Wie viel Boys´ Day steckt im Girls´ & Boys´ Day?

von Dr. Bruno Köhler

Zudem war und ist eine solche Ausgrenzung mit dem neuen geschlechterpolitischen Ansatz Gender Mainstreaming nicht vereinbar. Nach diesem geschlechterpolitischen Ansatz sollten die Anliegen und Belange beider Geschlechter gleichberechtigt und objektiv Berücksichtigung finden, so dass eine Gleichstellung, die an den geschlechterspezifischen Teilhabequoten gemessen wird, erreicht wird. Die Crux an der Sache ist jedoch, dass die Anliegen und Belange von Jungen und Männern in der Praxis i.d.R. eben nicht berücksichtigt werden.

Auch hier darf natürlich hinterfragt werden, inwieweit Gleichstellung an Teilhabequote zu messen sinnvoll ist oder nicht. Aber wenn die Gleichstellung von Frauen und Mädchen definitiv an Teilhabequote gemessen wird, muss umgekehrt natürlich auch die Teilhabequote von Jungen und Männern (hier z. B. im Bereich der Bildungsabschlüsse) als Grundlage für deren Gleichstellung herangezogen werden.

Gleichstellungspolitik ist historisch gesehen als reine Frauen- und Mädchenförderpolitik gewachsen. D.h. man machte etwas Spezielles für Mädchen, ließ Jungs einfach weg und sah dann die geschlechterspezifische Jugendpolitik als abgehandelt an. Eine Änderung dieser Sichtweise ist nur mit erschreckender Langsamkeit erkennbar. Indem der Zukunftstag, das größte geschlechterspezifische Jugendförderprojekt aller Zeiten, 2001 ganz bewusst unter Ausschluss von Jungen eingeführt wurde, wurde das Ignorieren von Jungen politisch en vogue. Der Zukunftstag nur für Mädchen wurde damit zum Vorbild einer Jungen ausgrenzenden Geschlechterpolitik.

Ihre problematischste Fortsetzung findet sie derzeit in der Marginalisierung der Bildungsprobleme von Jungen, wie sie aus den öffentlich zugänglichen Bildungsdaten der statistischen Bundes- und Landesämter herausgelesen werden können. Zwar werden in den Bildungsstatistiken von Bund und Ländern geschlechterspezifisch ausschließlich Mädchen und Frauen betrachtet (auch das ist ein klarer Verstoß gegen Gender Mainstreaming und belegt die heute noch frauenfokusierte Ausrichtung der Bildungspolitik), aber die Jungendaten können mit Hilfe der Gesamtzahlen ausgerechnet werden. Zudem existiert mit MANNdat e.V. seit einigen Jahren eine Plattform, auf der Daten zu Jungen und Männern publiziert werden, die in der Gleichstellungspolitik i.d.R. verschwiegen, marginalisiert oder zunehmend auch geleugnet werden.

Anbei die Daten zur Schulabbrecherquote und dem Anteil von männlichen Abschlüssen der allgemeinen Hochschulreife in Relation zu den jeweiligen Mädchendaten.

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 Tabelle allgemeine Hochschulreife [3]
Bildung (Schulabschlüsse allgemeine Hochschulreife 2008 vs. 2009)
Bundesland gesamt 2009 weiblich 2009 männlich 2009 % Differenz 2008 % Differenz  2009
Baden-Württemberg 33.029 18.129 14.900 18,5 17,8
Bayern 33.455 18.347 15.108 16,0 17,7
Berlin 12.974 7.167 5.807 19,2 19,0
Brandenburg 11.884 6.861 5.023 28,5 26,8
Bremen 2.535 1.394 1.141 20,0 18,1
Hamburg 6.847 3.735 3.112 18,6 16,7
Hessen 18.978 10.808 8.170 22,7 24,4
Mecklenburg-Vorpommern 5.237 2.892 2.345 24,9 18,9
Niedersachsen 22.536 12.913 9.623 23,8 25,5
Nordrhein-Westfalen 67.293 37.315 29.978 21,7 19,7
Rheinland-Pfalz 13.060 7.392 5.668 24,2 23,3
Saarland 5.878 3.297 2.581 20,7 21,7
Sachsen 12.118 6.679 5.439 22,9 18,6
Sachsen-Anhalt 6.489 3.698 2.791 26,1 24,5
Schleswig-Holstein 8.480 4.668 3.812 17,8 18,3
Thüringen 7.482 4.228 3.254 29,1 23,0
Deutschland 268.275 149.523 118.752 21,6 20,6

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 Tabelle Schulabbrecher [4]
Bildung (Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss 2009)
Bundesland gesamt weiblich männlich % Differenz
Baden-Württemberg 6.789 2.741 4.048 47,7
Bayern 8.187 3.117 5.070 62,7
Berlin 2.777 1.139 1.638 43,8
Brandenburg 1.938 691 1.247 80,5
Bremen 463 192 271 41,1
Hamburg 1.213 516 697 35,1
Hessen 4.464 1.880 2.584 37,4
Mecklenburg-Vorpommern 1.617 617 1.000 62,1
Niedersachsen 5.556 2.089 3.467 66,0
Nordrhein-Westfalen 13.392 5.365 8.027 49,6
Rheinland-Pfalz 3.076 1.136 1.940 70,8
Saarland 710 266 444 66,9
Sachsen 2.690 1.045 1.645 57,4
Sachsen-Anhalt 1.982 715 1.267 77,2
Schleswig-Holstein 2.225 854 1.371 60,5
Thüringen 1.275 486 789 62,3
Deutschland 58.354 22.849 35.505 55,4

Trotz höherer Schulabbrecher- und geringerer Abiturabschlussquoten von Jungen und obwohl die erste PISA-Studie im Jahr 2000 Jungenleseförderung als die größte bildungspolitische Herausforderung sah, hat sich an der einseitigen Mädchenförderung im Bildungsbereich nichts Wesentliches geändert. Auf dem Bundesbildungsserver sind bundesweit 18 reine Mädchenförderprojekte im MINT-Bereich unter „Förderung von Mädchen“ aufgeführt. Männliche Risikoschüler in diesen MINT-Fächern, die also ebenso eine Förderung und Motivation in diesen Fächern bräuchten, werden, wie seinerzeit bei der Einführung des Zukunftstages, allein auf Grund ihres Geschlechts einfach kurzerhand aus dieser Förderung ausgeschlossen und damit bewusst zurückgelassen. Das ist eine klare Benachteiligung von Jungen.

Umgekehrt ist im Bundesbildungsserver unter dem Thema „Förderung von Jungen“ nicht ein einziges Leseförderprojekt speziell für Jungen aufgeführt. Im Gegenteil: die PISA-Studie 2009 hat gezeigt, dass sich die geschlechterspezifischen Lesekompetenzunterschiede innerhalb der letzten neun Jahre nicht verringert haben. Stattdessen ist der Anteil von Jungen in der Spitzengruppe der Lesekompetenz im Gegensatz zu den Mädchen sogar deutlich zurückgegangen. Auch hier liegt auf Grund der belegbaren Einseitigkeit schulischer Förderung also eine eindeutige Benachteiligung von Jungen im Bildungswesen vor.

Dort wo Jungen Nachteile oder Benachteiligungen erfahren, findet Gender Mainstreaming nicht statt.

Die Glaubwürdigkeit und die Weiterentwicklung von Geschlechterpolitik lassen sich deshalb daran messen, wie weit sie bereit ist, sich den Anliegen von Jungen mit dem gleichen Engagement zu widmen wie den Anliegen und Belangen von Mädchen. Darum ist die Entwicklung der Teilhabe von Jungen am Zukunftstag, bei aller Kritik, die dazu oft zu hören ist („Billigjobbörse für Jungs“ oder Umerziehungsprogramm), ein sehr gutes Indiz für die Glaubwürdigkeit und den Fortschritt von Gleichstellungspolitik. Es kommt letztendlich darauf an, was man aus dem Boys´ Day macht. Man kann ihn natürlich als ideologische Umerziehungsmaßnahme missbrauchen. Aber man kann ihn auch als wichtige Horizonterweiterung für Jungen bei der Berufswahlsuche nutzen. Für beide Extreme gibt es Beispiele.

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