Männergesundheit – (k)ein Thema?

von Dr. Bruno Köhler

Krankenkassen und Männergesundheit

Zur Beurteilung der Krankenkassen haben wir 153 gesetzliche Krankenkassen einige konkrete Fra­gen zur Männergesundheit gestellt. Unsere Fragen an die Krankenkassen lauteten:

  • A1 Gibt es bei Ihrer Krankenkasse konkrete Maßnahmen, um die Vorsorge und die Früherkennungs­mentalität speziell von Männern zu stärken und wenn ja, welche Maßnahmen sind dies?
  • A2 Gehen Sie in Ihren Berichten auch speziell auf das Thema Männergesundheit ein?
  • A3 Weisen Sie in Gesprächen mit politisch Verantwortlichen auf die Notwendigkeit der Betrachtung von Männergesundheit hin und wenn ja, in welcher Form?
  • M1 Setzen Sie sich für einen Männergesundheitsbericht ein und wenn ja, in welcher Form?
  • M2 Setzen Sie sich für die Führung einer Männergesundheitsdatenbank ein und wenn ja, in welcher Form?
  • J1 Wird in Ihrer Krankenkasse Jungengesundheit thematisiert (z.B. durch spezielle Vorträge oder Informationsmaterialien zu Jungengesundheitsthemen)? Nennen Sie bitte einige Beispiele.
  • R1 Übernimmt Ihre Krankenkasse die Kosten für ärztlich verordneten Rehabilitationssport in Gruppen unter ärztlicher Betreuung und Überwachung, einschließlich Übungen, die der Stärkung des Selbst­bewusstseins dienen, für behinderte oder von Behinderung bedrohten Jungen und Männern ebenso wie für Frauen und Mädchen?
  • R2 Übernimmt Ihre Kasse auch für Männer die Kosten einer Perücke, wenn aus therapeutischen oder krankheitsbedingten Gründen dem Kunden die Haare ausfallen.
  • F1 Gibt es bei Ihrer Krankenkasse spezielle Maßnahmen zur Information von Männern über „Frauen­krankheiten“, die auch Männer betreffen können und wenn ja, welche Maßnahmen sind bzw. welche Krankheiten betrifft dies?
  • F2 Gibt es bei Ihrer Krankenkasse spezielle Maßnahmen zur Information von Ärzten über „Frauen­krankheiten“, die auch Männer betreffen können und wenn ja, welche Maßnahmen sind bzw. welche Krankheiten betrifft dies?
  • P1 Wird von Ihrer Krankenkasse der PSA-Test im Rahmen der üblichen Prostatakrebsfrüherken­nungsuntersuchung bezahlt und wenn ja, unter welchen Rahmenbedingungen (z.B. Bonussystem usw.)?
  • P2 Wird von Ihrer Krankenkasse eine Da Vinci [®] Prostatektomie bezahlt?
  • P3 Unterstützen Sie die Verbesserung der Prostatakrebsfrüherkennungsmethoden und wenn ja, durch welche Maßnahmen?
  • H1 Gibt es bei Ihrer Krankenkasse Maßnahmen zur Verbesserung der Information über Hodenkrebs und dessen Selbstuntersuchung bei jungen Männern oder männlichen Jugendlichen und wenn ja, in welcher Form?
  • V1 Stellen Sie Vätern auch Listen von Kureinrichtungen zur Verfügung, die Vater-Kind-Kuren durch­führen?
  • V2 Achten Sie bei Ihren Kooperationen mit Kureinrichtungen, dass diese bei Vater-Kind-Kuren auch auf die speziellen Bedürfnisse von Vätern eingehen und wenn ja, welches sind dabei Ihre Kriterien?
  • V3 Gibt es bei Ihnen pauschale Ablehnungen von Vater-Kind-Kuren?
  • V4 Wird bei Anträgen auf Vater-Kind-Kuren grundsätzlich zuerst versucht auf ambulante Behandlung zu verweisen?
  • V5 Muss ein Vater bei der Beantragung (im Gegensatz zu einer Mutter) bei einer begleitenden Vater­Kind-Kur erst glaubhaft darstellen können, dass er schwerpunktmäßig das Kind versorgt und/oder eine Begleitung durch die Mutter aus familiären Gründen (Geschwisterkinder sind zu versorgen) oder aus beruflichen Erwägungen heraus nicht möglich ist?
  • V6 Bezahlt Ihre Krankenkasse einen Geburtsvorbereitungskurs auch für den Partner der schwange­ren Frau?
  • T1 Werden bei Ihrer Krankenkasse die Belange und Anliegen speziell von Trennungs-und Schei­dungsmännern berücksichtigt und wenn ja, durch welche Maßnahmen?

Die Ergebnisse
Das wichtigste Ergebnis vorweg: Die Krankenkassen sind ausgesprochene Männergesundheitsmuf­fel. Die gleichen Krankenkassen, die Männer wegen ihres mangelnden Vorsorgebewusstseins als „Vor­sorgemuffel“ bezeichnen, nehmen Männer, die Anfragen zur Männergesundheit stellen, offenbar überhaupt nicht ernst. Vielleicht sind Männer auch deshalb Vorsorgemuffel, weil sie so wenig Reso­nanz von ihrer Krankenkasse bei Anfragen erhalten.

Lediglich 2 Krankenkassen ( von 153!) haben die Fragen beantwortet. Dies waren zum einen die BKK Demag-Krauss-Maffei , wobei deren Antwort etwas knapp gehalten war. Sie war die einzige der „kleineren“ Krankenkassen, die geantwortet hat. Von den großen Krankenkassen beantwortete lediglich die AOK Baden-Württemberg unsere Anfra­ge.

Drei Krankenkassen lehnten eine Beantwortung ab (AOK Bayern, AOK Hessen und AOK Rheinland-Pfalz). Sieben Krankenkassen sagten eine Rückmeldung zu, meldeten sich dann aber nicht mehr (Novitas BKK, BKK Heilberufe, BKK Hercules, BKK Mobil-Oil, Knappschaft, Signal Iduna IKK und die Techni­ker Krankenkasse).

Analyse der Krankenkassen
Auf Grund der geringen Rückmeldung waren wir gezwungen, unsere Bewertungsstrategie zu ändern. Wir haben die großen Krankenkassen untersucht, in wie weit sie Männergesundheit auf ihrer Inter­netpräsenz thematisieren. Hierbei wurden folgende Krankenkassen analysiert:

Männergesundheit
Das Thema Männergesundheit wurde sehr häufig bei der DAK, der AOK Hessen und der AOK Ba­den-Württemberg gefunden. Die DAK nimmt Männergesundheit sogar als ein Schwerpunktthema in diesem Jahr in ihr Programm auf. [38]

Prostatakrebs
Das Thema Prostatakrebs fanden wir sehr häufig bei der Techniker Krankenkassen, der AOK BW und der AOK Hessen . Bei der Techniker Krankenkasse fällt auf, dass diese sehr stark Werbung macht für die „Brachythera­pie“. Dazu die Techniker KK:

Konkret geht es um die ambulante Behandlung des Prostatakarzinoms mit einer speziellen Form der Strahlentherapie: die Seed-Brachytherapie. Dabei werden kleine umschlossene ra­dioaktive Strahlenquellen, so genannte Seeds, direkt in die Prostata implantiert. [39]

Die Knappschaft hat an ihrem Knappschaftskrankenhaus in Dortmund ein Prostatazentrum einge­richtet, dem als eine der ersten zwölf Einrichtungen von der Deutschen Krebsgesellschaft der Titel „zertifiziertes Prostatakarzinomzentrum“ zuerkannt wurde. [40]

PSA (Prostataspezifisches Antigen)
Die Bestimmung des PSA gilt als eine Methode zur Prostatakrebsfrüherkennung, die jedoch nicht unumstritten ist, weil die Werte häufig schwanken. Die Bestimmung des PSA-Wertes ist keine Kas­senleistung, zumindest solange kein Verdacht auf Prostatakrebs vorliegt.

Sehr häufig wird die PSA-Bestimmung bei der Techniker Krankenkasse thematisiert, gefolgt von den AOK-Kassen. Bei den AOK-Kassen gibt es zudem eine Seite, die Männer bei der Frage unterstützen soll, ob man eine PSA-Bestimmung machen lassen sollte oder nicht. Bei den untersuchten Kassen konnte lediglich bei der BKK Mobil Oil eine Stelle gefunden werden, die auf einen mangelhaften Früherkennungsumfang allein durch Tastuntersuchung hinweist:

In manchen Fällen lässt sich der Verdacht auf Prostatatkrebs so (durch die Tastuntersuchung, Anm. v. MANNdat) bereits vermuten. […] Nicht tastbar sind Prostatakarzinome, die seitlich oder zur Bauchseite hin ausgerichtet sind. [41]

Daher empfhielt die BKK Mobil Oil:

Demnach sollten alle Männer ab 40 Jahren einmal jährlich einen PSA-Test in Kombiantion mit einer Tastuntersuchung durchführen lassen. Diese Maßnahmen sind bislang jedoch noch nicht allgemein erstattungsfähig. [41]

Leider zahlt die BKK Mobil Oil auch trotz dieser Ansicht nicht die PSA-Bestimmung. Stattdessen bie­tet sie eine Zusatzversicherung PSA über den Deutschen Ring an.

Rückenschule
Rückenprobleme betreffen zwar nicht nur Männer, aber Männer besuchen seltener als Frauen eine Rückenschule. Deshalb gibt es vereinzelt Angebote speziell für Männer. Eine spezielle Rückenschule (Stärkung der Rückenmuskulatur) für Männer konnte vorwiegend bei der Techniker Krankenkasse, der AOK Niedersachsen, der Kaufmännischen Krankenkasse, der Taunus, der Knappschaft und bei der IKK Sachsen gefunden werden.

Stress
Laut Studien erhöht Stress bei Männern die Sterblichkeit um 30 Prozent. [42] Besonders häufig wurde Material zum Thema „Stress bei Männern“ bei der Techniker Krankenkas­se gefunden.

Hodenkrebs
Die Heilungschancen von Hodenkrebs stehen relativ gut, wenn die Krebsart rechtzeitig erkannt wird. Wie schon erwähnt, besteht das Problem darin, dass das erste Maximum an Erkrankungsraten schon weit vor dem Beginn der gesetzlichen Krebsfrüherkennung zur Untersuchung der äußeren Genitalien beginnt. Aus diesem Grund ist es wichtig, junge Männer über die Problematik des Hodenkrebses und die Möglichkeit der Selbstuntersuchung zu informieren. Gut gelungen ist dies bei der Barmer und der Techniker KK .

Problematisch ist die Thematisierung bei der BKK Mobil Oil und der DAK . Bei beiden Kassen wird auf die Hodenkrebsvorsorge ab 45 bei der üblichen Ein­stiegsgrenze für Männer zur Krebsfrüherkennung hingewiesen. Da aber ein Hodenkrebsmaximum schon in den Altersstufen vor dem 45. Lebensjahr auftritt, wird mit diesem allgemeinen Hinweis auf die Einstiegsaltersgrenze suggeriert, dass Hodenkrebs vor 45 kaum ein Problem sei. Hier wäre drin­gend ein Hinweis notwendig, dass Männer schon früher eigenständig eine Selbstuntersuchung auf Hodenkrebs vornehmen sollten. Der Text bei DAK:

Einen Anspruch auf Untersuchungen zur Früherkennung von Krebserkrankungen haben nach § 25 Sozialgesetzbuch V (SGB V) alle männlichen Versicherten ab dem Beginn des 45. Lebensjahres einmal jährlich. [43]

Der Text bei BKK Mobil Oil:

Vorsorge- und Früherkennungsuntersuchungen sind für die Betriebskrankenkasse Mobil Oil ganz selbstverständliche Leistungen. Je früher Krankheiten festgestellt und behandelt werden, umso größer ist die Chance einer schnellen und vollständigen Heilung. [44]

Unter „hier“ bei Hodenkrebs:

Ab dem Alter von 45 Jahren: Tastuntersuchung der (Prostata, Hoden) auf mögliche An­zeichen einer Krebserkrankung. [45]

Vater Kind-Kuren
Die Thematisierung von Vater-Kind-Kuren wurde in Relation zur Thematisierung des Themas Mutter­Kind-Kuren untersucht. Hier konnten vor allem die Barmer, die DAK und die Mobil Oil BKK sich po­sitiv hervorheben.

Männer mit „Frauenkrankheiten“
Dieses Thema wurde an drei Beispielen untersucht: Magersucht, Depressionen und Osteoporose. Depressionen bei Männern wurde nur bei zwei und Osteoporose sogar nur bei einer der untersuchten 18 Krankenkassen nicht gefunden. Magersucht bei Männern wurde bei 8 Krankenkassen nicht gefun­den.

Hervorragend wird dieses Thema bei der DAK berücksichtigt. Aber auch die Barmer, die Techniker KK, die AOK Bayern, AOK Rheinland/Hamburg, AOK Niedersachsen und die Deutsche BKK liefern gute Werte.

Ernährung
Das Thema „Männer und Ernährung“ wurde im Vergleich zu „Frauen und Ernährung“ untersucht. Hier konnte nur die Gmünder Ersatzkasse (GEK) überzeugen.

Erektile Dysfunktion
Dieser Punkt wird bei der DAK, der Techniker KK, der Deutschen BKK und der Gmünder Ersatz­kasse (GEK) überzeugend als Extrathema abgehandelt. Kurios: Bei den AOK-Kassen findet sich „Erektile Dysfunktion“ beim Thema Rauchen! [46]

Auswertung
Wir legten die Barmer, die sich ja selbst als „Frauenkasse“ bezeichnet, als Maßstab zugrunde. Alle Krankenkassen, die bessere Ergebnisse als die Barmer zeigten, werteten wir als die besten Kranken­kassen in Sachen Männergesundheit. Dies sind insgesamt betrachtet:  Techniker Krankenkasse, DAK, AOK Baden-Württemberg.

Auch bei diesen Kassen wird noch lange nicht all das für die Verbesserung von der Männergesund­heit getan, was getan werden könnte. Trotzdem sind hier sehr gute Ansätze und Projekte vorhanden. Diese drei Kassen wurden deshalb von MANNdat e.V. mit einer Plakette ausgezeichnet.

Die fehlende Resonanz auf unsere Anfrage bei der DAK und der Techniker Krankenkasse trübt das Ergebnis zwar ein wenig, aber wer mit diesem mangelhaften Kundenservice klarkommt, dem können wir diese drei Kassen als die besten unserer Krankenkassenstudie empfehlen.

Eine weitere Auszeichnung mit dem Siegel erhält die BKK Demag-Krauss-Maffei, da sie als einzige der „kleineren“ Krankenkassen unsere Fragen beantwortet hat – ein Entgegenkommen, das leider nicht selbstverständlich ist.

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