem Vortrag vorzutragen. Eine solche Einseitigkeit hat nichts mit den von Ihnen versprochenen kontroversen Diskussionen zu tun. Vielmehr konstruieren Sie damit ein Feindbild.

Wir kennen Pohl schon von früheren Auftritten. Halbwaisen und ihre entsorgten Elternteile sind nach Pohl offensichtlich bedauerliche Randerscheinungen und keinesfalls etwas, dessen sich eine Politik annehmen solle. Prekäre Beschäftigungsverhältnisse seien sozial gerecht, wenn die armen Männer nun endlich lernen dürften, wie es den armen Frauen schon immer ergangen sei.

In unserer Zeit trauen sich immer mehr männliche Opfer von Missbrauch, sich zu outen. Das ist sehr gut so. Wir halten es für kontraproduktiv, wenn gleichzeitig Männer, die sich als Opfer sehen, ins Lächerliche gezogen werden.

2006 hat die Studie „Gesellschaft im Reformprozess“ des Meinungsforschungsinstituts Infratest Aufsehen erregt, als sie die Gruppe der Langzeitarbeitslosen mit ungenügender Ausbildung als „abgehängtes Prekariat“ bezeichnete. Das Berliner Institut für Bevölkerungsentwicklung hat aus Anlass dieser Studie eine eigene Studie „Not am Mann“ verfasst, in der sie die Lebenslage junger Männer in den neuen Bundesländern analysierte. Im Ergebnis hat die Studie vor elf Jahren schon die Situation vorhergesagt, wie wir sie heute vorfinden.

Vorwiegend junge Männer, die in wirtschaftsschwachen Landstrichen zurückbleiben, sind auf dem Arbeitsmarkt, in der Bildung und bei der Partnerfindung benachteiligt…Diese Personen sind damit von einer Teilhabe in wesentlichen gesellschaftlichen Bereichen ausgeschlossen. Da sich dieser Zustand bereits über Jahre verfestigt, ist zu befürchten, dass in den entsprechenden Regionen eine neue, männlich dominierte Unterschicht entstanden ist, die sich dauerhaft zu etablieren droht.

Wohl wissend, dass die Politik rein aus Verantwortungsbewusstsein heraus nicht bereit sein wird, sich um prekarisierte junge Männer in unserer Gesellschaft zu kümmern, thematisierten die Macher der Studie den Zusammenhang der prekären Lage junger Männer und Rechtsextremismus und damit den sozialen Sprengstoff, den das Ignorieren der Zukunftsprobleme junger Männer in sich birgt. Man konnte zwar keinen deutlichen Zusammenhang zwischen Jugendarbeitslosigkeit und dem Anteil rechtsextremer Wählerstimmen ausmachen, wohl aber konnte man feststellen, dass die NPD dort hohe Wähleranteile erreichte, wo nur wenige gebildete junge Männer die Schulen verließen.

Das Berliner Institut für Bevölkerungsentwicklung hat deshalb als wirksame Maßnahme für das Abdriften junger Männer in den Rechtsextremismus vor allem eine Bildungsförderung von Jungen und jungen Männern vorgeschlagen. Dabei sollten auch schon im Vorfeld Defizite, die die Bildungskarriere erschweren, ermittelt und beseitigt werden:

Nicht erst zur Einschulung, sondern bereits im Alter von vier Jahren sollte bei Kindern ein verpflichtender Gesundheits-Check durchgeführt werden, damit Wahrnehmungsstörungen, mangelnde Sprachfähigkeit und Verhaltensauffälligkeiten frühzeitig diagnostiziert werden können. Diese Auffälligkeiten treten überproportional bei Jungen auf.

Überall, wo soziale Defizite bei Jungen vorhanden oder im Entstehen waren oder deren kommunikative Fähigkeiten Defizite aufwiesen, sollten Sozialarbeiter, Sozialverbände, die Jugendhilfe, der jugendpsychologische Dienst oder Jugendgruppen gemeinsam mit Schulen Programme anbieten, die das Selbstvertrauen und die Motivation von männlichen Jugendlichen hebt. In Einzelfällen wurde sogar geschlechtergetrennter Unterricht zur Förderung von Jungen vorgeschlagen.

Des Weiteren wurde als wichtig angesehen, Männern von frauendominierte Berufsbereiche, wie z. B. den pädagogischen oder erzieherischen Bereich, die Dienstleitungsbranchen und den Tourismus, zu erschließen und sie in diese Berufe zu integrieren. Informationskampagnen wie z. B. „Mehr Jungen an Gymnasien“ wurden vorgeschlagen, die auch von Schulen, Kirchen, Jugendclubs usw. mitgetragen werden sollten. Solche Kampagnen seien schon seit den 1960er Jahren bekannt und erfolgreich erprobt, damals, um Mädchen aus dem Bildungsabseits herauszuholen.

In der Realität geschieht jedoch genau das Gegenteil.

Die Politik eines Gender Mainstreaming verlangt von Männern, egal ob hochbezahlter Topmanager oder arbeitsloser alleinerziehende Vater, dass sie sich bereitwillig durch Frauenquoten diskriminieren lassen, weil Quotengleichheit ein Maß für Gleichberechtigung sei und Gender Diversity ganz wichtig wäre für den Erfolg. Gleichzeitig sagen die Befürworter dieser Quotenpolitik diesen Männern zynisch ins Gesicht, dass der ohnehin schon minimale und stetig weiter schrumpfende Männeranteil in erzieherischen und pädagogischen Berufen überhaupt nichts bezüglich Gleichberechtigung zu sagen hätte und in diesen Bereichen Gender Diversity völlig überflüssig sei.

Und Selbstvertrauen von Jungen stärken ist genau das Gegenteil von dem, was heute mit Männerbashing-Hashtags wie Kill-all-Men- und Men-are-Trash-Hashtags und sonstigem, heute gängigem Verächtlichmachen von Jungen, Vätern und Männern geschieht.

Bildung, Herr Professor Franz, Bildung für Jungen und junge Männer ist der Schlüssel für den Weg aus dem Problem. Etwas, was die Politik mit ihren 34 Bildungs- und Jugendministerien auf Länder- und Bundesebene eigentlich hinbekommen sollte, wenn sie es denn wollte.

Der zunehmende Gender Education Gap und die höhere männliche Jugendarbeitslosigkeit wird von den politisch Verantwortlichen aber nicht als Problem, sondern als positive, ja sogar erfreuliche Rückmeldung einer Geschlechterpolitik gesehen, die sich auch heute trotz Gender Mainstreaming ausschließlich auf die Frauenquote reduziert. Und jeder Junge, der im Bildungssystem scheitert und arbeitslos auf der Straße landet, ist pragmatisch gesehen natürlich ein Gewinn für die Frauenquote.

Obwohl die PISA-Studie 2000 die Jungenleseförderung als primäre bildungspolitische Herausforderung formuliert hat, stellt sich die Politik dieser Herausforderung bis heute nicht. Gut 100 Mädchen-MINT-Förderprogrammen stehen 4 Jungenleseförderprogramme zur Seite, wovon nur ein einziges von einem für Jungen zuständigen Ministerium gefördert wurde, und zwar ein Flyer zur Jungenleseförderung aus Sachsen. Dieser Flyer ist also alles, was 34 Bildungs- und Jugendministerien in 18 Jahren nach der ersten PISA-Studie in Sachen Jungenleseförderung zustande gebracht haben. Die Politik hat sich für das Zurücklassen von Jungen selbst die Absolution erteilt, indem sie Jungen kurzerhand als das unbegabtere Geschlecht biologisierte. Dieses Zurücklassen von Jungen ist aber kein Kavaliersdelikt, sondern hier werden Generationen von Jungen Zukunftschancen bewusst verweigert, aus Gründen eines politischen Programms.

Die Konsequenzen liegen auf der Hand. Nach Prof. Markus Meier in „Lernen und Geschlecht heute“ (2015) sind mittlerweile mehr als ein Viertel aller jungen Männer in Deutschland funktionelle Analphabeten. Das ist keine „paranoid entdifferenzierte Wahrnehmung“, sondern Realität.

Was das Berliner Institut für Bevölkerungsentwicklung völlig unterschätzt hat, war das totale Desinteresse der politischen Verantwortlichen an den Zukunftsperspektiven von Jungen. Mädchen hatten in der Politik engagierte Fürsprecher. Jungen sind den politisch Verantwortlichen dermaßen egal, dass die Abgeordneten des Deutschen Bundestages im Jahr 2012 bereitwillig aus Lobbyinteressen im wahrsten Sinne des Wortes Jungen ans Messer lieferten und entgegen Artikel 1, 2 und 3 GG sich mit überwältigender Mehrheit für die ausdrückliche Legalisierung von Körperverletzung an Jungen durch Beschneidung ohne medizinische Notwendigkeit mit großer Mehrheit entschieden haben. Es sind also die politisch Verantwortlichen, die bis heute Gewalt und Gewalterfahrung immer noch als essentielle Männlichkeitserfahrung sehen. Es ist deshalb irreführend, alte Männerrollenbilder einfach der angeblichen Starrköpfigkeit unbelehrbarer junger Männer in die Schuhe schieben zu wollen. Die Geschlechterpolitik unserer Tage hat keinerlei Interesse daran, dass auch Jungen generell weinen dürfen sollen. Sie sollen lediglich über ihre eigene Schuld und Schlechtigkeit weinen.

In der Politik geschieht nichts zufällig. Wenn etwas geschieht, kann man sicher sein, dass es auch auf diese Weise geplant war. So sagte es einst Franklin D. Roosevelt. Er müsste es gewusst haben. Er war Politiker. Anstatt Männer, die berechtigte Zukunftsängste hegen, zu ridikülisieren, sollten Sie nach den Gründen fragen, weshalb die politisch etablierten Parteien mit ihrer offen zur Schau getragenen Jungen- und Männerfeindlichkeit und ihrem konsequenten Ausgrenzen von Jungen aus Bildungsfördermaßnahmen sehenden Auges genau das tun, wovon sie wissen müssten, dass es junge Männer in die Arme von Extremisten treiben könnte.

Kann es sein, dass die Zunahme von gewalttätigen Männern der Politik gar nicht so ungelegen kommt? Je mehr junge Männer gewalttätig werden, desto besser kann man sie als das schlechtere Geschlecht darstellen und desto leichter ist es, ihnen noch mehr Grundrechte zu entziehen und noch mehr Frauenprivilegien zu etablieren. Zugegeben, das ist Spekulation. Das wäre ein Vabanquespiel und klingt perfide. Aber ist nicht auch das Vorenthalten von Reha-Maßnahmen für behinderte Jungs aufgrund ihres Geschlechts perfide und trotzdem per Gesetz manifestiert und in Deutschland üblich?

Junge Männer, die sich extremistischen Strömungen, egal ob von links oder von rechts, zuwenden, sind selber verantwortlich für diese Entscheidung. Was aus jungen Menschen aber wird, dafür tragen die Erwachsenen, als Eltern, als Gesellschaft und als politisch Verantwortliche eine wesentliche Mitverantwortung. Deshalb ist es zu einfach, die politisch Verantwortlichen so einfach von ihrer Verantwortung für ihre Fehler und Versäumnisse zu entbinden.

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Lesermeinungen

  1. Von Wahim

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  2. Von uepsilonniks

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  3. Von Dr. Bruno Köhler

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  4. Von Michael Baleanu

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