Bildungspolitische Benachteiligung von Jungen als Frauenfördermittel

von MANNdat

Anhang – Antworten der bildungspolitisch Verantwortlichen

(nach Datum des Eingangs geordnet)

 

Antwort von Bettina Brück (SPD) aus Rheinland-Pfalz vom 14.8.14

„vielen Dank für Ihre Anfrage.

Selbstverständlich halte ich es für notwendig, Jungen und Mädchen je nach ihren Bedürfnissen bildungspolitisch besonders zu fördern.

Mal ganz abgesehen davon, dass die Benachteiligung von Mädchen und jungen Frauen insbesondere in späteren Stufen der Ausbildung (z. B. Studium) und im Berufsleben immer noch Fakt ist und sie nach wie vor spezielle Unterstützungsangebote brauchen, gibt es mit Blick auf die Jungen im Prinzip zwei Grundprobleme:

– beim Kompetenzerwerb in schulischen Fächern hinken häufig Jungen hinterher. Besonders im sprachlichen Bereich lagen die Werte für Jungen in verschiedenen Bildungsstudien unter dem Gesamtdurchschnittswert und noch deutlicher unter den Durchschnittsleistungen der Mädchen. Statistiken zeigen zudem, dass Jungen im Schnitt später eingeschult werden, auf sie entfallen fast 60 Prozent aller Klassenwiederholungen, sie stellen den größeren Teil bei den Schulabgängern ohne Hauptschulabschluss, und Jungen zeigen deutlich häufiger Auffälligkeiten im Sozialverhalten als Mädchen.

– geschlechtsspezifische Besonderheiten kennzeichnen nach wie vor die Berufswahlentscheidungen von jungen Männern und Frauen. Das führt beispielsweise im Falle der Männer dazu, dass sie sich sehr viel seltener für soziale Berufe und insbesondere für Erziehungsberufe entscheiden, als dies ihrem Bevölkerungsanteil entsprechen würde. Das wiederum hat zur Folge, dass die Bildung und Erziehung jüngerer Kinder in Kindertagesstätten und Grundschulen hauptsächlich in weiblicher Hand liegt. Männliche Vorbilder sind im engeren Bereich dieser Einrichtungen selten, was bei den Jungen dann zumindest teilweise zu Defiziten führen kann. Es werden sowohl im Kita-Bereich, als auch im schulischen Bereich viele Informationen angeboten, um mehr männliche Erzieher und Grundschullehrkräfte zu gewinnen.

Seit vielen Jahren gehört eine geschlechtersensible und geschlechtergerechte Erziehung zu einem der Grundsätze in den Bildungs- und Erziehungsempfehlungen für Kindertagesstätten in Rheinland-Pfalz, zu deren Einhaltung sich alle Trägerorganisationen seit 2004 verpflichten.

Auch in der Schule ist eine geschlechtersensible und geschlechtergerechte [Anmerkung MANNdat: weitergehender Satzteil fehlt auch im Original!]

In einem Modellversuch an Ganztagsgrundschulen wurden in den letzten Jahren Konzepte für eine „jungengerechte Schule“ ausgearbeitet und erprobt, die dann auf möglichst viele Grundschulen übertragen werden sollen. Neben einer stärkeren Frühförderung in den Kindertagesstätten, von der beide Geschlechter gleichermaßen profitieren, liegt ein Schlüssel zu einer geschlechtergerechteren Bildung sicherlich in einer punktuellen Neuausrichtung in den Grundschulen. Ganztagsgrundschulen bieten dabei mit ihrem erweiterten Zeitrahmen und der Einbindung außerschulischer Partner in das schulische Angebot ganz besonders günstige Voraussetzungen. In dem Projekt hat sich gezeigt, dass es von entscheidender Bedeutung ist, dass die Schulleitungen und Kollegien in einem ersten Schritt ihre bisherige Gestaltung des Unterrichts und des Schulalltags kritisch reflektieren und dabei auch einmal ganz bewusst den Standpunkt einnehmen, dass Jungen einen speziellen Förderbedarf haben. Daraus ergaben sich Maßnahmen, die zu einer geschlechtergerechteren Gestaltung des Schulalltags führen. Die Versuchsschulen haben einige Tipps für eine bessere Förderung von Jungen erarbeitet, z. B.:
– die Öffnung der Sporthalle in den Pausen und/oder die Ausgestaltung des Pausenhofs unter geschlechterbezogenen Gesichtspunkten, damit Kinder ihren Bewegungsdrang ausleben können, der bei Jungen meist größer ist als bei Mädchen
– die zeitweise Trennung nach Geschlechtern in verschiedenen Unterrichtseinheiten (z. B. im Sport- , Musik- oder Mathematikunterricht oder zum Lesen)
– Veränderungen in den Aufgabenstellungen im Unterricht (bspw. Verbindung von Aufgaben in Deutsch mit Bewegungsübungen oder alternative Textaufgaben im Rechnen mit speziellem Zuschnitt auf die Interessensgebiete von Jungs)
– die Einrichtung einer „Jungen-Leseecke“ und einer „Mädchen-Leseecke“ in den Schulbibliotheken
– eine Planung der Zusatzangebote im Ganztagsunterricht, bei der ein Teil speziell auf Mädchen und ein Teil speziell auf Jungen zugeschnitten ist
– die Durchführung eines „Mann-Kind-Tages“, an dem beispielsweise Väter oder andere männliche Verwandte in einen Projekttag an der Schule – nicht nur speziell für Jungen – eingebunden werden.

Schon im Grundschulalter können Schulen mit einem Bündel von organisatorischen Maßnahmen, ausgeprägter pädagogischer Flexibilität und der stärkeren Einbeziehung männlicher Bezugspersonen auch von außerschulischen Partnern in das Schulleben Jungen fördern, ohne Mädchen zu benachteiligen.

Darüber hinaus gibt es in den Aktivitäten der Leseförderkampagne „Leselust in Rheinland-Pfalz“ immer wieder speziell auf Jungen abgestimmte Aktivitäten. Auch in den mittlerweile mehr als 700 Ganztagsschulen (Grund- und weiterführende Schulen), werden Angebote gemacht, die gezielt auf Jungen abgestimmt sind (genauso wie spezielle Angebote für Mädchen).    

Im Bereich der Berufsorientierung wird versucht, Schülern und Schülerinnen einen geschlechterneutralen Blickwinkel zu vermitteln. In den jährlichen Empfehlungen für angehende Lehramtsstudierende wird z. B. seit Jahren ausdrücklich insbesondere um Männer im Grundschullehramt geworben. Im Rahmen des jährlichen „Girl’s Day“ gibt es nicht nur Orientierungsangebote für Mädchen in Betrieben, Verwaltungen etc. insbesondere im Blick auf technische Berufe, sondern parallel auch Angebote für Jungs mit entsprechend anderen Schwerpunkten v.a. bei sozialen Berufen. Es gibt auch in den weiterführenden Schulen viele weitere beispielhafte Aktivitäten, z. B. trennen einige Schulen Jungen und Mädchen zeitweise im naturwissenschaftlichen Unterricht, auch hier wird Leseförderung betrieben, es gibt das Projekt sozial engagierte Jungs u.v.a.m

Ich hoffe, ich konnte Ihnen einen kleinen Überblick über die Aktivitäten in der geschlechterspezifischen Bildungspolitik in Rheinland-Pfalz geben. Ich werde mich als Bildungspolitikerin auch weiter für eine geschlechtergerechte und geschlechtersensible Förderungen von Jungen und Mädchen in unseren Schulen und Kitas einsetzen.“

Antwort von Jan Klepatz im Namen von Herrn Dr. Thomas vom Bruch (CDU) aus Bremen vom 5.9.14:

„vielen Dank für Ihre Anfrage zur geschlechterspezifischen Bildungspolitik vom 13. August, zu welcher ich Ihnen heute im Auftrag des bildungspolitischen Sprechers der CDU-Bürgerschaftsfraktion, Herrn Dr. Thomas vom Bruch, eine Antwort übersenden darf:

Unser übergeordnetes bildungspolitisches Ziel ist es, dass jedem Kind passgenau die individuelle Förderung zuteil wird, die es auch benötigt. Dies hat unabhängig vom sozialen Status, einer möglichen Migrationserfahrung oder einem sonderpädagogischen Förderbedarf und eben vom Geschlecht des jeweiligen Kindes zu erfolgen.

Bei Wahrung dieser Maxime, ergibt sich nach unserer Einschätzung aktuell kein eigenständiger, weitergehender Handlungsbedarf in Bezug auf eine geschlechterspezifische Bildungsförderung im Land Bremen.“

Antwort von Walter Scheuerl (fraktionslos) aus Hamburg vom 6.9.14:

„vielen Dank für Ihre Anfrage. Als Abgeordneter und als Sprecher des Elternnetzwerkes „Wir wollen lernen!“ halte ich nichts von einseitiger Bildungsförderung für Mädchen oder(!) für Jungen. Alle Kinder und Jugendlichen haben gleichermaßen eine optimale Förderung verdient.

In diesem Sinne setze ich mich weiterhin für ein starkes Bildungs- und Schulsystem ein, in dem alle Kinder und Jugendlichen optimal gefördert werden. Weiterführende Informationen finden Sie auf unserer Webseite www.wir-wollen-lernen.de.“

Antwort von Heiner Scholling (anstelle von Ina Korter) (B90/Grüne), Niedersachsen vom 11.9.14:

„über die Bildungssituation von Jungen wird in der Öffentlichkeit häufig berichtet und kontrovers diskutiert. Uns ist bekannt, dass ein unterproportionaler Anteil der Jungen in der Schule hohe Leistungen zeigt und hohe Abschlüsse erreicht und dafür ein überproportionaler  Anteil eine Hauptschule oder Förderschule besucht, geringere Leistungen zeigt und nur niedrigere oder gar keine Abschlüsse erlangt.

Ein genauerer Blick zeigt allerdings auch, dass die Jungen keineswegs eine homogene Gruppe darstellen. Ein Teil der Jungen zeigt durchaus vergleichbare Leistungen und erlangt genauso  hohe Abschlüsse wie Mädchen.  Die Ursachen für die im Durchschnitt niedrigeren Leistungen und Abschlüsse der Jungen sind sicherlich vielfältig.

Wir Grünen verfolgen einen inklusiven bildungspolitischen Ansatz, nachdem jedes Kind und jeder Jugendliche je nach seinen individuellen Voraussetzungen, Fähigkeiten und Bedürfnissen differenziert gefördert werden soll. Das schließt selbstverständlich auch eine gezielte Förderung der Jungen ein. Elemente unseres Ansatzes sind unter anderem die Entwicklung veränderter Lernformen, die auf die individuellen Bedürfnisse gezielt eingehen,  und der Ausbau der Ganztagsschulen.“

Antwort von Heiko Rottmann im Namen von Patricia Lips (CDU), Bundestag vom 12.09.14:

„vielen Dank für Ihre Anfrage. Bitte entschuldigen Sie, dass ich mich urlaubsbedingt und aufgrund des Sitzungsbeginns in Berlin erst heute bei Ihnen melden kann.

Die von Ihnen angesprochene Förderung von Jungen in Schulen halten wir für wichtig. Wie Sie aber wissen, haben wir im Bund nicht die Kompetenz für Angelegenheiten der Schule, die allein Ländersache sind. Denn es geht Ihnen ja um die die Altersgruppe der Schüler/Jugendlichen. Daher möchten wir keine Aussagen außerhalb unserer Zuständigkeit hier treffen.

Mein Vorschlag: Gerne können wir nochmal telefonieren. Teilen Sie mir doch Ihre TelNr mit, dann rufe ich Sie an.“

Antwort von Beate Raudies (SPD) aus Schleswig Holstein vom 22.09.14:

Vielen Dank für Ihre Anfrage.

Im Anhang übersende ich Ihnen eine Stellungnahme des Arbeitskreises Bildung der SPD-Landtagsfraktion Schleswig-Holstein.

Aufgrund eines Büroversehens kommt die Antwort leider etwas verspätet; dafür bitte ich um Entschuldigung.

wir danken Ihnen für Ihre Mitteilung vom 12.08.2014 und die beigefügten statistischen Informationen über die Bildungschancen von Mädchen und Jungen.

Im Mittelpunkt unserer Bildungspolitik steht die Chancengerechtigkeit, die nicht durch Faktoren beeinträchtigt werden darf, für die der einzelne Schüler nicht verantwortlich ist, die aber seine Leistungen bzw. deren Bewertungen negativ beeinflussen. Für uns war der schwierigste Befund der PISA-Studien, dass in Deutschland, weit stärker als in den meisten anderen Ländern, die Bildungschancen junger Menschen von ihrer sozialen Herkunft abhängig sind. Wir haben in den vergangenen Jahren eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, sowohl im Bereich der Schulstrukturen als auch der Bildungs-formen und -inhalte, die dazu beitragen sollen, diesen fatalen Zusammenhang abzubauen.

Ein ähnlicher Faktor ist natürlich auch die Geschlechterzugehörigkeit. Der früher weit verbreitete Zusammenhang, wonach die Jungen eher im mathematisch-naturwissenschaftlich technischen Bereich stark sind, die Mädchen eher in den sprachlichen und musischen Fächern, stimmt so glücklicherweise nicht mehr in dem früher verbreiteten Ausmaß, sind aber noch vorhanden. Bei der Untersuchung „PISA 2012“ ergab sich, dass unter 34 Ländern nur drei skandinavische Staaten einen leichten Leistungsvorsprung der Mädchen aufwiesen, 31 Staaten hingegen einen leichten bis sehr starken Vorsprung der Jungen; für Deutschland betrug die Relation, dass Mädchen in der untersuchten Altersgruppe 507 Punkte erreichten, Jungen 520.

In der Lesekompetenz besteht in allen untersuchten Ländern weiterhin ein sehr signifikanter Vorsprung der Mädchen weiterhin. In Schleswig-Holstein hat das Bildungsministerium in Zusammenarbeit mit dem für die Aus- und Weiterbildung der Lehrkräfte zuständigen Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen (IQSH) bereits vor längerer Zeit Programme „Lesen macht stark“ – „Mathe macht stark“ aufgelegt, die dem Scheitern von Schülerinnen und Schülern in diesen zentralen Lernbereichen vorbeugen sollen.

Schleswig-Holstein setzt sehr stark auf den Ausbau der Offenen Ganztagsschulen, in denen unterrichtsergänzende Angebote gezielte Förderung für Schülerinnen und Schüler beinhalten sollen, die in bestimmten Bereichen Schwächen aufweisen.

Im Rahmen eines binnendifferenzierenden Unterrichts, für den die Lehrkräfte in ihrer Aus- und Weiterbildung qualifiziert werden müssen, wird darauf hingewirkt, geschlechterspezifische Leistungsunterschiede schrittweise abzubauen und damit auch einen Beitrag zu leisten, dass sich Frauen stärker in dem Berufsfeld MINT etablieren und dass Männer mit größerer Selbstverständlichkeit als heute in qualifizierten Berufsfeldern arbeiten, die derzeit noch sehr „frauenlastig“ sind, wie zum Beispiel Erzieher und Grundschullehrer.

Wir hoffen, Ihre Frage damit beantwortet zu haben und stehen für Rückfragen gern zu Ihrer Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

Martin Habersaat Beate Raudies Kai Vogel“

© www.pixelio.de, Dieter Schütz

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