Was der Bildungsbericht verschweigt – Teil 4: Ausländische Jungen

von MANNdat

In unserem offenen Brief vom 23. Juli 2020 an die Verantwortlichen des Bildungsberichtes haben wir kritisiert, dass die Bildungsprobleme von Jungen zum wiederholten Male im Bildungsbericht unsichtbar gemacht werden. Aus diesem Grunde haben wir uns entschlossen, ab sofort regelmäßig eine eigene Dokumentationsreihe zur Bildungssituation von Jungen mit dem Titel „Was der Bildungsbericht verschweigt“ zu veröffentlichen. Hier Teil 4 – Ausländische Jungen.
(Zu Teil 3: IQB-Bildungstrends)

„In der konkreten Arbeit mit dieser Zielgruppe ist es zu empfehlen, ressourcenorientiert zu arbeiten. Das heißt, nicht die Schwächen der Zielgruppe in den Vordergrund stellen, sondern ihre Stärken. Um die Kinder und Jugendlichen zu motivieren, ist es sinnvoll, ihnen gute Vorbilder aus der eigenen Ethnie aufzuzeigen.“
(Ahmet Toprak: „Pädagogische Arbeit mit türkischen Jungen und Jugendlichen“ in Handbuch Jungen-Pädagogik, Matzner,M./ Tischner, W. (Hrsg.), 2008, Belz-Verlag, S. 217)

Die Situation

Zur Darstellung der Situation von ausländischen Jungen und Mädchen im Bildungswesen in Deutschland werden die Daten aus 2005 und 2018 für die allgemeine Hochschulreife und Schulabbrecher dargestellt.

Datenquellen: zu 2005: Jürgen Budde: „Bildungs(miss)erfolge von Jungen und Berufswahlverhalten bei Jungen / männlichen Jugendlichen“, 2008, Hsg.: BMBF; zu 2018: Destatis

Datenquellen: zu 2005: Jürgen Budde: „Bildungs(miss)erfolge von Jungen und Berufswahlverhalten bei Jungen / männlichen Jugendlichen“, 2008, Hsg.: BMBF; zu 2018: Destatis

Wie man sieht, haben ausländische Jungen die schlechtesten Bildungsabschlüsse. Sie überwiegen bei den Schulabbrechern und haben deutlich weniger Abiturabschlüsse. Die Graphiken zeigen aber auch im Gegensatz zu manchen politischen Behauptungen eindeutig, dass es auch eine allgemeine Geschlechterabhängigkeit des Bildungsabschlusses gibt. Jungen, egal ob Ausländer oder Deutsche, haben schlechtere Bildungsabschlüsse als Mädchen. Es ist nicht so, dass lediglich ausländische Jungen die schlechteren Bildungsabschlüsse zu Mädchen haben. Deutlich wird dies auch bei der Darstellung der jeweiligen Differenzen.

Ausgrenzung von Jungen aus geschlechterspezifischer Integrationsförderung

Trotz dieses Gender Education Gaps werden auch ausländische Jungen aus der geschlechterspezifischen Bildungsförderung ausgegrenzt.

2004 gab die rot-grüne Bundesregierung (BMFSFJ) die Studie „Viele Welten leben“ heraus. Darin wurden ausschließlich die geschlechtsspezifischen Integrationsprobleme weiblicher Migrantenjugendlicher beschrieben und analysiert, obwohl damals schon bekannt war, dass die größten Bildungsprobleme in Deutschland ausländische Jungen bzw. Jungen mit Migrationshintergrund haben.

Im nationalen Integrationsplan beschränkte die schwarz-rote Regierung 2007 das Genderthema ebenso auf ein Kapitel „Lebenssituation von Frauen und Mädchen verbessern“.

Im Themenbereich Integrationspolitik sieht der schwarz-gelbe Koalitionsvertrag 2009 lediglich eine Bildungsoffensive für weibliche Migrantenjugendliche vor:

Wir wollen die Teilnahme zugewanderten Frauen und Mädchen aus allen Kulturkreisen am öffentlichen und gesellschaftlichen Leben fördern. Dafür brauchen wir eine Bildungs- und Ausbildungsoffensive für Migrantinnen (Bundesregierung 2009: Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und FDP 2009, S.77)

Die Sozialministerinnen Stolz (CDU), Baden-Württemberg, und Haderthauer (CSU), Bayern, unterbreiteten auf der 86. Arbeits- und Sozialministerkonferenz (ASMK) am 21. und 22. Oktober 2009 in München unter TOP 4.15 folgenden Beschlussvorschlag:

Die Amtschefinnen und Amtschefs für Arbeit und Soziales der Länder empfehlen der ASMK folgenden Beschluss: Die Ministerinnen und Minister, Senatorinnen und Senatoren für Arbeit und Soziales der Länder bitten das Bundesministerium für Arbeit und Soziales zur Erlangung einer verlässlichen Datengrundlage einen Forschungsauftrag zu erteilen, der die Situation von Frauen und Mädchen mit Migrationshintergrund unter den Merkmalen Geschlecht, Ethnizität und Diskriminierungserfahrungen analysiert. Schwerpunkte der Forschung sollen der Zugang zu Bildung, zum Arbeitsmarkt sowie gesellschaftliche und politische Partizipation sein. Die Programme und Maßnahmen zur Integration können sich ohne eine verlässliche Datengrundlage und Ausgangsanalyse nicht auf die besonderen Lebenslagen und Lebenswirklichkeiten von Frauen und Mädchen mit Migrationshintergrund einstellen.

Zur Begründung führen die Ministerinnen Stolz und Haderthauer an:

Derzeit liegen so gut wie keine Daten zu den Lebenslagen von Frauen und Mädchen mit Migrationshintergrund vor. Es ist nur wenig über ihre Chancen auf Bildung, Zugang zum Arbeitsmarkt und sowie Teilhabe am gesellschaftlichen und politischen Leben bekannt. Die Programme und Maßnahmen zur Integration können sich ohne eine verlässliche Datengrundlage und Ausgangsanalyse nicht auf die besonderen Lebenslagen und Lebenswirklichkeiten von Frauen und Mädchen mit Migrationshintergrund einstellen. Auch zur Durchführung positiver Maßnahmen wird eine verlässliche Datenbasis benötigt. Die Analyse spezifischer Problemlagen sowie spezifischer Lösungsansätze dienen der Integration dieser Frauen und Mädchen sowie der Herstellung von Chancengleichheit.

Obwohl davon auszugehen ist, dass beide Sozialministerinnen über die Datendefizite von männlichen Jugendlichen mit Migrationshintergrund Kenntnis besaßen, und obwohl ebenso davon auszugehen ist, dass beide Sozialministerinnen wussten, dass fast jeder vierte männliche Jugendliche mit Migrationshintergrund die Schule in Deutschland ohne einen Abschluss verließ, schenkten sie bei der Datenerhebung der Situation von männlichen Jugendlichen mit Migrationshintergrund keinerlei Beachtung.

Auch im Integrationsplan 2020 der Bundesregierung bleiben männliche Migrantenjugendliche aus der geschlechtersensiblen Integrationsförderung ausgeschlossen. So wird auf Basis des ESF-Programms zur Förderung von Frauen mit Migrationshintergrund (einschließlich geflüchteter Frauen) am Arbeitsmarkt in Kernvorhaben 4 zwar das Ziel formuliert „Erwerbsbeteiligung von Migrantinnen und geflüchteten Frauen erhöhen“. Eine geschlechterspezifische Förderung von Männern mit Migrationshintergrund gibt es jedoch nicht. Das ist umso fragwürdiger, als seit 2015 vorrangig junge Männer als Flüchtlinge nach Deutschland kamen. Hier täte Integrationsförderung nicht zuletzt auch wegen der gesellschaftlichen Akzeptanz gut.

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Lesermeinungen

  1. Von Freude

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  2. Von Norbert W.

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    • Von Bruno

  3. Von nico

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