Wie viel Boys´ Day steckt im Girls´ & Boys´ Day?

von Dr. Bruno Köhler

Warum diese Studie?

2001 wurde unter der rot-grünen Bundesregierung mit der Bundesjugendministerin Christine Bergmann (SPD) der bundesweite Zukunftstag (Girls´ Day) eingeführt, in dem Mädchen geschlechterspezifisch Berufe kennenlernen sollten. Jungen wurden, wie der Name Girls´ Day schon sagt, kurzerhand aus diesem Zukunftstag ausgeschlossen. 2002 entwickelte die rot-schwarze Landesregierung in Brandenburg den Girls´ Day zu einem Girls´ & Boys´ Day weiter.

2005 führte die rot-grüne Regierung mit Bundesjugendministerin Renate Schmidt (SPD) das Projekt „Neue Wege für Jungs“ ein, das unter anderem auch mithalf, erste Jungenaktionen am Girls´ Day zu koordinieren. Im gleichen Jahr entwickelte auch die schwarz-gelbe Landesregierung in Niedersachsen den Girls´ Day zu einem Girls´ & Boys´ Day weiter. Unter der schwarz-roten Bundesregierung mit Bundesjugendministerin Ursula von der Leyen (CDU) gab es keine wesentlichen Fortschritte im Hinblick auf eine Teilhabe von Jungen am Zukunftstag.

Erst unter der schwarz-gelben Bundesregierung unter Bundesjugendministerin Kristina Schröder (CDU) wurde der Girls´ Day, zehn Jahre nach seiner Einführung, 2011 bundesweit in einen Girls´ & Boys´ Day umgewandelt. Lediglich Bremen und Rheinland-Pfalz lassen Jungen nach wie vor offiziell nicht gleichwertig am Zukunftstag teilhaben. Auch in Mecklenburg-Vorpommern gibt es noch einen reinen Girls´ Day. Dafür existiert dort aber seit 2011 im Oktober ein eigenständiger „Jungstag“ für Jungen.

Über die Sinnhaftigkeit und die Effektivität solcher Girls´ Days und Boys´ Days gibt es unterschiedliche Meinungen. Eine Ausweitung des Berufswahlspektrums für Jungen und Mädchen ist zweifellos positiv, auch wenn die Idee nicht konsequent umgesetzt wird. So hatten sich im Semester 2008/2009 44.259 weibliche Studierende für das Fach Humanmedizin entschieden, aber lediglich 26.546 männliche Studierende. Das entspricht einem Männeranteil von 37%. Im Bereich Veterinärmedizin sind die Unterschiede zuungunsten der männlichen Studierenden noch extremer. Trotzdem wird Arzt/Ärztin als Praktikumsplatz beim Girls´ Day angeboten, während er bei Jungen tabu ist.

Hier spiegelt sich vermutlich noch die These wider, alle gut bezahlten Berufe seine „Männerberufe“ und alle schlecht bezahlten Berufe seien „Frauenberufe“. Diese These wurde schon so häufig wiederholt, dass sie gar nicht mehr kritisch hinterfragt wird. Nachfolgend sind verschiedene Berufe, die als typisch weiblich (rosa) und typisch männlich (blau) gelten, aufgelistet in der Reihenfolge ihrer Gehälter. Die Gehaltsdaten stammen aus www.gehaltsvergleich.com (Abruf 21.09.2011). Dabei wurden nur Bruttogehälter mit 4-6 Jahren Berufserfahrung und zwischen 39 und 41 h/Woche betrachtet und der Durchschnitt gebildet.

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 Verschiedene Berufe, die als typisch weiblich (rosa) und typisch männlich (blau) gelten
Beruf Durchschnittsbruttolohn in €
Sekretärin Elektrotechniker   3000
Maurer     2600
Mechatroniker     2400
Erzieherin     2300
Bauelektriker Chem.-techn. Assistent Pharm.-techn. Assistent 2200
Anlagenmechaniker     2000
Altenpflegerin     1900
Heilerziehungspfleger     1800
Arzthelferin Forstwirt Einzelhandelskaufmann 1700
Koch     1600

Nach der gängigen These des schlecht bezahlten Frauen- und des gut bezahlten Männerberufes müsste also Erzieher ein Männerberuf und Forstwirtin ein Frauenberuf sein. Diese These ist in dieser pauschalen Form also eindeutig falsch oder zumindest sehr verkürzt, was ihre Beliebtheit in der Geschlechterpolitik und in den Medien jedoch nicht schmälert. Es ist ein Problem, dass Geschlechterpolitik auch heute noch mit lieb gewonnenen ideologischen Klischees anstatt mit Fakten betrieben wird.

Laut Pressemeldung des Statistischen Bundesamtes vom 31.10.2006 ging zudem im Zeitraum von 1995 bis 2005 der Anteil männlicher Absolventen der Fächergruppe Ingenieurwesen um über 30% (ca. 13.000) zurück auf etwa 30.000. Der Anteil weiblicher Absolventen in dieser Fächergruppe ist in diesem Zeitraum lediglich um etwa 1.000 auf ca. 9.000 gestiegen. Die relative Zunahme des Frauenanteils in dieser Fächergruppe resultiert also weniger aus der Erhöhung des Frauenanteils, sondern hauptsächlich aus der massiven Reduktion des Männeranteils bei den Studienabschlüssen. Vor diesem Hintergrund ist die Klage der Wirtschaft nach einem angeblichen Fachkräftemangel zu hinterfragen. Wenn es wirklich einen Fachkräftemangel gäbe, dann muss man die Frage stellen, warum man dann nichts unternimmt, um die rapide sinkende Zahl an Männerabschlüssen in diesen Berufsbereichen zu stoppen.

Zudem ist auch die Bezeichnung der Einrichtung, die den Boys´ Day koordiniert, „Neue Wege für Jungs“, irreführend und suggeriert sozial inkompetente Jungen. Jungen waren immer schon sozial kompetent und auch im sozialen Bereich aktiv. Bei der Feuerwehr z. B. ist der Jungenanteil sogar so groß, dass er genderpolitisch korrigiert werden soll. Auch hier verzerren ideologische Ansichten die wahren Fakten.

Unabhängig davon, wie man zu den Girls´- und/oder Boys´ Days nun steht, geschlechterpolitisch ist die Analyse des Boys´ Day-Engagements jedenfalls sehr aufschlussreich. Denn im Gegensatz zum Girls´ Day, dessen Berufswahlfelder vor allem im industriellen, privatwirtschaftlichen Bereich liegen, sind die Aktionsfelder des Boys´ Days oft im kommunalen und staatlichen Bereich zu finden, wie z. B. Kindertageseinrichtungen, Krankenhäuser, Bibliotheken oder Schulen. Die Bereitschaft, Jungen am Zukunftstag teilhaben zu lassen, spiegelt deshalb auch die Bereitschaft kommunaler und staatlicher Gleichstellungspolitik wider, sich den Anliegen und Belangen von Jungen ebenso zu widmen, wie den Anliegen und Belangen von Mädchen.

Der Ausschluss von Jungen aus dem Zukunftstag war schon seit jeher äußerst fragwürdig, da männliche Jugendliche damals wie heute höhere Jugendarbeitslosenquoten haben als weibliche.

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 Tabelle Jugendarbeitslosigkeit [2]
Jugendarbeitslosigkeit (Jugendarbeitslose jeweils März 2010 vs. 2011)
Bundesland gesamt 2011 weiblich 2011 männlich 2011 % Differenz 2010 % Differenz 2011
Baden-Württemberg 19.498 8.320 11.178 67,1 34,4
Bayern 27.522 11.042 16.480 82,2 49,2
Berlin 22.778 9.399 13.379 39,2 42,3
Brandenburg 14.952 5.895 9.057 69,4 53,6
Bremen 3.520 1.447 2.073 50,6 43,3
Hamburg 5.939 2.425 3.514 52,3 44,9
Hessen 18.020 7.571 10.449 54,1 38,0
Mecklenburg-Vorpommern 12.949 5.102 7.847 69,5 53,8
Niedersachsen 28.032 11.439 16.593 71,2 45,1
NRW 71.874 29.457 42.417 58,5 44,0
Rheinland-Pfalz 12.761 5.182 7.579 62,2 46,3
Saarland 3.267 1.365 1.902 71,2 39,3
Sachsen 23.424 9.671 13.753 67,5 42,2
Sachsen-Anhalt 13.762 5.612 8.150 58,8 45,2
Schleswig-Holstein 11.913 4.649 7.264 70,2 56,2
Thüringen 9.409 3.908 5.501 74,6 40,8
Deutschland 299.620 122.484 177.136 63,7 44,6

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