„Der deutsche Bürger wird immer noch belogen“ – die Väterbewegung im Interview

von Dr. Bruno Köhler

Er ist die personifizierte Väterbewegung in Deutschland. Seit etwa 30 Jahren beschäftigt er sich mit dem Thema Trennungsväter. Franzjörg Krieg, mittlerweile pensionierter Lehrer und selbst betroffener Trennungsvater. Wer Väterpolitik begreifen und die Emotionen von Trennungsvätern verstehen will, muss mit ihm reden. MANNdat sprach mit ihm über Trennungsväterpolitik, die Väterbewegung und das neue Familienrecht. Das Interview führte Dr. Bruno Köhler.

MANNdat: Herr Krieg, Sie sind seit Jahrzehnten eine der Leitfiguren der Väterbewegung in Deutschland. Wie ist es dazu gekommen?

Franzjörg Krieg: Schon seit meinem Studium 1968 – 1973 zum Realschullehrer für Musik und Ethik war ich nebenher vielseitig interessiert und war sowohl als Musiker als auch als Höhlenforscher in bedeutendem Maß aktiv. Im Rahmen meiner privaten Forschungsarbeiten als Höhlentaucher vertrat ich auch die deutsche Höhlentauchszene bei internationalen Kongressen und baute meine Expeditionsarbeit konsequent aus.

Diese Entwicklung wurde ab 1993 durch meine Erfahrungen als nicht ehelicher Trennungsvater mit zwei Töchtern dramatisch abgebrochen. Ich musste erfahren, dass die Mutter meiner Töchter in ihrem Machtmissbrauchsverhalten durch alle Institutionen völlig kritiklos unterstützt wurde und dass auch Verhaltensweisen ihrerseits von eindeutig kindeswohlschädlicher Qualität durch das Jugendamt gedeckt wurden.

Ich musste ebenso erfahren, dass es für mich außer dem Verweis auf die Alimentierung der Rechtsanwaltskaste keine Hilfe gab.

Die Analyse meiner schmerzlichen Erfahrungen von traumatischer Dimension führten mich zur Erkenntnis, dass mein Schicksal nicht allein ein Spezifikum meiner privaten Vita darstellt, sondern dass es Ausdruck einer gesamtgesellschaftlich desolaten Situation von immensem Ausmaß darstellt, die sich von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt tief in die Funktionen unserer familialen Strukturen eingefressen hat. Ich musste lernen, dass Frauenförderstrukturen nicht nur flächendeckend das gesamte Feld der familialen Intervention okkupiert hatten, sondern dass sie gerade in Karlsruhe auf eine unglaublich ignorante und elitäre Art und Weise die Sozialpolitik dieser Stadt bestimmten.

Nach meiner ersten – natürlich unwirksamen – Strafanzeige gegen das Jugendamt Karlsruhe Land hatte ich damals dem Amtsleiter angekündigt, dass ich mich auf viele Jahre bei ihm in Erinnerung halten werde.

Dieses Versprechen habe ich eingelöst.

Ich habe am 25.10.2001 den VAfK Karlsruhe gegründet, der doppelt so schnell wächst wie jede andere VAfK Großgruppe und der inzwischen mit der drittgrößten Kreisgruppe (Hamburg) gleichgezogen hat. Alle VAfK-Gruppen auf den einstelligen Plätzen kommen dabei aus Städten, die ungleich größer sind als Karlsruhe. Wenn wir nur einen Vorsprung von 10 Mitgliedern aufholen, werden wir die zweitgrößte deutsche Kreisgruppe in Berlin überholt haben.

Mit anderen Aktivisten der VAfK-Szene in BW habe ich den Landesverband gegründet und bin auch dessen Erster Vorsitzender.

Durch die Etablierung des VÄTERKONGRESS im Jahr 2008 in Karlsruhe und durch die Mitwirkung bei den Dreharbeiten zum Film „Der Entsorgte Vater“ im selben Jahr konnte ich die Bedeutung meiner Aufbauarbeit in Karlsruhe festigen.

Inzwischen bin ich pensioniert. Ich hatte einmal vor, als Pensionär mindestens die Hälfte des Jahres im Ausland unterwegs zu sein. Stattdessen verbringe ich meine Zeit ehrenamtlich bei der weiteren Aufbauarbeit, bei Kongressen, als Referent, bei der täglichen Beratungsarbeit und rund 50 Mal im Jahr als Beistand vor den Familiengerichten. Mit letzterem habe ich die Beratungsarbeit im VAfK Karlsruhe in einzigartiger Weise ausgebaut und kann seit Jahren direkt in Entscheidungsprozesse mit eingreifen.

Am 4. Mai 2013 fand auf Ihre Initiative hin der erste Vätervernetzungskongress in Karlsruhe statt. Was war das Ergebnis?

Es gibt zum Phänomen Trennungsväter in Deutschland eine infame strukturelle Eigenschaft: Väter werden nach Trennung und Scheidung vom System familialer Intervention ignorant und zynisch behandelt. Wenn sie berechtigterweise dagegen aufbegehren, zeigt frau mit dem Finger auf sie und erklärt damit das unterstellte aggressive Potential für bestätigt.

Es ist kein Wunder, wenn unter solchen Voraussetzungen Trennungsväter eine schwierige Klientel darstellen, die zwischen Gewaltphantasien und der Notwenigkeit von strategisch besonnenem und trotz aller Gewaltaktionen gegen sie paradox emotionslosem Taktieren hin und her gerissen sind.

Meine Absicht war, zu beweisen, dass diese schwierige Trennungsväterszene in Deutschland trotz allem die Qualität einer Bewegung hat, die zu einer konzertierten Vorgehensweise fähig ist und sich trotz großer Unterschiede gemeinsamen Zielen verpflichten kann.

Diese meine Intention hat sich bestätigt.

Es wird allerdings noch einige Zeit dauern, bis die Öffentlichkeit mit einer gemeinsamen Erklärung der gesamten deutschen Trennungsväterszene rechnen kann, was nicht an der mangelnden Absicht, sondern allein an der Feinabstimmung liegt.

Die Frage enthielt die Formulierung „Vätervernetzungskongress“.

Ich habe in meiner Antwort auf „Trennungsväter“ eingegrenzt.

Dies war notwendig, um das primäre Problem entsprechend klar zu bezeichnen. Natürlich ist im Hinterkopf dabei schon längst die Erweiterung auf das Thema VÄTER allgemein, d.h., auch Vaterschaft allgemein, losgelöst vom Problemkreis Trennung und in weiterer Hinsicht die Erweiterung auf das Problem von ausgegrenzten Müttern nach Trennung, dessen Behandlung auf vielen Missverständnissen aufbaut und dessen Platz in der Beratungsarbeit erst noch gefunden werden muss. Ich stelle fest, dass der Anteil von Frauen (nicht nur Mütter) in meiner Erstberatungs-Statistik von anfänglich unter 5% in den letzten drei Jahren auf 15% anstieg und sich in diesem Jahr bisher auf 25% steigerte.

Sie haben häufig Väter in ihren Bemühungen, Umgangs- und Sorgerecht für ihre Kinder zu bekommen, begleitet. Sie haben wie fast kein zweiter Mensch Einblick und Erfahrungen sammeln können, wie Sorgerecht und Umgangsrecht in Deutschland praktiziert wird. Sie kennen die Praxis von Kindesentzug durch Umgangsverweigerung in all ihren schrecklichen Fassetten. Was war – unter Wahrung der Anonymität natürlich – für Sie das erschütterndste Beispiel an Umgangsrechtsverweigerung? 

Ich habe schon von Anfang an damit begonnen, meine Beratungsarbeit zu dokumentieren und damit der Statistik und der Evaluation zugänglich zu machen.

Logische Folge war der Aufbau einer Fallsammlung, die inzwischen rund 2000 Schicksale umfasst.

Seit Jahren bearbeite ich selbst 150 – 200 Neufälle jährlich – ohne die vielen Altfälle, die seit Jahren von mir begleitet werden. Erst vor wenigen Wochen war ich mit einem Vater vor Gericht, dessen Schicksal ich seit der Gründung meiner Gruppe, also seit 12 Jahren, begleite.

Was die bodenlose Destruktivität der Eigentümlichkeiten angeht, die mir begegnen, fällt mir kein „worst-of“ ein. Ich muss feststellen, dass die Varianzen in den individuellen Ausprägungen von Familienzerstörung und Väterentsorgung in Deutschland so vielfältig sind, dass immer wieder neue Ungeheuerlichkeiten zum Vorschein kommen. Es geht um bewusste Diskriminierung und menschenrechtswidrige Behandlung, es geht um in Kauf genommene Zerstörung von aus ideologischem Kalkül ausgegrenzten Mitmenschen in psychischer, physischer, sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht, für die sich niemand interessiert. Es geht im Interesse einer falsch verstandenen Frauenförderung um die Pathologisierung ganzer Bereiche unserer Gesellschaft.

Was einzelnen Vätern dabei angetan wird, bedeutet die systemimmanente Umsetzung von Vernichtungsstrukturen.

Notwendige Erkenntnis ist, dass Trennungsväter in vielen Fällen Systemopfer sind, denen Rehabilitierung und Wiedergutmachung zusteht.

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