Ist ein Männerleben weniger wert als ein Frauenleben?

von MANNdat

Bild: Fotolia.com @tashatuvangoa

Welchen Wert hat das Leben eines Mannes für unsere Gesellschaft? Haben wir uns an die Gewalt gegen Männer so gewöhnt, daß sie uns vollkommen egal ist? Und wenn ja, wie konnte es soweit kommen?

Das französische politische Wochenmagazin „Le Point“ fragt in der Überschrift eines aktuellen Artikels „Ist das Leben eines Mannes weniger wert als das einer Frau?

Wir danken Genderama für die Übersetzung der Textstellen in seinem Blog vom 2.7.2019.

In dem Beitrag heißt es:

In ihrer Analyse ‚Frauen und Völkermord in Ruanda’ schrieb Aloisea Inyumba: ‚Der Völkermord in Ruanda ist eine Tragödie mit tief greifenden Folgen, die für Frauen besonders hart war. Sie machen heute 70% der Bevölkerung aus, da der Völkermord die männliche Bevölkerung zuerst vernichtet hat.’

1998 sagte Hillary Clinton auf einer Konferenz über häusliche Gewalt in El Salvador: ‚Frauen waren immer die ersten Opfer von Kriegen. Frauen verlieren ihre Männer, Väter und Söhne im Kampf.’ Zwei Zitate veranschaulichen einen allgemeinen Trend: Männer sind für viele Menschen vernachlässigbare Größen.

(…) Eine 2016 in der Zeitschrift Social Psychological and Personality Science veröffentlichte Studie zeigt, dass Menschen eher bereit sind, Männer in Krisenzeiten zu opfern, aber auch, sie generell stärker leiden zu lassen. Im Jahr 2017 stieß eine Replikation der Erfahrungen von Milgram in Polen auf Daten, die zeigen, dass die Teilnehmer weniger Skrupel hatten, Männern statt Frauen Stromschläge zu verpassen.

Diese Sexismen sind in unserer Gesellschaft schon so selbstverständlich und „normal“, dass die eindeutigen Sexismen, die hier offen zutage treten, gar nicht mehr wahrgenommen werden oder kurzerhand einfach verdrängt werden. Die normative Kraft des Faktischen. Stattdessen versucht man, lächerliche Ausreden zu formulieren, um diese Sexismen und auch das eigene sexistische Verhalten zu rechtfertigen und sich so vor der individuellen Verantwortung davonzustehlen. Der Artikel weiter:

So argumentieren einige, dass Gewalt gegen Frauen ‚geschlechtsspezifisch‘ ist und daher ernster genommen werden sollte. Ein Großteil der Gewalt, der Männer ausgesetzt sind, ist jedoch auch ‚geschlechtsspezifisch‘. Während des ruandischen Völkermords waren es vor allem Männer und Jugendliche, die Opfer des Völkermords wurden. Die geschlechtsspezifische Natur dieser Morde wurde jedoch weitgehend heruntergespielt. Während des Massakers von Srebrenica stellten Männer und Jugendliche die überwiegende Mehrheit der Opfer [Anm. des Autors: Männer und männliche Jugendliche stellten die ausschließlichen Opfer des Massakers von Srebrenica] . Sexuelle Gewalt gegen Männer wird von vielen Sozialwissenschaftlern auch als Angriff auf die Männlichkeit angesehen, der darauf abzielt, die Opfer zu demoralisieren, indem sie unfähig werden, ihre Rolle als Männer zu erfüllen.

Schließlich kommt der Artikel zum entscheidenden Punkt:

Aber auch wenn wir akzeptieren würden, dass Gewalt gegen Männer nicht geschlechtsspezifisch ist, so ist es doch nicht legitimer, die Viktimisierung von Männern und Jungen zu ignorieren, die häufiger und weiter verbreitet ist als die von Frauen.

und

Selbst wenn man davon ausgeht, dass das Phänomen auf einer gewissen Ebene instinktiv ist, bedeutet das nicht, dass die Gesellschaft nichts tun kann, um es zu minimieren.

Doch dann kommt der logische Bruch:

Die eigentliche Frage ist: Wollen wir sie beseitigen? Wollen wir mehr Frauen in den Krieg schicken? Wollen wir mehr Frauen in gefährlichen Berufen? Wollen wir uns gleichermaßen um männliche und weibliche Opfer kümmern?

Ist das wirklich die eigentliche Frage? Haben uns der Feminismus und sein geschlechterpolitisches Konzept Gender Mainstreaming nicht schon seit Jahren vorgegaukelt, dass die Geschlechter gleichwertig wären und dass man bestehende Rollenbilder abbauen wolle? Ist diese Frage also nicht schon beantwortet und ist die eigentliche Frage deshalb nicht vielmehr die:

Eine Ideologie, die uns tagtäglich vorgaukelt, man wolle die Gleichberechtigung und Gleichstellung der Geschlechter – warum weigert sich diese, männlichen Opfer von Gewalt, Nachteilen und Benachteiligungen auch nur annährend ähnliche Empathie entgegenzubringen wie weiblichen?

Kann es sein, dass diese Ideologie gar nicht das beabsichtigt, was sie vorgibt beabsichtigen zu wollen? Will sie vielleicht gar keine Gleichberechtigung oder Gleichstellung, sondern ganz schnöde sexistische Privilegierung eines Geschlechts auf Kosten des anderen? Ist deshalb die eigentliche Frage direkter ausgedrückt nicht die:

Warum belügen uns Feministinnen?

Der Autor kommt aber wieder auf das eigentliche Problem zurück, indem er seine eigene Frage einfach ignoriert und die Widrigkeiten, die einer Gleichstellung oder Gleichberechtigung der Geschlechter entgegenstehen. Er geht dabei maximal sensibel und politisch korrekt vor. Zuerst geht er das Problem verallgemeinernd an:

Ich denke, dass eine solche Gleichstellung ein lobenswertes Ziel ist, aber sie wird viel sozialen Widerstand erzeugen.

Dann schiebt er die Schuld den Männern selbst zu:

Männer selbst zögern oft, sich als Opfer zu betrachten, Traditionalisten (aller Geschlechter) könnten einer solchen Verschiebung der Geschlechternormen widerstehen, …

Und schließlich wagt er nach so viel political correctness ein bisschen Feminismuskritik:

… und viele Feministinnen würden wahrscheinlich nicht wollen, dass männliche Opfer zu viel Aufmerksamkeit erhalten.

„Würden wahrscheinlich“ sind sprachliche Weichmacher. Nicht „würden wahrscheinlich“, sondern sie tun es, ganz konkret und schon ganz lange. Einige Beispiele:

Die zuständige Bundesjugendministerin Kristina Schröder (CDU) hat 2012 verlautbaren lassen, dass es ihr bei der Legalisierung von Körperverletzung an Jungen durch Beschneidung vor allem darauf ankäme, dass dadurch nicht auch die Körperverletzung von Mädchen legalisiert würde. So ließ sie uns in ihrer Antwort vom 27.12.2012 ausrichten:

Frau Ministerin ist es ein besonderes Anliegen, dass bei der Debatte um die Zirkumzision von Jungen nicht der geringste Zweifel an der Ächtung der Genitalverstümmelung von Mädchen entsteht.

Die Grünen haben den Missbrauch von Jungen in ihrer eigenen Reihen zugunsten der Mädchenpolitik marginalisiert. So heißt es in der lokalen Parteizeitung Kreuzberger Stachel :

Innerhalb der Frauenbewegung, die um die Öffentlichkeit und Akzeptanz des Themas Missbrauch von Mädchen kämpfte und sich durch das Thema Missbrauch von Jungen (‚wieder rücken die Jungen/Männer in den Vordergrund und verallgemeinern das Thema’) wieder übergangen fühlte, war das Thema Pädophilie nicht sehr interessant. Es wurde außerdem als Konkurrenz abgelehnt. Diese Haltung teilte letztlich der (Landes-) Frauenbereich der AL. Das war ein Grund, weshalb es zwischen der Kreuzberger Frauengruppe und dem Frauenbereich kaum Kontakte gab. (65f)

In unserer „ Studie zur Ungleichbehandlung von männlichen und weiblichen jugendlichen Gewaltopfern am Beispiel der Terrorakte von Boko Haram durch den Deutschen Bundestag “ konnten wir belegen, wie ein ganzes Parlament jugendliche männliche Gewaltopfer aus geschlechteropportunistischen Gründen kurzerhand totschweigt.

Von Juni 2013 bis Juni 2014 ermordete die nigerianische Terrorgruppe Boko Haram männliche Schüler bei verschiedenen Anschlägen auf Bildungseinrichtungen in ihrem Land. All diese Verbrechen hat der Deutsche Bundestag lediglich stillschweigend zur Kenntnis genommen. Erst als Boko Haram im April 2014 Schulmädchen entführte, kam es zu einer Aktuellen Stunde im Bundestag, die jedoch nicht alle Gewaltverbrechen von Boko Haram, sondern in ihrem Titel lediglich die Entführung der Mädchen thematisierte.

Ein weiteres Beispiel ist die Empathielosigkeit des DJI :

Im Juli 2003 bestreitet Waltraut Cornelißen, Leiterin der Abteilung Geschlechterforschung und Frauenpolitik am Deutschen Jugendinstitut in München, in der Frankfurter Rundschau keineswegs, dass ‚das Vokabular von Lehrerinnen mit dem der Jungen weniger korrespondiert als mit dem der Mädchen’ und die ‚Feminisierung’ durchaus ‚die sprachliche Entwicklung von Jungen hemmen’ könne. Doch unter Berücksichtigung aller Fakten auch auf Seiten der Mädchen wägt sie sozusagen geschlechterpolitisch ab: Ein Bildungsvorsprung ‚sei für junge Frauen vorläufig oft bitter notwendig, um auch nur annährend gleiche Chancen im Beruf zu haben.’

Unabhängig davon, ob der geringe männliche Lehreranteil Jungen tatsächlich benachteiligt, was bis heute kontrovers diskutiert wird, ist für uns hier von Interesse, dass die Benachteiligung von Jungen als legitimes Frauenfrauenfördermittel billigend in Kauf genommen wird.

Und schließlich hat ganz aktuell die neugebackene EU-Chefin Ursula von der Leyen in Ihrer Nominierungsrede dargelegt, dass sie mindestens 50 Prozent der EU-Kommissarstellen mit Frauen besetzen wird. „Wir wollen unseren fairen Anteil“, begründet dies die neue EU-Chefin, die als Bundesjugendministerin seinerzeit Jungen einen fairen Anteil an Bildungsteilhabe verweigert hat (siehe oben: Der Satz, der Gender Mainstreaming als Lüge entlarvte). Ebenso plädiert sie für ein entschiedeneres Vorgehen der EU gegen Gewalt gegen Frauen. Männliche Gewaltopfer, also der Großteil der Gewaltopfer, finden in ihrer Rede keine faire Berücksichtigung. Sie finden gar eine Berücksichtigung.

Der „Le Point“ bemerkt deshalb völlig zurecht:

In der Vergangenheit haben sich Feministinnen effektiv gegen den Kampf gegen die Viktimisierung von Männern gestellt, vor allem aus Angst, dass die Betonung männlicher Opfer weibliche Opfer von männlicher Gewalt weiter marginalisieren könnte.

Seine Schlussfolgerung ist allerdings weniger plausibel:

Meine Hypothese der „männlichen Verfügbarkeit“ stellt einige feministische Annahmen in Frage, aber sie ist nicht unbedingt ein Argument gegen den Feminismus.

Doch, diese Argumente sind ein Argument gegen den Feminismus. Eine Ideologie, die fordert, Geschlechter gleichgestellt zu behandeln und bestehende Geschlechterrollenbilder aufzulösen, sind entscheidende Argumente gegen diese Ideologie, wenn sie in der Praxis genau das Gegenteil macht, nämlich Geschlechterrollenbilder zementiert und die Geschlechter ungleich behandelt.

„Le Point“ weiter:

Aber es wäre unfair, allgemeine Schlussfolgerungen über die feministische Theorie zu ziehen. Viele prominente feministische Persönlichkeiten, wie z. B. bell hooks (Gloria Jean Watkins), haben darauf hingewiesen, wie schädlich „das Patriarchat“ für Männer sein kann. Feministinnen erkennen auch allgemein an, dass männliche Opfer sexueller Gewalt an den Rand gedrängt werden, weil sie sich gegen dominante Geschlechternormen stellen.

Eindeutiges „Jein“. Ja, man darf nicht alle Feministinnen über einen Kamm scheren. Es gibt viele Feministinnen, die die berechtigten Anliegen von Jungen, Vätern und Männern sehen und die momentane Entwicklung zu einer pauschal jungen- und männerfeindlichen Gesellschaft kritischen sehen. Siehe hierzu das neue Buch von Arne Hoffman „ Gleichberechtigung beginnt zu zweit “. Es gibt aber keine allgemeine Anerkennung der Marginalisierung männlicher Opfer von Gewalt durch Feministinnen. Und die Ausflucht auf die Patriarchatsthese dient dazu, sich bequem aus der Verantwortung stehlen zu können. Denn z. B. für die Diskriminierung von Jungen im Bereich Bildungspolitik und von Vätern im Bereich Familienrecht sowie deren Marginalisierung als Gewaltoper gibt es ganz konkrete Zuständigkeiten und ganz konkrete Verantwortlichkeiten. Das sind die Familienpolitiker/innen, die Bildungspoltiker/innen und die Protagonisten in der Gewaltbekämpfung. Diese sind schuld, wenn Männer und Jungen marginalisiert und benachteiligt werden, weil ihr Auftrag, etwas daran zu ändern, in diversen Verfassungen und Gesetzen – in Deutschland in Artikel 3 des GG – seit vielen Jahrzehnten verankert sind.

„Le Point“:

Allerdings ist die Einstellung der Feministinnen zu männlichen Problemen bei weitem nicht perfekt, und einige der Kritikpunkte der Männer-Aktvisten sind nicht ohne Grundlage. Ich glaube jedoch, dass es möglich und notwendig ist, eine gemeinsame Basis zu finden.

Völlig d’accord.

Es ist schwer zu behaupten, dass Feminismus nutzlos wäre, wenn wir die Unterdrückung und Viktimisierung von Frauen auf der ganzen Welt sehen. Aber Unterdrückung ist kein Nullsummenspiel – der Umgang mit der Unterdrückung von Frauen erfordert nicht, das Leiden der Männer zu ignorieren.

Genauso ist es. Gewalt und Benachteiligungen von Frauen weltweit zu thematisieren ist völlig legitim und wichtig. Das zu unterbinden ist nicht unser Anliegen. Unser Anliegen ist es, männliche Opfer von Benachteiligungen, Nachteile und Gewalt nicht mehr zu marginalisieren und Nachteile, Benachteiligungen und Gewalt unabhängig vom Geschlecht zu thematisieren und zu beseitigen.

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Lesermeinungen

  1. Von S.G.

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  2. Von Bernd Jenne

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  3. Von wolf

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